{"id":22307,"date":"2011-06-29T10:20:06","date_gmt":"2011-06-29T09:20:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=2690"},"modified":"2011-07-01T00:34:05","modified_gmt":"2011-06-30T23:34:05","slug":"die-datenfresser-und-post-private-technologien-des-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2011\/06\/die-datenfresser-und-post-private-technologien-des-selbst\/","title":{"rendered":"Die Datenfresser und post-private Technologien des Selbst"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die Datens\u00e4tze werden dann auf dem grauen Markt meistbietend verkauft, nicht selten an Kriminelle, die sie dann f\u00fcr den Identit\u00e4tsdiebstahl mi\u00dfbrauchen k\u00f6nnen&#8221;. Immer mehr Menschen m\u00fcssen Nachts raus. Man muss keine Wissenschaftlerin sein, um sich von solchen S\u00e4tzen ein bisschen manipuliert zu f\u00fchlen. Aber gut, &#8220;<a href=\"http:\/\/datenfresser.info\/\">Die Datenfresser<\/a>. Wie Internetfirmen und Staaten sich unsere pers\u00f6nlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle dar\u00fcber zur\u00fcckerlangen&#8221; (2011, Frankfurt\/Main) ist m\u00f6glichst allgemeinverst\u00e4ndlich geschrieben. Um ihre Zielgruppe (ich vermute, es geht um die $Mutter) zu erreichen, scheint es f\u00fcr Constanze Kurz und Frank Rieger strategisch wichtig zu sein, auf Belege f\u00fcr die von ihnen beschriebenen Entwicklung und Szenarieren weitestgehend zu verzichten. <\/p>\n<p>Es ist leicht, aus einer sich informiert f\u00fchlenden Position \u00fcber diesen Beitrag zur Privatsph\u00e4ren-Debatte zu schmunzeln. Aber immerhin: Sie konkretisieren, was sie mit der Verdatung von Individuum und Gesellschaft meinen und zeigen einige (mehr oder weniger) bedrohliche Konsequenzen auf. Dabei gehen sie \u00fcber das \u00fcbliche <a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/halt-deine-daten-zusammen\/\">Halt deine Daten zusammen!<\/a> hinaus.\u00a0Unterm Strich lautet der Appel der Sachkapitel \u00fcber Soziale Netzwerke, Scoring oder Biometrie und die beiden fiktionalen Schreckgeschichten \u00fcber ein datensammelw\u00fctiges Startup und Robert, einen Anwalt im Jahre 2025: B\u00fcrger, lasst euch nicht entm\u00fcndigen! Reflektiert, was ihr tut, ob die Preisgabe von Daten jeweils n\u00f6tig ist, wem ihr vertraut. &#8220;Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die eigenen Daten bedeutet daher, Handlungsspielr\u00e4ume zu erhalten, nicht heute f\u00fcr alle Zukunft zu entscheiden, was wer wissen soll.&#8221; (S. 202) Pseudonyme, falsche Daten, Datensparsamkeit (nicht Askese) sind Handlungsvorschl\u00e4ge gegen den Kontrollverlust. Eines der zentralen Argumentationsmuster von Kurz\/Rieger lautet: Daten haben einen Wert. Cui bono und wer ist der Dumme? <\/p>\n<p>Es mag ihnen jedoch nicht so recht gelingen, meine Angst um die Privatsph\u00e4re anzufeuern. Vielleicht habe ich mich ja schon angesteckt mit diesem Post-Privacy-Virus? &#8220;Der soziale Umgang mit Menschen, die keine Privatsph\u00e4re-Manieren haben oder gar offensiv Post-Privacy-Ideologien vertreten, kann im Ernstfall \u00e4hnlich riskant sein wie intimer Umgang mit habituellen Safe-Sex-Verweigerern.