{"id":28243,"date":"2012-09-16T02:05:49","date_gmt":"2012-09-16T01:05:49","guid":{"rendered":"http:\/\/alextext.wordpress.com\/?p=155"},"modified":"2012-09-16T02:05:49","modified_gmt":"2012-09-16T01:05:49","slug":"world-freud-center","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/09\/world-freud-center\/","title":{"rendered":"WORLD FREUD CENTER"},"content":{"rendered":"<p>THE WORLD IS NOT FREUD!<\/p>\n<p>&#8220;Trotz allen protzenhaften Gebaren, womit teutonischer D\u00fcnkel die Reichshauptstadt als urpr\u00fcngliche Leuchte der Zivilisation aufzuspielen versucht, hat es Berlin noch zu keiner Weltaustellung gebracht. Es ist eine leere Ausflucht, wenn die blamable Thatsache damit besch\u00f6nigt werden soll, da\u00df die Weltausstellungen sich \u00fcberlebt h\u00e4tten, da\u00df sie nichts als bunte Welt-Jahrm\u00e4rkte der Eitelkeit seien und was der Trostgr\u00fcnde mehr sind. Wir haben keinen Grund, die Schattenseiten zu bestreiten, welche die Weltausstellungen besitzen &#8230;: immer aber sind sie ungleich m\u00e4chtigere Hebel menschlicher Kultur, als die unz\u00e4hligen Kasernen und Kirchen, mit denen Berlin unter Aufwand der ungeheuerlichsten Geldmittel \u00fcberschwemmt wird.&#8221;<\/p>\n<p>(aus: Klassenk\u00e4mpfe Die neue Zeit Stuttgart 1894, zitiert von Walter Benjamin im Passagen-Werk)<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter, 1896, hatte Berlin seine erste Weltausstellung, auch wenn es nur eine &#8220;Gewerbeausstellung&#8221; war. (Der Kaiser war zu geizig.) Es war dasselbe Jahr, in dem Sigmund Freud in Wien das Wort PSYCHOANALYSE erfand. Zufall? Die Psychoanalyse lehrt, dass es keine Zuf\u00e4lle gibt. Vor genau hundert Jahren wurde die psychoanalytische Zeitschrift IMAGO gegr\u00fcndet: Auch das ist kein Zufall. Auch nicht, dass Freud im selben Jahr &#8216;Totem &amp; Tabu&#8217; \u00fcber \u201eeinige Gemeinsamkeiten im Seelenleben der Wolden und Neurotiker\u201c schrieb. Er selbst hat sich eine \u201eKonquistadoren-Mentalit\u00e4t\u201c attestiert: Entdecker und Eroberer eines \u201edark continent\u201c zu sein. Zu einer Bewunderin sagte er: \u201eIch habe eine hohe Meinung von meinen Entdeckungen, nicht von mir selbst. Die gro\u00dfen Entdecker haben nicht immer einen scharfen Verstand. Wer hat die Welt mehr ver\u00e4ndert als Columbus. Und was war er? Ein Abenteurer.\u201c Wie Columbus hat er nur die K\u00fcste des neuen Kontinents betreten, es folgten andere, um die Neue Welt in Besitz zu nehmen. Zu diesen Pionieren geh\u00f6rten auch die K\u00fcnstler des Surrealismus. Ihr Chefideologe Andr\u00e9 Breton schrieb im Ersten Surrealistischen Manifest: \u201eColumbus musste mit Verr\u00fcckten ausfahren, um Amerika zu entdecken. Und seht nur, wie diese Verr\u00fccktheit Gestalt angenommen hat \u2013 und Dauer.\u201c Freud hielt die Begeisterung der k\u00fcnstlerischen Avantgarde f\u00fcr seine Entdeckung des Unbewu\u00dften im besten Falle f\u00fcr ein produktives Mi\u00dfverst\u00e4ndnis \u2013 der einzige K\u00fcnstler, der ihn f\u00fcr sich gewinnen konnte war ausgerechnet Salvador Dal\u00ed, der ihn 1938 im Londoner Exil aufsuchte. An Stefan Zweig, der die Begegnung vermittelt hatte, schrieb Freud danach:<\/p>\n<p>\u201eWirklich, ich darf Ihnen f\u00fcr die F\u00fcgung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gew\u00e4hlt haben, f\u00fcr absolute (sagen wir zu f\u00fcnfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig-fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Einsch\u00e4tzung nahegelegt.