{"id":2191,"date":"2008-09-19T16:29:28","date_gmt":"2008-09-19T15:29:28","guid":{"rendered":"http:\/\/grenzposten.blogsport.de\/2008\/09\/19\/grenze-als-soziales-verhaeltnis\/"},"modified":"2009-07-12T16:23:08","modified_gmt":"2009-07-12T15:23:08","slug":"grenze-als-soziales-verhaltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2008\/09\/grenze-als-soziales-verhaltnis\/","title":{"rendered":"Grenze als soziales Verh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Reaktionsweisen von Migrationswilligen auf die Grenzregime<br \/>\nVortrag | M\u00e4rz 2008 | Sabine Hess<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/grenzposten.blogsport.de\/images\/grenzzaun_04.gif\" alt=\"Foto: Sabine Hess_Grenzzaun\" \/><\/p>\n<p>Nur drei Wochen nach der Ver\u00f6ffentlichung des neuen EU-Positionspapiers zum Thema Grenzkontrollen unter dem netten Namen \u201eborder package\u201c 1 \u00fcber Praktiken von so genannten Migrationswilligen zu reden ist eine besondere Herausforderung. Und doch l\u00e4sst sich das Papier, welches Frontex als neuer EU-Grenzagentur eine st\u00e4rkere Rolle verspricht und neue Technovisionen einer totalen Bewegungskontrolle beinhaltet, nicht nur als Beweis der St\u00e4rke des EU-Grenzregimes lesen, sondern auch als Beweis f\u00fcr die Kr\u00e4fte der Bewegungen der Migration. So l\u00e4sst sich die Bewegung der Migration selbst im Jahr 10 nach Amsterdam und Tampere und trotz aller Versch\u00e4rfungen und trotz der Milliarden Euro, die mittlerweile in die Grenzsicherung gesteckt wurden, nicht wirklich aufhalten. Das wissen auch die EUStrategen, weshalb auf EU-Ebene schon l\u00e4ngst auch \u00fcber andere Programmatiken nachgedacht wird. Was die Vorverlagerung und Militarisierung der Grenzkontrollen jedoch auf jeden Fall mit sich bringt, ist unendliches Leid, Schrecken, Ausbeutung und Tod. Daher m\u00f6chte ich auch, bevor ich auf Praktiken und die kleinen und gro\u00dfen Schliche des Grenz\u00fcbertritts am Beispiel unserer Forschung entlang der \u00e4g\u00e4ischen K\u00fcste zu sprechen komme, uns noch einmal diese Seite ins Ged\u00e4chtnis rufen, die den franz\u00f6sischen Philosoph Etienne Balibar vom Krieg an den Grenzen sprechen l\u00e4sst. Auch wenn ich im Folgenden demonstrieren will, dass die Metaphorik von der Festung Europa dahingehend in die Irre f\u00fchrt, dass sie die Tausende MigrantInnen verunsichtbart, die es teils unter dem Einsatz ihres Lebens in unsere westlichen und n\u00f6rdlichen Metropolen schaffen \u2013 so denke ich doch, dass der Krieg an den Grenzen Ausgangspunkt unserer \u00dcberlegungen sein sollte. Und dieser unerkl\u00e4rte Krieg findet mittlerweile nicht mehr nur an den konkreten Au\u00dfengrenzen statt. Seit einigen Jahren sind vielmehr mehr und mehr die Migrationsrouten in den Fokus der Kontrolle ger\u00fcckt. So ist es auch nicht ganz verfehlt, von einer neuen Neo-Kolonialisierungsphase zu sprechen, diesmal aus migrationspolitischem Interesse, wenn die Schnellboote von Frontex vor der senegalesischen K\u00fcste kreuzen und Europol mit Hilfe von UN-Organisationen f\u00fcr 30 Millionen Euro Migrationskontrollstellen in ganz Afrika einrichten will. Das ist auch die Zukunft der Entwicklungshilfe.<\/p>\n<p><a id=\"more-7\"><\/a>Zu welchen allt\u00e4glichen Ausw\u00fcchsen und zu welcher Verrohung diese Verpolizeilichung und Militarisierung der Grenzkontrollen f\u00fchrt, hat Pro Asyl erst j\u00fcngst wieder in einem Bericht zusammen mit griechischen Menschenrechtsorganisationen festgestellt.