{"id":21698,"date":"2011-04-16T10:52:29","date_gmt":"2011-04-16T09:52:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nichtidentisches.wordpress.com\/?p=998"},"modified":"2011-04-17T23:51:19","modified_gmt":"2011-04-17T22:51:19","slug":"puritanisches-medium-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2011\/04\/puritanisches-medium-taz\/","title":{"rendered":"Puritanisches Medium Taz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Die allseitig gewonnene Informationsfreiheit scheint mit einem gesteigerten Bed\u00fcrfnis nach Geheimnissen einherzugehen. Der Wirbel um Wikileaks vertuschte das altbekannte und logische, das zur Sensation aufgebauscht und damit verleugnet wurde. Einiges war im Zitat neu, aber der Inhalt \u00fcberraschte keine Kenntnis der jeweiligen Materie. Auch G\u00fcnter Wallraffs Versuch, den Rassismus in Deutschland am eigenen Leibe sp\u00fcrbar zu machen, zog von den bestehenden Berichten und Klagen eher Glaubw\u00fcrdigkeit ab. Und die j\u00fcngste Publikation von Ausz\u00fcgen aus dem gehackten Email-Verkehr der NPD durch die taz brachte kaum Neues, stachelte der taz aber die Lust am Verkauf des Geheimnisses an.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">F\u00fcr die \u201eSonntaz\u201c mit dem Titel \u201eExtrabeilage\u201c wurden andere Zeitungen in die Falle gelockt. Die Frankfurter Rundschau und einige andere Zeitungen seien bereit gewesen, f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Entgelt einem Unternehmen redaktionelle Beg\u00fcnstigungen einzur\u00e4umen oder anzubieten, die nicht als Anzeige gekennzeichnet w\u00fcrden \u2013 der Tatbestand der Schleichwerbung war also erf\u00fcllt. Der mehrseitige skandalisierende Artikel der taz ist von einer Anzahl gleichf\u00f6rmiger illustrativer Zeichnungen gepr\u00e4gt. Eine zeigt geifertriefende Freier, die zu einem \u201eBordell der Medien\u201c dr\u00e4ngeln. Eine andere zeigt den Am\u00fcsierbetrieb von innen, halbnackte T\u00e4nzerinnen wirbeln vor m\u00e4nnlichem Publikum um aufgerichtete riesige F\u00fcllfederhalter, die Bikinis mit Banknoten ausgestopft. Eine dritte Zeichnung zeigt einen \u201eChef\u201c im Stil der v\u00f6lkisch-sozialistischen Karikaturen: Ein feister Huttr\u00e4ger sitzt vor rauchenden Schloten, infam grinsend bet\u00e4tigt er eine Fernbedienung, die einen Journalisten, halb Maschinenmensch, halb manisch dreinblickender Schreibtischt\u00e4ter mit dem Namensschild \u201ePro Grammed\u201c zum Schreiben mit dem F\u00fcller (!) aktiviert.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Die Chefredakteurin erkl\u00e4rt dazu in einer eigenen Spalte: Die taz sei unabh\u00e4ngig, weil sie nicht auf Anzeigen angewiesen sei, sondern von einer zahlenden Leserschaft finanziert werde. Adorno nannte die Auffassung, die Massenmedien seien demokratische weil sie die Bed\u00fcrfnisse der Massen bedienten, die \u201eIdeologie der Ideologie\u201c. Er verwies auf den manipulativen Charakter der Massenmedien, die Bed\u00fcrfnisse des Publikums schon als manipulierte voraussetzen, bevor sie zur Bedienung anstehen. Die Abh\u00e4ngigkeit der Massenmedien von den gro\u00dfen Industrien, als die Adorno\/Horkheimer Petroleum, Elektronik und Chemie benennen, ist ungebrochen trotz erheblicher Anstrengungen, deren Monopol durch das von diesen Industrien immer noch vermittelt abh\u00e4ngige, von Steuern getragene Staatsmonopol zu ersetzen. Auch und gerade die alternativen Medien sind intrinsisch mit der Elektroindustrie verschwistert, die von ihnen profitiert und ihnen daher Freiheiten einr\u00e4umt, die sie die Abh\u00e4ngigkeit vergessen lassen. Diese Abh\u00e4ngigkeit heute noch zu skandalisieren ist mehr als wohlfeil, solange die Erkl\u00e4rung aussteht, warum es trotz dieser Monopole zu einem ambivalenten Zuwachs an Freiheit kam und M\u00e4rkte nicht erstarrten. Vielleicht liegt es am Gegengift, das Adorno in Kulturindustrie gegen ihre eigenen L\u00fcgen wirkend vermutet.