{"id":12612,"date":"2009-04-09T19:42:22","date_gmt":"2009-04-09T18:42:22","guid":{"rendered":"http:\/\/perutz.copyriot.com\/?p=72"},"modified":"2009-10-03T01:09:24","modified_gmt":"2009-10-03T00:09:24","slug":"max-klebb-die-absage-an-die-nation-kollektivieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2009\/04\/max-klebb-die-absage-an-die-nation-kollektivieren\/","title":{"rendered":"Max Klebb &#8211; die Absage an die Nation kollektivieren"},"content":{"rendered":"<p>Der Text enstand als Ergbniss der Gruppendiskussionen von Max Klebb. Er versucht einige Punkte eines &#8220;neuen Nationalismus&#8221; zu fassen und M\u00f6glichkeiten einer Organisierung unter Produzentinnen dagegen vorzuschlagen. Er lag dem Aufruf zum ersten Max Klebb Treffen am 21.2.09 bei.<\/p>\n<p><strong>MAX KLEBB \u2013 die Absage an die Nation kollektivieren.<\/strong><\/p>\n<p>Max Klebb will Ku\u0308nstler\/innen und Kulturarbeiter\/innen in einer antinationalen Debatte zusammenbringen.Kunst verstehen wir dabei als einen unter vielen Produktionszweigen innerhalb der Kulturindustrie. Diese Perspektive auf die Kunst als Teil der warenproduzierenden Gesellschaft formuliert nicht nur ihre Begrenztheit, sondern l\u00e4sst erst die ihr zukommende potentielle Wirkm\u00e4chtigkeit innerhalb sozialer Prozesse denken.<span id=\"more-72\"><\/span>Von hier aus kann Kunst zum Hebel werden, um die Widerspru\u0308che aufzubrechen, denen sie selbst ausgesetzt ist. Trotz des affirmativen Charakters der Kunst innerhalb kapitalistischer Gesellschaften versteht die antinationale Aktion Max Klebb die Politizit\u00e4t von Kunst in ihrem Potenzial, die Realit\u00e4t zu konfrontieren, statt ihr durch ku\u0308nstlerischen Romantizismus zu entfliehen.<br \/>\nMomentan will am Horizont keine Revolution auftauchen. In der Kunst jedoch gibt es &#8211; vielleicht gerade deswegen &#8211; eine ganze Welle ku\u0308nstlerischer Projektionen auf die Revolution. Die Machtverh\u00e4ltnisse unserer Realit\u00e4t kurzzeitig aus den Augen zu verlieren, mag zwar wie ein Glu\u0308cksversprechen erscheinen, aber der \u00dcbermacht der Realit\u00e4t mit eingebildeter ku\u0308nstlerischer Allmacht zu begegnen, fu\u0308hrt zuru\u0308ck in die lang schon ausgetretenen Pfade der Kunst: zur Reproduktion der kapitalistischen Nation. Dort darf die Kunst dann wieder einmal romantische, aber grundlegend unreale Traumwelten repr\u00e4sentieren. Dagegen besteht die bestimmende Strategie von documenten und biennalen, in der Anrufung ku\u0308nstlerischer Avantgarden mit den Parolen l\u00e4ngst untergegangener Revolutionen. Sie zeigen sich politisch unverantwortlich, sowohl gegenu\u0308ber den historischen Revolutionen, als auch gegenu\u0308ber der konterrevolution\u00e4ren Gegenwart. Sie behaupten die M\u00f6glichkeit einer rein \u00e4sthetischen Revolution, die die Politik als Themenkatalog in sich hineingenommen hat, in erster Linie aber die Rolle der Kunst als \u00e4sthetische Kompensation fu\u0308r politisches Handeln stabilisiert. Kunst kann nicht an die Stelle einer revolution\u00e4ren Politik treten. Sie kann noch nicht einmal eine revolution\u00e4re, kollektive Bewegung anku\u0308ndigen, weil sie in ihrem gegenw\u00e4rtigen Zustand nur den Ausdruck konsequenzloser Formen der Individualisierung fortsetzt. Ku\u0308nstler\/innen sind als Akteur\/innen der kapitalistischen Produktion immer noch durch die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit ihrer Arbeitsbeziehungen<br \/>\nund durch die Einzigartigkeit ihrer Produkte charakterisiert, auch wenn sie bestimmten Konventionen folgen mu\u0308ssen, um u\u0308berhaupt sichtbar zu werden. \u201cKunstmarktku\u0308nstler\u201d und \u201cAusstellungsku\u0308nstler\u201d, als stark ausdifferenzierte, manchmal sogar gegens\u00e4tzliche Berufsbilder innerhalb des Kunstfelds, lehnen sich an die Trends und formalen Vorraussetzungen des Kunstmarktes an, oder sind auf staatliche Finanzierung angewiesen. Keine dieser Positionen kann jedoch gegen die andere ausgespielt werden; keine kann radikal abgelehnt werden; keiner der beiden kann entkommen werden: Beide erfu\u0308llen gemeinsam eine grundlegend repr\u00e4sentative Funktion fu\u0308r die zeitgen\u00f6ssische kapitalistische<br \/>\nGesellschaft.<\/p>\n<p>Es br\u00e4uchte eine generelle revolution\u00e4re Bewegung, um die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse aufzuheben und damit auch den Kunstmarkt und seine kontemplativen Darbietungen fu\u0308r die Gesellschaft abzublasen. Die Ausstellungskunst regrediert dagegen im europ\u00e4ischen Kontext mehr und mehr auf einen Status, in dem sie fu\u0308r das abgespaltene kritische Bewusstsein der Nation gehalten wird. Sie befriedigt die grundlegenden ideologischen Bedu\u0308rfnisse des aktuellen europ\u00e4ischen Nationalismus durch die Repr\u00e4sentation einer nur kulturellen und dabei vollst\u00e4ndig selbstreferentiellen Kritikalit\u00e4t.<br \/>\nWo sich Kunst vom Markt entfernt, gravitiert sie in die Richtung des Staates. Noch der individuelleEkel einzelner Ku\u0308nstler\/innen im Angesicht einer Nationalkultur funktioniert heute &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; in diesem Schema kritischer Wertsch\u00e4tzung und wird so fu\u0308r die repr\u00e4sentative demokratische Politik unter der Hand zu einem Beweismittel nationaler F\u00e4higkeit zur Selbstkritik. Das ist der Grund, warum Max Klebb eine antinationale Organisierung in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst fu\u0308r notwendig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ausstellungen wie die documenta 12 und Kulturpolitik, wie die des Siemens Arts Program, haben in den letzten Jahren deutlich gemacht, dass sich der Ausstellungswert eines Ku\u0308nstlers oder Kunstwerks in Europa derzeit nach seiner F\u00e4higkeit bemisst, politische Selbstverst\u00e4ndigungsprozesse auszudru\u0308cken oder &#8211; wo eine rauere Oberfl\u00e4che gewu\u0308nscht ist &#8211; gar politischen Aktivismus. Solch kritische Haltungen<br \/>\nhaben als selbstbezu\u0308gliche Geste eine hegemoniale Stellung in der zeitgen\u00f6ssischen Ausstellungspraxis erobert. Die nationale Eint\u00f6nung dieses Trends erscheint als zeitgen\u00f6ssischer Wiederg\u00e4nger einer historisch zentralen Funktion der Kunst: Die Repr\u00e4sentation und Konstruktion nationaler Kultur und Identit\u00e4t mit den Mitteln der Kunst.<\/p>\n<p>In Deutschland, dem Land, in dem und gegen das Max Klebb diesen Aufruf zuerst formuliert, hat sich die kritische Wiedergeburt von Nationalismus als Kultur in den letzten Jahren auf breiter Front durchgesetzt. Das geplante \u2018Humboldtforum\u2019 im neu aufzubauenden Berliner Stadtschloss ist nur der durchschlagkr\u00e4ftigste und staatsunmittelbarste dieser Versuche. Hochkultur und vor allem die bildenden Ku\u0308nste spielen eine zentrale Rolle bei der subjektivistischen Neusch\u00f6pfung der Nationalkultur: Wir erleben die Ru\u0308ckkehr des deutschen Malerfu\u0308rstentums in Figuren wie Daniel Richter und Jonathan Meese und die Einspeisung zeitgen\u00f6ssischer Kunst in historisierende nationale Kulissen wie es auch im Humboldtforum geplant ist.