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»… die Angst ist omnilateral, sie kennt keinen privilegierten Anlass und kann in jedem beliebigen Moment, jeder beliebigen Situation auftreten.«
Paolo Virno
»Welch großes Glück, nicht ich sein zu müssen!«
Fernando Pessoa
Prolog
Ach, das gute Leben. Das Jahr hat gerade begonnen. Da sitze ich wieder am Schreibtisch, da sitze ich wieder mit dem Gefühl, dass ich diese Arbeit nie abschließen werde, da sitze ich wieder mit einem Blick ins Grau des Himmels, der mich betrübt macht und mein Gemüt ängstlich stimmt. Schnell ist sie wieder bei Fuß, die Kraftlosigkeit der Anstrengung, die Sorge darüber, wie das Leben zu meistern ist, die Übersäuerung meines Magens. Das gute Leben ist das nicht.
*
Wer hat das noch mal gesagt: Traurig bin ich sowieso? Egal, weil es auf mich gar nicht zutrifft; denn eher ist es ein: Ängstlich bin ich sowieso. Angst vor allem und nichts; vor dem, was ich bin, sein werde, sein könnte; was mir passiert, passieren wird, passieren könnte.
Die diffuse, unbestimmte Angst sei eines der grundlegenden Lebensgefühle der Gegenwart – da hat der Virno wohl recht (Virno 2005). Zumindest kann ich dem als empirischer Selbstversuch unter dem Strich beipflichten. Und auch das Unzuhause sein, von dem er spricht, das mir un-heimlich sein, ist mir auf eine unangenehme Weise vertraut. Manchmal ist mir am liebsten, mich nur mit spitzen Fingern anzufassen. Aber das Unzuhause kenne ich nicht ohne Pessoa, das heißt nicht ohne das Gefühl, immer nur man selbst sein zu müssen und den daraus drängenden Wunsch, nur ein einziges mal nicht ich, Nicht-Ich, zu sein.
Die Virno-Pessoa-Kombi schafft eine Ironie, die ihresgleichen sucht: auf sein Selbst zurückgeworfen und dort immer nur fremd sein. Das Leben entbehrt nicht an Komik. Endlose Sitzungen habe ich damit zugebracht.
Aber es beruhigt auf eine Weise, durch Virno zu erfahren, dass das wohl kein Einzelschicksal ist, keine besondere ›Übersensibilität‹ meinerseits und schon mal gar nicht eine Art ›Unnormalität‹. Was ich da bin, ist wohl ein Resonanzboden der Grammatik der Existenzweise unserer Zeit.
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Erfunden: Neulich hat mich eine Freundin gefragt, ob ich als Soziologin meine, Psychotherapie könnte etwas zum guten Leben beitragen. Könne Therapie heute, wo Menschen hochgradig individualisiert ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssten, auf eine politisch vertretbare Weise dazu verhelfen, in diesen Verhältnissen zu bestehen? Und angesichts des Eindrucks, dass es gerade vielen links Politisierten oftmals psychisch schlecht gehe, wie würde ich zur Psychotherapie stehen? Ich würde mich ja schließlich in meiner arbeitssoziologischen Dissertation durchaus mit der Psychologie beschäftigen.
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Ja, das stimmt. Meine ganze Arbeit kreist um das Thema, welche Rolle der Psychologie in ihren unterschiedlichen Varianten für einen Formwandel gesellschaftlicher Arbeitsverhältnisse zugesprochen werden kann, der im Soziologie-Sprech Subjektivierung von Arbeit genannt wird. Als ich vor drei Jahren auf diese Debatte stieß, fand ich es u. a. merkwürdig, dass außerordentlich viel die Rede vom Subjekt, der Subjektivität, dem Selbst, dem Inneren, der Seele der Beschäftigten gesprochen wurde, ohne aber genau zu klären, was das nun genau und im Einzelnen eigentlich ist. Zudem schien auch die herrschaftstheoretische Interpretation weitestgehend auszukommen, ohne die Form dieses Subjekts einer historischen Untersuchung zu unterziehen. Mir erschien es aber für die Frage der Macht geradezu notwendig darüber nachzudenken, mit welcher Art historisch gewordenen Subjekten man es denn zu tun hat, die nun Teil von Rationalisierungsstrategien zu werden scheinen?
