{"id":1270,"date":"2009-02-08T14:41:11","date_gmt":"2009-02-08T13:41:11","guid":{"rendered":"http:\/\/lavache.blogsport.de\/2009\/02\/08\/balken-und-splitter\/"},"modified":"2009-06-17T10:49:24","modified_gmt":"2009-06-17T09:49:24","slug":"balken-und-splitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2009\/02\/balken-und-splitter\/","title":{"rendered":"Balken und Splitter"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"View product details at Amazon\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Vertreibung-aus-Serail-Heteronormalisierung\/dp\/3939542342%3FSubscriptionId%3D0EMV44A9A5YT1RVDGZ82%26tag%3Dblogsport-21%26linkCode%3Dxm2%26camp%3D2025%26creative%3D165953%26creativeASIN%3D3939542342\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/5138q566jGL.jpg\" alt=\"Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt\" \/><\/a><\/p>\n<p>Immer wieder, wenn es um den Islam geht, denkt man heutzutage vor allem an eins: Homophobie und Patriarchat. Im Kontrast dazu erbl\u00fcht \u201cunser\u201d freier Westen, der solche Dinge l\u00e4ngst \u00fcberwunden hat und der sich unbedingt anschicken sollte, seine Errungenschaften auf der ganzen Welt zu verbreiten oder sich zumindest vor den Heerscharen homophober Moslems, die in ihn eindringen wollen, hinter sichern Mauern zu verschanzen.<\/p>\n<p>Auch ich war vor der Lekt\u00fcre des Buches \u201cDie Entf\u00fchrung aus dem Serail\u201d von Georg Klauda, der vielen eher unter seinem Pseudonym \u201c<a href=\"http:\/\/lysis.blogsport.de\/\">Lysis<\/a>\u201d bekannt sein d\u00fcrfte, zumindest in Teilen dieser Ansicht. Dabei wird darin &#8211; wie der Autor anhand zahlloser Quellen gut begr\u00fcndet dargelegt &#8211; die historische Realit\u00e4t nahezu auf den Kopf gestellt: es war der Westen, in dem in einer recht blutigen Entwicklungsgeschichte voller Verfolgungen und Entbehrungen das Konzept \u201cHomosexualit\u00e4t\u201d entwickelt und von dort aus in die islamische Welt exportiert wurde. Nicht die islamische Welt, in der dieses Konzept bis ins 19. Jahrhundert schlichtweg nicht existierte und auf die Zeit vorher auf diese Gesellschaften garnicht angewendet werden kann, ist es, die man als \u201ckonstitutiv homophob\u201d bezeichnen kann, sondern die abendl\u00e4ndische, wie sie sich seit der Neuzeit entwickelte.<\/p>\n<p>Die Ignoranz besteht also sowohl in der Verkennung der Geschichte als auch in dem Anspruch westlicher Wissenschaften, die je eigenen Begriffe als \u201cobjektiv\u201d zu unterstellen und einfach mal auf v\u00f6llig andere Systeme zu \u00fcbertragen. Der Begriff der \u201cHomosexualit\u00e4t\u201d, eine Konstrukt des 19. Jahrhunderts, wird so zu einer ahistorischen Kategorie, so als w\u00e4ren die Menschen schon immer nach diesem Schema kategorisiert worden. Dass es in der Vergangenheit auch ganz andere Denk- und Lebensweisen gab, und auch in Zukunft m\u00f6glich sein k\u00f6nnten, ger\u00e4t so v\u00f6llig aus dem Blickfeld. Da ist \u201cHomosexualit\u00e4t\u201d sicher nur ein Beispiel von vielen.<\/p>\n<p>Um den Unterschied etwas zu pointieren: im Islam (und auch in \u00e4hnlicher Form im vorneuzeitlichen Abendland) galt Analverkehr (und zwar unabh\u00e4ngig vom Geschlecht des passiven Parts) als verwerfliches Vergehen und wird nach der Scharia bestraft. Mehr aber auch nicht. Es gibt keinen unterstellten Sozialcharakter des \u201cAnalfickers\u201d, der etwa \u00fcber eine bestimmte psychische Disposition verf\u00fcgen w\u00fcrde, die ihn zu einer unnormalen Verhaltensweise treibt, die man erforschen und wom\u00f6glich therapieren k\u00f6nnte. Er ist einfach wie jemand, der bei Rot \u00fcber die Ampel f\u00e4hrt un daf\u00fcr einen Strafzettel kassiert. Folgerichtig halt es im islamischen Diskurs als \u00fcberhaupt nichts Sch\u00e4ndliches oder Ungew\u00f6hnliches, als Mann M\u00e4nner zu lieben, sondern im Gegenteil weit verbreitet und akzeptiert. Georg Klauda zitiert etwa zahllose Beispiele von persischen und arabischen Liebesgedichten, in denen die Sch\u00f6nheit und erotische Attraktivit\u00e4t junger Knaben besungen wird.