{"id":2187,"date":"2008-09-20T20:03:59","date_gmt":"2008-09-20T19:03:59","guid":{"rendered":"http:\/\/grenzposten.blogsport.de\/2008\/09\/20\/warum-das-meer-wagen-wenn-man-im-flugzeug-reisen-kann\/"},"modified":"2009-07-12T16:23:07","modified_gmt":"2009-07-12T15:23:07","slug":"warum-das-meer-wagen-wenn-man-im-flugzeug-reisen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2008\/09\/warum-das-meer-wagen-wenn-man-im-flugzeug-reisen-kann\/","title":{"rendered":"Warum das Meer wagen, wenn man im Flugzeug reisen kann?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von migrantischen und touristischen Reisewegen<br \/>\nInfoblatt-Redaktion | Zara Pfeiffer<\/strong><\/p>\n<p>Der Flughafen Frankfurt ist ein Drehkreuz der Mobilit\u00e4t. T\u00e4glich verkehren hier durchschnittlich 144.600 Reisende: Tourist_innen, Gesch\u00e4ftsreisende, Migrant_innen, die abfliegen, ankommen, zwischenlanden \u2026<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen <em>Typen <\/em>von Reisenden, die wir am Flughafen beobachten, entsprechen den Bildern, die wir uns von ihnen machen. W\u00e4hrend Gesch\u00e4ftsreisende als Zeichen f\u00fcr ihren Status schicke kleine Trolleys hinter sich herziehen, sind die klassischen Markenzeichen von Tourist_innen die Sonnenbrille und der Fotoapparat. Migrant_innen lassen sich unschwer an ihren riesigen Koffern und billigen Plastiktaschen erkennen. Fl\u00fcchtlinge sind am Flughafen unsichtbar.<\/p>\n<p><a id=\"more-9\"><\/a>Wir haben den Flughafen Frankfurt als Ausgangspunkt gew\u00e4hlt, um uns mit dem Thema Reisen in den Auspr\u00e4gungen Tourismus und Migration zu besch\u00e4ftigen. So unterschiedliche Formen von Mobilit\u00e4t wie Migration und Tourismus aus der Perspektive des Reisens zu betrachten ist nicht ganz unproblematisch, liegt doch die spontane Antwort auf die Frage nach den Gemeinsamkeiten von Tourist_ innen mit Migrant_innen und Fl\u00fcchtlingen auf der Hand: keine. Oder zumindest sehr wenig. Bei Fl\u00fcchtlingen steht das weg von im Vordergrund, sie fliehen vor existentieller Bedrohung. Migrant_innen dagegen wandern (lat. migrare = wandern) hin zu einem bestimmten Ort, um sich neue Perspektiven zu er\u00f6ffnen. Mit Tourist_innen, die zu ihrem individuellen Vergn\u00fcgen reisen, haben beide erst mal nichts gemeinsam.<\/p>\n<p>So einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint, hat sich uns das Verh\u00e4ltnis zwischen Migration und Tourismus jedoch nicht dargestellt. Um den Parallelen und Widerspr\u00fcchen auf den Grund zu gehen, wollen wir im Folgenden ausgehend vom Frankfurter Flughafen Orte aufsuchen, an denen sich migrantische und touristische Reisewege begegnen, kreuzen oder \u00fcberlappen.<\/p>\n<p><strong>Abflug: Frankfurt Flughafen \u2013 Ankunft: Kanaren 3200 km \u2013 4:00 h <\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend die Kanarischen Inseln hierzulande bis vor einigen Jahren nahezu ausschlie\u00dflich als touristisches Reiseziel imaginiert wurden, haben Medienberichte in den letzten Jahren daf\u00fcr gesorgt, dass am Bewusstseinshorizont der touristischen Sonne- Strand-Meer-Kulisse zunehmend \u00fcberf\u00fcllte Boote mit Fl\u00fcchtlingen aus Afrika auftauchen. Vor allem im Sommer 2006 h\u00e4uften sich die Berichte \u00fcber die so genannten \u2018boat people\u2019, die von Marokko, Mauretanien oder dem Senegal aus versuchen, die Str\u00e4nde der Kanaren zu erreichen. In der Tat sind die Kanarischen Inseln ein Ort, auf den sich die Tr\u00e4ume afrikanischer Migrant_innen von einem bessern Leben in Europa und die Urlaubstr\u00e4ume europ\u00e4ischer Tourist_innen gleicherma\u00dfen richten. Nach dem gescheiterten \u201eSturm\u201c auf die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla im Sommer und Herbst 2005 stieg die Beliebtheit der Kanarischen Inseln als Etappenziel in die EU im Jahr 2006 vor\u00fcbergehend rapide an.