{"id":26622,"date":"2012-10-26T11:43:58","date_gmt":"2012-10-26T10:43:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?p=3230"},"modified":"2012-10-26T11:43:58","modified_gmt":"2012-10-26T10:43:58","slug":"feministische-bruche-und-feministische-archive-%e2%80%9ewir-schauen-zu-wie-wissen-verloren-geht%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/10\/feministische-bruche-und-feministische-archive-%e2%80%9ewir-schauen-zu-wie-wissen-verloren-geht%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Feministische Br\u00fcche und feministische Archive: \u201eWir schauen zu, wie Wissen verloren geht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wie versprochen nun also der follow-up-post zum Vortrag \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/die-archive-ins-netz-und-das-netz-in-die-archive\/\">Lesben\/Frauen-Archive in der digitalen Welt<\/a> ein paar Themen der Diskussion und \u00dcberlegungen dazu.<\/p>\n<p>Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Mit meinem Vortrag wollte ich unter anderem einen Einblick geben, wie Feminismus im Netz \u00d6ffentlichkeit herstellt, Beziehungen stiftet und Interventionen erm\u00f6glicht. Ich habe versucht, Metaphern daf\u00fcr zu finden, was Twitter f\u00fcr uns bedeutet und betont, dass es auch f\u00fcr uns, die wir soziale Medien t\u00e4glich nutzen, alles andere als trivial ist, sich darin zurecht zu finden. Aber es ist eben trotz der Informationsflut und der Unsicherheit, wie Beziehungen in der virtuellen Welt zu gestalten sind, auch unglaublich reizvoll. Daran anschlie\u00dfend habe ich mir die Frage gestellt, welche Bedeutung die Verortung in vorangegangenen feministischer Politiken f\u00fcr uns, die wir im Netz feministisch umherschwirren, hat. Als Beispiel habe ich u.a. Somlu\u2019s Text \u00fcber das Frauenwiderstandscamp im Hunsr\u00fcck genannt, der <a href=\"https:\/\/somluswelt.wordpress.com\/2012\/10\/01\/eine-sehr-alte-und-bekannte-diskussion-uber-kinder-und-mutter\/\">eine sehr alte und bekannte Diskussion \u00fcber Kinder und M\u00fctter<\/a> mit aktuellen Diskussionen um Kinder und Heteroprivilegien beim Gendercamp verkn\u00fcpft. Ich argumentierte, dass solche Blogposts hilfreich f\u00fcr aktuelle feministische Diskussionen sein k\u00f6nnen, weil Feminismus eben auch hei\u00dft, wahrzunehmen, wof\u00fcr vor uns gek\u00e4mpft wurde, wer gek\u00e4mpft hat, wor\u00fcber gestritten wurde und welche Praxen darin entwickeltet worden sind. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/5474757502_efbd5c4120_z-e1351249282196.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/5474757502_efbd5c4120_z-e1351249282196.jpeg\" alt=\"\" title=\"Disability Zines Exhibit\" width=\"560\" height=\"371\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3247\" \/><\/a><br \/>\n<small>Disability Zines Exhibit by <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/barnardzinelibrary\/5474757502\/\">Barnard Library Zine Collection<\/a> on Flickr. <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.0\/deed.de\">CC BY-NC-SA 2.0<\/a><\/small><\/p>\n<p>Erz\u00e4hlungen \u00fcber das, was war, sind immer auch dazu da, etwas dar\u00fcber zu sagen, was heute ist. Sich kritisch in Geschichte zu verorten hei\u00dft deshalb meiner Ansicht auch, diese zu dekonstruieren, also auf ihre Entstehungsbedingungen zu befragen. Zu fragen, warum heute etwas auf eine bestimmte Weise erz\u00e4hlt wird und wie Macht mit dieser Erz\u00e4hlung verwoben ist. Ich habe vor allem von meinen Historiker_innen-Freund_innen und ihrer Arbeit gelernt, dass Archive f\u00fcr dieses Unterfangen von gro\u00dfem Nutzen sein k\u00f6nnen, wenn sie vielf\u00e4ltig und von kundigen Spezialist_innen erschlossenen und aufbereiteten Quellen und Materialien zur Verf\u00fcgung stellen. <\/p>\n<p>Als ich die Frauenwiderstandscamps erw\u00e4hnte murmelten einige im Publikum so etwas wie \u201eah ja, genau\u201c. Ich erw\u00e4hnte, dass ich bis zu diesem Blogpost noch nichts davon geh\u00f6rt hatte. In der Diskussion kn\u00fcpften mehrere Frauen daran an und meinten, dass die Lesben\/Frauenarchive, in denen sie arbeiten, voll mit Quellen dazu sind. <\/p>\n<p>Da waren wir an dem Punkt, der die Diskussion beherrschen sollte: Gibt es einen Bruch zwischen der zweiten Frauenbewegung und der heutigen und geht dieser mit einem \u00e4hnlichen Verlust von Wissen und Geschichte einher, wie der Bruch zwischen der ersten und der zweiten Frauenbewegung? Und was bedeutet das f\u00fcr die Lesben\/Frauen-Archive und Bibliotheken? <\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin fasste es zusammen: \u201eWir schauen zu, wie Wissen verloren geht.