{"id":11392,"date":"2009-08-21T09:03:46","date_gmt":"2009-08-21T08:03:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=1335"},"modified":"2009-12-22T18:21:25","modified_gmt":"2009-12-22T17:21:25","slug":"verantwortlichkeit-als-verteiltes-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2009\/08\/verantwortlichkeit-als-verteiltes-system\/","title":{"rendered":"Verantwortlichkeit als verteiltes System"},"content":{"rendered":"<p>Google muss nach einem Gerichtsurteil die Identit\u00e4t einer anonymen Blogger.com-Userin weitergeben. Ihr Blog war dem Modell Liskula Cohen gewidmet, die sie dort u.a. als \u201cskank\u201d und \u201cho\u201d bezeichnete. Cohen kann jetzt zivilrechtliche Schritte einlegen, wird dies aber <a href=\"http:\/\/www.nydailynews.com\/news\/2009\/08\/19\/2009-08-19_court_tells_model_liskula_cohen_identity_of_blogger_that_called_her_a_skank_she_.html\">Presseberichten<\/a> zu folge nicht tun.<sup>1<\/sup> In der feministischen Blogosph\u00e4re wurde in Redaktion auf das Urteil mal wieder einiges \u00fcber Trolle, Bel\u00e4stigungen und Diffamierungen geschrieben, und zuerst wollte ich nur den Link zu <a href=\"http:\/\/www.feministing.com\/archives\/017322.html\">Jessica Valentis Text \u00fcber anonyme Trolls<\/a> posten, aber das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Als Teil der Redaktion eines online Fanzines mit Community habe ich mich jahrelang mit dem Thema auseinandersetzen m\u00fcssen. Es geht ja nicht nur um Trolle, die anonyme W\u00fcteriche, mit denen eh niemand was zu tun haben will. Es sind auch Leute, die eigentlich zur \u201cCommunity\u201d geh\u00f6ren, aber manchmal einen \u201cHumor\u201d an den Tag legen, der nicht auszuhalten ist. Er hat in die immer gleichen rassistischen, sexistischen, behindertenfeindlichen (you name it) Kerben, soll provozieren, verletzt Leute und stabilisiert Machtverh\u00e4ltnisse. Die Seitenbetreiber_innen denken sich tausend Methoden aus, um mit diesem Problemen umzugehen. Problem Nummer 1: Moderation ist kompliziert und aufw\u00e4ndig, und gerade f\u00fcr Hobbyprojekte ab einer gewissen Gr\u00f6\u00dfe kaum noch zu leisten. Problem Nummer 2: User_innen f\u00fcr alle Zeiten aussperren geht nicht. Problem Nummer 3: Gerichtich vorgehen will eigentlich niemand, denn auch das kostet Zeit und Geld, und \u00fcberhaupt hatten wir uns das mit dem Internet so nicht vorgestellt. Es bleibt also schwierig, und dazu kommt: Andere Leute aus der \u201cCommunity\u201d solidarisieren sich, mit dem immer gleichen Argument, <a href=\"http:\/\/geekfeminism.org\/2009\/08\/19\/quick-hit-real-life-is-so-much-nicer-than-the-internets\/\">im echten Leben w\u00fcrde die Person so etwas doch nie sagen<\/a>, ja noch nicht einmal denken. Und \u00fcberhaupt: Meinungsfreiheit! Political Correctness! Zensur!<\/p>\n<p>Ich kann mich bei dieser Kritik leider nicht ausnehmen. Ich habe auch schon Leute in solchen Situationen verteidigt, weil ich sie kannte und mochte.<\/p>\n<p>Jessica Valenti unterstreicht, dass Widerstand gegen Onlinebel\u00e4stigung Teil von feministischem Aktivismus sein muss, da sie auf den selben Machtstrukturen und Privilegien beruht, die Rassismus, Sexismus, Homophobie und andere Diskriminierungsformen im Real Life hervorbringen. Ich habe den Eindruck, dass Social Networks, Twitter und Blogs die Lage entspannt haben, da die Nutzer_innen heute viel besser in der Lage sind, zu filtern, mit wem sie es dort zu tun haben wollen, und mit wem nicht.<\/p>\n<p>Der oben genannte Fall zeigt aber, dass das Thema nicht abgeschlossen ist, und die Frage, wie mit vermeintlich anonymen Onlinebullies umgegangen werden kann, passt ja leider sch\u00f6n in die gro\u00dfe Debatte um staatliche Regulierung des Netzes und den <a href=\"http:\/\/chaosradio.ccc.de\/cre135.html\">Mut, denn wir eigentlich haben sollten, uns auf die Freiheit dieses Raumens einzulassen<\/a>. Am Ende des Tages bleibt also die Frage, welche Internetkultur wir schaffen. In diesem Sinne verteidigt Kate Harding die Entscheidung des New Yorker Gerichts in ihrem Text <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/libertycentral\/2009\/aug\/20\/blog-anonymity\">Cyberbullies don\u2019t deserve anonymity<\/a>, aber macht auch klar:<\/p>\n<blockquote><p>Every online insult does not demand a lawsuit \u2013 if it did, I\u2019d have about a thousand different suits pending as we speak \u2013 but we\u2019ve spent too long letting hateful troublemakers equate \u201cfreedom of speech\u201d with \u201cfreedom from criticism or consequences\u201d. And the more we argue about online harassment from a strictly legalistic perspective, the more we ignore the fundamental issue: cowards who use a veil of anonymity, however flimsy and easily shredded, to launch attacks on their enemies, really ought to be silenced. Perhaps not by law, but by an online society that unequivocally rejects such behaviour as inappropriate, immature, and unwelcome.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht die Gerichte, sondern die Betreiber_innen und Nutzer_innen m\u00fcssen die Aufgabe nehmen, R\u00e4ume zu schaffen, in denen sich Leute sicher f\u00fchlen und gerne bewegen: Verantwortlichkeit als verteiltes System.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\">\n<li id=\"footnote_0_1335\" class=\"footnote\">Nebenbei bemerkt: Vergleicht mal das Foto, dass die <a href=\"http:\/\/www.nydailynews.com\/news\/2009\/08\/19\/2009-08-19_court_tells_model_liskula_cohen_identity_of_blogger_that_called_her_a_skank_she_.htm\">NY Daily News<\/a> augew\u00e4hlt hat, mit dem Foto auf <a href=\"http:\/\/www.dailytech.com\/Verdict+in+Google+Skank+Suit+Could+Have+Broad+Implications\/article16034c.htm\">Daily Tech<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Google muss nach einem Gerichtsurteil die Identit\u00e4t einer anonymen Blogger.com-Userin weitergeben. Ihr Blog war dem Modell Liskula Cohen gewidmet, die sie dort u.a. als \u201cskank\u201d und \u201cho\u201d bezeichnete. Cohen kann jetzt zivilrechtliche Schritte einlegen, wird dies aber <a href=\"http:\/\/www.nydailynews.com\/news\/2009\/08\/19\/2009-08-19_court_tells_model_liskula_cohen_identity_of_blogger_that_called_her_a_skank_she_.html\">Presseberichten<\/a> zu folge nicht tun.<sup>1<\/sup> In der feministischen Blogosph\u00e4re wurde in Redaktion auf das Urteil mal wieder einiges \u00fcber Trolle, Bel\u00e4stigungen und Diffamierungen geschrieben, und zuerst wollte ich nur den Link zu <a href=\"http:\/\/www.feministing.com\/archives\/017322.html\">Jessica Valentis Text \u00fcber anonyme Trolls<\/a> posten, aber das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Als Teil der Redaktion eines online Fanzines mit Community habe ich mich jahrelang mit dem Thema auseinandersetzen m\u00fcssen. Es geht ja nicht nur um Trolle, die anonyme W\u00fcteriche, mit denen eh niemand was zu tun haben will. Es sind auch Leute, die eigentlich zur \u201cCommunity\u201d geh\u00f6ren, aber manchmal einen \u201cHumor\u201d an den Tag legen, der nicht auszuhalten ist. Er hat in die immer gleichen rassistischen, sexistischen, behindertenfeindlichen (you name it) Kerben, soll provozieren, verletzt Leute und stabilisiert Machtverh\u00e4ltnisse. Die Seitenbetreiber_innen denken sich tausend Methoden aus, um mit diesem Problemen umzugehen. Problem Nummer 1: Moderation ist kompliziert und aufw\u00e4ndig, und gerade f\u00fcr Hobbyprojekte ab einer gewissen Gr\u00f6\u00dfe kaum noch zu leisten. Problem Nummer 2: User_innen f\u00fcr alle Zeiten aussperren geht nicht. Problem Nummer 3: Gerichtich vorgehen will eigentlich niemand, denn auch das kostet Zeit und Geld, und \u00fcberhaupt hatten wir uns das mit dem Internet so nicht vorgestellt. Es bleibt also schwierig, und dazu kommt: Andere Leute aus der \u201cCommunity\u201d solidarisieren sich, mit dem immer gleichen Argument, <a href=\"http:\/\/geekfeminism.org\/2009\/08\/19\/quick-hit-real-life-is-so-much-nicer-than-the-internets\/\">im echten Leben w\u00fcrde die Person so etwas doch nie sagen<\/a>, ja noch nicht einmal denken. Und \u00fcberhaupt: Meinungsfreiheit! Political Correctness! 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