<\/p>\n<p>Auch uns haben die Ereignisse entlang der EU-Au\u00dfengrenze vor gut vier Jahren zu einem Forschungsprojekt veranlasst, das wir TRANSIT MIGRATION nannten und das ein Teil des gro\u00dfen Ausstellungsprojekts der Bundeskulturstiftung 2004 in K\u00f6ln mit dem Titel \u201eProjekte der Migration\u201c war. Der Titel war f\u00fcr uns Programm: so ging es uns in unseren Recherchen zum europ\u00e4ischen Grenzregime in der Tat priorit\u00e4r um die Projekte und Strategien der Migration, die wir in den Metropolen S\u00fcdosteuropas in gro\u00dfer Zahl antreffen konnten. Doch alsbald mussten wir feststellen, dass wir auch die Gegenseite nur verstehen konnten, wenn wir sie auch von ihrem hohen Ross der hehren Programmatiken aus Br\u00fcssel herunter holten und sie auch in den konkreten Situationen als Akteure und Praktiker wahrnahmen, die tagein tagaus mehr oder weniger mit den Kr\u00e4ften der Migration rangen und dabei h\u00f6chst willk\u00fcrlich, teils brutal, teils aber auch mit gro\u00dfer Empathie vorgingen.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich Sie mitnehmen auf meinen kurzen Streifzug. Ich m\u00f6chte auf Lesbos anfangen, wo Pro Asyl die brutalen Menschenrechtsverletzungen 2006\/2007 festgestellt hat, und dann mit Ihnen den m\u00f6glichen Weg eines Transitmigranten zur\u00fcckverfolgen bis nach Istanbul, das einen riesigen Knotenpunkt der irregul\u00e4ren Migration darstellt. Was Pro Asyl leider jedoch bei ihrem Bericht nicht erw\u00e4hnt, ist die Tatsache, dass die allermeisten MigrantInnen, die es in diese Lager schaffen und nicht sofort \u2013 meist klandestin \u00fcber den Grenzfluss Evros oder eben \u00fcber die 5-Meilen-Seegrenze \u2013 zur\u00fcckgeschoben werden, nach drei Monaten ein Papier bekommen. Dieses Papier fordert sie auf, das Land innerhalb von zwei Wochen \u201efreiwillig\u201c zu verlassen. Dabei ist der Nebensatz interessant, der auf dem \u201eFreilassungsdokument\u201c steht und zwar: \u201ein einer Richtung ihrer Wahl\u201c. Was dies bedeutet, k\u00f6nnen Sie sich vorstellen. So \u00fcberlegen sich auch die MigrantInnen selbst, ob es f\u00fcr sie beispielsweise vor dem Hintergrund der Dublin Konvention 2 rational ist, bereits hier in Griechenland einen Asylantrag zu stellen.<\/p>\n<p><strong>\u201eSheep trade\u201c \u2013 Schafhandel <\/strong><\/p>\n<p>Auf der Lesbos gegen\u00fcberliegenden Seite liegt das kleine Fischerdorf und Feriendomizil Ayvalik. Als wir im April 2004 in Ayvalik ankommen, interessiert uns jedoch weniger das touristische Treiben, sondern eine andere Mobilit\u00e4tspraxis: die irregul\u00e4re Migration und das dazugeh\u00f6rige Transportwesen, das hierzulande eher unter den Begriffen Schleuser und Schlepper bekannt ist. Und dar\u00fcber konnten uns unsere Gastgeber auch aus n\u00e4chster Anschauung Geschichten erz\u00e4hlen: \u201eJa, erst letzte Woche hat mir unsere Putzfrau wieder von einem Schiff erz\u00e4hlt, welches mit 23 Leuten ausfuhr und schon irgendwo in der N\u00e4he kenterte. Nur drei haben es \u00fcberlebt. Die K\u00fcstenwache macht sich schon keine M\u00fche mehr, die gesunkenen oder gestrandeten Schiffe zu bergen, es sind so viele. Ich kann Euch zu einem hinbringen,\u201c meinte unser Gastgeber.