&#8221; (S. 205) Im  Konflikt zwischen Datenschutz und Post-Privacy werden die diskursiven &#8220;Gegner&#8221; radikal pathologisiert, und zugleich wird die Privatsph\u00e4re sexualisiert und in einem heteronormativen Rahmen aufgespannt. Gef\u00e4hrlich wird&#8217;s wenn rauskommt, dass Du schwul, queer und pervers bist (vor allem in der Provinz!). Die diskursive Funktion von Queerness in aktuellen Datenschutz, aber auch in den Post-Privacy Diskursen (Coming Out als verallgemeinerte Methode der Emanzipation) erfordert eine eigene Analyse. <\/p>\n<p>Wenn Post-Privacy doch so ein &#8220;realit\u00e4tsfernes Gedankenexperiment&#8221; (S. 252) sein soll, stellt sich die Frage, warum post-private <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bio-Macht#Technologien_des_Selbst\">Technologien des Selbst<\/a> f\u00fcr viele scheinbar unbedrohlich, spannend, gar erfolgsversprechend sind (und auch wenn <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/wochenthema\/1123-jetzt-mal-ganz-offen\">Machtverh\u00e4ltnisse auch hier eine Rolle spielen<\/a> bekomme ich auf Twitter bei weitem nicht nur Einblicke in die Lebensrealit\u00e4ten wei\u00dfer, heterosexueller Mittelstandsm\u00e4nner). Kurz und Rieger schreiben, dass Privatsph\u00e4re &#8220;kein einfach zu verstehendes Konzept ist, das sich in simplen Schlagworten verkaufen l\u00e4\u00dft&#8221; (S. 204). Es bietet &#8220;Schutz vor der Macht anderer \u2013 sei es dem Staat oder dem Chef. Es sch\u00fctzt vor unangemessener Bel\u00e4stigung, aber auch vor der Asymmetrie von Machtverh\u00e4ltnissen. Gleichzeitig bewahrt es den gegenseitigen Respekt, die Individualit\u00e4t, letztlich die Menschenw\u00fcrde.&#8221; (S. 205) Und schlie\u00dflich, eine Aussage des Juristen Edward Boustein von 1964(!) zitierend (ohne Quellenangabe): &#8220;Es ist der Schutz der Privatsph\u00e4re, der den Menschen vor dem Druck des Konformismus bewahrt.&#8221; (S. 271)<\/p>\n<p>Die Antwort, die &#8220;Datenfresser&#8221; auf die Frage, woher die Lust an der Offenheit\/\u00d6ffentlichkeit kommt, gibt, ist einfach: Sie ist Resultat von haupts\u00e4chlich privatwirtschaftlicher Manipulation, die geschickt genug waren, ihre Begehrlichkeiten in die Gestaltung von Technologien (location based services, soziale Netzwerke, die cloud) einzuschreiben. Gesellschaftsanalytisch muss an dieser Stelle jedoch auf neoliberal-gouvernementale Machtformationen verwiesen werden: Es geht in unserer heutigen Zeit nicht mehr so sehr um den Konformismus der Masse. Normativit\u00e4t hat sich verschoben, subjektive Differenz ist f\u00fcr viele zum kulturellen Kapital geworden. Unter diesem Licht betrachtet werden post-private Selbsttechnologien verstehbar, aber auch kritisierbar. Doch diesen analytischen Schritt zu machen steht noch aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Datens\u00e4tze werden dann auf dem grauen Markt meistbietend verkauft, nicht selten an Kriminelle, die sie dann f\u00fcr den Identit\u00e4tsdiebstahl mi\u00dfbrauchen k\u00f6nnen&#8221;. Immer mehr Menschen m\u00fcssen Nachts raus. Man muss keine Wissenschaftlerin sein, um sich von solchen S\u00e4tzen ein bisschen manipuliert zu f\u00fchlen. Aber gut, &#8220;<a href=\"http:\/\/datenfresser.info\/\">Die Datenfresser<\/a>. 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