\u201c<\/p>\n<p>Es ging also nicht darum, dass die jungen Frauen* heute unpolitisch seien, sondern um die fehlenden Verbindungen zwischen den feministischen Generationen, die \u2013 auch das wurde angemerkt \u2013 sich nicht immer am Alter festmachen lassen. Eins kann sich das vielleicht als zwei Netzwerke vorstellen, wo die Punkte untereinander jeweils stark verbunden sind, es mehrere Zentren mit besonders vielen Verbindungen gibt, wo es aber zwischen den beiden Netzwerken nur wenige Verbindungen gibt. Das hat meiner Ansicht nach weniger etwas damit zu tun, dass die Themen, die uns besch\u00e4ftigen, heute ganz andere w\u00e4ren. Ich nehme es eher als eine andere Akzentuierung wahr, wobei einige Grundfragen, gerade die der innerfeministischen Debatten, tats\u00e4chlich relativ konstant bleiben. K\u00e4mpfen wir im kapitalistischen System oder dagegen? Institutionalisiert oder autonom? Welche Rolle spielt das Begehren? Wer sind (legitime) B\u00fcndnispartner_innen? Wer ist das \u201ewir\u201c des feministischen Projektes? Wie verh\u00e4lt sich Feminismus als politisches Projekt zum Kampf gegen Rassismus und zu anderen politischen Bewegungen? Au\u00dferdem muss die Erz\u00e4hlung der sich abl\u00f6senden Frauenbewegungen, der feministischen Wellen, auch kritisch befragt werden \u2014 daran hat mich Marlen zum Gl\u00fcck noch mal erinnert. Zwar erscheint es mir n\u00fctzlich, einen Begriff f\u00fcr die Peaks zu haben, also f\u00fcr die Zeiten, wo viel passiert, wo sich Intensit\u00e4t des Diskurses verst\u00e4rkt. Aber es besteht eben auch die Gefahr, erstens das Dazwischen unsichtbar zu machen und zweitens den Peaks auf einen bestimmten Nenner zu bringen, der die Vielschichtigkeit und die Konflikte ausblendet, die den intensiven Diskurs erst erzeugen. Denn wenn alle das gleiche zu sagen h\u00e4tten, w\u00fcrde ja gar nicht so viel gesprochen werden.  <\/p>\n<p>Zu den Erz\u00e4hlungen, die ich \u00fcber die zweite Frauenbewegung kenne, geh\u00f6rt, dass die Protagonistinnen erst im Laufe der Zeit ihre Vorl\u00e4uferinnen bzw. deren Texte entdeckt haben. Ich glaube, da haben wir es heute schon mit einer anderen Situation zu tun: Wir wissen zumindest, dass es die neue Frauenbewegung gab. Sie ist besser dokumentiert und hat sich in die Kulturproduktion eingeschrieben. Es gibt immer mal wieder einen Arte Themenabend. Es gibt B\u00fccher, Verlage, Bibliotheken und Archive, wo eins f\u00fcndig wird. Es gibt Gender Studies, wo in der Regel die M\u00f6glichkeit besteht, sich mit dem Thema eingehender zu befassen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/297387489_d9d52e2dcd_z-e1351248928196.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/297387489_d9d52e2dcd_z-e1351248928196.jpeg\" alt=\"\" title=\"Blumen im Zettelkasten\" width=\"560\" height=\"373\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3243\" \/><\/a><br \/>\n<small>An ironhard archive with flowers. Foto von <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/aureusbay\/297387489\/\">Aureusbay<\/a> auf Flickr. <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc\/2.0\/deed.de\">CC BY-NC 2.0<\/a><\/small><\/p>\n<p>Trotzdem fehlt es vielfach an Wissen und an Verbindungspunkten. Und vielleicht auch am Interesse, sich eingehender miteinander zu besch\u00e4ftigen. Vielleicht sind es also die Beziehungen, die fehlen, oder die gemeinsamen Orte. Bibliotheken und Archive k\u00f6nnten ja solche Orte sein. Im Publikum bemerkte eine, dass die Institutionen mehr \u00d6ffentlichkeitsarbeit machen m\u00fcssten, um f\u00fcr \u201eJ\u00fcngere\u201c \u2013 damit meine ich diejenigen, die den j\u00fcngeren\/neueren Netzwerken angeh\u00f6ren \u2013 relevant zu sein. Ich habe \u00fcberlegt, was das