{"id":25123,"date":"2012-06-13T10:41:30","date_gmt":"2012-06-13T09:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=3065"},"modified":"2012-06-13T10:41:30","modified_gmt":"2012-06-13T09:41:30","slug":"aufmerksamkeitsokonomie-und-die-allwissende-mullhalde-im-seminarraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/06\/aufmerksamkeitsokonomie-und-die-allwissende-mullhalde-im-seminarraum\/","title":{"rendered":"Aufmerksamkeits\u00f6konomie und die allwissende M\u00fcllhalde im Seminarraum"},"content":{"rendered":"<p>Mit ganz frischen Eindr\u00fccken von einem Blockseminar bin ich neulich \u00fcber eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk L\u00fckes Buch \u201eDigitale Gesellschaft\u201c gestolpert. Die Studierenden, hei\u00dft es dort, h\u00e4tten durch das Internet die M\u00f6glichkeit, live in der Vorlesung zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob das, was die Dozentin vorne erz\u00e4hlt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: \u201eFr\u00fcher h\u00e4tte man daf\u00fcr in Bibliotheken gehen, sich B\u00fccher bestellen und Fachzeitschriften durchbl\u00e4ttern m\u00fcssen. Heute ist zumindest eine oberfl\u00e4chliche Gegenpr\u00fcfung binnen weniger Sekunden m\u00f6glich\u201c (ebd. S. 79). Dieses Beispiel soll illustrieren, welche Chancen das Netz im Bereich der h\u00f6heren Bildung bietet. Ich habe zwar keinen Hang zu medienpessimistischen Einstellungen, frage mich aber, ob die Autoren den Fragen, vor die Studierende und Lehrende gerade gestellt werden, damit gerecht werden. Reicht es aus, die Fakten zu \u00fcberpr\u00fcfen, die man vorgesetzt bekommt? Welche Probleme stellt die hochgelobte \u201eunmittelbare Verf\u00fcgbarkeit von Wissen\u201c uns im Lehrbetrieb? <\/p>\n<p><strong>Konzentration und Anerkennung<\/strong><br \/>\nMeiner Erfahrung nach nutzen viele Studierenden ihre Laptops nicht (nur) f\u00fcr Liverecherchen und Mitschriften, sondern sind bei facebook, chatten und machen allgemeine Lebensverwaltung. Das darunter die Konzentration eingeschr\u00e4nkt wird liegt eigentlich auf der Hand. Dass die meisten, auch wenn sie anderes behaupten, an die Grenzen der eigenen Multitaskingf\u00e4higkeit sto\u00dfen, zeigt sich anhand der Qualit\u00e4t der Seminardiskussionen. Ich kenne das ja von mir, denn bei Netzkonferenzen ist es ja eh sozial akzeptiert, w\u00e4hrend eines Vortrages auf einen Display zu schauen. Dann schreibt eine mal schnell einen Tweet zum Thema oder liest eine DM und schwupp ist sie weg, die Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen, die Vorne stehen und etwas erz\u00e4hlen bedeutet das nat\u00fcrlich auch etwas. Gegen eine Wand zu sprechen ist keine sch\u00f6ne Erfahrung. Wenn Studierende Referate halten m\u00fcssen sie auf aufmerksame Blicke und Signale des Verst\u00e4ndnisses verzichten. Manchen gelingt es, Teile des Publikums zu fesseln, andere, zum Bespiel ein trockeneres Thema erwischt haben oder deren Sprache nicht gut verst\u00e4ndlich ist (Akzent, Lautst\u00e4rke, starke Aufregung usw. \u2013 auch hier werden Machtverh\u00e4ltnisse reproduziert) haben ein h\u00f6heres Risiko, dass keine\/r zuh\u00f6rt. Das hilft nat\u00fcrlich nicht dabei, den eigenen Vortragsstil zu verbessern und entspannter an Referate ranzugehen. Es entsteht au\u00dferdem eine Situation, wo die Studierenden denken m\u00fcssen, dass sie diese Referate nur als Zeitf\u00fcller und f\u00fcr die Dozentin halten. <\/p>\n<p>Im schlimmsten Fall ist die Seminarsitzung dann f\u00fcr die Katz, denn ohne Konzentration und Aufmerksamkeit ergeben sich auch keine kritischen Nachfragen, aus denen gute, kontroverse und weiterf\u00fchrende Diskussionen entstehen k\u00f6nnen. Es bleibt bei einer oberfl\u00e4chlichen und frontalen Vermittlung von Wissen, solange keine disziplinarischen und didaktischen Gesch\u00fctze aufgefahren werden. <\/p>\n<p><strong>Die Unordnung des Wissens<\/strong><br \/>\nEin weiteres Problem, dass mir aufgefallen ist, ist der zum Teil oberfl\u00e4chliche Umgang mit Wissen, der durch den st\u00e4ndig verf\u00fcgbaren Zugang zum Netz hervorgerufen wird. Ich hatte in meinem letzten Seminar eine Aufgabe gestellt, die die Studierenden in Gruppen bearbeiten sollten. Es ging darum, Argumente f\u00fcr und gegen ein politisches Konzept zusammenzutragen und anschlie\u00dfend im Plenum vorzustellen. Ich erhoffte mir, dass die Studierenden in der kleineren Gruppe das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten und hoffte, dass die unterschiedlichen Argumentationen eine weiterf\u00fchrende Diskussion anregen w\u00fcrden. Zuvor hatte ich eine Einf\u00fchrung in das Thema gegeben sowie Lekt\u00fcre zur Verf\u00fcgung gestellt. Ich beobachtete den Verlauf der Gruppenarbeit einer Gruppe und stellte fest, dass die Studierenden sich zun\u00e4chst mit individueller Recherche an ihren Rechnern besch\u00e4ftigten, um dann einige Punkte zusammenzutragen, sich dar\u00fcber aber auch nicht weiter auszutauschen, und sich schlie\u00dflich wieder dem Netz zu widmen. Es fand keine Diskussion statt, kein Durchdenken der Frage und des politischen Konzeptes, keine eigenst\u00e4ndige Strukturierung und Abw\u00e4gung von Argumenten. Mir wurde klar, dass sie diesen Arbeitsauftrag als Rechercheauftrag verstanden hatten und nicht als Anregung, sich mit einem Gegenstand der Sitzung selbstst\u00e4ndig auseinander zu setzen.