{"id":23474,"date":"2012-01-03T22:40:58","date_gmt":"2012-01-03T21:40:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=2846"},"modified":"2012-01-03T22:40:58","modified_gmt":"2012-01-03T21:40:58","slug":"zur-nullten-spackeriade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/01\/zur-nullten-spackeriade\/","title":{"rendered":"Zur nullten Spackeriade"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage war wieder Chaos Communication Congress (im Folgenden auch <a href=\"http:\/\/events.ccc.de\/category\/28c3\/\">28c3<\/a>). Parallel und in Fu\u00dfn\u00e4he dazu fand am 29. Dezember die 0. Spackeriade (im Folgenden auch <a href=\"http:\/\/blog.spackeria.org\/\">spack0<\/a>) statt. Die Minikonferenz der <a href=\"http:\/\/spackeria.org\/\">Datenschutzkritischen Spackeria<\/a> war gedacht als \u201eeine Plattform [\u2026] f\u00fcr alle, die sich mit Datalove, Kontrollverlust, sozialer Vernetzung, Post-Privacy oder Informationsfreiheit in mehr oder weniger utopischer Art und Weise auseinandersetzen m\u00f6chten.\u201c Bei freiem Eintritt gab es sowohl f\u00fcr Kongressbesucher_innen als auch andere die Gelegenheit, zwischendurch oder die ganze Zeit im HBC (sch\u00f6ne Location f\u00fcr Leute, die der Rauch rund um die Bar nicht st\u00f6rt) vorbei zu schauen und sich die insgesamt neun Talks und Podien anzuschauen. Bei den meisten <a href=\"http:\/\/blog.spackeria.org\/2012\/01\/01\/0-spackeriade-vortragsaufzeichnungen-online\/\">geht das \u00fcbrigens auch nachtr\u00e4glich<\/a>. Ich hab auch noch nicht alle gesehen und bin besonders auf <a href=\"https:\/\/lanyrd.com\/2011\/spack0\/smrrq\/\">Tantes \u201eProgram or be Programmed\u201c<\/a> noch sehr gespannt.<\/p>\n<p>Unterm Strich wurde auf der spack0 zu viel \u00fcber die Spackeria und zu wenig \u00fcber Fragen des Kontrollverlust gesprochen. Nachdem ich die ersten Talks verpasst hatte dachte ich nach dem zweiten Dritten, dass es vielleicht stimmt: Der Diskurs gibt gerade nicht viel her. Die Positionen sind bekannt und die romantisierenden Verk\u00fcrzungen eigentlich auch schon analysiert. G\u00e4hn.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberzeugt haben mich zum Beispiel die von Ole Rei\u00dfmann vorgetragenen und zusammen mit Anna Sauerbrey entwickelten 11 Thesen zur datenschutzkritischen Spackeria. Seit wann ist \u201eWarum stellt sich die Spackeria nicht nackt mit Langhans vor eine Wand?\u201c eigentlich eine These? Klar, Journalist_innen finden es gut, wenn Gruppen bestimmte Themen f\u00fcr sich beanspruchen und dazu medienwirksame Bilder produzieren. Aber diese Erwartungshaltung! Am besten fand ich die Idee, dass die Spackeria doch mal recherchieren sollte, ob die Landesdatenschutzbeauftragten in Deutschland nicht unglaublich viel Geld verwenden mit unsinnigen Aktionen. Ist das nicht eigentlich der Job von Journalist_innen? Womit Rei\u00dfmann allerdings recht hat: Von irgendjemand musste die Datenschutzkritik aufgegriffen werden, damit sie als Standpunkt im Diskurs auch greifbar wird. Aber wie es von da aus weiter geht sollte sich nicht an den Interessen von Spiegel Online und co. orientieren. <\/p>\n<p>Das Abendprogramm fand ich interessanter. Bei <a href=\"https:\/\/lanyrd.com\/2011\/spack0\/smrrx\/\">Helga Hansens feministische Kritik an Post-Privacy<\/a> wurde mir etwas zu viel schwarz-wei\u00df Malerei betrieben, aber Helga hat den Finger auf eine wichtige Wunde gelegt und das scheint beim Publikum auch angekommen zu sein: Wer tr\u00e4gt die Kosten der \u00d6ffentlichkeit und wo bleibt