<\/p>\n<p>Weil die Grenzkontrollen immer engmaschiger werden \u2013 das Budget der europ\u00e4ischen Grenzschutzagentur Frontex ist der am st\u00e4rksten wachsende Haushaltsposten der EU 1 \u2013, werden die Routen l\u00e4nger, die Boote kleiner und somit die \u00dcberfahrten gef\u00e4hrlicher. Nach Sch\u00e4tzungen der kanarischen Regionalregierung starben im Jahr 2006 etwa 6.000 Menschen beim Versuch der \u00dcberfahrt.<\/p>\n<p>Die j\u00e4hrlich knapp zehn Millionen Tourist_innen, die auf den Kanaren ihren Urlaub verbringen, stolpern bisweilen \u00fcber das Strandgut gekenterter Boote, das die menschlichen Trag\u00f6dien erahnen l\u00e4sst, die sich im selben Meer abspielen, in dem sie zu baden pflegen. Und auch wenn versucht wird, Fl\u00fcchtlinge und Tourist_innen, so gut es geht, r\u00e4umlich voneinander zu trennen, indem die Auffanglager in entlegenere Inselteile gelegt werden, nutzen viele Tourist_innen \u2013 angelockt von der Berichterstattung \u2013 die Gelegenheit, das Schauspiel der einlaufenden Boote mit den Fl\u00fcchtlingen am Hafen mit eigenen Augen zu sehen und ganz in touristischer Manier auch zu fotografieren. Die Anwesenheit der Fl\u00fcchtlinge scheint dem Tourismus kaum zu schaden, im Gegenteil bringen die Schlagzeilen \u00fcber die Problematik die Kanarischen Inseln \u2013 frei nach dem Motto, es gibt keine negative Werbung \u2013 als m\u00f6gliches Urlaubsziel verst\u00e4rkt ins touristische Bewusstsein.<\/p>\n<p>Der migrantische Aufenthalt im Auffanglager gleicht dem touristischen Aufenthalt im Hotel ebenso wenig im Komfort wie die Art der Anreise. Bei beiden handelt es sich jedoch \u2013 von wenigen Ausnahmen abgesehen \u2013 nur um ein kurzes Intermezzo auf den Kanarischen Inseln. F\u00fcr die Tourist_innen geht es zur\u00fcck in den gleichen Alltag, aus dem sie nur wenige Wochen zuvor abgereist waren. F\u00fcr die Migrant- _innen dagegen geht es mit ein wenig Gl\u00fcck und der richtigen Geschichte nicht zur\u00fcck nach Afrika, sondern weiter in Richtung Europa. Da das spanische Gesetz eine Vierzigtagefrist f\u00fcr die Freilassung von undokumentierten Migrant_innen vorschreibt, werden diese per Flugzeug nach Madrid geflogen, wo sie dann einen Ausweisungsbescheid ausgeh\u00e4ndigt bekommen, der bei Migrant_innen, deren Identit\u00e4t und Herkunftsland unbekannt sind, nicht vollstreckt werden kann, der aber auch keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beinhaltet. In der Praxis bedeutet dies, dass sie mit diesem Papier, einer Cola, einem Fahrschein und der Adresse einer privaten Hilfsorganisation sich selbst \u00fcberlassen werden. Herzlich willkommen als flexibilisierte, billige und ausbeutbare Arbeitskraft.<\/p>\n<p><strong>Abflug: Frankfurt Flughafen \u2013 Ankunft: Almer\u00eda 1710 km \u2013 5:30 h <\/strong><br \/>\nInsbesondere der S\u00fcden Spaniens hat einen enormen Bedarf an genau diesen Arbeitskr\u00e4ften. Zum Beispiel im Obst- und Gem\u00fcseanbau, der sich in der Region rund um El Ejido und Almer\u00eda \u00fcber 35.000 Hektar unter einem Meer von Plastikplanen erstreckt. Auf diesen Plantagen arbeiten \u00fcber das Jahr verteilt rund 90.000 Besch\u00e4ftigte, 96 Prozent sind Migrant- _innen, viele von ihnen ohne Papiere. 