<br \/>\nEine ganze Reihe von Gruppenaustellungen, organisiert von staatlich finanzierten Kunstinstitutionen, versuchten in den vergangenen Jahren zu definieren was \u201adeutsch\u2019 sei. So zum Beispiel die Austellung \u201cMade in Germany\u201d in der Kestnergesellschaft in Hannover 2007, von der aus Reisen in Ku\u0308nstlerateliers organisiert wurden, so dass dort deutsche Kunstproduktion live am Standort mitverfolgt werden konnte; die Austellung \u201cGerman Angst\u201d in der Berliner n.b.k. 2008, die historische Fragmente eines \u2018besseren\u2019 und \u2018kritischeren\u2019 aber im wesentlichen immer nationalen deutschen Bewu\u00dftseins zusammenstellte; schlie\u00dflich die neoliberal gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Ausstellung \u201cVertrautes Terrain\u201d im zkm Karlsruhe 2008, die u\u0308ber 300 Werke und Objekte ansammelte, Diskussionen und Vortr\u00e4ge veranstaltete und neue Ma\u00dfst\u00e4be fu\u0308r die nationale Deutung ku\u0308nstlerischer Produktionen setzte. Zu all diesen Ausstellungsprojekten wurden auch Ku\u0308nstler\/innen eingeladen, die in der Vergangenheit dezidiert antinationale Werke produziert hatten. Doch innerhalb der genannten Ausstellungen und im Kontext der zeitgen\u00f6ssischen Nationalisierung der kulturellen Produktion transformierten sich ihre individuellen Werke und Stellungnahmen in Beitr\u00e4ge zu einem \u201eVertrauten Terrain\u201c. Diese vereinnahmende Geste illustriert das Projekt, das die Kuratoren der Ausstellung verfolgten: Alle Kunst gravitiert in Richtung der Nation.<\/p>\n<p>Die historische Rolle der Kunst fu\u0308r die Stabilisierung der modernen kapitalistischen Nation erscheint heute in aktualisierter Form. Die zeitgen\u00f6ssische Form des Nationalismus l\u00e4sst sich nicht l\u00e4nger in Kategorien von \u2018Blut\u2019 und \u2018Boden\u2019 charakterisieren, sondern tritt in neoliberaler Gestalt, als eines unter vielen individualisierten und subjektiven Verh\u00e4ltnissen auf. Dieser \u2018subjektivierte\u2019 Nationalismus<br \/>\nverschiebt den Fokus des traditionellen Nationalismus \u2013 von der Frage nach Zugeh\u00f6rigkeit und Ausschluss vom nationalen Kollektiv &#8211; auf die Selbstbefragung des einzelnen Subjekts in allen Lebensbereichen. Die ku\u0308nstlerisch nationale Repr\u00e4sentation ist analog dazu nicht l\u00e4nger auf spezifische politische Symbole oder Themen begrenzt, sondern bietet das Nationale als Attribut eines jeden Feldes an. Alles ist \u201aauch\u2019 national, nichts ist \u201anur\u2019 national. In zeitgen\u00f6ssischer Kunst erscheint jedes politische Verh\u00e4ltnis zur Nation als ein pers\u00f6nliches. Subjektivierung ist gleichzeitig weiterhin die ideologische Dom\u00e4ne der Kunst und so ist es besonders die Kunst, die fu\u0308r eine neue Konstellation zur Nation eintritt und eine tragende Rolle fu\u0308r deren Selbstverst\u00e4ndigungsprozesse u\u0308bernimmt. Diese Subjektivierung der Ku\u0308nstler\/innen als unvereint Individualisierte schl\u00e4gt sie als besonders wertvolles Ausdrucksmittel gegenw\u00e4rtiger nationaler Repr\u00e4sentation vor: jede ku\u0308nstlerische Stellungnahme, Affirmation