{"id":21131,"date":"2011-02-15T20:53:59","date_gmt":"2011-02-15T19:53:59","guid":{"rendered":"http:\/\/agqueerstudies.de\/?p=1330"},"modified":"2011-02-16T01:07:29","modified_gmt":"2011-02-16T00:07:29","slug":"das-kleine-einmaleins-gangiger-abwehrmechanismen-lippenbekenntnisse-definitionsmacht-und-die-uberempfindlichen-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2011\/02\/das-kleine-einmaleins-gangiger-abwehrmechanismen-lippenbekenntnisse-definitionsmacht-und-die-uberempfindlichen-anderen\/","title":{"rendered":"Das kleine Einmaleins g\u00e4ngiger Abwehrmechanismen: Lippenbekenntnisse, Definitionsmacht und die \u00fcberempfindlichen Anderen"},"content":{"rendered":"<p>Der Image-Film &#8220;Inside AStA&#8221; des AStA der UHH wurde vor, w\u00e4hrend und nach der Erstvorf\u00fchrung am 3.2.2011 im Abaton \u2013 welches \u00fcbrigens durch seine Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung entgegen des sonst gepflegten Images von hohem k\u00fcnstlerischem und politischem Anspruch alle Diskussionen vor der Vorf\u00fchrung abblockte \u2013 aufgrund der darin enthaltenen Rassismen und Sexismen von vielen Seiten massiv kritisiert (Linksammlungen zum Kontext findet ihr bei den <a href=\"http:\/\/afrikawissenschaft.wordpress.com\/2011\/02\/09\/rassismus-an-der-hochschule\/\">Afrikawissenschaften<\/a>, auf den <a href=\"http:\/\/stupanews.wordpress.com\/tag\/image-film\/\">stupanews<\/a> und bei <a href=\"http:\/\/agqueerstudies.de\/der-asta-und-die-ignoranz-gegenuber-eigenen-rassismen-in-einem-misslungenen-%E2%80%9Eimage-film%E2%80%9C\/\">uns<\/a>). Nun hat der AStA vor einer Woche die Stellungnahme &#8220;<a href=\"http:\/\/www.asta-uhh.de\/home\/home-detail\/article\/zum-thema-rassismus.html\">Zum Thema Rassismus<\/a>&#8221; ver\u00f6ffentlicht, die auch wir nicht unkommentiert stehen lassen k\u00f6nnen und wollen.<\/p>\n<p>Die Stellungnahme des AStA beginnt mit den \u00fcblichen inhaltsleeren Worth\u00fclsen, wie sie gerne auch von Politiker_innen oder Firmenvorst\u00e4nden in die Welt gesetzt werden, um von eigenen Schw\u00e4chen abzulenken bzw. ein angeschlagenes Image wortgewaltig herum zu rei\u00dfen: Es m\u00fcsse &#8220;aktiv gegen Rassismus eingetreten werden&#8221;, die &#8220;wichtige Diskussion um Rassismus ist eine f\u00fcr eine gerechte Gesellschaft zwangsl\u00e4ufige&#8221;. Wenn der AStA dies so sieht, fragen wir uns allerdings, warum er sich der Debatte nicht stellt. Die Diskussion im Rahmen der Filmpremiere wurde nach ca. zwanzig Minuten abgebrochen, an der anschlie\u00dfenden Diskussion in anderen R\u00e4umlichkeiten nahm der AStA nicht teil. Das Black Students Network hat in der gleichen Woche als die Stellungnahme erschien, einen Brief an Monty Arnold geschrieben, mit der Bitte an einer Diskussion \u00fcber den Film teilzunehmen. Dieser wurde am 15.2. auf dem Blog des <a href=\"http:\/\/bsnhamburg.jimdo.com\/blog-1\/\">BSN ver\u00f6ffentlicht<\/a>. Darauf kam bisher keine Antwort und auch von Seiten des AStA kam kein Gespr\u00e4chsangebot an die Kritiker_innen.