2 Vor dem Beitritt Spaniens zum Schengenraum kamen viele Marokkaner_ innen zur Ernte nach Spanien, um am Ende der Saison mit dem verdienten Geld nach Marokko zur\u00fcckzukehren. Mit der Einf\u00fchrung des Visumzwangs ist dieses Pendeln zwischen der afrikanischen und der europ\u00e4ischen K\u00fcste nicht mehr so einfach m\u00f6glich, weshalb viele, die zuvor nur saisonal zum Arbeiten nach Spanien kamen, sich nun dauerhaft ohne Papiere in Spanien aufhalten.<\/p>\n<p>Die Migrant_innen ohne Papiere sind aber nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der touristischen Dienstleistungs- und Bauindustrie als billige und flexible Arbeitskr\u00e4fte des Tourismusgesch\u00e4fts willkommen. Willkommen ist auch eine andere Gruppe von Migrant_innen, die sich ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung im S\u00fcden Spaniens aufhalten: die so genannten vacacionistas, Tourist_innen, die sich im Urlaubsgebiet niedergelassen und dauerhaft im Urlaub eingerichtet haben. Dem Urlaubsgef\u00fchl dieser touristischen Resident_innen w\u00fcrde es wohl widersprechen, sich bei den Beh\u00f6rden zu melden, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, weshalb dies faktisch auch kaum jemand macht, auch wenn sie trotz europ\u00e4ischer Freiz\u00fcgigkeit dazu verpflichtet w\u00e4ren. Im Gegensatz zu den undokumentierten Migrant_innen, die weitgehend unsichtbar bleiben, ist die Anwesenheit der inoffiziellen Resident_ innen kaum zu \u00fcbersehen. Sie leben vor den Kulissen des Tourismus, die zu nicht unerheblichen Teilen von der Arbeit der Migrant_innen aufrecht erhalten werden, deren Leben sich zu \u00fcberwiegenden Teilen hinter diesen Kulissen abspielt. Von Seiten der spanischen Beh\u00f6rden werden beide Formen des undokumentierten Aufenthalts aus vermutlich wirtschaftlichen Gr\u00fcnden weitgehend ignoriert: bei den Migrant_innen geht es um die billige Arbeitskraft, bei Resident_innen um das Geld, das sie ins Land bringen.<\/p>\n<p>Im Fall der Resident_innen kommt es zu einer Verschiebung, die die herk\u00f6mmlichen Kategorien von Migrant_ innen und Tourist_innen auf den Kopf stellt. Tourist_innen werden hier zu Einwanderer_innen, die sich im Dauerurlaub mit ungekl\u00e4rtem Aufenthaltsstatus niederlassen. Aber auch die Kategorien Fl\u00fcchtling und Migrant_ in bleiben nicht ohne Br\u00fcche: der Gro\u00dfteil der in Spanien lebenden Migrant_innen reist nicht klandestin mit dem Boot, sondern ganz offiziell mit Touristenvisum ein. Laut einer Erhebung des Spanischen Instituts f\u00fcr Statistik aus dem Jahr 2007 sind von allen, in Spanien lebenden Migrant_innen gerade einmal 1 Prozent mit dem Boot eingereist, 62,7 Prozent dagegen mit dem Flugzeug. Die meisten Migrant_ innen kommen aus Lateinamerika (41,3 %), aus der EU (20,5 %) und nur 15 Prozent aus Afrika. Und auch unter den Afrikaner_innen sind nur 6,3 Prozent mit dem Boot nach Spanien gekommen. 3<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Wahrnehmung ist jedoch eine andere. Die \u00fcbervollen Boote mit Fl\u00fcchtlingen, die an den Au\u00dfengrenzen der Festung Europa ihr Leben riskieren, dominieren eine Debatte, die zwischen Mitleid mit diesen armen Opfern und der realistischen Einsicht in Notwendigkeiten schwankt. Das Boot ist voll, bei aller Menschenliebe k\u00f6nnen nicht alle Fl\u00fcchtlingsboote im Boot EU aufgenommen werden. Die Bilder von den vollen Booten schreiben nicht nur den Opferstatus der Fl\u00fcchtlinge fest, sondern unterstreichen gleichzeitig die Notwendigkeit der Festung Europa. Auf der einen Seite m\u00fcssen die Fl\u00fcchtlinge vor b\u00f6sen