\u201c <\/p>\n<p>Dal\u00ed war in jener Zeit schon l\u00e4ngst aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen worden. Breton hatte ihn mit einem Anagramm auf seinen Namen verspottet als AVIDA DOLLAR. Dal\u00ed hat diesen Namen ohne zu z\u00f6gern angenommen und sogar damit Bilder unterschrieben, eines nannte er daraufhin \u201eApotheose des Dollars\u201c. Das war den politischen \u00dcberzeugungen der meisten Surrealisten zuwider, die im Ersten Manifest verk\u00fcndet hatten:<\/p>\n<p>\u201eDie Zeit wird kommen, da es das Ende des Geldes dekretieren wird und allen das Brot des Himmels bricht. Es wird Versammlungen auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen geben und Bewegungen, an denen teilzunehmen ihr nicht zu hoffen gewagt habt.\u201c<\/p>\n<p>Mag sein, dass diese Zeit nun gekommen ist. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007\/08, besonders seit Versch\u00e4rfung der Krise in Europa als Schuldenkrise seit 2010 werden die Stimmen lauter, die ein Ende der Herrschaft des Geldes als \u201eallgemeinem \u00c4quivalent\u201c (Marx) f\u00fcr m\u00f6glich halten: \u201eZuk\u00fcnftige Generationen\u201c, vermuten die Br\u00fcder Heidenreich (&#8216;Mehr Geld&#8217;) \u201ewerden vielleicht auf unsre Geldwirtschaft blicken wie wir auf die Sklaverei.\u201c<\/p>\n<p>1900, im selben Jahr, in dem Freuds epochemachendes Werk &#8216;Die Traumdeutung&#8217; erschien, ver\u00f6ffentlichte Georg Simmel in Berlin seine &#8216;Philosophie des Geldes&#8217; (die zuerst &#8216;Psychologie des Geldes&#8217; hei\u00dfen sollte). Beide Denker haben nicht viel Notiz voneinander genommen. In ihrem neuesten Buch &#8216;Der Preis des Geldes&#8217;, dem diese Performance viel verdankt, fragt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, ob das Geld ein Unbewu\u00dftes habe. \u201eNat\u00fcrlich nicht\u201c, schreibt sie. \u201eAber das Geld &#8216;pr\u00e4gt&#8217; das Unbewu\u00dfte, so wie ein M\u00fcnze gepr\u00e4gt wird.\u201c Um 1900 habe sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass \u201edas Ich nicht Herr im Hause sei\u201c. Schlagartig verschwand das Ph\u00e4nomen der Hysterie. Nur die \u00d6konomie verschloss sich dieser Einsicht. Vielmehr kam es zu einem \u201eB\u00f6rsengang der Hysterie\u201c. Und hinter der B\u00f6rse, so v. Braun, tauchte Freuds Bild wieder auf vom \u201edunklen Kontinent\u201c&#8230; <\/p>\n<p>Es ist also an der Zeit, sich \u00fcber die Pr\u00e4gung des Unbewu\u00dften bewu\u00dft zu werden: Unser Ubw, dieses \u201einnere Afrika\u201c, ist ebenso kolonisiert worden wie die Neue Welt. W\u00e4hrend Freud in &#8216;Totem &amp; Tabu&#8217; einige Gemeinsamkeiten glaubt ausmachen zu k\u00f6nnen zwischen dem \u201eSeelenleben der Wilden und der Neurotiker\u201c, m\u00fcssen wir heute davon ausgehen, dass wir kapitalistischen Wilden uns nur retten k\u00f6nnen, wenn wir mit einem tiefsitzendes Tabu brechen. Dieses letzte, tiefsitzende Tabu ist die Herrschaft des abstrakten Wertes, der abstrakten Arbeit. F\u00fcr