<\/p>\n<p>Um aber tats\u00e4chlich einen &#8220;zensurfreien Diskurs&#8221; zum Film und seine rassistischen und sexistischen stereotypen Bilder f\u00fchren zu k\u00f6nnen, w\u00e4re zumindest eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik n\u00f6tig! Das Statements hinterl\u00e4sst bei uns das dumpfe Gef\u00fchl, eine kaum begr\u00fcndete Zur\u00fcckweisung der Kritiken entlang der g\u00e4ngigen Abwehrmechanismen gelesen zu haben.<\/p>\n<p>Der AStA definiert darin Rassismus als &#8220;das gleichzeitige Wirken von Vorurteilen und einem ungleichen Machtverh\u00e4ltnis&#8221;. Wie es vor diesem Hintergrund m\u00f6glich ist, den Image-Film als nicht rassistisch bezeichnen kann, ist uns schleierhaft: Wir finden im Film einerseits eine Vielzahl von stereotypen Vorurteilen (&#8220;Urgewalt&#8221;, &#8220;Folklore&#8221;), andererseits die angesprochenen &#8220;ungleichen Machtverh\u00e4ltnisse&#8221;, ausgedr\u00fcckt in der unterlegenen Position der Schwarzen Putzfrauen und die \u00fcberlegene Position der intellektuellen Wei\u00dfen, die h\u00f6heren Arbeiten nachgehen. Der Film best\u00e4tigt so genau die aktuell herrschenden ungleichen Machtverh\u00e4ltnisse. Welche Personen haben Spitzenpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik inne? Und wer verrichtet in unserer Gesellschaft die ungeliebten Arbeiten, die als &#8220;nieder&#8221; gelten?<br \/>\nLaut AStA-Stellungnahme seien besagte Szenen aber keinesfalls rassistisch, sondern st\u00fcnden in der Tradition des Kabarett. Stur zu behaupten, etwas sei Kabarett bedeutet aber nicht automatisch das Erf\u00fcllen der daf\u00fcr n\u00f6tigen Kriterien. Auch der Verweis auf nebul\u00f6se, nicht n\u00e4her erl\u00e4uterte &#8220;filmtheoretische Betrachtung&#8221; (etwa durch Timo Hempel selbst?) hilft da nicht wirklich weiter und wirkt eher wie ein Versuch der Einsch\u00fcchterung oder Beeindruckung der Lesenden durch das Vorgaukeln eines wissenschaftlichen Anspruchs. Nicht jede \u00fcberspitzte Darstellung dekonstruiert automatisch Stereotype und dass erst erkl\u00e4rt werden muss, wo in ihrem Film damit gebrochen wird, erschwert die Interpretation als Satire erheblich. (Nach der Argumentation des AStA w\u00e4re wohl auch Astra-Werbung antisexistisch und die BILD-Zeitung das emanzipatorischste Medium weit und breit.)<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren \u00c4u\u00dferungen hat der AStA versucht, sich darauf heraus zu reden, dass der Film voller Insider-Witze sei. Dies beschr\u00e4nkt den Kreis derer, die sich die satirische Komponente des Films erschlie\u00dfen k\u00f6nnen, nat\u00fcrlich erheblich. Es l\u00e4uft also letztlich darauf hinaus, dass der AStA sich mit diesem Film \u00fcber Dinge lustig macht, \u00fcber die nur die Verantwortlichen selbst lachen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Wie wenig der AStA tats\u00e4chlich bereit ist, sich mit Kritik auseinanderzusetzen, demonstriert er in der Stellungnahme durch wiederholte Versuche, mit Gewalt die Definitionsmacht an sich zu rei\u00dfen: Weil der AStA durch seine Einsichten in filmtheoretische Betrachtung sich selbst best\u00e4tigt, dass der Film &#8220;klar erkenntlich&#8221; auf das &#8220;differenzierte Gegenteil&#8221; von Stereotypen abziele, sei er erwiesenerma\u00dfen