<br \/>\nUnd zugleich war es auch so, dass es nichts Ungew\u00f6hnliches war, M\u00e4nner und Frauen zu lieben. Klar &#8211; das ist ja nur in einer Gesellschaft \u201cungew\u00f6hnlich\u201d, in der es als allgemein anerkannte Naturtatsache gilt, dass es Menschen gibt die \u201cso herum\u201d bzw. \u201canders herum\u201d sind.<\/p>\n<p>Dies kann man sicher mit den oft zitierten Zust\u00e4nden im antiken Griechenland parallelisieren. Auch hier macht es gar keinen Sinn zu sagen, die Gesellschaft w\u00e4re gegen\u00fcber Homosexuellen tolerant oder intolerant gewesen. Es gab keine Homo- und auch keine Heterosexuellen, sondern eine v\u00f6llig anderes sexuelles Wertesystem, in dem es \u00fcberhaupt nichts unm\u00e4nnliches an sich hatte, wenn ein mit einer Frau verheirateter Mann ein sexuelles Verh\u00e4ltnis mit einem Knaben hatte. Die p\u00e4derastische Beziehung wird in Platons Dialogen im Gegenteil oft als Ideal glorifiziert, so etwa insbesondere im \u201cSymposion\u201d<sup><a id=\"fn1234101241977\" class=\"footnote\" href=\"#fn1234101241977n\">1<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p>Erst in unserem heteronormativen Wertesystem macht die Rede von \u201cToleranz gegen\u00fcber Homosexuellen\u201d Sinn und impliziert zugleich eine weitreichende repressive Einschr\u00e4nkung m\u00f6glicher Lebensweisen selbst im Verh\u00e4ltnis zu vormodernen Gesellschaften (zumindest unter diesem Aspekt!!). Denn Heterosexualit\u00e4t gilt als stets pr\u00e4sente Norm und alle anderen Arten der Liebe als Angelegenheit unnormaler, irgendwie immer als verworfen betrachteter Subjekte. Und deshalb ist es auch unsinnig davon zu sprechen, Homosexuelle m\u00fcssten toleriert werden. Was anst\u00fcnde w\u00e4re eher eine theoretische und praktische Aufweichung dieser Heteronormativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber das Buch von Georg Klauda enth\u00e4lt noch zahlreiche andere spannende Thesen und Anekdoten, die ich hier unm\u00f6glich alle aufz\u00e4hlen kann. Es ist auf jeden Fall weit mehr als ein Buch, das \u201cnur\u201d den Islam darstellen w\u00fcrde, sondern kann meines Erachtens durchaus als allgemeine Einf\u00fchrung in die an Foucault anschlie\u00dfenden \u201cgay and lesbian studies\u201d verstanden werden, in deren Tradition sich der Autor explizit stellt. Denn nach gut hermeneutischer Manier wird eben nicht nur der fremde Standpunkt, sondern in einem ausf\u00fchrlichen Kapitel auch die historische Entwicklung des eigenen Standpunkts beleuchtet: wie kam es \u00fcberhaupt dazu, dass man in Europa anfing, \u201cHomosexuelle\u201d zu verfolgen, als gesellschaftliche Randgruppe und Objekte der Psychologie zu begreifen und in subkulturelle Ghettos zu verbannen?<\/p>\n<p>Ein Aspekt, den auch Georg Klauda explizit betont, ist auf jeden Fall ein praktisches Gebot staatlicher Biopolitik: nach der Pest und dem 30j\u00e4hrigen Krieg suchte man nach Mitteln und Wegen, wieder mehr Nachwuchs zu erzeugen. Auch wenn das nicht so verstanden werden darf, als h\u00e4tten die Akteure gewusste, was sie taten &#8211; was eine ziemlich absurde Vorstellung w\u00e4re &#8211; scheint dies bis heute fortzuwirken. Auch dem heutigen Staat geht es halt wesentlich darum, immer gen\u00fcgend Menschlein zur Verf\u00fcgung zu haben. Und in staatlichen Kampagnen und der Schule wird ja auch Alles n\u00f6tige getan, um dementsprechende Leitbilder in die K\u00f6pfe zu implementieren und es als das normalste und w\u00fcnschenswerteste von der Welt erscheinen zu lassen, heterosexuellen Sex zu praktizieren und irgendwann eine Familie zu gr\u00fcnden.