{"id":17250,"date":"2010-05-04T11:16:39","date_gmt":"2010-05-04T10:16:39","guid":{"rendered":"http:\/\/nichtidentisches.wordpress.com\/?p=599"},"modified":"2010-05-05T17:02:14","modified_gmt":"2010-05-05T16:02:14","slug":"hero-unalyzed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/05\/hero-unalyzed\/","title":{"rendered":"Hero unalyzed"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Als ich Hero das erste Mal im Kino sah, war ich begeistert, entr\u00fcckt und zugleich sehr skeptisch: Das Ende beg\u00fcnstigt durchaus eine faschistoide Interpretation. Der mit dem Absolutismus durchgesetzte Zentralstaat solle \u201eAllen unter dem Himmel\u201c zu Gute kommen? Die Massen\u00e4sthetik kn\u00fcpft an die faschistischen und stalinistischen Staats-Inszenierungen an. Dann sah ich den Film erneut und diesmal mit einem anschlie\u00dfenden Vortrag eines Psychoanalytikers, der in China lehrt und zugleich sehr auf die kulturell bedingte Differenz von Interpretationsm\u00f6glichkeiten bedacht war. Die unter dem Vorzeichens eines \u201eWir Europ\u00e4er, Kinder der Aufkl\u00e4rung\u201c geleistete Interpretation allerdings klang mir zu transkribierend \u2013 der Namenlose als Ich-Erz\u00e4hler sei H\u00fclle der aufgespalteten Erz\u00e4hlvarianten, erfahre einen klassischen \u00f6dipalen Konflikt mit dem K\u00f6nig-Vater. Das Ganze sei mehr oder weniger ein Bew\u00e4ltigungsdrama eines Waisenjungen, der seine Aggressionen kontrollieren lerne. Das ist nat\u00fcrlich eine grobe Verk\u00fcrzung der interessanten Thesen des ehrenwerten Analytikers.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ich assoziierte damit eine unzul\u00e4ssige Art und Weise, therapeutische, auf Diagnostik eines im Film als Patienten ausgemachten Charakters bedachte Psychoanalyse an Filme heranzutragen. Und nicht einmal die ist konsequent: F\u00fcr die Interpretation des K\u00f6nigs als Symbol-Kind mit infantilen Verschw\u00f6rungs- und Verlust\u00e4ngsten spricht viel, ebenso f\u00fcr seine m\u00fctterlichen oder v\u00e4terlichen Attribute. Triangulierung w\u00e4re ebenso ein zentrales Thema f\u00fcr den Namenlosen wie der \u00f6dipale Tochter-Mutter-Konflikt zwischen Weiter Himmel und Fliegender Schnee oder der Autonomie-Abh\u00e4ngigkeits-Konflikt zwischen den Liebenden Zerbrochenes Schwert und Fliegender Schnee. Filmanalyse kann nicht eine der Charaktere im Film sein. Das Objekt der Filmanalyse ist ein kompliziertes Geflecht aus Regisseur, Drehbuchautoren, SchauspielerInnen, gesellschaftlichen Zust\u00e4nden und vor allem: dem Publikum. Was im Subjekt passiert, wenn es den Film sieht, steht zur Debatte \u2013 was ein Idealsubjekt im Film an Pathologien oder Mustern aufweist ist nur in Bezug auf die ausgel\u00f6sten Assoziationen und die R\u00fcckbindung an das Gef\u00fchlsleben des Publikums\u00a0 relevant. Das filmisch erfolgreiche Idealsubjekt ist vollgeladen mit Ambivalenzen \u2013 um \u00fcberhaupt bei einer Masse von Individuen kontroverse Gef\u00fchle und Identifikationsmechanismen auszul\u00f6sen. So kann eine Filmgeschichte wie Star Wars von der therapeutischen Analyse nur wiederholt werden\u2013 zu offenbar ist der Vater-Sohn Konflikt, als dass sich eine Analyse noch lohnen w\u00fcrde, die nur Oberfl\u00e4chensymptome abtastet. Erst die feinen Ambivalenzen und Nuancen, die in und neben den Charakteren aufleuchten, machen diese interessant, das Weggelassene, Zensierte und dessen r\u00e4tselhafte Wirkung auf eine Generation von Fans. Es sind die Br\u00fcche im allzu Glatten, die Verleugnung und Verfremdung der filmischen Traumarbeit, die tats\u00e4chlich Aufschluss geben k\u00f6nnten \u00fcber ein Verborgenes.