Kabarett. Und weil der AStA selbst den Film als &#8220;nicht rassistisch&#8221; einordnet, sei er das dann auch nicht! Solche S\u00e4tze verweisen nicht nur auf v\u00f6llige Kritikunf\u00e4higkeit, vielmehr: dieser selbst-referenzielle Zirkelschluss enth\u00e4lt keinerlei Argumentation und erf\u00fcllt nicht einmal die minimalen Anforderungen an eine Auseinandersetzung auf gleicher Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Getreu der beliebten Argumentationsfigur &#8220;Es ist nicht rassistisch, weil ich kein\/e Rassist\/in bin und das so bestimme&#8221; weist der AStA auch auf seine angeblichen anti-rassistischen und anti-diskriminierenden Errungenschaften hin \u2013 ganz abgesehen davon, dass niemand vor verinnerlichten Rassismen gefeit ist, egal wie lange und intensiv man sich mit Rassismus besch\u00e4ftigt hat. Wenn er sich aber im Rahmen seines hier selbst gelobten Einsatzes gegen Diskriminierung mit der Wiederwahl des &#8220;Ausl\u00e4nderInnenReferats&#8221; und der Einf\u00fchrung der &#8220;M\u00e4nnertage&#8221; br\u00fcsten will, m\u00fcssen wir an dieser Stelle das erste Mal bitter auflachen.<br \/>\nGenau diese AStA Koalition hat die gew\u00e4hlten Referent_innen des &#8220;Aref&#8221; zwei Jahre lang nicht best\u00e4tigt und dann durch Verfahrensfragen und Formalia gegen den Willen der Betroffenen dort eine neue Struktur etabliert. Jetzt zu schreiben, dass &#8220;auf [ihr] Hinwirken in [ihrer] Legislatur wieder eine rechtm\u00e4\u00dfige und erfolgreiche Wahl des &#8220;Ausl\u00e4nderInnenreferates&#8221; durchgef\u00fchrt&#8221; wurde, ist absurd und anma\u00dfend.<br \/>\nProgramm und Ausrichtung besagter &#8220;M\u00e4nnertage&#8221; hatten mit Fu\u00dfball gucken, Ger\u00e4tetraining in der Kaifu-Lodge, Kochkurs und dem Vortrag eines nicht unproblematischen Scheidungsv\u00e4ter-Vereins wohl nur wei\u00dfe heterosexuelle M\u00e4nner im Fokus. Unseres Erachtens reihen sie sich damit eher in einen bestimmten Jammer-Diskurs ein. Demnach sei der Feminismus und die ganze Frauenf\u00f6rderung daran schuld, dass heute Jungs und M\u00e4nner ins Hintertreffen geraten seien. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch sie Diskriminierung erfahren, allerdings meist dann, wenn sie sich nicht wie &#8220;richtige&#8221; M\u00e4nner verhalten (wollen).<br \/>\nSexismus ist schlecht f\u00fcr Alle, seine Stereotype schr\u00e4nken auch die M\u00f6glichkeiten von M\u00e4nnern ein. Aber die Antidiskriminierungsstrategien des AStA kommen gut ohne Kritik an hegemonialer M\u00e4nnlichkeit und den Privilegien von wei\u00dfen heterosexuellen M\u00e4nnern aus. Besonders brisant ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass wir auch genau dieser AStA-Koalition die Abschaffung des FrauenLesben-Rats zu verdanken haben. Damit wurde der gesellschaftliche Backlash gegen den Feminismus ganz aktiv unterst\u00fctzt und die nach wie vor schlechtere Stellung von Frauen in unserer Gesellschaft spielt f\u00fcr die politische Arbeit dieses AStA anscheinend kaum eine Rolle.