Also habe ich nach Spuren gesucht und die auffälligsten rund um den Begriff der Psyche gefunden: Da war der arbeitssoziologische Diskurs selbst, der von der Vereinnahmung der Psyche erzählte, von der Gefühlsarbeit und der affektiven Arbeit; da war die Managementliteratur, die von psychologisierter Rhetorik nur so strotzte; da war die notierte Zunahme an psychosozialen Belastungen und Erkrankungen, Burn-out, Tinnitus, Depressionen, die Aktionen der Gewerkschaften dagegen, »Terror für die Seele«; da waren irgendwann in meinen Interviews mit IT-lern etwa Wünsche nach Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung zu lesen. All das hat mich bezüglich der Psyche als soziologischem Phänomen stutzig gemacht. Was passiert da eigentlich? Was bedeutet das?
Würde mich also eine Freundin fragen, was ich als Soziologin zum Verhältnis von Psychotherapie und gutem Leben denke, dann würde ich in der Sprache meiner Profession einem imaginierten Publikum heute das Folgende sagen:
Ein Vortrag
Liebe Freundinnen und Freunde des guten Lebens,
in einem Interview von 1984 wird Michel Foucault gebeten, eine Stellungnahme zur Psychoanalyse abzugeben. Er bemerkt daraufhin das Folgende: »Die Psychoanalyse ist […] nicht primär eine Wissenschaft«, sondern »es ist eine auf dem Geständnis gegründete Technik zur Arbeit von sich an sich. In diesem Sinne ist es zugleich eine Kontrolltechnik, insofern sie eine Persönlichkeit erschafft, die sich um ihre sexuellen Begierden herum strukturiert«. Und er fügt noch hinzu: »Was nicht impliziert, dass die Psychoanalyse nicht jemandem helfen könnte« (Foucault 2005/1984: 820).
Im Großen und Ganzen ist damit ausgesprochen, was auch ich zum Thema Psychotherapie zu sagen habe. Ich betrachte sie – im Gleichklang mit der Psychoanalyse und der Psychologie im allgemeinen – vorrangig als eine Technik im doppelten Sinne: Als eine Technik zur Arbeit an sich selbst und als eine Technik zur Kontrolle des Individuums, wobei ihr Effekt darin gesehen werden kann, Menschen als Individuen mit einer Psyche erst hervorzubringen. Und dennoch kann sie Leuten zum Leben oder Überleben verhelfen.#1
Da ich aber weitere Minuten hier zu füllen habe, will ich ein wenig genauer darlegen, warum ich meine, dass das Verhältnis zur Psychologie, Psychoanalyse oder Psychotherapie nur ein problematisches und ambivalentes sein kann, und warum das möglicherweise gerade heute der Fall ist.
Drei Punkte sind wichtig: Erstens will ich zunächst meinen spezifischen Forschungskontext der Arbeits- und Industriesoziologie kurz darlegen, aus dem heraus ich denke und der gleichsam meinen Zugang zu der Frage begründet: Was hat Psychotherapie mit dem guten Leben zu tun? Zweitens will ich eine Arbeitsthese vorstellen, die gouvernementalitätstheoretisch informiert ist: Ich sehe eine momentan aktuelle Regierungsweise in etwas, das ich Psychopolitik nenne. Das heißt, ich denke, dass die Psyche ein bedeutsamer Modus ist, durch den gegenwärtig regiert wird. Dies zu erläutern, wird einen kursorischen Schlenker durch die jüngere Geschichte beinhalten. Schließlich will ich drittens einige Überlegungen zur Psychopolitik unter der Frage von Gegen-Regierungen anstellen.
Damit komme ich zum ersten Punkt.