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Verborgenes wohnt den gegen Sprache verspr\u00f6deten Gef\u00fchlen von traumhaften Expressionismen inne. Der Anblick eines in &#8220;Hero&#8221; inszenierten Pfeilhagels \u00fcber den stoisch weiterarbeitenden KalligraphInnen l\u00f6st zumindest in mir etwas aus, das sich kaum fassen l\u00e4sst und erst in dieser Sprachlosigkeit und somatischen Reaktion auf visualisierte Objektwelten wird Psychoanalsye interessant. Todesverachtung, Autoaggression, Hingabe, Aufgabe, Objektbesetzung, Angstlust, Masochismus, Narzissmus, Edelmut, Liebe \u2013 all das sind verarmte Begriffe, die jeweils nur eine Facette des Brillianten ausmachen, der da geschliffen wurde und das Weglassen nur einer der Facetten ver\u00e4ndert dessen \u201eFeuer\u201c. Wie w\u00e4re eine Psychoanalyse der Farben, die in \u201eHero\u201c so sinnlich verteilt werden zu leisten ohne die Voraussetzung, dass solche Farbw\u00fcsten an eine Erfahrung anbinden, die ein \u00e4sthetisches Befremden ausl\u00f6st? W\u00e4hrend die Monochromie R\u00e4nder und Formen verschwimmen l\u00e4sst macht sie in der kolorierten Omnipr\u00e4senz umso deutlicher, dass etwas fehlt, \u00fcbermalt und geleugnet wurde. Sie verspricht im \u00dcberangebot der einen Farbe die Pr\u00e4senz aller Farben und ist damit mehr Schwarz-Wei\u00df-Film als Farbfilm. Die elegischen chinesischen Harfen schaffen ein akustisches Environment, das an Erz\u00e4hlgewalt den Stummfilm aufleben l\u00e4sst. Noch unm\u00f6glicher erscheint es mir, jene haptische, fast olfaktorische Taktilit\u00e4t zu erfassen, die das Wasser in Hero allein durch seine Pr\u00e4senz und in der Zeitlupe erf\u00e4hrt. Alleine eine religi\u00f6se Huldigung des Elementes selbst, eine Hommage an das Wasser, w\u00e4re als Umschreibung angemessen \u2013 arrogant w\u00e4re es, das Wasser hier zum Symbol f\u00fcr etwas, etwa einer m\u00fctterlichen Sexualit\u00e4t zu reduzieren. Jene quecksilbrige, schwerm\u00fctige Stofflichkeit, das metallische dingliche Schwappen in der Zeitlupe w\u00fcrde dem Gef\u00fchlsraum entzogen. Das Fliegen der Kampfkunst als kindische Gr\u00f6\u00dfenphantasie zu fassen w\u00e4re selbst kindisch \u2013 so hat man sich schon immun gemacht gegen den Traum, den sich der asiatische Film gegen den politischen Realismus zu sein traut. Gerade hier wird nicht der Kitsch der Reproduktion des realen Lebens geleistet, nicht Werbung f\u00fcr das jeweils Aktuelle oder politisch dringliche angedreht, sondern Trauerarbeit geleistet und damit tiefer reflektiert als durch eine Feierabend-Dokumentation \u00fcber Zust\u00e4nde in Wanderarbeiterslums. Das Diktat der Information und ihrer b\u00fcrokratischen Verteilung an die berufsm\u00e4\u00dfig Interessierten wird in \u201eHero\u201c gebrochen durch die absolute Dominanz einer Symbolwelt, die jeden \u00fcber das Vorfindliche zu informieren vorgibt. Die Absage an den Realismus, die \u201eHero\u201c leistet, er\u00f6ffnet nicht eine Utopie oder Handlungsanweisungen, sondern Bilder der Vergangenheit, die immer schon gef\u00e4rbte sind, vom Urteil gef\u00e4lschte Erfahrungen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Es mag kein revolution\u00e4rer Kern darin stecken, keine gro\u00dfartige System-Kritik und die maoistische Regierung mag darin ob zu Recht oder Unrecht einen Kotau vor ihrem eigenen Wahn erkennen und den Film in Schulb\u00fccher einf\u00fchren. Missverstandene Werke und Filme gab es zu h\u00e4ufig, um sich auf diese Vereinnahmung einzuschie\u00dfen \u2013 von Nietzsche bis Adorno wurden Philosophen und K\u00fcnstler beschlagnahmt, ohne dass das eine Rechtfertigung w\u00e4re, sich nicht mit ihnen auseinander zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">\u201eHero\u201c insistiert bei allen reaktion\u00e4ren Angeboten darauf, Geschichte als diskursiv zu begreifen, als unterschiedlich kolorierte Wahrnehmungen von Ereignissen, die immer schon unwahr sind und am unendlichen, im Mysterium verbleibenden Leiden