{"id":19370,"date":"2010-09-05T16:52:58","date_gmt":"2010-09-05T15:52:58","guid":{"rendered":"http:\/\/abdelkader.blogsport.de\/2010\/09\/05\/der-determinismus-durch-die-kultur\/"},"modified":"2010-09-05T23:37:26","modified_gmt":"2010-09-05T22:37:26","slug":"der-determinismus-durch-die-%e2%80%9ekultur%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/09\/der-determinismus-durch-die-%e2%80%9ekultur%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Der Determinismus durch die \u201eKultur\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zum ersten Mal auf diesem Blog wird hier der Gastbeitrag eines weiteren Autors online gestellt. Thema ist die Rolle von &#8222;Kultur&#8220; und Religion in aktuellen rassistischen Debatten im Zusammenhang mit Sarrazins Aussagen:<\/em><\/p>\n<p>Was erkl\u00e4rt eigentlich der Verweis auf &#8222;Kultur&#8220; und &#8222;Religion&#8220;? In den meisten F\u00e4llen, dass man &#8222;fremd&#8220; ist und eine problematische &#8222;Abweichung&#8220; darstellt, die nicht dazugeh\u00f6rt. Begriffe wie &#8222;Kultur&#8220; und &#8222;Religion&#8220; sind lediglich Schlagworte, deren Inhalt ungenau bleibt, als ob damit schon ein Problem erfasst w\u00e4re. Die Mehrheit bestimmt, was die &#8222;Wahrheit&#8220; ist, w\u00e4hrend die &#8222;Anderen&#8220; selten eine &#8222;Stimme&#8220; besitzen. Dabei ist auch eine Mehrheit subjektiv und hat nicht automatisch Recht (so wie dies am Beispiel der NS-Zeit klar wird).<\/p>\n<p>&#8222;Rasse&#8220; ist eine soziokulturelle Erfindung, die im Alltag hergestellt und legitimiert wird. So ging die Konstruktion einer (j\u00fcdischen) &#8222;Rasse&#8220; bis zum Ende der NS-Zeit (vorrangig auf &#8222;naturwissenschaftlicher&#8220; Grundlage) einher mit biologistischen Argumentationen auf breiter gesellschaftlicher Basis. &#8222;Rasse&#8220; wurde aber immer schon &#8211;  auch damals &#8211; sozial und diskursiv hergestellt (bspw. ebenso mit Hilfe der Geisteswissenschaften, Bildungsinstitutionen oder der Massenmedien). Die Argumentationen wie Problematisierungen der &#8222;Anderen&#8220; waren damals schon ebenso kulturalistisch, und es sind, trotz der Br\u00fcche, auch heute noch ideologische Kontinuit\u00e4ten erkennbar. Es gibt auch heute nicht &#8222;den&#8220; Rassismus, sondern verschiedene &#8222;Rassismen&#8220; und rassistische Effekte, die z.B. in vielf\u00e4ltige Ausschl\u00fcsse m\u00fcnden. <\/p>\n<p>Die Debatten der letzten Tage sind gekennzeichnet von der Auffassung, dass wenn man nicht biologisch durch &#8222;die Gene&#8220; determiniert ist, dann wohl durch &#8222;die&#8220; &#8222;Kultur&#8220; oder &#8222;Religion&#8220;! W\u00e4hrend die einen per Geburt als &#8222;normale&#8220;, &#8222;aufgekl\u00e4rte&#8220; &#8222;Individuen&#8220; erscheinen und durchg\u00e4ngig positiv besetzt werden, erscheinen die &#8222;Anderen&#8220; als Repr\u00e4sentant_innen eines starren, &#8222;homogenen&#8220;, abweichenden und essentiell &#8222;defizit\u00e4ren&#8220; Kollektivs. Was macht die &#8222;Kultur&#8220; oder &#8222;Religion&#8220; eigentlich strukturell anders? Diese Frage wird f\u00fcr gew\u00f6hnlich stereotyp und oberfl\u00e4chlich beantwortet.