Teil I
In der Debatte um Subjektivierung von Arbeit wird derzeit versucht, eine ab den 1980er Jahren beobachtbare Neuaushandlung der hegemonialen Form der Organisation von Arbeit und der Ware Arbeitskraft analytisch zu bestimmen (Kleemann/Matuschek et al. 2002; Aulenbacher 2005). Entscheidend ist dabei, dass im Unterschied zum Taylorfordismus heute zunehmend die Subjektivität von Beschäftigten als Produktivfaktor entdeckt und dementsprechend im Anforderungsprofil abgefragt wird. Kurz und mit Lazzarato gesagt, werden Arbeitskräfte nun zu einem »Seid Subjekte!« (Lazzarato 1998) aufgefordert. Sie sollen sich mit ihrer ganzen Person und Persönlichkeit, mit Leib und Seele aktiv in den Arbeitsprozess einbringen, sich selbst-organisieren, selbst-kontrollieren, selbst-rationalisieren. Dementsprechend lautet nicht zuletzt die Diagnose, dass nicht nur Körper und Geist, sondern nunmehr auch die Psyche dem Verwertungsimperativ unterworfen wird (Hirsch 2001).
Vorerst unabhängig davon, wie man die Entwicklung interpretiert, gilt mein Interesse zunächst den Schwierigkeiten, die sich bei der herrschaftstheoretischen Bewertung der Subjektivierung von Arbeit ergeben. Der Industriesoziologie galt nämlich das Subjekt traditionellerweise als Anzeiger für Freiheit und somit als originäre Quelle des Widerstands gegen Herrschaft im Kapitalverhältnis. Es konnte dementsprechend Auskunft darüber geben, wie es um die Revolution bestellt ist. Traut sie nun der eigenen Diagnose, dann kann an dem Versprechen, das bislang mit dem Subjektbegriff einherging, nicht mehr so ungebrochen festgehalten werden. Denn man hat es offensichtlich mit einem Machttypus zu tun, der erstens weniger mit den Elementen von Zwang und direkter Kontrolle operiert, sondern durch Anrufung und Anreizung (von Subjektpotenzialen); und der sich zweitens durch die Merkwürdigkeit auszeichnet, den Beschäftigten mehr Freiräume zuzugestehen und gerade dadurch sie umfassender zu vereinnahmen.
Es ließe sich nun an dieser Stelle einiges daran, wie die herrschaftstheoretische Diskussion geführt wird, in solidarischer Haltung kritisieren. Ich will die Aufmerksamkeit jedoch allein auf ein Moment lenken, da es mir von grundlegender Bedeutung erscheint: Durch das Phänomen der Subjektivierung von Arbeit und der Schwierigkeit, es angemessen theoretisch bestimmen zu können, wird meines Erachtens sichtbar, dass der Marx’schen Theorie möglicherweise etwas fehlt, was sie spätestens jetzt gut gebrauchen könnte: Nämlich eine Theorie der historischen Produktion des Ontologischen; eine Theorie also, welche die Produktion eines ganz bestimmten Gegenstands zu analysieren beansprucht, und zwar die Form, durch die wir uns erfahren und leben können, mithin die Form unseres Seins.
Vor diesem Hintergrund glaube ich nun nicht nur, dass es Foucaults Konzept der Gouvernementalität erlaubt, an dieser Leerstelle weiterzudenken, ich glaube vor allem, dass für die Frage der Produktion des Ontologischen im Zusammenhang mit der Subjektivierung von Arbeit die Psychologie eine bedeutsame Rolle spielt. Verstanden als ein Set diskursiver und nicht-diskursiver Strategien arbeitet sie gleichsam auf dem Feld der Produktion des Ontologischen – und das macht sie meiner Meinung nach grundsätzlich für die Frage relevant, welcher Art Leben wir leben können und müssen, nicht zuletzt unter dem Vorzeichen einer Neoliberalisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen.
Teil II
Damit komme ich zum zweiten Punkt und der Arbeitsthese, die ich in diesem Kontext diskutieren will.