Schlepper- _innen und Schleuser_innen besch\u00fctzt werden, die ihnen ihr letztes Geld abnehmen, um sie dann auf dem Meer ihrem Schicksal zu \u00fcberlassen. Auf der anderen Seite kann Europa \u2013 beim besten Willen selbstverst\u00e4ndlich \u2013 nicht alle aufnehmen, die gerne kommen wollen. Die zunehmende \u00dcberwachung an den Au\u00dfengrenzen der EU ist also im Grunde genommen ein Akt der Menschlichkeit, dient sie doch vor allem dazu, in Seenot geratene Fl\u00fcchtlingsboote aufzusp\u00fcren, um deren Passagiere vor dem Ertrinken zu retten. Auch die Lager, die an den R\u00e4ndern der EU und mit deren Unterst\u00fctzung gebaut werden, dienen vor allem dazu, die Migrant_innen davor zu bewahren, ihr Leben zu riskieren. Ebenso die von der EU finanzierten Videos, die den Menschen schon in ihren Heimatl\u00e4ndern vor Augen f\u00fchren sollen, dass ihre Kinder auf dem Weg nach Europa ihr Leben riskieren daf\u00fcr, dass sie in Europa keineswegs das erhoffte bessere Leben erwartet, sondern Verfolgung durch die Polizei und Rassismus. 4 Statt die Reise- und Lebensbedingungen der Migrant_innen jedoch zu kritisieren oder gar zu ver\u00e4ndern, zielen die Ma\u00dfnahmen der EU darauf ab, diese zu instrumentalisieren, um die Migrant_innen davon abzuhalten, in die EU zu gelangen.<\/p>\n<p><strong>Abflug: Frankfurt Flughafen \u2013 Ankunft: Neapel 1111 km \u2013 2:10 h <\/strong><br \/>\nItalien als das Land, mit dem die BRD 1955 den ersten Anwerbevertrag f\u00fcr Gastarbeiter_innen geschlossen hat, war gleichzeitig das erste gro\u00dfe Reiseziel des in den 1950er Jahren einsetzenden westdeutschen Massentourismus. Arbeitsmigration und Tourismus standen in einem komplement\u00e4ren Verh\u00e4ltnis zueinander: die Herkunftsl\u00e4nder der Gastarbeiter_innen waren gleichzeitig die Urlaubsziele deutscher Tourist_innen. Anders als geplant kehrten viele Gastarbeiter_ innen aber nicht nach einigen Jahren in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck, sondern lie\u00dfen sich dauerhaft in der BRD nieder und wurden nach einigen Jahren selbst zu Urlauber_innen in der alten Heimat. Andere wiederum kehrten nach einigen Jahren in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck, um dort im Tourismus t\u00e4tig zu werden und mit dem ersparten Geld ein Hotel oder Restaurant aufzumachen. Und auch unter den Tourist_innen gab es einige, die sich dauerhaft im Urlaubsland niedergelassen haben, um entweder ihren Lebensabend dort zu verbringen oder um selbst in der Tourismusbranche t\u00e4tig zu werden.<\/p>\n<p>In der BRD waren die italienischen, griechischen oder t\u00fcrkischen Restaurants, die ein wenig Urlaubsflair in die deutschen St\u00e4dte brachten, meistens willkommen, die Migrant_ innen selbst dagegen h\u00e4ufig weniger. Aber auch die Tourist_innen waren durchaus nicht immer in den Reisel\u00e4ndern willkommen. Interessanterweise \u00e4hnelt die Kritik am Tourismus, insbesondere dem Massentourismus, in vielen Bildern und Motiven den Abwehrreaktionen auf Migrant_innen. Von einer Flut von Tourist_innen ist die Rede, welche die Kultur in den Reisel\u00e4ndern zerst\u00f6re \u2026<\/p>\n<p>Inzwischen sind viele der Herkunftsl\u00e4nder ehemaliger <em>Gastarbeiter_ innen <\/em>selbst zu Einwanderungsl\u00e4ndern geworden. Und Italien mit seinen knapp 7.500 Kilometern K\u00fcste ist f\u00fcr viele Migrant_innen l\u00e4ngst nicht mehr nur Durchgangsstation, sondern auch Ziel der Reise. Verschoben haben sich in den letzten Jahrzehnten aber nicht nur die Migrationsbewegungen und -richtungen, sondern auch die