{"id":16185,"date":"2010-03-03T11:03:54","date_gmt":"2010-03-03T10:03:54","guid":{"rendered":"http:\/\/nichtidentisches.wordpress.com\/?p=534"},"modified":"2010-03-11T23:31:39","modified_gmt":"2010-03-11T22:31:39","slug":"die-abwehr-des-geniesens-in-der-hm-werbung-und-der-hartz-iv-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/03\/die-abwehr-des-geniesens-in-der-hm-werbung-und-der-hartz-iv-debatte\/","title":{"rendered":"Die Abwehr des Genie\u00dfens in der H&#038;M-Werbung und der Hartz IV-Debatte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">\u201eEin gl\u00fcckliches Zeitalter ist deshalb gar nicht m\u00f6glich, weil die Menschen es nur w\u00fcnschen wollen, aber nicht haben wollen, und jeder einzelne, wenn ihm gute Tage kommen, f\u00f6rmlich um Unruhe und Elend beten lernt. Das Schicksal der Menschen ist auf <em>gl\u00fcckliche Augenblicke <\/em>eingerichtet \u2013 jedes Leben hat solche \u2013, aber nicht auf gl\u00fcckliche Zeiten.\u201c (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, \u00a7 471)<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Gesellschaftliche Tendenzen bergen f\u00fcr den misstrauischen und erst recht f\u00fcr den paranoiden Charakter den Geruch der Verschw\u00f6rung, der Manipulation. Die Vermitteltheit dieser Trends mit dem individuellen Unbewussten geht durch diese Wahrnehmung verloren. Die Tendenz, im \u00f6ffentlichen Raum offensichtlich am Rande des Verhungerns stehende und von Heroinkonsum gezeichnete Menschen in massentaugliche Modewaren zu stecken und in grotesken Verrenkungen zu inszenieren ist mitnichten nur das Werk einzelner sadistischer Modep\u00e4pste. Deren Fehlbild vom Menschen ist ein durch kollektiven Druck geformtes, es h\u00e4tte keine Gewalt ohne das Bed\u00fcrfnis.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein zweites Ph\u00e4nomen: Nach den Urteilen zur Verfassungswidrigkeit der Sozialhilfes\u00e4tze springt ausgerechnet der Vertreter der liberalen Partei, Westerwelle, in die Bresche und erkl\u00e4rt Sozialhilfeempf\u00e4nger zu dekadenten, das Leben in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfenden Menschen, die auf diese Weise einen \u201eUntergang\u201c wie jenen Roms verursachen k\u00f6nnten. Sein kaum unter Parteikomplizenverdacht stehender Gesinnungsgenosse erkl\u00e4rt wenige Wochen sp\u00e4ter seine Philosophie zum angemessenen Leben ohne Einkommen: &#8220;Kalt duschen ist doch eh viel ges\u00fcnder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Die offene Homophobie in diesem \u2013 gesinnungsgleichen \u2013 Angriff auf den homosexuellen Au\u00dfenminister bleibt in den Kritiken unbesprochen. Sie ist ebenso massentauglich wie das Ressentiment beider. Und sie verl\u00e4uft synchron zum Modetrend.<br \/>\nDas \u201eobsz\u00f6ne Genie\u00dfen\u201c, das \u017di\u017eek mit Lacan als \u00f6dipale Zuschreibung an den Vater schildert, hat der Gesellschaft Hass eingefl\u00f6\u00dft. Lust, die nicht schon mit daf\u00fcr erlittenem Elend verrechnet werden kann, wird auf unertr\u00e4gliche Weise zur Schuld. Daher die kollektiv-individuelle Lust beim Anblick derer, die eine vermeintlich gl\u00fcckliche Welt vertreten und als Zeichen daf\u00fcr das symbolische Elend in ihre K\u00f6rper skulptieren. Wo der durch und durch berechnete Wiederholungszwang der Mode kaum noch \u00e4sthetische oder k\u00fcnstlerische Kriterien oder gar Originalit\u00e4t aufwarten muss, tritt eine andere Botschaft in den Fokus: Nicht wird durch das Produkt Gl\u00fcck versprochen, sondern durch die Entsagung, mit der das Produkt erkauft wird. Arbeit macht das Leben s\u00fc\u00df ist die Botschaft der H&amp;M Werbungen. Das Produkt wird zum Attribut der Entsagung, nicht zum Zweck. Meine Entsagung betone, ja unterstreiche ich mit den entsprechenden Gr\u00f6\u00dfen, in denen jene Kleider ausschlie\u00dflich erh\u00e4ltlich sind. Sie ist zum Ziel der Mode geworden, nicht umgekehrt. Die Orgien der Stars sind \u201ePrivilegien, an denen keiner rechten Spa\u00df hat und mit denen die Privilegierten sich nur dar\u00fcber betr\u00fcgen, wie sehr es im gl\u00fccklosen Ganzen auch ihnen an der M\u00f6glichkeit von Freude mangelt\u201c (Adorno, MM 360). Mehr noch, sie zelebrieren f\u00fcr alle, dass jenes Gl\u00fcck keines ist. Nicht die gl\u00fccklichen Stars sind Role Models, die ungl\u00fccklichen sind es. Der Drogenrausch der 1970-er versuchte mit Genu\u00df die erlittene Kastration zu bezahlen. Dieses Genie\u00dfen ist ein \u201evon Beginn an Verlorenes\u201c wie \u017di\u017eek sagt. Seine extreme Steigerung belegt nur seine v\u00f6llige Abwesenheit ebenso wie heute. Der Luxus wird um Leere errichtet, die edlen Tuche flattern um Gerippe.