oder Kritik wird, wie in \u201eVertrautes Terrain\u201c mustergu\u0308ltig geschehen, als individuelle Regung in Richtung der nationalen Gefu\u0308hlslage gedeutet. Die Subjektivierung selbst, in Form einer kritischen Reflexion, erscheint wesentlich national und basiert auch weiterhin auf sozialer Ungleichheit und Ausschluss, den Strukturbedingungen kapitalistischer Reproduktion. Der aktualisierte nationale Konsens scheint es mit den heutigen Kulturproduzent\/innen recht leicht zu haben: eine kollektive Absage steht aus.<br \/>\nEs ist diese Konstellation, gegen die wir zu einer entschlossenen und kollektiven antinationalen Organisierung in der Kunst aufrufen. Es gibt keine indifferente Position innerhalb der Nationalisierung der Kunstpraxen, die den politischen Streit in Kultur verwandeln und Kunst zu einem Aktivposten affirmativer Kritikalit\u00e4t machen. Kunstproduzent\/innen mu\u0308ssen ihrer ungewollten Verantwortung gerecht werden und die ihnen zugeschobene Aufhebung von Politik in Kunst gemeinsam bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Deutschland steuert gegenw\u00e4rtig auf ein Superjubil\u00e4umsjahr zu. Am 23. Mai 2009 wird die Bundesrepublik<br \/>\n60 Jahre alt und der Mauerfall j\u00e4hrt sich am 9.11. zum 20. Mal. Es ist absehbar, dass sich das nationale Triumphgeschrei zu neuen H\u00f6hen aufschwingen wird. Gegen diese Germanomanie wollen wir zu kollektivem Widerspruch aufrufen. Es genu\u0308gt absolut nicht, solche Tendenzen nur innerhalb der Kunst zu thematisieren, sie zu Themen ku\u0308nstlerischer Arbeit zu machen. Es geht uns vielmehr um eine Diskussion, die zu kl\u00e4ren versucht, inwiefern die warenproduzierende Gesellschaft auf der einen und deren Nationalismus auf der anderen Seite immer noch die Grundlage dessen bilden, was sich als zeitgen\u00f6ssische Kunst definiert. Einer Kunst, die Teil der Kulturindustrie ist, in ihr aber noch immer einen Sonderstatus beansprucht. Wir wollen genau diesen Status nutzen, und ihn gegen die Anma\u00dfungen und ideologischen Gehalte der Kunst selbst wenden. Politische Handlungsf\u00e4higkeit muss sich an der realen Stellung der Kunst zur gesellschaftlichen Objektivit\u00e4t erweisen, und kann vor dieser Objektivit\u00e4t nicht romantizistisch flu\u0308chten. Wir versuchen uns zun\u00e4chst in der Kunst zu organisieren, aber nicht nur fu\u0308r sie.<\/p>\n<p><em>Max Klebb lebt und arbeitet in Berlin. Er ist der ungeborene Sohn von Max Perutz, eines exilierten Glaziologen,<br \/>\nder im zweiten Weltkrieg einen unsinkbaren Flugzeugtr\u00e4ger aus Eis gegen Nazideutschland konstruieren wollte und Rosa Klebb, der russischen Agentin des SPECTRE, die hinter James Bond mit einem t\u00f6dlichen St\u00f6ckelschuh in Europa umgeht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Text enstand als Ergbniss der Gruppendiskussionen von Max Klebb. Er versucht einige Punkte eines &#8220;neuen Nationalismus&#8221; zu fassen und M\u00f6glichkeiten einer Organisierung unter Produzentinnen dagegen vorzuschlagen. Er lag dem Aufruf zum ersten Max Klebb Treffen am 21.2.09 bei.<\/p>\n<p><strong>MAX KLEBB \u2013 die Absage an die Nation kollektivieren.<\/strong><\/p>\n<p>Max Klebb will Ku\u0308nstler\/innen und Kulturarbeiter\/innen in einer antinationalen Debatte zusammenbringen.Kunst verstehen wir dabei als einen unter vielen Produktionszweigen innerhalb der Kulturindustrie. 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