<\/p>\n<p>Wir gingen jedoch nicht zu dem gestrandeten Schiff, sondern zu jemandem, der den Schafhandel \u2013 wie das illegale Transportgesch\u00e4ft entlang der K\u00fcste genannt wird \u2013 aus eigener Erfahrung kennt. Wir w\u00fcssten ja, warum das business so hei\u00dft? Nein, nicht wirklich, und er erz\u00e4hlte uns ohne Umschweife, wie es bei ihnen begann: \u201eWir hier an der K\u00fcste sind da reingerutscht. Anfang der 90er Jahre fing alles an, zun\u00e4chst sehr klein und geheim, mittlerweile ist es ein gro\u00dfer Sektor. Am Anfang kamen sie alleine mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, dann wurden sie mit Kleinbussen gebracht und schlie\u00dflich kamen sie mit drei, vier gro\u00dfen Bussen, bis die Polizei es merkte. Heute werden sie in Lastw\u00e4gen versteckt.\u201c Daher auch \u201esheep trade\u201c \u2013 sie werden zusammengepfercht wie die Schafe.<\/p>\n<p>Er selbst wurde in dieses business involviert, als ihn eines Tages zwei junge M\u00e4nner in seinem Hotel fragten, ob er ihnen \u201ehelfen\u201c k\u00f6nne. Sie berichteten ihm, dass ihr Boot, mit welchem sie aus Istanbul hier runter gefahren seien, von der Polizei beschlagnahmt wurde. Doch sie h\u00e4tten keine Zeit, da eine Gruppe von MigrantInnen in dem nahe gelegenen Wald auf ihre Weiterfahrt wartete. Sie baten ihn, etwas zu unternehmen, um ihr Boot frei zu bekommen. Er habe ihnen jedoch nicht geglaubt und wollte sich erst selbst \u00fcberzeugen. Als er von den Jungs in den Wald gef\u00fchrt wurde, traute er seinen Augen nicht und war sichtlich schockiert, wie er uns versicherte. Denn dort \u2013 wir m\u00fcssten bedenken, dass es Dezember und sehr kalt und regnerisch war \u2013 warteten Frauen und Kinder seit Tagen schon ohne Feuer und Essen auf ihre \u00dcberfahrt. Sie trauten sich einfach kein Feuer zu machen, um nicht aufzufallen. Darauf beschloss er, aktiv zu werden, und wenn\u2019s sein muss, ein Boot zu kaufen \u2013 nat\u00fcrlich nicht ohne mit den zwei Jungs und ihrer Gruppe die R\u00fcckzahlung auszumachen. In der Tat stachen die zwei mit der Gruppe wenige Tage sp\u00e4ter in See, wurden jedoch kurz vor Lesbos aufgegriffen und festgenommen. Die zwei Jungs hielten dicht, doch sein Geld sah er nicht mehr wieder. Erst j\u00fcngst hatte er einer anderen Gruppe aus Istanbul geholfen, 800 MigrantInnen auf einen \u00dcberseetanker zu bringen.<\/p>\n<p>Auch andere Fischer der K\u00fcste erz\u00e4hlten uns ihre Schlepperbiografien \u00e4hnlich, wobei festzuhalten ist, dass die Fischer an der K\u00fcste das Schlusslicht eines langen dezentral organisierten Netzwerks bilden, das selbstverst\u00e4ndlich auch mafi\u00f6s organisierte Akteure beinhaltet, die gerade angesichts der Versch\u00e4rfungen immer dominanter w\u00fcrden. Schlepper wie die Fischer verlieren das Wettrennen um Technik und Geschwindigkeit und damit verlieren Motivationen wie diese: \u201eWir helfen, doch in der T\u00fcrkei gibt\u2019s keine Hilfe ohne Geld. Dabei sage ich Euch, dass Menschen immer fliehen werden und andere immer helfen werden.\u201c<\/p>\n<p>Auch ein Offizier der t\u00fcrkischen Coast Guard vertritt im Gespr\u00e4ch mit uns die Auffassung, dass die Grenze nicht zu kontrollieren ist. Selbst dann, wenn sie mit EU-Geldern technisch ihre Grenzkontrollen aufr\u00fcsten k\u00f6nnten, w\u00fcrde dies eher einen technischen Wettlauf mit den Schleppern forcieren, die ihnen immer eine Nasenl\u00e4nge voraus w\u00e4ren, als dass es dazu f\u00fchren w\u00fcrde, die Schleusungen g\u00e4nzlich zu unterbinden. Und alle, mit denen wir an der K\u00fcste redeten, schienen fast dankbar, dass sich jemand f\u00fcr das Thema interessierte, als ob unterhalb des touristischen