{"id":18498,"date":"2010-07-01T20:20:14","date_gmt":"2010-07-01T19:20:14","guid":{"rendered":"http:\/\/unkultur.olifani.de\/?p=509"},"modified":"2010-07-05T00:29:30","modified_gmt":"2010-07-04T23:29:30","slug":"bluhende-nischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/07\/bluhende-nischen\/","title":{"rendered":"Bl\u00fchende Nischen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/unkultur.olifani.de\/wp-content\/uploads\/testcard_img.jpg\" alt=\"testcard_img\" title=\"testcard_img\"><\/p>\n<p>Die Zeitschrift <a href=\"testcard.de\">Testcard #19<\/a> mit dem Schwerpunkt &#8222;Bl\u00fchende Nischen&#8220; erschien zwar schon im M\u00e4rz, bei unkultur mahlen die M\u00fchlen aber langsamer und ich bekam die Ausgabe erst vor kurzem in die Hand.<\/p>\n<p>Sehr interessant fand ich die Ausf\u00fchrungen im Artikel von Martin B\u00fcsser in &#8222;Das Ende der Pop-Relevanz und das Wuchern der Nischen&#8220;. Allerdings fragte ich mich, ob diese nicht eine Fortschreibung des &#8222;Mainstream der Minderheiten&#8220;-These der 1990er Jahre darstellen. Martin B\u00fcsser beschreibt den Wandel als Verlust eines musikalischen Kanons innerhalb der Rezeption von Musik sowie des Schwindens von Publikum als Masse: &#8222;Neue, auf Pop gegr\u00fcndet Jugendbewegungen, wollten sich einfach nicht mehr bilden.&#8220; Nur wird man hier keine Antworten erhalten, wenn man nur darauf schaut, was fehlt und den Wandel versucht in den Kategorien von Jugendsubkulturen zu erfassen. Was ist denn dort, wo fr\u00fcher Bewegung gewesen w\u00e4re? Andererseits: interessiert mich das wirklich? (Der Beitrag von Jasper Nicolaisen \u00fcber Bildproduktion im Internet geht in diese Richtung. Am Ende landet man bei allerhand obskuren und interessanten Ph\u00e4nomenen, mit Musik hat das alles nichts mehr zu tun.)<\/p>\n<p>Martin B\u00fcsser beschreibt einen Zustand, den er durch Orientierungslosigkeit auf Seiten des Publikums charakterisiert sieht. Ich fragte mich an der Stelle, ob es nicht eher eine <b>Un\u00fcbersichtlichkeit<\/b> handelt. Damit meine ich, dass das was Martin B\u00fcsser beschreibt, ein Problem f\u00fcr eine Kategoriesierung darstellt. Und diese stellt weniger das Publikum vor ein Problem, als die KritikerInnen, die versuchen Erkl\u00e4rungen und Begriffe f\u00fcr die beobachteten Ph\u00e4nomene zu finden. Und gerade die Soziologie ist eine Wissenschaft der Massenph\u00e4nomene. Besch\u00e4ftigt ein Ph\u00e4nomen nur mich und meine drei FreundInnen, l\u00e4sst sich hier kaum ein soziologischer Forschungsaufwand rechtfertigen.<\/p>\n<p>Dieses Schwinden von Masse wird ja auch an ganz anderer Stelle &#8211; der Forschung zu Instutionen wie Parteien etc. &#8211; beklagt. Nur besteht das Problem m.E. f\u00fcr die Forschung, die von Masse auf Relevanz ihres Gegenstandes schlie\u00dft und damit daran unmittelbar die eigene Relevanz bindet. <b>Das Publikum als Masse schwindet<\/b> und das sieht Martin B\u00fcsser begr\u00fcndet im &#8222;Resultat einer immer kleinteiligeren Ausdifferenzierung, die mit Jugendkultur im herk\u00f6mmlichen Sinne nichts zu tun hat.&#8220; Nur stellt das an der Stelle ein Problem f\u00fcr die Forschenden dar, deren Begriffsinstrumentarium nicht mehr greift, um diese Welt zu beschreiben. Kurz gefasst: man wird das Scheitern der bisherigen Begriffe in Betracht ziehen m\u00fcssen: Szene, Jugend(-subkultur), Avantgarde, Mainstream und Underground.