{"id":26201,"date":"2012-09-11T11:10:56","date_gmt":"2012-09-11T10:10:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=3140"},"modified":"2012-09-11T11:10:56","modified_gmt":"2012-09-11T10:10:56","slug":"geschichte-wird-gemacht-cre-196","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/09\/geschichte-wird-gemacht-cre-196\/","title":{"rendered":"Geschichte wird gemacht (CRE 196)"},"content":{"rendered":"<p>CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der gr\u00f6\u00dften Reichweite geh\u00f6rt, hat sich dem Thema Feminismus (<a href=\"http:\/\/cre.fm\/cre196-feminismus\">CRE 196<\/a>) angenommen. Zu Gast in der \u00fcber drei Stunden langen Sendung war <a href=\"http:\/\/katrin-roenicke.de\/\">Katrin R\u00f6nicke<\/a>, die im Gespr\u00e4ch mit Tim Pritlove \u00fcber ihren feministischen Werdegang, die Geschichte der Frauenbewegung und verschiedene geschlechterpolitische Fragen Auskunft gab. Wie zu erwarten war, gab es nicht nur die \u00fcblichen feminismuskritischen Wortmeldungen, sondern auch kritische Anmerkungen aus der (pro-)feministischen Bubble. <a href=\"http:\/\/raummaschine.de\/blog\/2012\/09\/08\/cre196-flauschfeminismus\/\">Sofakissen hat sich in seiner Raummaschine<\/a> schon dar\u00fcber ausgelassen, dass er den Feminismus-CRE als sehr m\u00e4nnerkompatibel und flauschig wahrgenommen hat, was er daran festmacht, dass zum Beispiel das Thema Gewalt ausgeklammert wird.<\/p>\n<p>Das ist mir beim H\u00f6ren auch aufgefallen. Es gab aber noch eine andere gro\u00dfe Leerstelle, auf die hinzuweisen ich wichtig finde. Die Debatten, die unter Stichworten wie \u201eDifferenzen zwischen Frauen\u201c oder \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c bekannt sind, werden in der Sendung n\u00e4mlich v\u00f6llig ausblendet. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Katrin R\u00f6nicke ihr Verst\u00e4ndnis der \u201edritten Welle\u201c beschreibt. Was im Podcast r\u00fcber kommt: Eine j\u00fcngere Generation stellt fest, dass die alten Probleme noch immer nicht (alle) gel\u00f6st sind: Sexismus, Vereinbarkeit, Karriere. Also wird Feminismus neu aufgerollt, ein paar Sachen m\u00fcssen aber \u00fcber Bord geworfen werden (z.B. die Ablehnung von Pornographie und BDSM, die M\u00e4nnerfeindlichkeit). Die Feministinnen der dritten Welle sind \u201ekooperativer\u201c als die der Zweiten. Das ist durchaus eine verbreitete Deutung von zeitgen\u00f6ssischem Feminismus, unterschl\u00e4gt aber mindestens zwei Punkte.<\/p>\n<p>Zum einen: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Intersectionality\">Intersektionalit\u00e4t<\/a> kommt nicht vor. Die Diskussion um Mehrfachunterdr\u00fcckung, sich \u00fcberschneidende Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen sozialen Positionierungen fehlt. Gut, Intersektionalit\u00e4t ist ein ziemlich akademisches Wort, eine Analysemethode. Aber ist kein Thema, mit dem sich nur im Elfenbeinturm besch\u00e4ftigt wird. Feministische Aktivist_innen besch\u00e4ftigen sich heute mit Themen wie Mehrfachpositionierung. Im Policybereich, z.B. bei den Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen geht es schon lange um das Verh\u00e4ltnis von Race, Gender und Class. Viele Konflikte wurden gef\u00fchrt und es waren vor allem marginalisierte Frauen*, die darum gek\u00e4mpft haben, dass eine wei\u00dfe, nicht von Behinderung betroffene, b\u00fcrgerliche Perspektive nicht alles sein kann und dass auch diese Perspektive etwas mit rassistischen Strukturen, Kapitalismus, Gesundheitsdiskursen usw. zu tun hat. Das ist auch alles nicht neu: In der ersten Frauenbewegung gab es neben den b\u00fcrgerlichen auch sozialistische Feministinnen, die Feminismus und Klassenkampf zusammengedacht haben. F\u00fcr die Diskussion um Intersektionalit\u00e4t sind Texte von amerikanischen Women of Color (das <a href=\"http:\/\/circuitous.org\/scraps\/combahee.html\">Combahee River Collective Statement<\/a> (1977) zum Beispiel) besonders einschl\u00e4gig. Es ist auch nicht so, als sei das eine US-Debatte, die mit den hiesigen Verh\u00e4ltnissen nichts zu tun hat. Schaut euch mal die Interventionen von Schwarzen Frauen und Migrantinnen an, zum Beispiel den Text <a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/archiv\/Feminismus\/GenderKiller\/gender_5.html\">Wir, die