europ\u00e4ischen Migrationsund Grenzpolitiken. Insbesondere das Vertragswerk von Schengen hat zu einer deutlichen Ver\u00e4nderung von Mobilit\u00e4ten und Grenzen in Europa beigetragen. W\u00e4hrend die Grenzkontrollen zwischen den Mitgliedsstaaten des Schengenraumes weitgehend aufgehoben wurden, kam es zu einer gleichzeitigen Aufr\u00fcstung und Vorverlagerung der Au\u00dfengrenze und zu einer Ausweitung von Grenzzonen und -praktiken im Inneren. F\u00fcr innereurop\u00e4ische Tourist_innen bedeutet dieser Wandel in der Praxis meist mehr Bewegungsfreiheit, da l\u00e4stige Grenzkontrollen bei der Fahrt in den Urlaub wegfallen. F\u00fcr (vor allem undokumentierte) Migrant_innen bedeutet derselbe Wandel in erster Linie eine Zunahme von Unsicherheit, welche das Mehr an Bewegungsfreiheit wieder aufhebt. Durch die Ausweitung der Grenzlinien auf Grenzr\u00e4ume werden Grenzen weniger an bestimmte Orte, sondern an bestimmte Praktiken gekoppelt, mit dem Effekt, dass sich Grenzkontrollen weniger genau vorhersagen und somit weniger gut umgehen lassen. Hinzu kommt, dass es zunehmend schwieriger wird und mehr Ressourcen erfordert, die Au\u00dfengrenze der EU zu \u00fcberwinden. Mit dem Begriff Festung soll genau diese Situation verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>Die Festung Europa aber ist weitaus durchl\u00e4ssiger, als es der Begriff suggeriert und die Wege der Migrant_ innen weitaus vielf\u00e4ltiger. Die Festung Europa ist l\u00f6chrig wie ein Schweizer K\u00e4se. Das wissen auch die Migrant_innen, die sich immer neue Wege einfallen lassen (m\u00fcssen), um in die EU zu gelangen. Zwar werden manche Grenz\u00fcberg\u00e4nge immer undurchl\u00e4ssiger und die zunehmende \u00dcberwachung f\u00fchrt dazu, dass die Routen f\u00fcr die Migrant_innen immer gef\u00e4hrlicher werden, aber stoppen lassen sich die Migrationsbewegungen auf diese Weise nicht. Die These von der Autonomie der Migration beschreibt genau diese Situation. Migration ist nicht das alleinige Ergebnis von Angebot und Nachfrage, von Push- und Pull-Faktoren, Migration l\u00e4sst sich nicht einfach an- und wieder abstellen. Migration, das sind Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden \u2013 mehr oder weniger freiwillig \u2013 auf den Weg machen, um woanders zu leben.<\/p>\n<p><strong>Endstation: Frankfurt Flughafen 100 m \u2013 43 Tage? <\/strong><br \/>\nDer Flughafen ist ein riesiger Warteraum: man wartet auf das Einchecken, das Boarding, den Abflug, auf den Anschlussflug, das Gep\u00e4ck, die Passkontrolle etc. Dieses Warten gestaltet sich jedoch nicht f\u00fcr alle Menschen gleich. Komfort und Dauer der Wartezeit unterscheiden sich entlang von Ticket, Pass und Hautfarbe. Nicht nur die Warter\u00e4ume von Erste- Klasse-Passagieren sind wesentlich komfortabler, auch die Wartezeiten sind wesentlich k\u00fcrzer als von Passagieren, die in der Economy Class reisen. Je nachdem, welchen Pass ich vorzeigen kann und aus welchem Land ich gerade komme, werde ich bei den Pass- und Zollkontrollen mehr oder weniger schnell durchgewunken. Bei einem deutschen, franz\u00f6sischen oder US-amerikanischen Pass ist die Wartezeit im Schnitt deutlich k\u00fcrzer als bei einem algerischen, indischen oder senegalesischen Pass. Und Passagiere von Fl\u00fcgen aus fl\u00fcchtlingsrelevanten L\u00e4ndern wie zum Beispiel Algerien oder Afghanistan werden vom BGS besonders genau unter die Lupe genommen, um Personen herauszufiltern, deren Einreisewunsch als \u201eoffensichtlich unbegr\u00fcndet\u201c eingestuft wird. 5<\/p>\n<p>F\u00fcr Reisende ohne