<\/p>\n<p>Wer ebenso ein Problem mit dem Schwinden der Masse hat, sind MusikjournalistInnen, deren Arbeit gleich doppelt prek\u00e4r besetzt ist: Journalismus und dazu noch im Bereich Musikwirtschaft, die in einer Krise und grundlegenden Transformation steckt. Thesenhaft w\u00fcrde ich hier vermuten, dass der Bedarf f\u00fcr kritisches Schreiben \u00fcber Popmusik schwindet. Die Zirkulationsgeschwindigkeit der Musikwaren hat sich m.E. deutlich erh\u00f6ht. Martin B\u00fcsser bem\u00e4ngelt hier eine fehlende Relevanz, etwa von beliebiger Auswahl von Charts im Rolling Stones Magazine.<br \/>\nAus der Perspektive elektronischer Musik wirkt diese Frage leicht befremdlich, denn hier ist klar, dass die Releases eh niemals mit dem Anspruch angetreten sind, f\u00fcr immer da zu sein, sondern an einem spezifischen Moment der Geschichte eine verg\u00e4nglichem, kurzlebige Relevanz zu entfalten.<\/p>\n<p>Ich bin mir an der Stelle nicht sicher, ob die Masse verschwunden ist. Sind wirklich alle zu Au\u00dfenseitern geworden? Da k\u00f6nnte es sein, dass Martin B\u00fcsser in der Perspektive der Nischenmusik verharrt &#8211; die auch vor 20 Jahren Nische gewesen w\u00e4re. Insofern die Frage nur auf die Nische und konstatiere: &#8222;Da ist nur Nische.&#8220; Lady Gaga verkauft tats\u00e4chlich noch Tontr\u00e4ger und auch Festivals wie &#8222;Rock am Ring&#8220; sind nach wie vor von Menschenmassen bev\u00f6lkert. Wo geht also der Konsens verloren?   <\/p>\n<p>Vielleicht so formuliert: <b>Die Position der Institutionen schwindet, die die Relevanz von Musik verschriftlicht.<\/b> Nur ist das zun\u00e4chst ein Problem f\u00fcr diese Instutionen, und zun\u00e4chst nicht f\u00fcr die unmittelbare Produktion von Musik selbst. Denn dieses scheint ja auch ganz gut ohne die Figur des Musikkritikers\/ der Musikkritikerin auszukommen. Es herrscht ein reges Treiben und eine ungeheure Menge an Musikwaren, aber das Interesse an einer theoretischen Klassifizierung scheint zu schwinden (an der Stelle: der\/die DJ ordnet Musik nach pers\u00f6nlichen Kriterien auch an und nimmt in nicht-textlicher Form eine Kanonisierung vor).<\/p>\n<p>Nur heisst das f\u00fcr das Schreiben \u00fcber Musik: wo die Relevanz nicht mehr gegeben ist, sind weder Forschungsetats anzuzapfen, noch lassen sich Gelder von Werbetr\u00e4gern oder Sponsoren auftreiben, die Herstellung der Texte und deren Publikationen finanzieren.<\/p>\n<p>Damit teilt die Popkritik das Schicksal mit der Musik selbst. Es w\u00fcrde sich lohnen, hier weiter nachzuhaken: schwindet damit die M\u00f6glichkeit von Kritik? Denn schlie\u00dflich erm\u00f6glicht erst das Heraustreten aus dem unmittelbaren Erleben. Die Transformation des H\u00f6rerlebnisses in Sprache erm\u00f6glicht eine kritische Reflexion des Gegenstandes. Eine gegenteilige Auffassung von Musikjournalismus ist selbiger als verl\u00e4ngerte Gute-Laune-Botschaft und Werbetext, wor\u00fcber ich mir <a href=\"http:\/\/unkultur.olifani.de\/?p=483\">vor einigen Monaten am Beispiel der BBC Radio1 Moderatorin Mary Anne Hobbs Gedanken<\/a> machte. Ob man hier kulturpessimistisch den Verlust kritischer \u00d6ffentlichkeit beklagen muss, oder Kritik sich k\u00fcnftig andersweitig artikulieren wird, bleibt offen. Vielleicht gab es eine zeitlang in Deutschland ein Zweckb\u00fcndnis aus Musikkritik und Schallplattenindustrie, das irgendwann obsolet wurde. Ich frage mich, ob es diesen &#8222;Diskurs jenseits der sich selbst \u00fcberlassenen Kleinstnischen&#8220; jemals gab. Jedenfalls jenseits von Diedrich Diederichsen und der Spex der sp\u00e4ten 1980er Jahre. Vielleicht entf\u00e4llt auch das Interesse auf Seite des Publikums an einem Lesen \u00fcber Musik. Wo sowieso schon so viel Musik vorhanden ist, dass sich der &#8222;noch zu h\u00f6ren&#8220; Berg niemals abtr\u00e4gen l\u00e4sst, l\u00e4sst auch das Interesse am dar\u00fcber Lesen nach. Wozu auch? Es ist doch sowieso zu viel von allem da. <\/p>\n<p>Das Problem ist ein \u00f6konomisches &#8211; und zwar f\u00fcr die ProduzentInnen von Waren. Mit dem Schwinden einer massenhaften Rezeption von Musik schwindet die M\u00f6glichkeit f\u00fcr diese, von ihren Produkten zu leben &#8211; sei es im unmittelbar mit der Produktion von Musik, sei es mittelbar mit dem Schreiben dar\u00fcber. <b>Als h\u00e4tte sich D.I.Y. als Dystopie verwirklicht: Die kaptialistische Konkurrenz sowie der Zwang seinen Lebensunterhalt monet\u00e4r zu bestreiten sind nicht au\u00dfer Kraft gesetzt, daf\u00fcr darf jede und jeder die Welt mit Waren \u00fcberfluten, f\u00fcr die sich keine K\u00e4uferInnen mehr finden lassen.<\/b><\/p>\n<p>Um zum Ende zu kommen und spekulativ in den Raum zu denken: an den Ger\u00e4ten l\u00e4sst sich eine Ver\u00e4nderung der Entwicklung ablesen. Wahrscheinlich das Handy, dass als Multifunktionsger\u00e4t nahezu alles kann. Es l\u00e4sst sich nutzen um damit zu telefonieren, Emails schreiben, von der Wasserwaagen- bis zur Navigationsapp ist alles darauf, es ist Spielkonsole, man kann damit Musik h\u00f6ren (+ Musik produzieren) oder Videofilme und Photos aufnehmen und ansehen. U.a. auf die Bildproduktion hat das ebenso gravierende Auswirkung wie auf die Wahrnehmung von Musik. Musik ist als digitales Format vorhanden und damit ebenso verf\u00fcgbar wie andere digitale Daten. Musik konkurriert um Aufmerksamkeit mit Computerspielen, Videos etc. Die Wahrnehmung von Musik ver\u00e4ndert sich, es kommt zur Syn\u00e4sthesie. Musikmagazine online funktionieren 2010 anders als gedruckte Hefte 1990. Die Vermischung aus Journalismus und Musikpromotion schreitet voran, wenn neben dem Artikel gleich ein Widget mit einem Soundfile zu finden ist (zuf\u00e4llig gew\u00e4hltes Beispiel siehe <a href=\"http:\/\/www.urb.com\/\" onclick=\"javascript:pageTracker._trackPageview('\/www.urb.com');\">http:\/\/www.urb.com\/<\/a>). Der Druck auf die ProduzentInnen steigt Freebies und Promomaterial in gro\u00dfen Mengen zu produzieren. Gleichzeitig ist Information \u00fcberall verf\u00fcgbar und es besteht die M\u00f6glichkeit &#8211; etwa via Blogkommentare &#8211; Texte von Seiten des Publikums aus direkt zu kommentieren. <\/p>\n<p>Nur f\u00fchrt dies nicht zum Schlaraffenland der freien G\u00fcter, sondern der Datenstress des Bescheidwissen-M\u00fcssens. Wie Geert Lovink es formulierte: Freizeit ist Downloadzeit. Man wird sich Begriffe suchen m\u00fcssen, um diesen Wandel zu fassen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeitschrift <a href=\"testcard.de\">Testcard #19<\/a> mit dem Schwerpunkt &#8222;Bl\u00fchende Nischen&#8220; erschien zwar schon im M\u00e4rz, bei unkultur mahlen die M\u00fchlen aber langsamer und ich bekam die Ausgabe erst vor kurzem in die Hand.<\/p>\n<p>Sehr interessant fand ich die Ausf\u00fchrungen im Artikel von Martin B\u00fcsser in &#8222;Das Ende der Pop-Relevanz und das Wuchern der Nischen&#8220;. Allerdings fragte ich mich, ob diese nicht eine Fortschreibung des &#8222;Mainstream der Minderheiten&#8220;-These der 1990er Jahre darstellen. Martin B\u00fcsser beschreibt den Wandel als Verlust eines musikalischen Kanons innerhalb der Rezeption von Musik sowie des Schwindens von Publikum als Masse: &#8222;Neue, auf Pop gegr\u00fcndet Jugendbewegungen, wollten sich einfach nicht mehr bilden.&#8220; Nur wird man hier keine Antworten erhalten, wenn man nur darauf schaut, was fehlt und den Wandel versucht in den Kategorien von Jugendsubkulturen zu erfassen. Was ist denn dort, wo fr\u00fcher Bewegung gewesen w\u00e4re? Andererseits: interessiert mich das wirklich? (Der Beitrag von Jasper Nicolaisen \u00fcber Bildproduktion im Internet geht in diese Richtung. 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