{"id":12608,"date":"2009-09-29T15:28:34","date_gmt":"2009-09-29T14:28:34","guid":{"rendered":"http:\/\/perutz.copyriot.com\/?p=183"},"modified":"2009-09-29T15:28:34","modified_gmt":"2009-09-29T14:28:34","slug":"rosa-perutz-bei-gegen-ohne-fur-kunst-avantgarde-und-gesellschaftliche-emanzipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2009\/09\/rosa-perutz-bei-gegen-ohne-fur-kunst-avantgarde-und-gesellschaftliche-emanzipation\/","title":{"rendered":"Rosa Perutz bei: Gegen Ohne F\u00fcr \u2013 Kunst, Avantgarde und gesellschaftliche Emanzipation"},"content":{"rendered":"<p>Auf Einladung der Hamburger Gruppe Kritikmaximierung stellte Rosa Perutz am 19.09.09 in der Roten Flora sich und einige ihrer Positionen vor. Einen Mitschnitt der Veranstaltung findet sich hier:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freie-radios.net\/portal\/content.php?id=29922\">http:\/\/www.freie-radios.net\/portal\/content.php?id=29922<\/a><br \/>\noder &#8211; mit Jingles:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kritikmaximierung.de\/radio\/\">http:\/\/www.kritikmaximierung.de\/radio\/<\/a><\/p>\n<p>Rosas Text in schriftlicher Form gibt es nach diesem Link. Er fasst den aktuellen Status und Fokus des Netzwerks gut zusammen. <span id=\"more-183\"><\/span><\/p>\n<p><strong>Rosa Perutz \u2013 eine antinationale Organisierung in der Kunst<\/strong><\/p>\n<p>Rosa Perutz befindet sich seit Herbst 2008 in gr\u00fcndung\u00a0 als antinationaler Zusammenschluss von produzentinnen und produzenten in Kunst und Kultur.<\/p>\n<p>Die Organisierung konzentriert sich zum jetzigen Zeitpunkt wesentlich auf zwei Punkte:<\/p>\n<p>&#8211; auf die Ver\u00e4nderungen der Arbeitsverh\u00e4ltnisse k\u00fcnstlerischer Produktion vor allem im Hinblick auf die sogenannte &#8220;\u00f6ffentliche&#8221; also die staatliche und nationale F\u00f6rderung und institutionelle Kulturpolitik<br \/>\n&#8211; auf die Rolle, die Kulturproduzentinnen innerhalb dessen spielen, was wir als die \u201eKulturalisierung des deutschen Nationalismus\u201c bezeichnen und was wir gleichzeitig versuchen n\u00e4her zu bestimmen.<\/p>\n<p>Innerhalb von Rosa sind Arbeitsgruppen in Gr\u00fcndung, die die bisher aufgeworfenen Fragen und Thesen auf die bereiche Film, Creative Industries und elektronische Musik ausweiten.<\/p>\n<p>Die Kernthesen beziehen sich auf die Grundannahme, dass es in einem bestimmtem Feld, also auch im Feld, das wir als Hochkultur identifizieren, K\u00e4mpfe gibt, die es wert sind gef\u00fchrt zu werden. Wir sind linksradikale, wir sind K\u00fcnstlerinnen, wir stellen unser Begehren k\u00fcnstlerisch zu produzieren und damit immer selbst auch Teil jenes Feldes zu werden, nicht zur Disposition und pl\u00e4dieren damit gegen den R\u00fcckzug aus der herrschenden Hochkultur zugunsten einer vermeintlich politischeren, saubereren, oder integereren Sub- Kiez- oder Nischenkultur. Der Kampf gegen die Hochkultur kann nur in ihr stattfinden. F\u00fcr Rosa Perutz ist er durchzogen von folgenden ideologischen Grundfiguren:<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Die Idee der Hochkultur ist sowohl in ihrer historischen Entstehung als auch in dem gros ihrer gegenw\u00e4rtigen Funktion eine Nationale.<br \/>\nSie ist eine ideologische Formation, die im je nationalen Kontext die \u201aeigene\u2019 Kultur als \u00dcberlegenheit formuliert und das sowohl in Abgrenzung nach &#8216;Aussen&#8217; als auch nach &#8216;Innen&#8217;. Hochkultur ist Kultur der Herrschaft.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Deutschland hat sich gerade in diesem Zusammenhang historisch stets hervorgetan als Land, in dem im Gegensatz zu Gro\u00dfbritannien oder den USA, die Massenkultur immer als Abfallprodukt der Hochkultur galt. Die Hochkultur dagegen galt schon immer als nationale Wesensschau und wird gerade jetzt im Jubil\u00e4umsjahr 2009 wieder als identit\u00e4tsstiftendes Merkmal inszeniert.