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verf\u00e4llt der AStA in die Opferhaltung: Es wird der Wunsch nach einem &#8220;offenen Dialog ohne vorverurteilende Anschuldigungen&#8221; ge\u00e4u\u00dfert, von &#8220;Unklarheiten&#8221; gesprochen, au\u00dferdem k\u00f6nne in der &#8220;Lebensrealit\u00e4t des Bezeichneten Rassismus stattfinden, ohne dass die [andere] [&#8230;] Person [&#8230;] ein Rassist sein muss.&#8221; Die Kritiker_innen sind also zu empfindlich, sehen Rassismus, wo keiner ist, verstehen den Witz nicht \u2013 auch dies ist eine beliebte Taktik, sich nicht mit Kritik auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Jetzt fehlt nur noch der Tipp an die Kritiker_innen, sich mal ein bisschen locker zu machen. <\/p>\n<p>Die Bem\u00fchungen, sich der l\u00e4stigen Stimmen zu entledigen, gipfeln in der Pseudoentschuldigung des AStA, er bitte &#8220;alle Menschen, bei denen dieser Film f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse gesorgt hat, um Entschuldigung&#8221;. Dies ist keine Entschuldigung, sondern eine Unversch\u00e4mtheit! Ein Missverst\u00e4ndnis seitens der Kritiker_innen zu konstruieren, ist Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, unbegr\u00fcndetes \u00dcberlegenheitsgebaren und ein billiger Weg, sich der Verantwortung zu entziehen! <\/p>\n<p>Unser Fazit:<br \/>\nDiese Stellungnahme des AStA UHH und ihr verzweifeltes Bem\u00fchen sich selbst als wackere Bek\u00e4mpfer_innen von Diskriminierung darzustellen, ist ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr alle Gruppen, die jeden Tag gegen strukturelle, gewaltf\u00f6rmige und allt\u00e4gliche Diskriminierung k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Weitere Reaktionen auf die Stellungnahme findet ihr u.a.  <\/p>\n<ul>\n<li>bei den<a href=\"http:\/\/blog.jusos.de\/2011\/02\/rassismus-inside-asta\/\"> Bundesjusos<\/a>(!),<\/li>\n<li>auf <a href=\"http:\/\/www.campusgruen.org\/news\/Stellungnahme_Inside-AStA\/\">CampusGr\u00fcn<\/a>, <\/li>\n<li>beim <a href=\"http:\/\/www.regenbogenhamburg.de\/?q=node\/148\">Regenbogen<\/a><\/li>\n<li>und bei den <a href=\"http:\/\/gewstudis.blogsport.de\/2011\/02\/15\/pm-der-asta-der-uni-hamburg-ignoriert-die-kritik-an-seinem-image-film-und-reagiert-mit-zensur\/\">GEW Studis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Image-Film &#8220;Inside AStA&#8221; des AStA der UHH wurde vor, w\u00e4hrend und nach der Erstvorf\u00fchrung am 3.2.2011 im Abaton \u2013 welches \u00fcbrigens durch seine Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung entgegen des sonst gepflegten Images von hohem k\u00fcnstlerischem und politischem Anspruch alle Diskussionen vor der Vorf\u00fchrung abblockte \u2013 aufgrund der darin enthaltenen Rassismen und Sexismen von vielen Seiten massiv kritisiert (Linksammlungen zum Kontext findet ihr bei den <a href=\"http:\/\/afrikawissenschaft.wordpress.com\/2011\/02\/09\/rassismus-an-der-hochschule\/\">Afrikawissenschaften<\/a>, auf den <a href=\"http:\/\/stupanews.wordpress.com\/tag\/image-film\/\">stupanews<\/a> und bei <a href=\"http:\/\/agqueerstudies.de\/der-asta-und-die-ignoranz-gegenuber-eigenen-rassismen-in-einem-misslungenen-%E2%80%9Eimage-film%E2%80%9C\/\">uns<\/a>). 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