fr\u00f6hlichen Treibens an der \u00c4g\u00e4is ein zunehmendes Trauma den K\u00fcstenstreifen beherrscht. Denn die negativen bis t\u00f6dlichen Folgen des illegalisierten Grenz\u00fcbertritts begleiteten auch uns auf Schritt und Tritt und dies auch in Form von unbekannten Gr\u00e4bern, angesp\u00fclten Leichen, vermissten Leuten, liegen gebliebenem Strandgut oder eben den konfiszierten morschen Schiffen, die wir nicht einmal auf dem Trockenen betreten wollten. So trafen wir in Bodrum auch zuf\u00e4llig Mike, einen langj\u00e4hrig in Istanbul lebenden Transitmigranten, der entlang der K\u00fcste mit einem kleinen Bild in der Hand nach seinem vermissten Freund suchte. Wir verabredeten, uns in Istanbul, wo er vor\u00fcbergehend wohne, wieder zu treffen.<\/p>\n<p><strong>Vom Transit zum Wartesaal: Istanbul als Zentrum der Transitmigration <\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten einen Treffpunkt in der belebten Fu\u00dfg\u00e4ngerzone Istiklal ausgemacht, doch er kam und kam nicht. Sp\u00e4ter verstanden wir, dass er nicht in die Position des Wartenden kommen wollte \u2013 denn Warten bedeutet Stillstand und Unsicherheit, nur im Gehen in der Menge schien er sich relativ sicher zu f\u00fchlen. Mike ist seit einigen Jahren in Istanbul. Wie viele andere aus Subsahara-Afrika ging er zun\u00e4chst mit einem Freund in den Libanon. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden L\u00e4ndern sind alt. Doch Libanon sei nach den jahrelangen B\u00fcrgerkriegen ein chaotisches Land \u2013 sie wollten weiter nach Europa \u2013 irgendwie, mit gef\u00e4lschten P\u00e4ssen und 1.500 Euro in der Tasche. \u00dcber Syrien kamen sie dann in die T\u00fcrkei, eine beliebte Route aus Afrika. Von drei Weiterwanderungsversuchen nach Europa erz\u00e4hlte er uns, mit Visa und dem Flugzeug nach Polen und Kroatien, einmal per Schiff nach Griechenland. Doch alle scheiterten, allerdings sei ihnen damit auch das Geld ausgegangen, und neues in Istanbul zusammen zu sparen sei \u00e4u\u00dferst schwierig. Es reiche gerade f\u00fcr die \u00fcberteuerte Miete und das Essen. So komme es, dass er immer noch hier sei.<\/p>\n<p>Seit Mitte der 1990er Jahre steigt nicht nur die Zahl von Menschen aus dem Nahen Osten (v. a. Iran und Irak), die in die T\u00fcrkei fl\u00fcchteten und die die T\u00fcrkei trotz ihrer fehlenden staatlichen Asylpolitik zu einem de-facto- Asylland machen. Auch eine zunehmend gro\u00dfe Zahl von MigrantInnen aus Afrika und Asien nutzen die T\u00fcrkei als Transitland. Ahmed Icduygu sch\u00e4tzt ihre Zahl auf ca. 200.000. Die geografische Lage, die laxen Visabestimmungen und Einreisekontrollen haben die T\u00fcrkei zu einem zentralen Transitpoint nach Europa gemacht. Dazu kommen die riesigen informellen Sektoren in den westt\u00fcrkischen Metropolen im Kontext der boomenden Textilindustrie, dem Baugewerbe und der Landwirtschaft, die auch die internationalen TransitmigrantInnen f\u00fcr wortw\u00f6rtlich ein Ei am Tag aufsaugen. Auch in den innerst\u00e4dtischen Armutsquartieren, die \u00fcber die letzten 20 Jahre mehr und mehr von der Binnenmigration \u00fcbernommen worden sind, k\u00f6nnen sie problemlos untertauchen. Nicht nur sind mit ihrer H\u00e4nde Arbeit ganz eigene \u00d6konomien entstanden wie jene auf die GUS-Region ausgerichtete Textilbranche, wobei auch die russischen Eink\u00e4uferinnen zun\u00e4chst als so genannte KoffermigrantInnen kamen. Auch entstehen ganz eigene Hilfsnetzwerke und \u00d6konomien