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Auch wenn wir morgens nicht traurig aufwachen, weil wir vom Kapitalismus oder der ausbleibenden Revolution geträumt haben, sondern von unseren Müttern, beendeten Beziehungen, bevorstehenden Uni-Prüfungen oder dem zeitraubenden Nebenjob, vermuten wir da mit Massumi einen Zusammenhang. In diesem Heft wollen wir ein paar der Verbindungslinien zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen, individuellem Befinden und Psychopolitiken ausfindig machen. Psychopolitiken versuchen wir daher auf alltagspraktischen und gesellschaftspolitischen Ebenen zu verhandeln und dabei realpolitische Forderungen und Auseinandersetzungen mit einzubeziehen.
Den Anlass zu diesem Heft gab ein Abend zu der Frage nach dem Verhältnis von Psychotherapie und einem »guten Leben«, welcher im Rahmen einer Veranstaltungsreihe über das gute Leben der Frankfurter Gruppe DemoPunk im Herbst 2006 stattfand. Die Frage nach dem guten Leben richtet wie dieses Heft den Fokus auf die Versuche, sich Freiräume und Möglichkeiten im Hier und Jetzt anzueignen, ohne dabei Normierungprozesse und Verstrickungen mit der so genannten »Gesamtscheiße« im Kapitalismus negieren zu wollen. Die Erkenntnis, dass das eigene individuelle Leben eine serialisierte kapitalistische Minikrise ist, setzt die Dringlichkeit, Leiden zu mildern, nicht außer Kraft.
Diese Spannung wird noch einmal verkompliziert durch die wachsende Bedeutung der Psyche als Herrschaftsinstrument. Denn während Adorno die Auswirkungen der verdinglichten Welt auf das Individuum in den 1940er Jahren in dem Prototypen des »autoritären Charakters« ausmachte, der jede Form von Introspektion ablehnt, legen sich die Leute inzwischen äußerst bereitwillig auf die Couch – sei es zur Analyse, sei es um ein Selbstmanagement-Buch zu lesen. Hat sich die Art, wie sich kapitalistische Herrschaftsverhältnisse in der Psyche niederschlagen, verändert?
Depressionen können mittlerweile als Massenphänomen bezeichnet werden, immer mehr Psychopharmaka werden verschrieben, Einweisungen in Psychiatrien nehmen immer noch unverkennbar zu. Der Anteil psychischer Erkrankungen an den Krankheitstagen hat sich seit 1990 verdoppelt. Dies verweist einerseits auf das Leiden der Subjekte, zeigt aber auch, dass es legitimer geworden ist aufgrund von psychischen Problemen zeitweise aus dem Produktionsprozess auszusteigen und nicht mehr das Magengeschwür als Diagnose herhalten muss. Gleichzeitig führt dies zu einer Ausweitung des Imperativs, sich heilen, therapieren und normieren zu lassen. Die gesellschaftliche Anerkennung von (psychischen) Krankheiten bei so genannten »Normalen« verbindet sich mit der Erwartung, dass die Betroffenen gefälligst ihr Bestmöglichstes tun, um wieder gesund, sprich: leistungsfähig zu werden.
Die Analyse veränderter Arbeitsverhältnisse zeigt, dass mittlerweile subjektive und somit auch psychische Faktoren planmäßig in den Arbeitsprozess integriert werden und nicht mehr in fordistischer Manier aus genau diesem systematisch ausgeklammert werden. Wobei es dabei wiederum sehr heterogene Klassenpositionen gibt, aus denen heraus die Subjekte unterschiedlich mit den neuen Anforderungen konfrontiert werden; spiegelbildlich dazu hängen die psychotherapeutischen Methoden, mit denen eine eher und wahrscheinlicher in Berührung kommt, vom jeweiligen Bildungsgrad und der Zugehörigkeit zu einer Klasse ab.
Die Überlastung der Subjekte, die sich in Stress- und Überlastungssymptomen ausdrückt, geht einher mit der strikten Forderung, sich mit den eigenen Überforderungen auseinanderzusetzen, um diese zu erkennen, zu bearbeiten und die zuvor unproduktiv gebundene Energie durch ein neues, stabileres, sensibleres Selbst wieder produktiv einzubringen. Dass immer mehr Kinder mit ADHS diagnostiziert werden, dass selbst das Sigmund Freud-Institut besondere Konzepte zur Psychoanalyse von Managern entwickelt, verweist auf den zunehmend individualisierten Leistungsdruck und die Psychologisierung des Scheiterns daran im Postfordismus.