g\u00fcltige Papiere, die bei ihrer Ankunft um Asyl bitten, bedeutet der Flughafen Frankfurt erst einmal Endstation. Sie d\u00fcrfen nicht in die BRD einreisen, sondern werden im Transitbereich interniert und dem so genannten Flughafenverfahren unterzogen, was die R\u00fcckf\u00fchrung im Falle einer Ablehnung des Asylantrags erheblich erleichtert, weil sie sich nicht auf den gesetzlichen Schutz eines Landes, der eine Einreise voraussetzt, berufen k\u00f6nnen. Die Wartezeit am Flughafen dehnt sich f\u00fcr diese Personen oft \u00fcber mehrere Wochen und Monate aus. 6<\/p>\n<p><strong>Erkenntnisse im Warteraum <\/strong><br \/>\nEntfernungen und Reisezeiten sind keine festen Gr\u00f6\u00dfen. Mehrere tausend Kilometer entfernte Orte sind bisweilen leichter und schneller zu erreichen, als die wenigen Meter zu \u00fcberwinden sind, die n\u00f6tig w\u00e4ren, um den Transitbereich zu verlassen. Hier liegt auch die Antwort auf die Frage, warum das Meer wagen, wenn man im Flugzeug reisen kann: Manchmal ist es der schnellere und erfolgversprechendere Weg in die EU, die riskante \u00dcberfahrt in einem kleinen Boot zu versuchen, um die Kanaren zu erreichen, statt nach Frankfurt zu fliegen und dort im Transitbereich festgehalten und am Ende doch wieder zur\u00fcckgeschickt zu werden. F\u00fcr diejenigen, denen es gelingt, Papiere, ein Touristenvisum und ein Flugticket zu bekommen, ist es jedoch der einfachste, sicherste und schnellste Weg, als Tourist_in einzureisen, weshalb der gr\u00f6\u00dfte Teil der undokumentierten Migrant_innen auch \u00fcber diesen Weg in die EU kommt. F\u00fcr Migrant_innen aus dem S\u00fcden ist das Touristenvisum eine Eintrittskarte in ein neues Leben. F\u00fcr Tourist_innen aus dem Norden ist der Urlaub dagegen ein vor\u00fcbergehender Ausstieg aus dem Arbeitsalltag. Auf beiden Seiten herrscht erheblicher Erfolgsdruck. Die sch\u00f6nsten Wochen im Jahr als Ausgleich, Antrieb und Rechtfertigung f\u00fcr den Alltagstrott und -stress des restlichen Jahres m\u00fcssen perfekt sein, w\u00fcrden sie doch andernfalls diese in Frage stellen. Und auch das neue Leben der Migrant_innen, der Wechsel auf die Seite der Gewinner_innen, muss gelingen: die Hoffnungen, das Geld und die M\u00fchen, die investiert wurden, machen den Weg zur\u00fcck manchmal beinahe unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Migration und Tourismus lassen sich nicht gleichsetzen, aber es gibt dennoch mehr Parallelen und \u00dcberschneidungen, als es auf den ersten Blick den Eindruck macht. Es gibt zahlreiche verschiedene Formen zu reisen und zu migrieren und die Kategorien Fl\u00fcchtling, Migrant_in, Tourist_ in lassen sich nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen, sondern \u00fcberlappen und verschieben sich bisweilen: Tourist_innen werden zu Migrant_ innen, Fl\u00fcchtlinge nutzen touristische Infrastruktur, Migrant_innen reisen als Tourist_innen in ihre Herkunftsl\u00e4nder \u2026<\/p>\n<p>Migration und Tourismus unter der Perspektive reisen zu betrachten beinhaltet nicht zuletzt eine Weigerung, Migrant_innen auf ihren Opferstatus zu reduzieren. Das bedeutet jedoch nicht, die Ursachen von Migration auszublenden oder zu leugnen, dass die Wahl, die Menschen dazu bringt, ihr Leben auf dem Meer zu riskieren, um nach Europa zu kommen, eine beschissene ist. Warum das Meer wagen, wenn man im Flugzeug reisen kann? Weil es nach wie vor keine offenen Grenzen gibt. Mobilit\u00e4t f\u00fcr alle!