{"id":20583,"date":"2010-12-21T23:34:50","date_gmt":"2010-12-21T22:34:50","guid":{"rendered":"http:\/\/nichtidentisches.wordpress.com\/?p=863"},"modified":"2010-12-24T03:23:43","modified_gmt":"2010-12-24T02:23:43","slug":"korrekturen-am-%e2%80%9ehinterland%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/12\/korrekturen-am-%e2%80%9ehinterland%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Korrekturen am \u201eHinterland\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Das <a href=\"http:\/\/www.hinterland-magazin.de\/\">&#8222;Hinterland-Magazin&#8220;<\/a> des bayrischen Fl\u00fcchtlingsrates hat die j\u00fcngste Ausgabe Afrika gewidmet. Dabei liest man manche interessante Meinung und leider auch einigen Unfug. So wird im Artikel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.hinterland-magazin.de\/pdf\/15-06.pdf\">Panafrikanismus reloaded<\/a>&#8220; vom &#8222;Arbeitskreis Panafrikanismus M\u00fcnchen&#8220; eine Neuauflage des Panafrikanismus vorgeschlagen, die im Prinzip die gleiche Leier des dagewesenen auflegt und nicht ohne alte Helden auskommt. Da wird das Loblied auf Kwame Nkrumah gesungen, der einst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ghana\">Ghana<\/a> in die Unabh\u00e4ngigkeit gef\u00fchrt habe. Wie gro\u00df Nkrumahs Verdienst daran tats\u00e4chlich war, ist umstritten. Dass er das Land Goldk\u00fcste nach dem alten K\u00f6nigreich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reich_von_Ghana\">Gana<\/a> benannte war schon Ausdruck einer Gro\u00dfmannssucht, die sich im sp\u00e4teren Verlauf seiner Herrschaft auspr\u00e4gte. Im Rahmen der &#8222;Unification&#8220;, das Hauptargument aller sp\u00e4teren afrikanischen Diktatoren, wurden Gewerkschaften aufgel\u00f6st und Jugendorganisationen zu staatstreuen Spitzelsystemen umfunktioniert. In der &#8222;Hinterland&#8220; wird dies einfach verschwiegen:<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">&#8222;Nkrumah war ein unerm\u00fcdlicher Streiter f\u00fcr die Befreiung des ganzen afrikanischen Kontinents von geistiger Sklaverei, politischer Fremdherrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung. Durch seine Bem\u00fchungen wurde die Organisation f\u00fcr Afrikanische Einheit (OAU, heute AU) gegr\u00fcndet. Nach Meinung Nkrumahs ist die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit nur durch die Einheit aller afrikanischen L\u00e4nder m\u00f6glich. Auf dem Gr\u00fcndungstreffen der OAU 1963 sagte er: \u201eDie afrikanische Einheit ist in erster Linie ein politisches K\u00f6nigreich, welches nur durch politische Instrumente erreicht werden kann. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Afrikas wird ausschlie\u00dflich innerhalb dieses K\u00f6nigreichs stattfinden und nicht andersherum.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Wie ein solches K\u00f6nigreich funktioniert wurde sp\u00e4testens 2009 in Ghana noch einmal demonstriert: Von einigen finanziell h\u00f6rig gemachten Chiefs und K\u00f6nigen wurde Muama Gaddafi, der Diktator Libyens, zum &#8222;K\u00f6nig von Afrika&#8220; gekr\u00f6nt. (<a href=\"http:\/\/allafrica.com\/stories\/200907171106.html\">1<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.modernghana.com\/news\/228236\/1\/the-danger-with-muamua-gaddafi.html\">2<\/a>) Die demokratische Mehrheit Ghanas w\u00e4hlte indessen den westlichen Antagonisten zum Popstar, Sexsymbol und virtuellen Pr\u00e4sidenten Afrikas: Barak Obama.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Die Parole &#8222;Africa Unite&#8220; ist eine der Eliten und Afroromantiker. Der Mehrheit auf der Stra\u00dfe sind bereits die Nachbarregionen suspekt oder unbekannt, manche halten ihren Landstrich f\u00fcr ganz Afrika und Europa f\u00fcr ein Nachbarland. Sie wissen zudem genau, was sie von einer Regierung eines geeinten Afrika zu erwarten h\u00e4tten: noch mehr Korruption. Auf den beliebten Kongressen werden vor allem &#8222;Wir&#8220;-Formeln gew\u00e4lzt und autorit\u00e4re Charaktere durchdekliniert. Von einer Emanzipation der Individuen liest man wenig, es geht um &#8222;our culture&#8220; und &#8222;Tradition&#8220;. Diese Parolen dichteten Afrika immer dort ab, wo es am reaktion\u00e4rsten war und am lautesten h\u00f6rt man sie von jenen, die am meisten von der Ablenkung eines Klassebewusstseins hin zu einem nationalistischen panafrikanistischen Antiimperialismus und traditionalistischen Bauchpinseln und Zeremonienhubern profitieren. Ein wirklich fortschrittliches Afrika wird nicht geeint sein, sondern ein diversifiziertes, in dem Verschiedenheit ohne Angst m\u00f6glich sein wird. Und daf\u00fcr wiederum gibt es doch in nicht wenigen Staaten Afrikas starke Hoffnungen.