die Solidarit\u00e4t? Dass es wichtig ist, sich mit sozialen Fragen und diesem Privilegiending auseinanderzusetzen, wenn es um Informationsfreiheit geht, war auch der Punkt in Daniel Schweigh\u00f6fers Vortrag: <a href=\"https:\/\/lanyrd.com\/2011\/spack0\/smrrz\/\">Kampf f\u00fcr die Informationsfreiheit ist ein sozialer Kampf<\/a>. Mir hat gut gefallen, wie er die zum Teil schwierigen gesellschaftskritischen Begriffe und Konzepte f\u00fcr den Kontext des Post-Privacy Diskurses erkl\u00e4rt hat. <\/p>\n<p>Der Fikileaks-Talk \u00fcber ein Projekt, dass Beziehungen innerhalb eines Bekanntenkreises (\u201eWer k\u00fcsst wen?\u201c) visualisiert, war unterhaltsam und anschaulich kontrollverlustig. Die interessanten Fragen konnten aber aus Gr\u00fcnden nicht ausf\u00fchrlich diskutiert werden. (Das w\u00e4re wieder die Sache mit den unterschiedliche Positionen, die sich zeigen, wenn die einen sich mit Slut Shaming konfrontiert sehen, w\u00e4hrend andere tolle Hechte sind und dritte mit dem \u201eforever alone\u201c Stigma zurecht kommen m\u00fcssen. Aber auch die Frage nach Intimit\u00e4t und Privatsph\u00e4re, Beziehungsformen, Eifersucht usw.)<\/p>\n<p>Vollkommene Nabelschau wurde dann in der Abschlussrunde betrieben, in der die Fails der Spackeria und insbesondere das Thema Langhans-Ein-und wieder Ausladung beleuchtet wurden. Und immer wieder die Frage: Als was versteht sich eigentlich diese Spackeria? Es scheint n\u00f6tig zu sein, dass diese Gruppe ein Selbstverst\u00e4ndnis entwickelt, wenn sie \u00f6ffentlich als Gruppe auftritt. Denn bei allem Individualismus im Standpunkt (Warum dann nicht solo bloggen?) und dem ziemlich naiven Jeder-soll-sprechen-d\u00fcrfen (Habermas meets Darwin? W\u00e4re ich eine Rampensau, h\u00e4tte ich Plomlompom das Mikro entrissen und \u201eMimimi\u201c gesungen. Weil: Jeder Sprechakt hat hier seinen Platz!) m\u00fcssen da eben auch kollektive Entscheidungen getroffen werden. Oder man entscheidet sich daf\u00fcr, das sein zu lassen und es bei der Rolle des Diskordes, der den Zankapfel durchs Dorf gerollt hat, zu belassen. Mein Interesse, diese Selbstfindung beizuwohnen ist allerdings nicht so gro\u00df. Der Kongress ist ja auch nicht die CCC-Mitgliederversammlung (da f\u00e4nde ich es tats\u00e4chlich spannender, M\u00e4uschen zu spielen)<\/p>\n<p><strong>Ich m\u00f6chte lieber \u00fcber Post-Privacy, \u00d6ffentlichkeit, Sicherheit, Kontrolle, das Politische und das Private sprechen.<\/strong><\/p>\n<p>Wie notwendig das auch weiterhin ist wurde bei den \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=q5qcP63UpgE\">Security Nightmares<\/a>\u201c am n\u00e4chsten Tag auf dem 28c3 wieder deutlich. Er ist eine der Traditionsveranstaltungen auf dem Kongress. Frank Rieger und Ron blicken zur\u00fcck auf die IT-Sicherheitsdebakel des vergangen Jahres, be\u00f6mmeln sich \u00fcber neue privatwirtschaftliche und staatliche IT-Gro\u00dfprojekte und \u00fcberlegen zusammen mit dem Publikum, was in der Zukunft schief gehen k\u00f6nnte. Dabei werden jede Menge Zoten gerissen und das Publikum best\u00e4tigt sich in der Selbstwahrnehmung, in dem ganzen Wahnsinn wenigstens auf der Seite derer zu stehen, die den Durchblick haben. Im Grunde zeigen die Security Nightmares jedoch, dass Sicherheit meistens nur gef\u00fchlte Sicherheit ist. Das gilt f\u00fcr die elit\u00e4ren Hacker, die sich vielleicht schon in einem Jahr damit konfrontiert sehen, dass ihr liebstes Privacy Tool doch seine Schwachstellen hat ebenso wie f\u00fcr die \u201edummen User\u201c, denn \u201edumm\u201c hei\u00dft in diesem Kontext oft nur, dass man es nicht zu einer seiner Priorit\u00e4ten machen will oder kann, \u00fcber Risiken, Technologien und Sicherheitsma\u00dfnahmen auf dem neusten Stand zu bleiben und den Code am besten immer selbst zu kompilieren. Und so kommt auch Frank Rieger w\u00e4hrend des Talks zu der Erkenntnis, dass Daten verloren gehen werden und alles eine Machtfrage ist.