um das Asylsystem mit seinen Beweisdruck. In Kellern werden schon mal Foltervideos nachgestellt oder andere Zeitungsartikel inszeniert; andere bieten ihre Hilfe als postmoderne Geschichtenerz\u00e4hler an und haben sich spezialisiert auf anerkannte Asylbiografien. Wieder andere fungieren als Briefeschreiber und &#8211; vorleser f\u00fcr die Verwandtenpost. Dabei haben uns zwei Sachverhalte sehr erstaunt: zum einen das ungeheure, auch aktuelle Wissen, das in diesen Netzwerken zirkuliert \u00fcber aktuellste Entwicklungen der internationalen Migrationspolitik. Zum anderen jedoch auch die Kehrseite davon, wie absolute Falscheinsch\u00e4tzungen und Ger\u00fcchte kolportiert werden und sich halten. Ein Zubringer sind Verwandte, die es schon geschafft haben und ihre Br\u00fcder und Schwestern im Transit finanziell und ideell unterst\u00fctzen oder auch ausbeuten.<\/p>\n<p>So leben manche \u00fcber Jahre im Transit in Istanbul, der angesichts der Versch\u00e4rfungen der EU f\u00fcr immer mehr zur Endstation wird. Auch wenn diverse politische Versuche bislang scheiterten, die irregul\u00e4re Migration in der T\u00fcrkei zu kriminalisieren, klagen viele afrikanische MigrantInnen \u00fcber einen offenen gesellschaftlichen Rassismus: sie f\u00e4nden nur selten Arbeit \u2013 vor allem in Klitschen \u2013 zahlten unglaublich hohe Mieten und m\u00fcssten immer wieder Wohnungen wechseln, da die Gegenden, in denen sie wohnten, speziell von Razzien betroffen seien. Mike sa\u00df dann auch des \u00f6fteren Tage und Monate in Haft, doch kam immer wieder raus \u2013 nicht nur, weil die Abschiebefl\u00fcge nach Afrika teuer sind und die staatliche Infrastruktur hierf\u00fcr noch nicht ausgebaut ist \u2013 sondern auch, weil er immer wieder Mittel und Wege fand, sich frei zu bekommen.<\/p>\n<p>Auch Luis, der ehemals mit einem Studienvisum ganz offiziell eingereist war, doch bald die Studiengeb\u00fchren nicht mehr zahlen konnte und daher sein Visum nicht verl\u00e4ngert bekam, ist erst vor kurzem wieder aus der Haft entlassen worden. Wie viele andere, die sich ein Flugticket mit einem gef\u00e4lschten Pass nicht leisten k\u00f6nnen, hatte er sich auf den Weg an die \u00e4g\u00e4ische K\u00fcste gemacht. Doch Luis ist gar nicht bis an die K\u00fcste gekommen. Der Minibus, mit dem er aus Istanbul kam, wurde schon vorher abgefangen und die Gruppe wurde in einer leer stehenden Schule inhaftiert. Mangels einer staatlichen Migrations- und Asylpolitik und damit einhergehenden Infrastruktureinrichtungen in der T\u00fcrkei nutzen die lokalen Vollzugsorgane auch Hotels, wie die im Bild befindliche Pensyion Deutsches Haus oder leerstehende Fabrikgeb\u00e4ude als tempor\u00e4re Haftanstalten. F\u00fcr die Verpflegung und Versorgung der Inhaftierten m\u00fcssen die lokalen Beamten sorgen, was bedeutet, dass die Eingesperrten meist selbst daf\u00fcr aufkommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch auch Luis wurde wieder frei gelassen, da er mit der Schwangerschaft seiner Frau die Gem\u00fcter erweichen konnte. Andere, die aus benachbarten L\u00e4nder kommen, mussten jedoch mit ihrer Abschiebung rechnen, wobei der t\u00fcrkische Menschenrechtsverein darlegen kann, dass Asylbegehren nicht ber\u00fccksichtigt und die Frage des Herkunftslands nicht immer genau genommen wird. So bilden die auf Druck der EU abgeschlossenen R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen der T\u00fcrkei mit seinen Nachbarl\u00e4ndern wie Syrien (2001) eine gute M\u00f6glichkeit, MigrantInnen, egal woher sie kamen, dorthin \u00fcber die Grenze zu schaffen.