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Ungeachtet dessen: Die H\u00e4me, die die taz aussch\u00fcttet, steht ihr schlecht zu Gesicht. Sie selbst publiziert nur zwei Wochen nach dem verschwitzt-emp\u00f6rten Skand\u00e4lchen eine ihrer seit Jahrzehnten altbekannten Anthroposophie-Spezials. In der \u201eSonntaz\u201c vom 16\/17 April finden sich f\u00fcnf Seiten zum Thema \u201eAnthroposophie\u201c, in denen kein einziges kritisches Wort verloren wird. Spalte f\u00fcr Spalte wird ganz redaktionell astreine Werbung gemacht f\u00fcr biodynamische Imkerei, anthroposophische Kindertagesst\u00e4tten, Demeterh\u00f6fe und Eurythmie. Weleda und anthroposophische Zentren wissen das anscheinend im Voraus und schalten flei\u00dfig Anzeigen, die bisweilen die H\u00e4lfte der Seite f\u00fcllen. In Wirklichkeit gab es vorher ein Rundschreiben der taz, das den jeweiligen Institutionen das Erscheinen der bekannten Sonderbeilage bekannt machte, und ebenso, dass dieser f\u00fcr die Anzeigenkunden appetitliche redaktionelle Sonderbereich nicht als Anzeige gekennzeichnet sein w\u00fcrde. Das ist die \u201eUnabh\u00e4ngigkeit der taz\u201c, die sich von der Pharmazeutika-Vertreterei im Gesundheitswesen oder den Elektronik-\u201eTest\u201c-Zeitschriften keinen Deut unterscheidet.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Diese Bauchpinselei des Publikums kennt man von der taz bei anderen Themen nur zu gut. Ihrem linken, anti-israelischen Klientel mutet sie allenfalls Micha Brumlik zu, der von Daniel Bax ganz diskursiv erwidert werden muss. Tiefere, ernsthafte Reflexionsprozesse auf redaktioneller Ebene bleiben aus. Solange der Diskurs am Leben erhalten wird, ist das verkaufsf\u00f6rderlich. Jedem seine Meinung. Allenfalls provoziert man vorsichtig das linke Spie\u00dfertum mit einem satirischen Titelblatt zu Rainer Langhans im Dschungelcamp, die emp\u00f6rten Abonementk\u00fcndigungen von allzu einzementierten Geistern sind schon einkalkuliert und dienen als Werbung f\u00fcr aufgeschlosseneres Klientel.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Besser h\u00e4tte es der maulheldischen taz gestanden, die Krisenhaftigkeit des eigenen und der anderen Medien in einer Art und Weise zu analysieren, die nicht auf Denunziantentum und konkurrenzbedingte anale Hinreiberei angewiesen ist. In den sexuierten Zeichnungen der \u201eExtrabeilage\u201c manifestiert sich n\u00e4mlich nur zu deutlich unbewusster Neid. Sie w\u00fcrde ihre Inhalte ebenso gern wie die Unternehmen in anderen Medien massenhaft plaziert sehen und sie w\u00fcrde auch sich mit den \u201eMedienhuren\u201c identifizieren k\u00f6nnen, wenn das Angebot nur hoch genug und offen f\u00fcr fr\u00f6mmlerische Augenzwinkerei im beigeordneten Artikel w\u00e4re. Die taz w\u00e4re gerne Massenmedium und hat erfahrungsgem\u00e4\u00df auch Porsche oder Bild eine ganzseitige Anzeige nicht verweigert. Jeder wei\u00df ja, dass taz-Kunden keine Porsche-Kunden sind, und niemand braucht diese Klimamonster, aber der Redakteur hat \u00fcberraschend viel Spa\u00df bei der Testfahrt gehabt und der biodynamische Wein hinterher, ein Traum! Die eigene Unf\u00e4higkeit die Leserschaft auch mit unangenehmeren komplexeren Wahrheiten \u00fcber die Anthroposophie oder amerikanische und israelische Diskurse \u00fcber Deutsche zu konfrontieren ist um kein Jota emanzipierter als die Abh\u00e4ngigkeit gro\u00dfer Zeitungen von den Anzeigen der Automobilindustrie. Sie ist umso peinlicher, weil sie diese verleugnet und in puritanischem Eifer anderen vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">\n<p style=\"text-align:justify;\">Nachweise:<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Adorno, Theodor W. 1968: <em>Ohne Leitbild \u2013 Parva Aesthetica.<\/em> Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag. (Zitate: S. 87 und 85)<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W.\/ Horkheimer, Max 1969 (1947): <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente<\/em>. Frankfurt\/Main: Suhrkamp.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Die allseitig gewonnene Informationsfreiheit scheint mit einem gesteigerten Bed\u00fcrfnis nach Geheimnissen einherzugehen. Der Wirbel um Wikileaks vertuschte das altbekannte und logische, das zur Sensation aufgebauscht und damit verleugnet wurde. Einiges war im Zitat neu, aber der Inhalt \u00fcberraschte keine Kenntnis der jeweiligen Materie. Auch G\u00fcnter Wallraffs Versuch, den Rassismus in Deutschland am eigenen Leibe sp\u00fcrbar zu machen, zog von den bestehenden Berichten und Klagen eher Glaubw\u00fcrdigkeit ab. 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