<a id=\"more-32\"><\/a><\/p>\n<p>Zum Abschluss dieser Rezension m\u00f6chte ich mir dazu noch erlauben, eine kleine pers\u00f6nliche Anekdote einschieben, die ich lange vor der Lekt\u00fcre des Buches erlebte und die mir im Kontext dieses Wissens etwas anders als damals erscheint:<br \/>\nIch diskutierte mit einem iranischen Immigranten, der schon seite Jahrzehnten in der westlichen Welt beheimatet ist (erst in Rum\u00e4nien, dann in Deutschland) \u00fcber den Iran und kam dabei fast zwangsl\u00e4ufig auf das Thema \u201cUnterdr\u00fcckung von Homosexuellen\u201d &#8211; die ja dort auch tats\u00e4chlich stattfindet, wenn auch entgegen der landl\u00e4ufigen Auffassung keineswegs im Geiste der Scharia und des Koran &#8211; zu sprechen. Obwohl sonst durchaus kritisch gegen\u00fcber den politischen Verh\u00e4ltnissen in seinem Heimatland eingestellt, widersprach er mir in diesem Punkt ausdr\u00fccklich: dies sei gerade kein Fehler, dem man dem Mullah-Regime vorwerfen k\u00f6nnen, denn es sei nunmal Konsens im Iran, dass Homosexuelle minderwertig seien. Und das stehe ja auch wohl objektiv betrachtet au\u00dfer Frage.<br \/>\nEr verwies dabei gerade auf den Koran und auch auf die Bibel, in denen nunmal objektive Wertma\u00dfst\u00e4be enthalten seien.<\/p>\n<p>Seine Argumentation wies dabei interessanterweise erstaunliche Unstimmigkeiten auf. So behauptete er erst, es g\u00e4be im Iran sowas garnicht, das sei alles ein Produkt des dekadenten Westens und auch Griechenlands, dann gab er zu, in der iranischen Armee mit einem Schwulen befreundet gewesen zu sein. Auch schien ihn an den Homosexuellen garnicht so sehr die Liebe zum gleichen Geschlecht an sich, sondern der Analverkehr zu st\u00f6ren. Als ich n\u00e4mlich darauf verwies, dass man Homosexualit\u00e4t doch garnicht darauf reduzieren k\u00f6nne, zeigte er sich ganz verwundert und behauptete, das nicht zu wissen. F\u00fcr ihn schien das im Grunde gleichbedeutend zu sein.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der \u201cVertreibung aus dem Serail\u201d stellt sich das so dar: im Zuge der Heteronormalisierung der islamischen Welt hat sich in der islamischen Welt eine Art kollektive Gehirnw\u00e4sche vollzogen. Wurde es im 19. Jahrhundert den Muslimen noch von den Europ\u00e4ern vorgeworfen, zu lockere Sitten bez\u00fcglich Homosexualit\u00e4t zu pflegen, erscheint es jetzt genau umgekehrt: die eigene Homosexualit\u00e4t wird als Fremdes abgespalten und dem dekadenten Westen in die Schuhe geschoben. Zugleich scheint aber das alte, origin\u00e4r islamisch Konzept des bestrafenswerten Analverkehrs (\u201dliwat\u201d) durchaus \u00fcberlebt zu haben, auch wenn es freilich in den Homosexualit\u00e4tsdiskurs eingebettet wurde.<\/p>\n<p>Weitere empfehlenswerte Rezension findet sich auf der website der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.krisis.org\/2009\/die-vertreibung-aus-dem-serail\">\u201ckrisis\u201d<\/a> und auf der Website <a href=\"http:\/\/www.schwule-seite.de\/rezension-klauda.htm\">schwule-seite.de<\/a><\/p>\n<p>Und viele weitere (wie jetzt auch wohl bald diese hier(-;) in der <a href=\"http:\/\/lysis.blogsport.de\/2008\/07\/15\/coming-soon\/\">Trackbackliste auf Lysis\u2019 Blog<\/a>.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\">\n<li id=\"fn1234101241977n\">So etwa in der Rede des Pausanias, 180 c. ff., der explizit sagt, dass die Knaben- bzw. M\u00e4nnerliebe h\u00f6her als die \u201cgew\u00f6hnliche Liebe\u201d anzusehen sei, weil wer Knaben liebt das Verst\u00e4ndigere und St\u00e4rkere vorzieht. Die \u201cgew\u00f6hnliche Liebe\u201d ist freilich nicht mit heterosexueller Liebe gleichzusetzen, sondern damit sind auch M\u00e4nner gemeint, die Knaben nur im ihres K\u00f6rpers und nicht um ihrer Seele willen lieben oder vorpubert\u00e4re Knaben zu verf\u00fchren suchen.[<a href=\"#fn1234101241977\">zur\u00fcck<\/a>]<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n\tImmer wieder, wenn es um den Islam geht, denkt man heutzutage vor allem an eins: Homophobie und Patriarchat. 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