<\/p>\n<p><strong>Lesenswerte Lekt\u00fcre: <\/strong><br \/>\n&#8211; Holert, Tom\/Terkessidis, Mark: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung \u2013 von Migranten und Touristen, Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, 2006.<br \/>\n&#8211; Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente R\u00e4nder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas, Transcript Verlag, Bielefeld, 2007.<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2013<\/p>\n<p>1 Im Jahr 2006 betrug das Budget von Frontex 17,5 Millionen Euro, 2007 waren es schon 42 Millionen Euro und f\u00fcr das Jahr 2008 sind 70 Millionen Euro geplant.<br \/>\n2 Vgl. Was hat Gem\u00fcse mit Migration zu tun? Lebens- und Arbeitsbedingungen von MigrantInnen in der europ\u00e4ischen Landwirtschaft in: NoLager Bremen (Hg.): Peripherie und Plastikmeer. Globale Landwirtschaft \u2013 Migration \u2013 Widerstand, S.12f. http:\/\/no-racism.net\/upload\/823354996.pdf [22.05.2008]<br \/>\n3 Vgl. http:\/\/www.ine.es\/jaxi\/tabla.do?path=\/t20\/p319\/a2007\/l0\/&amp;file=04016.px&amp;type=pcaxis&amp;L=0<br \/>\n4 Eines dieser Videos zeigt einen jungen Mann, der seinem offensichtlich recht wohlhabenden Vater am Telefon in Kamerun erz\u00e4hlt, wie gut es ihm geht in Europa. W\u00e4hrend dieses Gespr\u00e4chs werden Bilder eingeblendet, die denselben jungen Mann zeigen, wie er um Essen bettelt, auf der Stra\u00dfe schl\u00e4ft und von der Polizei verfolgt wird. Das Video, das von der Schweizer Regierung in Auftrag gegeben wurde und u. a mit Mitteln der EU finanziert wurde, endet mit dem Slogan \u201eLeaving is not alway living\u201c und wurde in Kamerun und Nigeria ausgestrahlt. Ein anderes Video, das von der spanischen Regierung finanziert wurde und im senegalesischen Fernsehen ausgestrahlt wird, zeigt eine verzweifelte Mutter, die erz\u00e4hlt, dass sie seit acht Monaten nichts von ihrem Sohn geh\u00f6rt hat, der sich auf den Weg nach Europa gemacht hat. In den darauf folgenden Szene wird das Bild eines jungen Mannes gezeigt, der mit dem Gesicht nach unten auf einem Felsen liegt.<br \/>\n5 Vgl. Asylverfahrensgesetz \u00a718a (3)<br \/>\n6 Im Jahr 2000 hat sich Naimah Hadjar nach 238 Tagen im Internierungslager am Frankfurter Flughafen das Leben genommen.<\/p>\n<p><strong>Erschienen in:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.oeku-buero.de\/veroeff\/inf72\/infoblatt_72.pdf\">Infoblatt 72<\/a> | migrare &#8211; reisen | Juni 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\tVon migrantischen und touristischen Reisewegen<br \/>\nInfoblatt-Redaktion &#166; Zara Pfeiffer<br \/>\n\tDer Flughafen Frankfurt ist ein Drehkreuz der Mobilit\u00e4t. T\u00e4glich verkehren hier durchschnittlich 144.600 Reisende: Tourist_innen, Gesch\u00e4ftsreisende, Migrant_innen, die abfliegen, ankommen, zwischenlanden &#8230;<br \/>\n\tDie unterschiedlichen Typen von Reisenden, die wir am Flughafen beobachten, entsprechen den Bildern, die wir uns von ihnen machen. W\u00e4hrend Gesch\u00e4ftsreisende als Zeichen f\u00fcr ihren Status [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":52,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[12,5,1],"tags":[704,703,706,679],"class_list":["post-2187","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-signs","category-spectacle","category-syndicated","tag-borders","tag-controls","tag-culturacisme","tag-frankfurt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2187","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/52"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2187"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2187\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}