Seilt\u00e4nzerinnen<\/a> (1994) von FeMigra. Oder die Auseinandersetzungen um doppelte Diskriminierung von Frauen mit Behinderung (Texte von Swantje K\u00f6bsell: <a href=\"http:\/\/www.zedis.uni-hamburg.de\/dokumente\/Bewegungsgeschichte_HH_04-06_Vortrag.pdf\">1<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.zedis.uni-hamburg.de\/wp-content\/uploads\/koebsell_21052012.pdf\">2<\/a>). Das sind nur die bekanntesten Beispiele, von denen ich wei\u00df, dass sie immer wieder aufgef\u00fchrt werden, um wenigstens zu sagen: Hier schaut, das gibt es alles! Nehmt es wahr! <\/p>\n<p>Ein zweiter Punkt ist die Kritik an der bin\u00e4ren Zweigeschlechtlichkeit (d.h.: es gibt nur M\u00e4nner und Frauen und die sind im Normalfall in ihrem Begehren aufeinander bezogen) und der Ausgrenzung von Menschen, die in dieses Schema nicht passen k\u00f6nnen oder wollen, auch aus feministischen R\u00e4umen. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Feminismus und Queeren Politiken (Woltersdorf: <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/Utopie_kreativ\/156\/156_woltersdorff.pdf\">Queer Theory und Queer Politics<\/a>, 2003) wird im CRE nicht gesprochen. Tim Pritlove versucht das, wenn ich es richtig rausgeh\u00f6rt habe, an einer Stelle einzubringen, Katrin R\u00f6nicke lenkt das Thema auf ihre Erfahrungen mit (heterosexueller) Mutterschaft. Nicht, dass das kein wichtiges Thema w\u00e4re. Der Gespr\u00e4chsverlauf an der Stelle zeigt aber gut, wie aus einer bestimmten Position heraus Themen gesetzt und andere unsichtbar gemacht werden. <\/p>\n<p>Die CRE-Folge ist also ein hervorragendes Beispiel daf\u00fcr f\u00fcr eine Geschichtsschreibung, die dominante gesellschaftliche Positionen reproduziert und andere unsichtbar macht. Ich halte es  nicht f\u00fcr falsch, sich zum Beispiel \u00fcber die Rollenverteilung von heterosexuellen Eltern zu unterhalten, um bestimmte Punkte zu vermitteln. Mit dem Thema k\u00f6nnen vermutlich viele CRE-H\u00f6rer_innen etwas anfangen und es gibt Ansto\u00df, \u00fcber eigene Erfahrungen nachzudenken (auf eine angenehmere Art, als wenn ich mich fragen muss, wo ich eigentlich in letzter Zeit m\u00e4nnliches Dominanzverhalten an den Tag gelegt habe). Ich halte es aber f\u00fcr falsch, intersektionale und heteronormativit\u00e4tskritische Perspektiven in einem dreist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch, das offensichtlich den Anspruch hat, \u00fcber die Geschichte des Feminismus etwas zu vermitteln, komplett auszublenden und \u00fcber 30 Jahre feministische Auseinandersetzung zu \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Der \u201epragmatische Feminismus\u201c von Katrin kommt gut an, das merke ich an den Reaktionen auf Twitter. Und so w\u00fcnschenswert ich es finde, dass viele Leute ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Feminismus entwickeln, so frage ich mich doch: Geht das nur um den Preis, sich gegen\u00fcber denjenigen abzugrenzen, die mit dem Malestream nicht kompatibel sein wollen? Diese Form von \u201epragmatische Feminismus\u201c hat den Effekt, gerade bei den \u201eirgendwann ist mal gut\u201c-Apologet_innen gut anzukommen und erweist so den Vertreter_innen der aktuellen Diskurse einen Erkl\u00e4rB\u00e4rendienst. Die intersektionalen Ans\u00e4tze gelten dann <i>en passant<\/i> als \u201ezu kompliziert, zu radikal\u201c. Sie sind aber State of the Art (seit 30 Jahren!), nehmt sie ernst. <i>They are the stories <strike> \u2026 that need to be told.<\/strike><\/i> <a href=\"http:\/\/twitter.com\/sab_culture\/status\/245488147897659392\">sab_culture<\/a> hat das viel besser formuliert: <i>\u201ethey are told, but more often ignored, not acknowledged, over heard, over voiced \u2026\u201c<\/i><\/p>\n<p><small>Die Wortspielcredits f\u00fcr den Erkl\u00e4rb\u00e4rendienst gehen an Philip Steffan.<\/small><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?flattrss_redirect&amp;id=3140&amp;md5=014ee57fbfba0fa47d227fe9cc5b55a0\" title=\"Flattr\" ><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" alt=\"flattr this!\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CRE, das zu den deutschsprachigen Podcasts mit der gr\u00f6\u00dften Reichweite geh\u00f6rt, hat sich dem Thema Feminismus (CRE 196) angenommen. 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