<\/p>\n<p>Unternehmen, die in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem auf dem Markt agieren sammeln Daten, die sie verkaufen oder auf anderem Weg zu Profit machen wollen. Oder sie verlieren sie auf dem Weg.<\/p>\n<p>Repressive Staatsapparate wollen kontrollieren, \u00fcberwachen und strafen. Die Biomacht ist auch \u00fcberall am Werk (aber jetzt wird es zu foucaultisch).<\/p>\n<p><strong>Ich prangere das an.<\/strong> <\/p>\n<p><strong>Und jetzt? <\/strong><\/p>\n<p>Sich ins F\u00e4ustchen lachen hilft jedenfalls nicht. Zu hoffen, dass die positiven Folgen der informationstechnischen Entwicklung \u00fcberwiegen, auch nicht.<\/p>\n<p>Um eine politische Diskussion zu f\u00fchren, ist es wichtig, dass sich in den vergangen zwei Jahren Positionen zugespitzt haben. Dieser Antagonismus zwischen Post-Privacy und Datenschutz-Aluh\u00fcten hat den Raum f\u00fcr Diskussionen aufgemacht, die vorher nicht artikulierbar waren. Was wir jetzt brauchen, ist eine ernsthafte, facettenreiche Auseinandersetzung, f\u00fcr die der Kongress, die n\u00e4chste Spackeriade und die im Mai stattfindende <a href=\"http:\/\/sigint.ccc.de\/Main_Page\">Sigint<\/a> Plattformen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>PS:<\/strong><br \/>\nUnd dann ist da noch die Sache mit dem Namen. Ich frage mich seit die Spackeria das Licht der \u00d6ffentlichkeit erblickt hat, was von diesem Namen zu halten ist. Klar: Es ist zun\u00e4chst ein Mal eine subversive Aneignung eines abwertend gemeinten Schimpfwortes. CCC-Sprecherin Constanze Kurz hatte n\u00e4mlich auf dem 27c3 Post-Privacy Spacken gedisst. Aber trotzdem muss man sich fragen, ob \u201eSpacken\u201c ein Begriff ist, den eins sich einfach mal so aneignen sollte. Bei meinen (schnellen) Recherchen fand ich Hinweise darauf, dass der Begriff von Spas\/ti\/ker kommen k\u00f6nnte. Damit h\u00e4tte es sprachlich einen behindertenfeindlichen Hintergrund. Sich negativ belegte Begriffe als politische Selbstbezeichnungen aneignen ist eine politische Strategie f\u00fcr die diskriminierte Gruppe, nicht f\u00fcr andere Gruppen.<br \/>\nAber so ganz eindeutig ist das bei Spacko wohl nicht, denn das Wort k\u00f6nnte auch wo anders her kommen. Wenn jemand bessere ethymologische Quellen zur Hand hat w\u00e4re ich f\u00fcr Hinweise dankbar.<\/p>\n<p>Edit: <a href=\"http:\/\/www.ctrl-verlust.net\/der-kontrollverlust-auf-dem-27c3\/#comment-281\">Hier gibt es einen Hinweis<\/a> auf die Herkunft von Spacko: \u201c Der Spack oder die Spacke ist norddeutsch\/platt eigentlich ein abgemagerter Mensch. Das Wort ist eine Verballhornung des plattdeutschen Wortes Sp\u00f6kenkieker, das hochdeutsch mit Hellseher oder Vorausschauer \u00fcbersetzt werden m\u00fcsste.\u201c<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?flattrss_redirect&amp;id=2846&amp;md5=d2538fb66c9af880984b88c6f25c6139\" title=\"Flattr\" ><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" alt=\"flattr this!\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage war wieder Chaos Communication Congress (im Folgenden auch 28c3). 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