Wenn Subjektivierung von Arbeit zumindest auch meint, dass die ›Psyche‹ der Beschäftigten gemanagt wird, so ist es genau diese Vorstellung einer ›Psyche‹ und die Möglichkeit sie zu ›führen‹, die ich in die Tradition dessen stellen will, was Michel Foucault als »Technologien des Selbst« bezeichnet hat. Gemeint sind damit »Techniken, die es Individuen ermöglichen, mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, daß sie sich selber transformieren, sich selber modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen« (Foucault 1984: 35 f.). Mir geht es dabei nicht darum zu zeigen, dass die Psyche als eine moderne Version der Seele ein ideologisches Konstrukt oder bloße Verblendung ist. Denn »historisch einmal entstanden, haben die Menschen eine Seele, ein Gewissen oder eine Subjektivität« (Maihofer 1995). Sie kann Existenz beanspruchen, sofern sie sich als Selbstverhältnis materialisiert und Menschen zur Führung ihres Lebens dient. Umgekehrt will ich gerade aufgrund ihres existenziellen Gewichts behaupten, dass die Psyche heute unter Bedingungen einer verstärkten Ökonomisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen zu einer von mehreren möglichen Nahtstellen wird, an denen sich Herrschaftstechniken mit Technologien des Selbst verbinden. Sie geht meiner Ansicht nach in eine hegemonialen Form aktueller Regierungspraxis ein, mit der primär die Selbstverhältnisse oder das Selbst bearbeitet werden. Diese Form der Regierung artikuliert sich in diesem Sinne als eine Politik durch den Modus der Psyche: Eine Psychopolitik. Die Annahme ist, dass die Transformation des Arbeitsregimes in Richtung einer Subjektivierung von Arbeit als Ausdruck und Verstärker von Psychopolitiken zu verstehen ist.
Um das zu verdeutlichen, werfe ich einen Blick zurück in die Geschichte der Psyche und ihren Eingang in die »reflektierte Praxis« der Menschen (Foucault 2004: 359).
Es ist zunächst klar, dass die Psyche genauso wenig selbstevident, wie die Psychologie als Wissenschaft zu jeder historischen Zeit denkbar ist. Als Disziplin kann sie sich erst dort entwickeln, wo der Mensch als modernes Individuum in die Geschichte eingeschrieben wird. Unbestritten ist mittlerweile, dass dies der Augenblick ist, in dem die kapitalistische Produktionsweise nicht nur die ökonomischen Grundlagen, sondern vor allem auch die sozialen Verhältnisse umwälzt, die in die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Individualitätsformen münden (Jaeger/Staeuble 1978). #2
Strategisch will ich hier die Diskussion bei der so genannten Psychotechnik einsetzen. Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen den beiden Weltkriegen etabliert sie sich als junger Berufszweig der experimentellen Psychologie in den meisten der europäischen Länder. #3 Ihre Begründung durch Stern und Münsterberg erfolgt im Kontext der Industriellen Revolution und dem Aufstieg des naturwissenschaftlichen Experiments. Sie zentriert sie sich schließlich »um die Arbeitskraft der sich neu herausbildenden Klassen« (Jaeger/Staeuble 1978). Charakteristisch für sie werden demgemäß psychologisch-experimentelle Testverfahren wie die Begabtenauslese oder die Eignungsprüfung. Sie stellt sich damit offensichtlich in den Dienst des tayloristischen Projekts, den richtigen Mann oder die richtige Frau auf den richtigen Platz zu stellen; gleichwohl arbeitet sie dabei aber die wissenschaftliche Betriebslehre um, sofern sie die Psyche als zentralen Rationalisierungsfaktor einführt. #4
