Heft 2/99

GRENZCAMP 99
Aufruf zu antirassistischen Aktionen im Dreiländereck
BRD-Polen-Tschechien vom 7. bis zum 15. August 1999

Grenzen sind da, um überschritten zu werden. Ihre Bedeutung tritt erst dann zu Tage, wenn sie verletzt werden. Gegen welche Formen von Übertretung der Staat Vorkehrungen trifft, gibt einigen Aufschluß über die innere Verfaßtheit der Gesellschaft.

Alle wissen, daß es heutzutage für Geld, Waren und Kapital immer leichter wird, die Grenzen nationalstaatlicher Territorien zu überqueren, daß das Verbreitungsgebiet von Informationen nicht mehr eingegrenzt werden kann und daß soziale, politische oder ökonomische Widersprüche nicht mehr auf nationale Angelegenheiten zu reduzieren sind.

Auch Menschen lassen sich von jeher nur schwer daran hindern, Grenzen zu überschreiten. Die Entscheidung über den Aufenthaltsort in die eigene Hand zu nehmen, mag für die einen selbstverständlich sein, andere haben oft existenzielle Gründe und fliehen vor Verfolgung, Ausbeutung und Krieg, sehen in ihrem Herkunftsland keine Perspektive. Wieder andere wollen eben gerade einige Zeit in einem anderen Land verbringen.

Gleichgültig wozu und weshalb – bestimmte Grenzen zu passieren, ist für die meisten Menschen dieser Welt heute schwerer denn je. Die Territorialgrenzen mancher Nationalstaaten werden zur Zeit ersetzt durch neue Grenzen, die nicht nur als Demarkationslinien zwischen Wohlstand und Armut fungieren: Mobilität und Bewegungsfreiheit sind ein Privileg, das wiederum neue Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse stiftet.

Das Grenzregime besteht nicht mehr aus den herkömmlichen Befestigungsanlagen. Grenzen markieren vor allem Zonen, in denen neue Kontroll- und Überwachungstechnologien erprobt werden. Grenzen falten und verschieben sich: im Landesinneren und in Drittländern, Innenstädten und überregionalen Verkehrswegen, Bahnhöfen, Computern und Behörden. Das ganze Land ist Grenzgebiet. Die Kontrollen sind überall verdachtsunabhängig und es sind Gesichtskontrollen.

Um die neuen Grenzen durchzusetzen, schürt die Politik ein Klima von Verunsicherung und Verrat, das Zustimmung zu den bevölkerungspolitischen Aus- und Einschlußkriterien herbeiführen soll. Grenze beinhaltet heute nicht nur Hochrüstung paramilitärischer Patrouillen und drakonische Strafen für Grenzdelikte, sondern auch Denunziationsappelle, gezieltes Schüren von Ressentiments und in vieler Hinsicht nichts anderes als Gehirnwäsche: Die einst heroisierte Gestalt des Fluchthelfers wird in der Eigenreklame der Grenzschützer umgedeutet und ist heute als »Schlepper« oder »Schleuser« Staatsfeind Nummer eins.

Das 99er Camp ist der nächste Versuch, der Verschleierungs- und Denunziationskampagne zu widersprechen und gleichzeitig alle Menschen zu unterstützen, die sich dieser Maschinerie widersetzen wollen oder müssen. Unsere Mittel sind Aufklärung und sachliche Information, aber auch taktische Experimente, hinterhältiges Amusement und gezielte Irritationen. Unsere Absicht ist, wirksame Gegenmaßnahmen zu entfalten, die die Barbarei des herrschenden Grenzregimes nicht nur bloßstellen, sondern ihr wo immer möglich Einhalt gebieten.

Der Kampf gegen Grenzen ist ein Kampf gegen Infrarotkameras, Plastikfesseln und Grenzschleier. Aber auch gegen Borniertheit, Ressentiment und Rassismus. Wir wissen, dieser Kampf ist niemals aussichtslos, und nichts kann schließlich Auskunft darüber geben, wie und wo sich die Menschen finden würden, wenn man sie nur ließe.


Sabotiert das Grenzregime!