<\/p>\n<p>Dadurch kommt es auch vor, dass die Studierenden mit Stichw\u00f6rtern um sich werfen, ohne sie sinnvoll einzuordnen. Gegen\u00fcber meiner Erfahrung an der Uni ist das eine andere Haltung gegen\u00fcber Wissen, bei der es um das Abrufen von Fakten aus der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Allwissende_M%C3%BCllhalde\">allwissenden M\u00fcllhalde<\/a> Internet (google + wikipedia) geht, nicht aber um das Durchdenken von Problemen, der Entwicklung von Forschungsfragen entlang von Theorien und der kritischen Auseinandersetzung mit Argumenten und L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen.<\/p>\n<p><strong>Lessons Learned? <\/strong><br \/>\nIch habe mir vorgenommen, diese Frage in zuk\u00fcnftigen Seminaren zu Beginn zu thematisieren und eine Diskussion dar\u00fcber zu f\u00fchren, warum Menschen in der Uni sitzen, welchen Anspruch sie damit verkn\u00fcpfen und was Wissen f\u00fcr sie im Kontext des Seminares bedeutet. Ich muss mir noch \u00fcberlegen, wie das genau von statten gehen kann, aber es wird nichts schaden. <\/p>\n<p>Unsicher bin ich mir noch, wie ich mit der Nutzung von Laptops im Seminar umgehe. Die Entwicklung, die Uni als verl\u00e4ngerte Schule anzugehen und sie zu einer Anstalt der Disziplin umzubauen, finde ich nicht gut. Dazu tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel die Klassenstruktur, die durch die Jahrg\u00e4nge und Module im BA\/MA-System oft entsteht und die den Bruch zwischen Schule und Uni verwischt. Ich halte auch nichts von Anwesenheitspflicht und Semesterobergrenzen. Wenn Leute keine Zeit, Lust oder an dem Tag nicht die Nerven dazu haben, ein Seminar zu besuchen, sollen sie lieber was anderes machen statt die Zeit abzusitzen. Im Seminarraum w\u00fcnsche ich mir aber Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Interesse und Diskussionsfreude. Es gibt gute Methoden, um zum Beispiel das Niveau der Vorbereitung zu verbessern. Aber muss ich Aufmerksamkeit letztlich durch Verbote erzwingen? Einerseits w\u00e4re das im Interesse eines besseren Lernklimas, das f\u00fcr alle Seiten am Ende des Tages befriedigender ist. Andererseits sind das erwachsene Menschen, die selbst wissen bzw. lernen sollten, ob es ihnen was bringt, Seminare an sich vorbeirauschen zu lassen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Problem in meiner Studienzeit und auch in Seminaren, die ich seit dem gegeben habe, nicht aufgekommen ist, hat diese neue Erfahrung mir zu Denken gegeben und mich interessiert brennend, wie das anderswo gehandhabt wird und wie andere Studierende und Lehrende dar\u00fcber denken. Ich bin auf der Suche nach Austausch und Anregungen.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?flattrss_redirect&amp;id=3065&amp;md5=580b0408b7ad83267a514cb7b7ab5ac5\" title=\"Flattr\" ><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" alt=\"flattr this!\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ganz frischen Eindr\u00fccken von einem Blockseminar bin ich neulich \u00fcber eine Stelle in Markus Beckedahl und Falk L\u00fckes Buch &#8222;Digitale Gesellschaft&#8220; gestolpert. Die Studierenden, hei\u00dft es dort, h\u00e4tten durch das Internet die M\u00f6glichkeit, live in der Vorlesung zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob das, was die Dozentin vorne erz\u00e4hlt, dem neusten Forschungsstand gerecht wird: &#8222;Fr\u00fcher h\u00e4tte &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":74,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[704,1823],"class_list":["post-25123","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-borders","tag-dates"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25123","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/74"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25123"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25123\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25589,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25123\/revisions\/25589"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25123"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25123"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25123"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}