Nun könnte man meinen, dass heute im Kontext der Subjektivierung der Arbeit, wo es heißt, dass die Psyche der Beschäftigten dem Kapitalinteresse einverleibt wird, eine ähnliche Macht am Werke ist. Ich denke aber, dass sich der Status der Psychotechnik im Gesamtgefüge von Machtverhältnissen verändert hat und nur einen Teil einer allgemeineren Programmatik markiert. Hierfür ist nicht allein entscheidend, dass die Psychotechnik von Beginn an mit anderen Konzepten der Psyche konkurrieren musste und somit das Feld der Psychologie umkämpft blieb. Verantwortlich ist vor allem ein Prozess, den Castel et al. als Psychiatrisierung des Alltags beschrieben haben: der Produktion, Vermarktung und gesellschaftlichen Streuung von Psycho-Waren (Castel / Castel et al. 1982). Obgleich die Psychologie als Wissenschaft immer schon einen Psychologisierungseffekt auf soziale Lebenswelten mit sich brachte, erfährt den Autor_innen zufolge die Veralltäglichung der Psychologie im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal einen besonderen Qualitätsschub. Dieser artikuliert sich im so genannten Psychoboom, der ab den 70er Jahren von den angloamerikanisch geprägten Ländern her einsetzt. Er kann dabei bereits auf eine längere und komplexe Geschichte der »Welt der Psys« (ebd.: 319) zurückblicken. So sind es ab der Jahrhundertwende neben der Psychotechnik vor allem tiefenpsychologische, insbesondere psychoanalytische und analytisch-psychologische Perspektiven, die als psychologisches Wissen allmählich popularisiert werden. Zunehmend erreichen sie auch die unteren Schichten, insofern die Medizin, die Pädagogik, aber insbesondere die Sozialarbeit als Disziplin für die Unterprivilegierten in eine psychologische Matrix gegossen werden. Insbesondere jedoch die Verschiebung der diagnostizierenden hin zu einer therapeutisierenden Psychologie, die zum Aufstieg der privaten Psychotherapie führt, bewirkt eine tiefgreifende Demokratisierung und Proliferation psychologischen Wissens.
Dies gelingt nicht zuletzt deswegen, weil die Psychotherapie nicht das Pathologische, sondern den Normalen als ihr Arbeitsfeld entdeckt und damit ein riesiges Klientel der psychologischen Sorge zuführt. Normalität wird zur Aufgabe an sich selbst. So wird durch die Psychotherapie die Psyche zu einem Ort, an dem gearbeitet werden muss und kann. Diese Arbeit bedarf zunächst einer Expert_in, der der Klient_in verhilft, mit geeigneten Techniken selbsttätig der Psyche auf die Spur zu kommen. Aus der Sicht des (bürgerlichen) Individuums verspricht die Psychotherapie nicht zuletzt eine Befreiung, bei der es historisch erstmalig die Möglichkeit und die Last hat, diesen Prozess, wenn auch mit Hilfe eines anderen, so doch selbst herstellen zu können. Die psychotherapeutischen Praxis wird dem gemäß bezwecken, das Selbst des Individuums zu erkennen, es zu verwirklichen, zu entwickeln, zu emanzipieren. Authentizität, Identität und Selbstverwirklichung werden ihr hierfür Begriffe zur Selbst-Anleitung. Grundsätzlich wird dabei das Selbst als solches mit einem Wert des Begehrens belegt, mit einem »Begehrens-Wert« (Foucault 1983: 186). Das heißt, mit sich selbst identisch sein, wird zur Aufgabe und zum Ziel des psychologischen Wesens, das zugleich Subjekt und Objekt der eigenen Führung wird.
Allmählich entsteht so ein »Markt der Seele« (Castel 1988), auf dem psychische Probleme codiert, als Leid markiert und ihre Behandlung ein Gegenstand von Dienstleistungen werden. Eine Vielzahl an unterschiedlichen Therapieformen sprießt aus dem Boden: An die Seite der alten Psychoanalyse gesellen sich Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Bio-Energetik, Transaktionsanalyse, Urschrei-, Familien-, Sexualtherapie etc. Daneben blüht die psychologische Ratgeberliteratur, in jedem TV-Magazin findet sich alsbald ein Psychotest. In der Folge wird auch unabhängig von den Experten die Psyche allmählich zu einem wichtigen Modus, mit dem Menschen ihr Verhältnis zu sich und anderen unterhalten.
Bringt man nun die Frage nach der »Subjektivierung der Arbeit« zurück ins Spiel, so kann behauptet werden, dass die unternehmerische Aufforderung ›Subjekt zu sein‹ auf ein Begehren nach Selbstverantwortung, Selbsttätigkeit, Authentizität etc. trifft, das uns als psychische Selbstführungspraxis längst »Fleisch geworden« ist (Ehrenberg 2000: 139). Selbstbestimmung, das sagt Ehrenberg, ist heute »unsere Lebensform geworden« (ebd.: 126).