<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Was sich in der Gegenwart ver\u00e4ndert hat, ist nicht der nationale, hochkulturelle D\u00fcnkel, sondern der Modus in dem diese identit\u00e4tsbildende Funktion der Hochkultur artikuliert wird. Nicht das DASS, sondern das WIE die Hochkultur Staat und Nation formuliert hat sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zum einen funktioniert Hochkultur heute in Deutschland nicht neben, sondern ALS Massenkultur.<br \/>\nDie Bundesrepublik ist eben nicht nur \u00abWirtschafts-\u00bb oder \u00abFu\u00dfballwunderland\u00bb, sagt der Chefredakteur der\u00abBildzeitung- Kai Diekmann, sondern \u00abvor allem auch ein &#8220;Kunstwunderland&#8221;.<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Die Marktbedingungen dieser Hochkultur, und das ist f\u00fcr Kulturproduzentinnen entscheidend, werden durch die staatliche F\u00f6rderung und den Kunstmarkt bestimmt. Der Kunstmarkt, wurde in der Vergangenheit\u00a0 in mehreren Wellen zu recht zum Ziel des Angriffes von Kulturproduzentinnen. Die staatliche F\u00f6rderung und ihre Institutionen dagegen wurden in der Vergangenheit eher zu einem freundlichen\u00a0 Begleiter der eigenen Emanzipation idealisiert oder zumindest die &#8220;verstaatung&#8221; von lokaler F\u00f6rderung, Kunstakademie oder kleinem Kunstverein einfach f\u00fcr nicht so schlimm erachtet oder sogar als Erfolg gegen den Markt verbucht. Aber Staat und Kapital existieren mit- und durcheinander, auch in der Kunst.<\/p>\n<p>5 In der staatlichen F\u00f6rderung der Hochkultur hat sich die Bundeskulturstiftung (sie sollte urspr\u00fcnglich Nationalstiftung der K\u00fcnste hei\u00dfen) seit ihrer Gr\u00fcndung 2002 als Produktionsmaschinerie einer kulturalisierten Kritik erwiesen. Sie funktioniert als finanzielle Fluchtperspektive all derer, die auf dem Markt nicht bestehen wollen und entwickelte sich so zu einem Zentrum kritischer, k\u00fcnstlerischer Positionen. Sie hat abgekoppelt von den vormals eigenst\u00e4ndigen Organisationszusammenh\u00e4ngen der 1990er, eine Sparte staatlich gef\u00f6rderter Kritik entstehen lassen, deren Organisierung nun durch ihre Finanzierung vermittelt wird.<\/p>\n<p>6<\/p>\n<p>Hieraus entsteht eine Reihe von Problemen f\u00fcr k\u00fcnstlerische Selbstorganisierung &#8211; f\u00fcr eine Organisierung, die diesen Rahmen nicht akzeptieren will. Es geht dabei nicht um moralische Verwerflichkeiten, sondern um praktische Verhinderungen. Eine Zentrierung kritischer Positionen um die T\u00f6pfe st\u00e4dtischer, regionaler und nationalstaatlicher F\u00f6rderungen, erschafft eine Kritik die sich nurmehr in sich selbst weiterentwickelt, da ihre Strukturen von der F\u00f6rderung begrenzt sind. Gerade die Bundeskulturstiftung hat sich als extrem nachhaltig darin erweisen, nicht nur eine national gef\u00f6rderte Kritiksparte zu erschaffen, sondern in dieser kritische K\u00fcnstler als ewige Projektarbeiterinnen zu binden, deren Selbstorganisierung sich nun nicht unwesentlich an den F\u00f6rderungsm\u00f6glichkeiten ausrichtet. Politische Kunst wird weichgef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Vor der Folie eines erstarkenden Deutschlands, das sich milit\u00e4risch, wirtschaftlich und eben auch kulturell immer st\u00e4rker \u00e4hm &#8220;engangiert&#8221;, gleichzeitig aber sich als exportweltmeister von humanismus, menschenrechten und -ganz wichtig- erinnerung gibt, also mithilfe von Figuren seine Expansion legitimiert, die historisch mit dem Modus der Kritik assoziiert werden, beobachten wir, dass\u00a0 gerade innerhalb der letzten Jahre reformulierte nationale Anforderungen an die &#8216;deutsche&#8217; Kulturproduktion gestellt werden:<\/p>\n<p>Im Goethe Institut, im Humboldt-Preussenschloss, bei der Bundeskulturstiftung, der documenta und sogar in austellungen, die als k\u00fcnstlerisches \u00e4quivalent zur &#8220;du bist deutschland&#8221; -kampagne gelten k\u00f6nnten -wie &#8220;vertrautes terrain kunst in und \u00fcber deutschland&#8221; oder &#8220;kunst und kalter krieg. Kunst im geteilten Deutschland&#8221;, in all diesen Institutionen und Austellungen gilt: Der Wert einer k\u00fcnstlerischen Posititon\u00a0 wird\u00a0 an ihrer F\u00e4higkeit zur Artikulierung von Kritik gemessen.