der Individuen Verrat \u00fcben. Das schlie\u00dft das Goutieren der Einheitsgeschichte der Maoisten aus. Und zu deutlich feiert der Film das Individuum in all seiner Fehlerhaftigkeit, die durch die zur Schau getragene Perfektion nur unterstrichen wird. Mit den Attent\u00e4terInnen identifiziert sich das Publikum, nicht mit den schwarzen Massen, an denen allein Unheimliches, Sado-Masochistisches sich verdichtet. Der Einzelne kann in \u201eHero\u201c die Geschichte ver\u00e4ndern, straff organisierte Massen hinwegfegen, die nutzlos gegen\u00fcber dem Willen und der Kampfkunst eines Einzelnen bleiben und erschlafft zu Boden fallen. Dass zwei Individuen einen Platz st\u00fcrmen, der vor lauter Milit\u00e4r nicht zu erblicken ist \u2013 das ist eine posthume Wunschprojektion, die das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens umkehrt. Nicht die Gewalt ist es im Film, die entscheidet, sondern die Einsicht und der Plan. Geist, freie Willensentscheidung und zuletzt: freie Information von Individuum zu Individuum, wie in dem Schriftzeichen, das Zerbrochenes Schwert dem Namenlosen widmet, triumphieren \u00fcber Propaganda und Gewaltherrschaft. Die Kalligraphie-Schule als chinesisches subversives Internetcaf\u00e9 zu interpretieren, strapaziert die Analyse, liegt aber durchaus im Bereich der m\u00f6glichen Assoziationen und \u2013 sicherlich unbeabsichtigten \u2013 subversiven Effekte. Die L\u00fcge des zwanzigsten Schriftzeichens f\u00fcr Schwert ist einer kritischen Lekt\u00fcre offensichtlich \u2013 \u201eAlle unter dem Himmel\u201c bedeutet in der Welt des fetischistischen Staatsapparates die Opferung des Einzelnen zugunsten einer amorphen, wenig utopischen Masse, nicht die Bewahrung aller Einzelnen. Der Tod des Helden ist nicht die Synthese \u2013 die L\u00fccke zwischen den Pfeilen, die die Umrisse seines K\u00f6rpers bilden, ist eine Leerstelle, die nicht aufhebbar ist, die auch ein Staatsbegr\u00e4bnis nicht f\u00fcllen kann \u2013 sie fehlt f\u00fcr immer und \u201eAlle unter dem Himmel\u201c sind immer schon einer weniger. Innerhalb der Filmphilosophie w\u00e4re Protest von den Intelligenteren zu  erheben, dass &#8220;Alle unter dem Himmel&#8221; eine Grenze individueller Revolution gegen den Fetischismus aufzeigt, der von Einzelnen nicht durchbrochen werden kann.  Der Wille aller zum Frieden um jeden Preis ist es im Film, der das  Entsetzliche, die Zurichtung der Individuen zu einem schwarzen Mob,  m\u00f6glich macht und so Frieden zur Friedhofsruhe werden l\u00e4sst. Frieden um jeden Preis ist auch die aggressive Seite, die  Zerbrochenes Schwert so hinterh\u00e4ltig Fliegender Schnee aufzwingt: Seine gnostische  Hinwendung zum inneren Exil will der ritualisierten Gewalt entkommen &#8211; und wird autoaggressiv. Der Ruf nach Frieden durch Einheit gegen den Nationalismus mag verfangen \u2013 kaum jedoch die bewusstlosen und farblosen Armeen und ihr unterm Isolationstrauma leidender Herrscher. Die vom Regisseur organisierte Show zur Olympiade war Propaganda \u2013 \u201eHero\u201c ist nur unter Zensur der genannten Elemente auf dieselbe zu reduzieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Als ich Hero das erste Mal im Kino sah, war ich begeistert, entr\u00fcckt und zugleich sehr skeptisch: Das Ende beg\u00fcnstigt durchaus eine faschistoide Interpretation. Der mit dem Absolutismus durchgesetzte Zentralstaat solle \u201eAllen unter dem Himmel\u201c zu Gute kommen? Die Massen\u00e4sthetik kn\u00fcpft an die faschistischen und stalinistischen Staats-Inszenierungen an. Dann sah ich den Film erneut und diesmal mit einem anschlie\u00dfenden Vortrag eines Psychoanalytikers, der in China lehrt und zugleich sehr auf die kulturell bedingte Differenz von Interpretationsm\u00f6glichkeiten bedacht war. 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