<\/p>\n<p>Es reicht z.B. aus, dass einzelne Menschen aus dem vermeintlichen &#8222;Kollektiv&#8220; negativ auffallen, so dass sich jede_r Einzelne daf\u00fcr verantworten muss &#8211; jeden Tag aufs Neue. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen sich in ihre Schutzr\u00e4ume zur\u00fcckziehen oder Medien nutzen, in denen sie nicht permanent &#8222;entfremdet&#8220; und diffamiert werden. <\/p>\n<p>Die spezifischen strukturellen Ursachen in den Lebenswelten werden nicht gen\u00fcgend betrachtet, sondern die Problematik weitgehend der &#8222;Andersartigkeit&#8220; der &#8222;Anderen&#8220; wie &#8222;Muslim_innen&#8220;, &#8222;T\u00fcrk_innen&#8220; usw., ihren &#8222;Parallelgesellschaften&#8220;, &#8222;-welten&#8220; oder &#8222;-dimensionen&#8220; \u00fcberantwortet (was \u00fcbrigens nach dem Grad der behaupteten Segregation jeweils aufs Gleiche hinausliefe). <\/p>\n<p>Die Menschen mit &#8222;Migrationshintergrund&#8220; in den &#8222;Problembezirken&#8220; haben z.B. zudem auch kaum (\u00f6konomisches, kulturelles, soziales und symbolisches) Kapital zum Wegziehen oder f\u00fcr &#8222;bessere&#8220; Schulen, kriegen schlechter Wohnungen und Jobs und sind auch weniger willkommen in Gegenden, wo sie z.B. nicht ins &#8222;deutsche&#8220; Bild passen. <\/p>\n<p>Die isolierte Betrachtung der Lebenswirklichkeiten von den allgemeinen sozialen Bedingungen macht keinen Sinn. Eine isolierte Bestandsaufnahme ohne Ber\u00fccksichtigung rechtlicher, beh\u00f6rdlicher, gesellschaftlicher, sozialer und allt\u00e4glicher Strukturen ist irref\u00fchrend. Dabei wird allenfalls die &#8222;Schuld&#8220;, die &#8222;Unf\u00e4higkeit&#8220;, das &#8222;Un-Verm\u00f6gen&#8220; der &#8222;Anderen&#8220; konstatiert, so dass alle sozialen Probleme auf sie projiziert und repressive Ma\u00dfnahmen ergriffen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gibt am Ende f\u00fcr die Betroffenen nie ein Entkommen aus der Zuweisung auf den sozial vorgesehenen Platz als &#8222;Andere&#8220;, keine Alternativen, um dem &#8222;Stigma&#8220; der &#8222;Andersartigkeit&#8220; zu entgehen, mit dem man kollektiv behaftet wird! Es ist ein subjektiv durchf\u00e4rbtes, ungleiches Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, das strukturell, gesamtgesellschaftlich zu ergr\u00fcnden ist. Denn die Menschen leben nicht isoliert f\u00fcr sich, sondern leben im Hier und Jetzt und m\u00f6chten auch &#8222;hier&#8220; ankommen.<\/p>\n<p>(<em>Spike<\/em>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\n<p><em>Zum ersten Mal auf diesem Blog wird hier der Gastbeitrag eines weiteren Autors online gestellt. Thema ist die Rolle von &#8222;Kultur&#8220; und Religion in aktuellen rassistischen Debatten im Zusammenhang mit Sarrazins Aussagen:<\/em><\/p>\n<p>Was erkl\u00e4rt eigentlich der Verweis auf &#8222;Kultur&#8220; und &#8222;Religion&#8220;? In den meisten F\u00e4llen, dass man &#8222;fremd&#8220; ist und eine problematische &#8222;Abweichung&#8220; darstellt, die nicht dazugeh\u00f6rt. Begriffe wie &#8222;Kultur&#8220; und &#8222;Religion&#8220; sind lediglich Schlagworte, deren Inhalt ungenau bleibt, als ob damit schon ein Problem erfasst w\u00e4re. 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