<\/p>\n<p>In all jenen Projekten\u00a0 stehen die kritischen Kulturproduzentinnen nicht einfach nur f\u00fcr die von ihnen vertretene Kritik, sondern auch f\u00fcr eine imaginierte Kritikf\u00e4higkeit eines ganzen Landes, die Ihnen im Sinne des nationalen Projektes einer &#8220;gel\u00e4uterten&#8221; Nation der Dichter und Denker untergeschoben wird. Wir sehen hier die Kulturproduzentinnen in der Rolle von Vorzeigesubjekten eines gesamtgesellschaftlichen Ph\u00e4nomens was wir als\u00a0 \u201ekritischen Nationalismus\u201c bezeichnen und dessen identist\u00e4tsstiftender Moment eine &#8220;kulturalisierte Kritik&#8221; ist. Was wir aufziehen sehen und mit m\u00f6glichst vielen Kulturproduzentinnen diskutieren\u00a0 und bek\u00e4mpfen wollen ist ein kulturalisierter Nationalismus im Modus der Kritik.<\/p>\n<p>7<\/p>\n<p>Die Behauptung von radikaler Politizit\u00e4t innerhalb der b\u00fcrgerlichen Kunstinstitution wird vor diesem Hintergrund nicht nur zum folgenlosen Spiel mit Formeln der Repr\u00e4sentation, sondern auch noch zum Ausweis eines zeitgem\u00e4\u00dfen guten wahren sch\u00f6nen deutschen. Die Topographie zwischen der Staatskritik und dem Kunstmarkt aber verhindert vor allem eine Rekonstruktion des Ganzen \u2013 des Zusammenhangs zwischen Markt und F\u00f6rderung.<br \/>\nRosa Perutz richtet sich auf die Rekonstruktion des Zusammenhangs dieser beiden Felder. Denn auch in der Kunst liegt eine radikale Praxis nur in dem Zusammenhang, den Staat und Kapital bilden. Den Markt zu ignorieren, weil man staatlich gef\u00f6rdert Kritik betreiben kann, blendet aus, welche Funktion die eigene Produktion f\u00fcr das gewaltsame weiterbestehen dieser Nation hat, Die Nation zu ignorieren, weil man auf die Internationalisierung des Marktes z\u00e4hlt, affirmiert lediglich das eigene Privileg, als Intellektueller oder K\u00fcnstler dem nationalen Kontext im globalisierten Lebensstil zu entkommen. Nation und Kapital sind keine selbstgew\u00e4hlten Zusammenh\u00e4nge \u2013 sondern Zwangsgemeinschaften.<\/p>\n<p>Rosa also sitzt hier um f\u00fcr eine aktualisierte Selbstorganisierung von Produzentinnen gegen diese Totalit\u00e4t zu streiten, einer breiten und verbindlichen Organisierung, die die Vereinnahmung und Indienstnahme kritischer Positionen nicht nur f\u00fcr den Markt, sondern\u00a0 vor allem f\u00fcr Staat und Nation mitdenkt und darin solidarisch, statt moralisch handelt. Der R\u00fcckzug in die Subkultur als blosse Verweigerungshaltung organisiert\u00a0 lediglich eine Selbstmarginalisierung: politische unzust\u00e4ndigkeit ausserhalb der eigenen Szene und eine negative Verallgemeinerung aller kulturellen Produktion zur Frage der Reinheit von ihrer Welt.<\/p>\n<p>Wie der Titel dieser Veranstaltung nah dran am Duktus des Dada und trotzdem auf dem Punkt: wir stehen In der Realit\u00e4t gegen die Realit\u00e4t f\u00fcr die Mittel der Kultur gegen die Zwecke der Kultur. Und das ohne den neuen alten Nationalscheiss bitte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Einladung der Hamburger Gruppe Kritikmaximierung stellte Rosa Perutz am 19.09.09 in der Roten Flora sich und einige ihrer Positionen vor. Einen Mitschnitt der Veranstaltung findet sich hier: http:\/\/www.freie-radios.net\/portal\/content.php?id=29922 oder &ndash; mit Jingles: http:\/\/www.kritikmaximierung.de\/radio\/ Rosas Text in schriftlicher Form gibt es nach diesem Link. Er fasst den aktuellen Status und Fokus des Netzwerks gut zusammen. [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":101,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1817,1],"tags":[706,696,1823,1821],"class_list":["post-12608","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-auvidio","category-syndicated","tag-culturacisme","tag-dada","tag-dates","tag-listendance"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/101"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12608"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27574,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12608\/revisions\/27574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}