Genau hier satteln meiner Ansicht nach Rationalisierungsstrategien der Gegenwart auf. Es kann darauf gebaut werden, dass wir Menschen mit einer modernen Psyche sind, dass sie in unsere Existenzweise und Lebensform eingegangen ist, dass sie uns mit einem bestimmten Begehren nach dem Selbst ausgestattet und neue Weisen zu leiden hervorgebracht hat. So kann das Kapital in gewisser Weise darauf vertrauen, dass Menschen sich selbst auch in der Lohnarbeit verwirklichen und möglichst eigenverantwortlich arbeiten wollen; es kann damit arbeiten, dass wir anerkannt werden wollen, dass wir werden wollen, was wir der Möglichkeit nach sind.
Das heißt, historisch einmal entstanden, ist die Psyche tatsächlich ein Gebiet, auf dem und durch das regiert werden kann, wo Verletzungen (Scham, Entwürdigung, Verlust von Integrität, Desidentifikation etc.) wie auch Ermächtigungen (Anerkennung, Befreiung etc.) statt haben; wo all dies ungleich verteilt und normativen Vorstellungen unterworfen wird; wo es ein Begehren nach dem Selbst gibt, das ausbeutbar ist (vgl. Butler 2001: 12).
Kurzum: Ich gehe davon aus, dass in subjektivierten Arbeitsverhältnissen bewährte Formen der (Selbst-)Anrufung und Selbstregierung wirkmächtig werden, die darauf gründen, dass wir uns im Modus der Psyche führen und führen können müssen – als Souveräne des Herzens, die sich selbst regieren und als solche furchtbar verwundbar sind.
Als Teil einer allgemeineren Regierungsweise ist dies weit mehr als Psychotechnik. Es ist eine Politik, die kollektiv individualisiert und das psychologisch gestützte Selbst zur Kraft der eigenen Lebensführung erklärt – eine Psychopolitik. Markiert ist damit ein Set von Strategien und Alltagspraktiken, die sich auf die Führung und Bearbeitung der Technologien des Selbst beziehen und im Modus der Psyche mit Herrschaftstechniken vermittelt sind. Die Sorge heute zielt dabei nicht mehr auf Vollkommenheit oder Glück, sondern auf die Erzeugung von gleichermaßen Authentizität und Handlungsfähigkeit (Ehrenberg 2000). Die Vorstellung eines gutes Lebens, die durch die Psychopolitik mit befördert wird, besteht darin, das flexible (post-)moderne Leben meistern zu können, und zwar souverän und vollkommen aus sich selbst heraus; ohne Unterlass und mit Tatkraft immer man selbst sein.
Teil III
Ich komme zum letzten Punkt, zur Frage nach den Gegenregierungen und welche Rolle darin die Psychotherapie spielen kann.
Bisher habe ich die Entwicklung der Psychopolitik als reine Herrschaftsgeschichte erzählt. Im Grunde genommen ist das aber insofern komplett irreführend, als sie überhaupt erst durch das Zusammenspiel verschiedener strategischer Kräfte respektive Regierungen möglich wird. Die Psychologisierung wird nicht nur ›von oben‹ oktroyiert, sondern auch als Kampfmittel genutzt oder sogar umgekehrt von ›unten‹ hervorgebracht.
Das heißt erstens: Dort, wo mit der Psyche Apparate und totale Institutionen der Herrschaft installiert werden, lassen sich im klassischen Sinne immer wieder direkte Gegenregierungen ausmachen: Das Sozialistische Patientenkollektiv und die IrrenOffensive in Deutschland sind dafür Beispiele; in den Staaten finden wir diesbezüglich ab 1969 etwa die Free clinics, Encounter- und Beratungsgruppen, feministische und homosexuelle Therapien (gay therapies), ›radikale‹ Therapien etc. – all dies sind Ansätze eines Kampfes, in dem es darum geht, die psychiatrische Hegemonie in Frage zu stellen und sich die Mittel zur Herstellung des eigenen Subjektstatus wieder anzueignen.
