{"id":2171,"date":"2009-02-25T22:44:21","date_gmt":"2009-02-25T21:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/simulanten.blogsport.de\/2009\/02\/25\/rezension-bitterfotze-bitter-und-kein-bisschen-sexy\/"},"modified":"2009-06-16T01:08:22","modified_gmt":"2009-06-16T00:08:22","slug":"rezension-bitterfotze-bitter-und-kein-bisschen-sexy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2009\/02\/rezension-bitterfotze-bitter-und-kein-bisschen-sexy\/","title":{"rendered":"Rezension Bitterfotze: Bitter und kein bisschen sexy"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/simulanten.blogsport.de\/images\/Mariasveland_01.jpg\" alt=\"Maria Sveland_heirat\" \/><\/p>\n<p>Schweden \u2013 EU Vorzeigeimperium der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Eine  hinrei\u00dfende Geburtenrate von 1,8 % (f\u00fcr den ein oder anderen Konservativen) und den gr\u00f6\u00dften Anteil berufst\u00e4tiger Frauen von etwa 80%.  Land des geschlechterunabh\u00e4ngigen Wickelvolontariats (13 Monate Elternzeit, bei 80% des Bruttolohns f\u00fcr den daheimbleibenden Partner) und f\u00fcr nahezu die H\u00e4lfte aller Kinder unter 3 Jahren gibt es staatliche Krippenpl\u00e4tze\u2026<\/p>\n<p>Maria Sveland, Fernsehwissenschaftlerin und schwedische Journalistin hat ihr erstes Buch ver\u00f6ffentlicht, das dem Mythos Schweden einen saftigen Tritt in die Eingeweide verpasst. <a id=\"more-42\"><\/a><\/p>\n<p>\u201eBitterfotze\u201c spielt bewusst mit dem neuen Aufstieg der Unterleibsliteratur, liest sich jedoch nicht als pornografisierte Selbstvermarktung, sondern vor allem als pers\u00f6nliche Abrechnung mit Vater Staat.  \u201eBitterfotzig zu werden\u201c steht dabei als Synonym der K\u00e4lte und der Wut, die viele junge Frauen sp\u00fcren, wenn sie das erste Mal mit Grenzen konfrontiert werden, die f\u00fcr viele M\u00e4nner ein Leben lang unsichtbar bleiben. Eine Wut, f\u00fcr die es keinen gesellschaftlichen anerkannten Ausdruck gibt, au\u00dfer vielleicht das zerknitterte und verbitterte Gesicht einer alter Frau.<\/p>\n<p>\u201eBitterfotze\u201c schildert die Erfahrungen der jungen Mutter und Journalistin Sara, die nach zwei Jahren Balanceakt zwischen Baby, Beruf und sexy Ehefrau m\u00fcde geworden ist. Das Buch erz\u00e4hlt von Saras Kindheit und Jugend, den ersten sexuellen Begegnungen und den allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen zwischen ihren Eltern. Sara ist in einer traditionellen Familie (Papa schimpft und arbeitet, Mama weint und kocht) aufgewachsen. Sie ist eine attraktive gebildete Frau, die als Teenie gerne mit dem Spruch \u201eHast du was warmes pochendes?\u201cauf M\u00e4nner in Kneipen zugegangen ist und den einzigen Mann, der sich nicht in seinem reaktion\u00e4ren Jagdmuster getroffen f\u00fchlt, erst k\u00fcsst und sp\u00e4ter heiratet. Johann hat genausoviel Humor wie sie, teilt ihre Ansichten, liebt und unterst\u00fctzt sie. Bis zum dem Zeitpunkt als sie ihr erstes Kind bekommen leben sie eine ausgeglichene harmonische Beziehung.<\/p>\n<p>Ausgerechnet zur Geburt des gemeinsamens Sohnes bekommt Johann seine erste Regiearbeit am Theater in Stockholm. Sara ist die ersten Wochen nach der Geburt allein mit dem Kleinen. Sie ist \u00fcberfordert, \u00e4ngstlich, weil es mit dem Stillen nicht klappen will und f\u00fchlt sich von Johann im Stich gelassen. Weitere Schwierigkeiten folgen, die intensive Diskussionen und schlie\u00dflich den Gang zu einer hilflos reaktion\u00e4ren Eheberatung nachsichziehen, die Saras und Johanns Ehe mit dem Venus-Mars Prinzip \u00e0 la \u201eM\u00e4nner k\u00f6nnen eben besser mit Technik, daf\u00fcr k\u00f6nnen Frauen zuh\u00f6ren, vergesst die Gleichberechtigung\u201c zu tr\u00f6sten versucht. Dann Saras Flucht nach Teneriffa. Hier nimmt sie sich eine Woche Auszeit, um \u00fcber ihr Leben nachzudenken. Den zweij\u00e4hrigen Sigi l\u00e4sst sie bei seinem Vater zur\u00fcck. Ein Skandal in den Augen ihrer Familie und ihren Freundinnen.