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein anderer Artikel mit dem Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.hinterland-magazin.de\/pdf\/15-20.pdf\">Arm, krank, abh\u00e4ngig<\/a>&#8220; t\u00e4uscht ebenfalls \u00fcber Realit\u00e4ten hinweg. Richtig wird noch darauf verwiesen, dass Afrika nicht arm sei, sondern &#8222;verarmt&#8220;. Zu gut bekannt ist Nigerias Absturz von einer der gr\u00f6\u00dften \u00d6konomien der Welt zu einer pauperisierten Brutst\u00e4tte von Gewalt und Korruption. Leider folgt die \u00fcbliche Verschw\u00f6rungstheorie:<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">&#8222;Die Massenmedien berichten nicht, worum es in vielen Konflikten wirklich geht, weil das die westliche Gesellschaft moralisch ersch\u00fcttern w\u00fcrde. Es wird Krieg gef\u00fchrt, damit die Industrie weiter produzieren kann, damit die Waffen weiter verkauft werden, damit ihre Bev\u00f6lkerung zur Arbeit gehen kann, damit ihre Bev\u00f6lkerung zufrieden bleibt. So verhindert man Unruhe bei sich, damit man weiter regieren kann, oder um im kleinen Kreis, zum Beispiel der G8, die Welt weiter zu regieren. Es wird kaum berichtet, dass es im Kongo Kindersoldaten und -soldatinnen geben muss, damit die Kinder hier Handys tragen k\u00f6nnen. Die Hutu und Tutsi haben nicht ohne Grund gegeneinander gek\u00e4mpft, aber es wird nicht \u00fcber die Mitverantwortung der Regierungen in Deutschland, Frankreich, Belgien und der UNO geredet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ein solcher Jargon macht noch jede afrikanische Gr\u00e4ueltat zum Agenten westlicher Interessen. Das entm\u00fcndigt Afrikaner auf eine perfide Art und Weise: die Intelligenz und Kreativit\u00e4t, die f\u00fcr jene b\u00f6sen Taten n\u00f6tig ist, wird ihnen abgesprochen und den verschw\u00f6rerischen Wei\u00dfen zugeschlagen, die naive Afrikaner zu solchen entsetzlichen Taten regelrecht ausbilden m\u00fcssten. Dieses naivisierte Bild Afrikas ist nicht weniger rassistisch als das jenes, das die Konflikte dort auf die Hautfarbe zur\u00fcckf\u00fchrt: es blendet die F\u00e4higkeit zur extremen Aggression aus, entmenschlicht Afrikaner zu passiven, Befehlsempf\u00e4ngern westlicher Verschw\u00f6rungszentralen. Kein Kind &#8222;muss&#8220; zum Kindersoldat werden, damit &#8222;die Kinder hier Handys&#8220; haben. Abgesehen davon hat virtuell jeder Afrikaner und auch viele ihrer Kinder ein Mobiltelefon. Der Rohstoffreichtum bedeutet eben nicht Afrikas Fluch, weil die westlichen Demokratien ihr perfides Spiel damit treiben w\u00fcrden (was sie sicherlich auch taten und tun in ihrer Kollaboration mit afrikanischen Diktatoren), sondern weil Rohstoffe ohne angeschlossene Industrie eine starke Verteilungstendenz bedingen und staatliche Strukturen sowohl st\u00e4rken als auch korrumpieren und dies erst recht, wenn die Einheits- und Harmonieideologie so stark ist wie in Afrika. Leider ist mit der Parole des Informationszeitalters und dem gleichzeitigen Fokus auf Rohstoffe wie Erd\u00f6l au\u00dfer Acht geraten, was Marx und andere als wesentliche Grundlage f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung herausstellen: Die Hinzuf\u00fcgung menschlicher Arbeitskraft zu Rohstoffen. Und die funktioniert gerade im Informationszeitalter \u00fcber Industrien. Das immerhin hatte Nkrumah noch verstanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Das <a href=\"http:\/\/www.hinterland-magazin.de\/\">&#8222;Hinterland-Magazin&#8220;<\/a> des bayrischen Fl\u00fcchtlingsrates hat die j\u00fcngste Ausgabe Afrika gewidmet. Dabei liest man manche interessante Meinung und leider auch einigen Unfug. So wird im Artikel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.hinterland-magazin.de\/pdf\/15-06.pdf\">Panafrikanismus reloaded<\/a>&#8220; vom &#8222;Arbeitskreis Panafrikanismus M\u00fcnchen&#8220; eine Neuauflage des Panafrikanismus vorgeschlagen, die im Prinzip die gleiche Leier des dagewesenen auflegt und nicht ohne alte Helden auskommt. Da wird das Loblied auf Kwame Nkrumah gesungen, der einst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ghana\">Ghana<\/a> in die Unabh\u00e4ngigkeit gef\u00fchrt habe. Wie gro\u00df Nkrumahs Verdienst daran tats\u00e4chlich war, ist umstritten. 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