Zweitens: Psychologische, insbesondere psychoanalytische Ansätze werden seit ihrer Entstehung auch stets im Kampf gegen den Kapitalismus und gegen das Patriarchat genutzt. So ist etwa die neue Frauenbewegung überhaupt nicht zu denken, ohne ihren Bezug auf psychologische Konzepte und Theorien. Frauen bezogen darüber Begriffe, die sie erkennen machte, dass sie erst – auch mit Hilfe der Psychologie – zwangsweise zu Frauen wurden und sie heute als solche ›anders denken‹, ›anders moralisch handeln‹, ›anders sind‹. ›Frau sein‹ erschien somit nicht mehr als Schicksal. Die Psychologie stellte ein Mittel dar, um das Geschlechterverhältnis als Herrschaftsverhältnis zu repolitisieren, mithin wurden nicht zuletzt psychologische Techniken in der Absicht eingesetzt, den ›kleinen Unterschied‹ auszusetzen.
Kurzum: Psychologien wurden und werden Teil von dezentralen Herrschafts- und Selbstführungstechniken, sie fügen sich aber auch in den Kampf gegen sie ein; oder anders ausgedrückt: Es lässt sich zeigen, dass die durch Regierungen hervorgebrachte Form des Subjekts – Individuum mit Psyche – und dessen Selbstführungstechniken von eben diesen Subjekten als Widerstandsmöglichkeit verwendet werden, um eben nicht so und um diesen Preis regiert zu werden. Im konkreten Fall bedeutet das aber auch, dass das Spiel der Regierung in gewisser Weise fortgesetzt wird: So haben zwar all die genannten Gegeninitiativen private Lebensbereiche politisiert, sie haben originelle Bewusstwerdungsprozesse in Gang gebracht, kollektive Aktionen und institutionelle Neugründungen evoziert. Aber sie haben auch neues Terrain für subtilere Formen der psychischen Sorge erschlossen, sie wurden ins Establishment wie auch vom Kapital reintegriert und haben zu einer Intensivierung des Begehrens nach dem Selbst geführt. Das heißt, sie haben letztlich ein Regieren durch den Modus der Psyche verstärkt und damit die Bedingungen für eine Psychopolitik mit hervorgebracht.
Wenn ich dieses betone, dann nicht in der Absicht, die Verdienste derjenigen zu schmälern, die mit der und gegen die Psychologie und ihre herrschaftlichen Effekte gekämpft haben. Ich will auch nicht andeuten, dass jedweder Kampf mit der Psychologie für ein anderes Leben zwangsläufig zur Systemintegration verurteilt ist oder Psychotherapie nur affirmativ wirkt.
Ich will vielmehr ganz nüchtern auf eine doppelte Ambivalenz aufmerksam machen, in der wir stecken: Die erste sehe ich darin, dass wir durch die Psyche unterworfen, aber auch ermächtigt sind, was bedeutet, dass die Unterwerfung durch die Psyche es nicht nur unerlässlich, sondern auch möglich macht, eben als dieses psychische Subjekt mit spezifischen Begehren und mit spezifischen Leiden diese Regierungsweise selbst zu hinterfragen.
Die zweite Ambivalenz besteht darin, dass selbst, wenn es gelingt, psychopolitische Gegenregierungen anzustoßen, man nicht gänzlich aus dem hegemonialen Regierungsmodus herauskommt. Schon allein deswegen nicht, weil man existenziell, das heißt mit der eigenen Konstituierung als Subjekt, in diesen Modus verwickelt ist. Man macht notwendig nie das ganz Andere, das außerhalb hegemonialer Regierung zu verorten wäre, weil es die Grundlage der eigenen Existenz gefährden würde.
Zum Schluss noch ein Wort direkt zur Psychotherapie: Sofern es stimmt, dass die Macht psychisch geworden ist (Butler 2001), also den Effekt hat, uns als Subjekte mit einer Psyche hervorzubringen und wir auf diese Weise regierbar werden, dann kann die Praxis, Menschen durch Psychotherapie zum Leben zu verhelfen, ohne Zweifel als eine politische gelten. In Zeiten der permanenten Angst ist sie ein möglicher Beistand. Die vordringliche Aufgabe einer Psychotherapie sollte meiner Ansicht nach jedoch eher darin bestehen, diesen Akt der Einführung der Psyche in die Konstituierung des Individuums zum Subjekt offen zu legen. Sie sollte zeigen, dass wir historisch mit einem Begehren zu einem Selbst ausgestattet sind, und dies mit gegenwärtigen Formen ökonomisch-neoliberaler Regierungsweisen korrespondiert.