Bereits im Sommer letzten Jahres belagerten einige Hundert AktivistInnen zehn Tage lang die deutsch-polnische Grenze bei Görlitz. Der 48-stündige Rave, die spektakuläre Eröffnung dreier neuer Grenzübergänge, ein Taxikonvoi, eine Demonstration in Freiberg, ein »Knastbeben« am örtlichen Gefängnis und schließlich die komplette Besetzung des Grenzflusses Neisse mit Booten, SchwimmerInnen und Schaulustigen waren Höhepunkte der Aktionswoche.

Daneben gab es Konzerte und Umzüge mit Soundsystems, Streetball und Nachtspaziergänge, Filmabende, Diskussionsveranstaltungen und Spaßguerilla-Aktionen wie der triumphale Zieleinlauf des »kein mensch ist illegal«-Teams bei der zweiten Etappe der Sachsenrundfahrt für Radamateure.

Das Camp 98 war aber nur der Auftakt. Vom 7. bis zum 15. August 1999 werden die Zelte diesmal bei Zittau im polnisch-tschechisch-deutschen Dreiländereck aufgeschlagen. Geplant ist ein Camp, das vor allem wesentlich vielfältiger werden soll: Neben den antirassistischen und antifaschistischen Gruppen beteiligen sich Polit- und MedienaktivistInnen, Radio- und Video-Piraten, MusikerInnen, DJs, KünstlerInnen und Menschen aus allen Teilen Europas an der Vorbereitung und Durchführung des Grenzcamps. Darüber hinaus rufen antirassistische Gruppen aus verschiedenen europäischen Ländern zu zeitgleichen Grenzaktionen an anderen Schengen-Außengrenzen auf.

Grenzen sind überkodierte Orte, und so haben auch praktische Interventionen im Grenzgebiet notwendigerweise einen starken symbolischen Charakter. Doch eröffnet sich dort zugleich ein weites Feld an Interventionsmöglichkeiten – von Aktionen der Kommunikationsguerilla über klassische Aufklärung bis hin zur effektiven Störung. Wenn die Grenzsicherung der Behördenpropaganda zufolge vor allem in der gezielt geschürten Denunziationsbereitschaft breiter Teile der Bevölkerung besteht, heißt Sabotage am Grenzregime, eben diese Denunziationsbereitschaft zu verstören.

Die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen bieten einen weiteren Anlaß, rassistische und kriegerische Parteien mit Gegenstandpunkten zu konfrontieren. Entscheidendes Arbeits- und Funktionsprinzip des Camps wird gegenseitiger Respekt und das nichthierarchische Ineinandergreifen verschiedener Aktionsformen und Zugangsmöglichkeiten sein. Uneinigkeiten, zum Beispiel über das Nebeneinander von klassischer und neuer Medienarbeit, politischen Perspektiven oder analytischen Kategorien, sollen in Diskussionsrunden innerhalb des Camps oder bereits im Vorfeld produktiv gemacht und nicht programmatisch aufgelöst oder ausgeschlossen werden. So sind neben Aktionen und Konzerten eine Reihe von Workshops und Veranstaltungen geplant, um die inhaltlichen Diskussionen zu führen, für die im Alltag der meisten AktivistInnen keine Zeit bleibt. Wir werden neue Schwerpunkte antirassistischer Politik ausloten und neue Aktionen für Herbst und Winter planen. Gemeinsam mit TeilnehmerInnen aus osteuropäischen Ländern wollen wir die Verlagerung der Abschottung an die Grenzen der östlichen Nachbarländer diskutieren und Handlungsansätze gegen die in diesen Ländern auf Druck der Europäischen Union einsetzende Illegalisierung von Flüchtlingen und MigrantInnen entwickeln.


Kontakt & Info:

Grenzcamp 99
c/o Forschungsgesellschaft Flucht und Migration
Gneisenaustraße 2a
10961 Berlin

Telefon: 0172/8910825
Fax: 06131/184892
e-mail: grenze@ibu.de
www.contrast.org/borders/kein

Mailinglist: [cross-l]
Subskribierungen bitte an: listserv@relay.crg.net
SUBSCRIBE CROSS-L

e-mails, Faxe und Briefe mit dem Stichwort »Grenzcamp« kennzeichnen!
Es kann auch eine Dokumentation und ein Film über das Grenzcamp 98 bestellt werden.