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ebenso konsequent richten sich Westerwelle und Sarrazin zu. Der bombastische Reichtum, den Deutsche noch kultivieren, darf um keinen Preis als Genie\u00dfen erscheinen. Reiche und Arbeitslose sollen gleicherma\u00dfen keine Lust am Leben haben. Wo Zeichen des Genusses erscheinen, droht der Untergang durch Dekadenz, sei es durch den Zusammenbruch des Staates oder durch die Klimakatastrophe. Nicht aus purer Feindschaft gegen den Genuss sondern aus der Verzweiflung \u00fcber dessen Unm\u00f6glichkeit speist sich die B\u00f6sartigkeit, mit der Westerwelle und Sarrazin ihre Projektionsfl\u00e4chen attackieren. Das richtet noch jene Lust zugrunde, die an ihrem Versprechen selbst aufflackert, die also Vorfreude auf echte Freude sein k\u00f6nnte. Die Deutschen haben sich mit der Kastration identifiziert \u2013 weil Lust unm\u00f6glich ist, wird sie selbst zum Feind erkl\u00e4rt. Der Garten Eden wird zum drohenden Symbol der Kastration, wenn man ihn nicht haben kann, so ist er schlecht, sp\u00e4tr\u00f6misch und dem Untergang geweiht. Die j\u00fcdische Religion hat eben aus der Unm\u00f6glichkeit von Lust nach der Vertreibung aus dem Paradies die Forderung nach allem, was an diese Lust erinnert institutionalisiert. Der alkoholische Exzess ist Bestandteil des Ritus, die sexuelle Lust der Frau in der Ehe ein verbrieftes Recht, eine Mizwa.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">In Deutschland beh\u00fctet der Staat die Individuen vor ihrer eigenen Lust gerade dort, wo er verspricht, sie zu erm\u00f6glichen. Die letzte Lust der Deutschen bleibt die, jene der anderen zu verunm\u00f6glichen. Aus lauter Genugtuung \u00fcber die sichtbare Selbstkasteiung der Plakatgespenster kaufen sie die Symbole dessen, die Kleider die sie tragen. Es ist nicht mehr der Kaiser, der nackt durch die Stra\u00dfe l\u00e4uft \u2013 es sind die Kleider.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">\n<p style=\"text-align:justify;\">Slavoj \u017di\u017eek: Liebe dein Symptom wie dich selbst. Zitate S. 108.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Theodor W. Adorno: Minima Moralia.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">1.3.2010, S\u00fcddeutsche: Sarrazin: \u201eWarmduscher sind nie weit gekommen.\u201c <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/438\/504648\/text\/\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/438\/504648\/text\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Friedrich Nietzsche: Werke. Menschliches und Allzumenschliches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">\u201eEin gl\u00fcckliches Zeitalter ist deshalb gar nicht m\u00f6glich, weil die Menschen es nur w\u00fcnschen wollen, aber nicht haben wollen, und jeder einzelne, wenn ihm gute Tage kommen, f\u00f6rmlich um Unruhe und Elend beten lernt. Das Schicksal der Menschen ist auf <em>gl\u00fcckliche Augenblicke <\/em>eingerichtet \u2013 jedes Leben hat solche \u2013, aber nicht auf gl\u00fcckliche Zeiten.\u201c (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, \u00a7 471)<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Gesellschaftliche Tendenzen bergen f\u00fcr den misstrauischen und erst recht f\u00fcr den paranoiden Charakter den Geruch der Verschw\u00f6rung, der Manipulation. Die Vermitteltheit dieser Trends mit dem individuellen Unbewussten geht durch diese Wahrnehmung verloren. Die Tendenz, im \u00f6ffentlichen Raum offensichtlich am Rande des Verhungerns stehende und von Heroinkonsum gezeichnete Menschen in massentaugliche Modewaren zu stecken und in grotesken Verrenkungen zu inszenieren ist mitnichten nur das Werk einzelner sadistischer Modep\u00e4pste. Deren Fehlbild vom Menschen ist ein durch kollektiven Druck geformtes, es h\u00e4tte keine Gewalt ohne das Bed\u00fcrfnis.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein zweites Ph\u00e4nomen: Nach den Urteilen zur Verfassungswidrigkeit der Sozialhilfes\u00e4tze springt ausgerechnet der Vertreter der liberalen Partei, Westerwelle, in die Bresche und erkl\u00e4rt Sozialhilfeempf\u00e4nger zu dekadenten, das Leben in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfenden Menschen, die auf diese Weise einen \u201eUntergang\u201c wie jenen Roms verursachen k\u00f6nnten. Sein kaum unter Parteikomplizenverdacht stehender Gesinnungsgenosse erkl\u00e4rt wenige Wochen sp\u00e4ter seine Philosophie zum angemessenen Leben ohne Einkommen: &#8220;Kalt duschen ist doch eh viel ges\u00fcnder. 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