diese Therapie lohnt es sich, aufzustehen und die Couch zu verlassen, um an den Schausplatz des Traumas zur\u00fcckzukehren. Deswegen ist das WORLD FREUD CENTER bei der Gro\u00dfen Weltausstellung 2012 dabei \u2013 waren doch Weltausstellungen, wie Walter Benjamin schrieb, \u201eWallfahrten zum Fetisch der Ware\u201c. Es ist kein Zufall, dass Messen sowohl Ausstellungen von Waren als auch Gottesdienst bedeuten; fanden doch oftmals M\u00e4rkte nach Gottesdiensten unter der Schirmherrschaft der Kirche statt. Viele bedeutende Handelsst\u00e4dte waren zun\u00e4chst Pilgerst\u00e4dte, die \u00fcber besondere Reliquien verf\u00fcgten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht l\u00e4nger erstaunlich, dass Benjamin Kapitalismus als Religion betrachtet hat, <\/p>\n<p>\u201ed.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antworten gaben. (&#8230;) Der Kapitalismus ist eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. (&#8230;) Der Kapitalismus ist der erste Fall eines nicht ents\u00fchnenden, sondern verschuldenden Kultus. (&#8230;) Die Freudsche Theorie geh\u00f6rt auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdr\u00e4ngte, die s\u00fcndige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die H\u00f6lle des Unbewu\u00dften verzinst.\u201c   <\/p>\n<p>Freud selbst hat Geld und Analerotik zusammengedacht, bzw. die Lust am Sparen mit der Lust, den Kot nicht auszuscheiden, mit Schei\u00dfe zu spielen: \u201eEs ist bekannt, dass das Gold, welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich nach seinem Weggehen in Dreck verwandelt, und der Teufel ist doch gewi\u00df nichts anderes als die Personifikation des verdr\u00e4ngten, unbewu\u00dften Trieblebens.\u201c Stehen also die beiden parallelen Linien, die sowohl den Euro, als auch den Dollar, das Pfund und den Yen durchkreuzen f\u00fcr die H\u00f6rner des Teufels? Christina v. Braun hat darauf eine andere Antwort: ES symbolisiert die H\u00f6rner des Stieropfers \u2013 das englische Wort \u201ecapital\u201c kommt von \u201ecattle\u201c, Rinderherde (eine fr\u00fches Zahlungsmittel). Das, was in der Geldwirtschaft verdr\u00e4ngt wird, ist das Opfer, das ihm zu grunde liegt. Die ersten Banken waren Tempel, Geld ist eine Opferkult: \u201eDamit man an Geld glaubt muss immer wieder jemand dran glauben.\u201c Was ist ES, was der Stier opfert, um zum Ochsen, zum Nutztier zu werden? Das ist ES, was wir in unserem \u201eGeldsack\u201c mit uns herumtragen \u2013 ein symbolisches Opfer. (ES ist \u2013 glaubt man den Berichten vom spanischen Stierkampf \u2013 essbar.) ES &#8211; ist GELD!<\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/alextext.wordpress.com\/155\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/comments\/alextext.wordpress.com\/155\/\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&#038;blog=14305490&#038;%23038;post=155&#038;%23038;subd=alextext&#038;%23038;ref=&#038;%23038;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>THE WORLD IS NOT FREUD! &ldquo;Trotz allen protzenhaften Gebaren, womit teutonischer D&uuml;nkel die Reichshauptstadt als urpr&uuml;ngliche Leuchte der Zivilisation aufzuspielen versucht, hat es Berlin noch zu keiner Weltaustellung gebracht. 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