Ironischerweise wäre hierbei möglicherweise das Ziel einer Psychotherapie, das Individuum und die Weise, wie es sein Leben zu führen vermag, letztlich vom Gewicht der Psyche zu entlasten; die Form unseres Seins und den Gegenstand dessen, was wir als Psyche verstehen, neu zu bestimmen. Ein gutes oder besseres Leben wäre – vielleicht – frei von der Last der Psyche, vielleicht frei von der Psyche überhaupt. Und vermutlich macht es politisch am meisten Sinn, statt der privaten Psychotherapie eher kollektive, soziale Lebensformen zu suchen, in denen die Psyche nicht mehr so schwer ist, weil es nicht darum geht, man selbst sein zu müssen.
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.
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Epilog
Immer noch am Schreibtisch mit Blick ins Grau, das Gewicht der Psyche auf den Schultern, da denke ich gerade, dass das gute Leben der Form nach mit Bestimmtheit nicht identitär, sondern womöglich ästhetisch wäre. Nein, nicht kunstvoll oder künstlerisch; weder genial noch avantgardistisch. Ich meine, es wäre nicht hingeworfen wie Ramsch, keine Massenware, gar keine Ware, kein zweite-Klasse-Leben, gar keine Klasse; es wäre durch Schönheit charakterisiert; weil nur tatsächlich schön ist, was in seiner singulären Praxis anerkannt ist. Und ist nicht umgekehrt jede singuläre Praxis, die Anerkennung erfährt, wunderschön? Vielleicht lohnt es sich, in dieser Richtung weiter zu gehen:
Das gute Leben – schön wäre es wahrscheinlich.
Alexandra Rau
PS: Danke an Christian Kolbe und Uta Schirmer für Unterstützung und Kritik.
*.notes
*.// Dieser Text ist ein Sample aus bereits veröffentlichten Texten. //
1# Mir ist klar, dass diese Gleichsetzung der Psychoanalyse mit anderen Psychotherapieformen und der Psychologie als Disziplin im allgemeinen unter dem Aspekt ihrer herrschaftskritischen Intention wie auch ihres gesellschaftstheoretischen Gehalts nicht zulässig ist und hier qualitativ zu differenzieren wäre. Gleichwohl meine ich, dass in allen Psy-Ansätzen die drei Technikelemente, die oben benannt sind (Technik zur Arbeit an sich selbst, Technik zur Kontrolle, Technik zum Leben) enthalten sind, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung.
2# Ich verzichte an dieser Stelle darauf, dies nachzuzeichnen und auch darauf, dass die Psychologie in Gestalt der Psychophysiologie einen maßgeblichen Beitrag zur modernen Geschlechterdifferenz geleistet hat (Honegger 1991). Angemerkt sei lediglich, dass ein Subjekt mit Psyche zu sein, immer schon bedeuten wird, ein Subjekt spezifischen Geschlechts zu sein. Dies wird sich als nicht unerheblich in den Kämpfen gegen weibliche Subjektivierungen erweisen; spezifischer zu diesem Thema: Rau 2006.
3# Auch etwa in den USA, Japan und der Sowjetunion.
4# Die Institutionalisierung der Psychotechnik ist insbesondere in den zwanziger Jahren erfolgreich: Viele Industriebetriebe richten eigene Prüfstellen ein, etwa die großen Werke wie AEG, Borsig, Krupp, Loewe, MAN, Osram, Siemens, die Vereinigten Stahlwerke und Zeiss. Sie findet Eingang jedoch auch in staatliche Einrichtungen, wie den Arbeitsämtern in der Form der Berufsberatung, der Reichsbahn und der Reichspost.
*.ref
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