Führt die Psychologisierung der Gesellschaft zu einer Müdigkeit, man selbst sein zu müssen? Die Paradoxie des modernen Kapitalismus beinhaltet den verstärkten Zwang zur Selbstreflexion sowie den Zwang, Leistung zu erbringen – und zwar bereits im Kindergarten (sonst: Ritalin!). Dabei wird der Wunsch, »man selbst zu sein«, zu einer Anforderung, die sich nahezu ohne Brüche in die postfordistischen Appelle an Eigenverantwortung – auch für die Gestaltung des eigenen Lebens – eingliedern lässt.
Andererseits eröffnet die Einsicht in die Gesellschaftlichkeit des Selbst die Chance, neue Identitäten zu kreieren und die Kenntnis der eigenen psychischen Struktur die Möglichkeit, Leiden zu be- und verarbeiten.
In welchen Parametern, so fragen wir in diesem Heft, kann sich vor diesem Hintergrund Selbstverwirklichung überhaupt noch denken lassen und was passiert, wenn eine an diesem Selbst scheitert?
In der Vorbereitung dieses Heftes haben wir uns gefragt, wie derzeit die Linke mit diesen Paradoxien und veränderten Anforderungen umgeht. Es wurde deutlich, dass Debatten um Psychopolitiken zwar vereinzelt stattfinden, diese Diskussionen aber oft zersplittert und fragmentarisch sind. Zwar tauchen Fragen der Psyche bei der Analyse der »Subjektivierung von Arbeit« auf, sind bei den psychiatriekritisch arbeitenden Gruppen Thema oder werden unter dem Fokus von Normierung und Devianz behandelt, sie finden aber weniger als politisierte, öffentliche Auseinandersetzungen von »privatem« Leiden ihren Ausdruck, genauso wenig wie kollektive Umgangsformen damit präsent sind.
Wie steht’s um »Psychos«, Freundschaften, Psychiatriekritik, den Umgang mit Neuro(e)s-chen, »Schizos«, Macken, Ticks, Depressionen, Traurigkeiten, dem Leiden an Kapitalismus, Melancholie, Selbstmitleid, Überforderungen, Normierungen etc. in der »Linken« angesichts von allgemeiner Verunsicherung und der Zunahme psychischer Leiden? In welchem Verhältnis steht die Psychiatriekritik zur Praxis von Freund_innen, den Besuch bei einer Therapeut_in anzuraten? Wie steht es mit Magenverstimmungen, die durch das Ausbleiben der Revolution verursacht werden? Gibt es den Trend zur »Eigenverantwortlichkeit« in der Linken auch?
Bei dem Versuch, eine Spur durch die verschiedene Ebenen der Psychopolitiken zu freizulegen, haben wir versucht, das eigene Leiden »produktiv zu machen« und nach emanzipatorischen Elementen in der Auseinandersetzung mit politischem Scheitern und Verlusten zu fragen. In den Rubriken »Themenläden« und »Ticks und Trips« soll die Frage von Psychopolitiken auf alltagspraktischer Ebene verhandelt werden.
Auch wenn unsere Allmachtsphantasien dem entgegen stehen, gibt es ein paar thematische Leerstellen im Heft. Für einen Text zu Psychoanalyse als Gesellschaftskritik hat keine Autorin »Hier!« geschrieen. Auch schlägt sich unsere Auseinandersetzung mit feministischen Kritiken an der Psychoanalyse in keinem eigenständigen Artikel nieder. Nichts desto trotz findet sich das Thema Geschlecht und das der geschlechtsspezifischen Zuschreibungen von psychischen Krankheiten, sowie tatsächlich auch geschlechtsspezifische Ausprägungen psychischer Leiden in den Erfahrungsberichten und alltagsnahen Texten wieder. Eine weitere Leerstelle im Heft dagegen verweist auf eine theoretische Lücke: die klassistisch durchdrungene Diskussion um psychisches Leid und dessen Therapierbarkeit.
Der Besuch auf der Couch des diskus-Redaktionsraumes brachte aber auch einiges verdrängtes Wissen der Linken zurück ins Bewusstsein. Die Auseinandersetzung mit den Positionen der antipsychiatrischen Bewegungen in den 1970ern und 1980ern sowie das Verhältnis von Gesellschaft und Wahnsinn sind weitere Schwerpunkte des Heftes.
Couches sind im Übrigen nicht nur wichtiger Bestandteil der Psychoanalyse, sondern auch der diskus-Lektüre.
Don´t mind the diskus!
die red.
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