konkret hei\u00dfen k\u00f6nnte. Der erste Punkt w\u00e4re sicherlich, sichtbarer zu sein, das Internet st\u00e4rker einzubeziehen werden und die Netzwerke auszuweiten. Zum Beispiel mal rausfinden, welche Emailverteiler in der jeweiligen Stadt genutzt werden. Zweitens k\u00f6nnten die Institutionen st\u00e4rker an aktuelle Debatten ankn\u00fcpfen und die Verbindungslinien herstellen. Drittens \u2013 Raumpolitiken \u2013 finde ich es prinzipiell ok, wenn sich die R\u00e4ume nicht (immer) als \u201eopen for all genders\u201c verstehen. Aber sind das dann unausgesprochen Cis-Lesben\/Frauenr\u00e4ume? Die Ein-\/Ausschlusspraxen m\u00fcssten aus meiner Sicht erstens klarer benannt werden, zweitens aber auch \u00fcberdacht werden. <\/p>\n<p>Von der anderen Seite her gedacht, frage ich mich aber: Muss uns immer alles auf dem Silbertablett pr\u00e4sentiert werden? Wie ist es um das Interesse und Geschichtsbewusstsein derjenigen bestellt, die solche Orte nicht wahrnehmen? Ist das \u00fcberhaupt eine geteilte Erfahrung von \u201ej\u00fcngeren\u201c Feminist*innen? F\u00fcr welche der \u201e\u00e4lteren\u201c sind die Bibliotheken und Archive auch noch nie interessant oder zug\u00e4nglich gewesen? <\/p>\n<p>Und dann gibt es noch den Gedanken, dass es Br\u00fcche auch aus Gr\u00fcnden sind, dass sie notwendig und produktiv sind. Die Erfahrung, die es bedeutet, einen Diskussionsprozess selbst durchgemacht zu haben, l\u00e4sst sich wahrscheinlich durch B\u00fccher und Erz\u00e4hlungen nicht ersetzen. Und die Effekte solcher Diskurse verst\u00e4rken sich ja auch dadurch, dass sie wiederholt werden. Ich kann mir auch vorstellen, dass Frauen*, die bestimmte Debatten schon vor 30 Jahren gef\u00fchrt haben, nur bedingt Interesse daran haben, dass ihnen frisch \u201eBekehrte\u201c mit ihrer Begeisterung die Ohren abkauen. Umgekehrt haben die \u201eJ\u00fcngeren\u201c vielleicht auch keine Lust, wenn die \u201e\u00c4lteren\u201c immer sagen, \u201each, das haben wir fr\u00fcher auch schon diskutiert und ihr werdet schon noch sehen, dass \u2026\u201c<\/p>\n<p>Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion weiter entwickelt. Ich bin sicher, dass die Lesben\/Frauen-Archive an der Sache dran bleiben und \u00fcber Ankn\u00fcpfungspunkte und neue Formen der \u00d6ffentlichkeitsarbeit verst\u00e4rkt nachdenken. Ich k\u00f6nnte mir auch vorstellen, dass die aktuellen feministischen Str\u00f6mungen und gerade auch die Netzaktivistischen demn\u00e4chst an einen Punkt kommen, wo das Bed\u00fcrfnis danach w\u00e4chst, die eigene Arbeit auch l\u00e4ngerfristig zu dokumentieren und festzuhalten. Wir k\u00f6nnen uns ja nicht darauf verlassen, dass sich das Internet alles merkt, dass wir alle Texte, Meme und Shitstorms auch in zwei oder zwangzig Jahren noch finden k\u00f6nnen. Sp\u00e4testens dann m\u00fcssen wir noch einmal dar\u00fcber nachdenken, wie sich das Digitale archivieren l\u00e4sst und ob wir unsere Sachen den Firmenarchive von Google, Twitter und Facebook \u00fcberlassen wollen. Wir sollten also mit denjenigen ins Gespr\u00e4ch kommen, die Ahnung von Archiven haben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/medienelite.de\/2012\/10\/26\/einzelkampfer_innen-oder-kollektive-auch-eine-generationenfrage\/\">Zum Weiterlesen:<\/a> \u201eEinzelk\u00e4mpfer_innen oder Kollektive? Auch eine Generationenfrage\u201c von Lantzschi.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/?flattrss_redirect&amp;id=3230&amp;md5=620cb9136efa2acbcdd94350b51a5144\" title=\"Flattr\" ><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.iheartdigitallife.de\/wp-content\/plugins\/flattr\/img\/flattr-badge-large.png\" alt=\"flattr this!\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie versprochen nun also der follow-up-post zum Vortrag \u00fcber die Lesben\/Frauen-Archive in der digitalen Welt ein paar Themen der Diskussion und \u00dcberlegungen dazu.<\/p>\n<p>Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Mit meinem Vortrag wollte ich unter anderem einen Einblick geben, wie Feminismus im Netz \u00d6ffentlichkeit herstellt, Beziehungen stiftet und Interventionen erm\u00f6glicht. 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