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit uns dementiert Luis jedoch sofort, dass er verheiratet sei. In der Situation habe es sich nur f\u00fcr sie beide angeboten, als Ehepaar aufzutreten, da niemand eine schwangere Frau von ihren Mann trenne. Doch nun steht Luis wieder vor der Situation, sich \u00fcberlegen zu m\u00fcssen, in welche der Schubladen der offiziellen Migrations- und Mobilit\u00e4tspolitik er sich stecken soll: ganz in Istanbul bleiben und ein mageres \u00dcberleben organisieren, wieder zur\u00fcck nach Ghana oder erneut einen Visumsantrag, diesmal in Deutschland, stellen? Oder Asyl beantragen? Oder irregul\u00e4r versuchen, nach Deutschland zu kommen? Europa findet dort drau\u00dfen, fern ab unserer Zentren in diesen Grenzr\u00e4umen statt und zwar als tagt\u00e4glicher leben- bedrohender Konflikt, als ein Ringen um Zivilit\u00e4t. F\u00fcr uns bedeuteten diese Erfahrungen, die Migrationsforschung vom Kopf auf die F\u00fcsse zu stellen und aus dieser Perspektive neu zu schauen auf Geschichte und Gegenwart der Ein- und Durchwanderung. Und Fragen nach Rechten, nach post-nationalen citizenship-Formen ernster zu nehmen.<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2013<\/p>\n<p>1 Das so genannte Border Package der EUKommission wurde im Februar 2008 von Franco Frattini, Vice-Pr\u00e4sident der EUKommission und EU-Kommissar f\u00fcr Justiz, Sicherheit und Freiheit als Vorschlag f\u00fcr die k\u00fcnftige Architektur des EUAu\u00dfengrenzenmanagements vorgestellt und besteht aus drei Teilen: 1. Evaluation und Perspektive der europ\u00e4ischen Grenzschutzagentur Frontex, 2. Aufbau eines Europ\u00e4ischen Grenz\u00fcberwachungssystems, 3 . Vorschlag f\u00fcr die Schaffung eines europaweiten Einreiseregisters.<br \/>\nhttp:\/\/frontex.antira.info\/2008\/02\/24\/perfektion-des-grenzregimes-das-border-package-der-eu-kommission\/ [11.06.2008] (A.d.R.)<\/p>\n<p>2 Die Dubliner Konvention ist seit dem 1.September 1997 in den L\u00e4ndern der EU in Kraft und besagt, dass AsylbewerberInnen nur einmal und nur im Erstaufnahmeland der EU Asyl beantragen d\u00fcrfen. (A.d.R.)<\/p>\n<p><em>Dr. Sabine Hess ist Hochschulassistentin am Institut f\u00fcr Volkskunde und europ\u00e4ische Ethnologie der LMU-M\u00fcnchen. Von 2003 bis 2005 war sie Koordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forschungs- und Kunstprojekts TRANSIT MIGRATION. Der Text ist ein Vortrag, den sie auf der Jahrestagung Illegalit\u00e4t, Irregul\u00e4re Migration in europ\u00e4ischer Perspektive, im M\u00e4rz diesen Jahres in Berlin gehalten hat. <\/em><\/p>\n<p>Der Vortrag wurde von der Redaktion des Infoblatts bearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Erschienen in:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.oeku-buero.de\/veroeff\/inf72\/infoblatt_72.pdf\">Infoblatt 72<\/a> | migrare &#8211; reisen | Juni 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\tDie Reaktionsweisen von Migrationswilligen auf die Grenzregime<br \/>\nVortrag &#166; M\u00e4rz 2008 &#166; Sabine Hess<\/p>\n<p>\tNur drei Wochen nach der Ver\u00f6ffentlichung des neuen EU-Positionspapiers zum Thema Grenzkontrollen unter dem netten Namen \u201eborder package\u201c 1 \u00fcber Praktiken von so genannten Migrationswilligen zu reden ist eine besondere Herausforderung. 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