<\/p>\n<p>Es ist kein Geheimnis, dass es f\u00fcr Frauen zu einer Retraditionalisierung der Rollen kommt, sobald sie sich f\u00fcr ein Kind entscheiden. W\u00e4hrend Frauen an ihren egalit\u00e4ren Vorstellungen festzuhalten versuchen, schleicht sich bei den jungen V\u00e4tern oft eine Retraditionalisierungsverst\u00e4ndnis ein. Das liegt nicht an den b\u00f6sen Buben, sondern in erster Linie an gesellschaftlichen Strukturen, die den Lebenweg einer Familie peinlich genau vorzeichnen. Weniger an einem Patriarchat, wie Maria Sveland das archaische Feindbild eines Steinzeitfeminismus nachzeichnet, als an unseren fein s\u00e4uberlich gestreuten Vorstellungen von M\u00e4nnern und Frauen. Alltagsbem\u00fchungen werden von vielf\u00e4ltigen Machstrukturen durchpfl\u00fcgt, die mit essentialistischen Logiken argumentierend immer wieder festsetzen, was gesellschaftlich Frauen und was M\u00e4nner zu machen haben, um eindeutig als Mann oder Frau erkennbar zu sein. Dazu geh\u00f6rt eben auch, das die Betreuung des Nachwuchses immer noch ausschlie\u00dflich in den Armen der Mutter gesehen wird. M\u00e4nner, die sich um eine neues Vaterverst\u00e4ndnis bem\u00fchen, heimsen neben einigen unverst\u00e4ndlichen Blicken, vor allem Lob und Ruhm f\u00fcr ihr Engagement ein \u2013 ein Engagement, das bei Frauen als \u201enat\u00fcrlich\u201c vorausgesetzt wird und keine besondere Erw\u00e4hnung braucht.<\/p>\n<p>Maria Sveland hat ein Buch f\u00fcr gut gebildete heterosexuelle Frauen der Mittelschicht geschrieben. Frauen, die einem verkl\u00e4rten Bild von Familiengl\u00fcck hinterherjagen und dabei Selbst auf der Strecke bleiben. Das Buch zeigt, dass es europaweit (weltweit?) keine Struktur gibt, die Kinderkriegen, Partnerlieben und einen geilen Beruf haben unter einen Deckel bringt.<\/p>\n<p>Zugleich zeigt \u201eBitterfotze\u201c, dass viele die feministischen Diskussionen um Dekonstruktion weit hinter sich gelassen haben, den Momenten der Sozialisation von Geschlecht nur noch hinterherr\u00f6cheln, um ein neues essentialistischeres Frau-Sein-Bild als je zuvor feiern, dem Staat auf Schlag\u2013 die Resozialisierung der Kernfamilie folgt. Beziehungen, Familiengl\u00fcck jenseits einer klar getrennten Binarit\u00e4t der Geschlechter sind l\u00e4ngst nicht im Mainstream angekommen (geschweige denn das Regelmechanismen diskutiert w\u00fcrden, wie homosexuelle Paare den Traum vom eigenen Kind verwirklichen d\u00fcrften). Klar auch, dass es hier keine Fragen von Migration, von den Perspektiven junger Frauen und M\u00e4nner auf Familie, die nicht mal ihren Quali in der Tasche haben, diskutiert werden.<\/p>\n<p>Oder liegt das vielleicht darin, dass wir ganz einfach stillschweigend akzeptieren und es von einigen Seiten auch bef\u00fcrwortet wird, dass junge Frauen aus bildungspolitischer \u201eUnterschicht\u201c die vollkommene Erf\u00fcllung im \u201eMutter-Dasein\u201c und \u201eHausfrauentum\u201c finden und wir nur eine Diskussion um die \u201ebesser\u201c gebildeten Akademikerinnen f\u00fchren m\u00fcssen, die ja dem Arbeitsmarkt so schmerzlich fehlen?<\/p>\n<p>Dagegen hilft kein reaktion\u00e4res AltfeministInnen Gebaren einer Schwarzer, noch der Ringelreihe Feminismus der Alpham\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Und trotzdem: Bitterfotze (gesprochen als zwangsheterosexuelle Frau mit Kinderwunsch) ist ein Buch, das runter geht wie \u00d6l, kurze Zeit brennt und schlie\u00dflich im Kurzeitged\u00e4chtnis vergl\u00fcht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n\tSchweden &#8211; EU Vorzeigeimperium der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. 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