{"id":28244,"date":"2012-02-29T23:56:28","date_gmt":"2012-02-29T22:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/alextext.wordpress.com\/?p=136"},"modified":"2012-02-29T23:56:28","modified_gmt":"2012-02-29T22:56:28","slug":"chance-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/02\/chance-2012\/","title":{"rendered":"CHANCE 2012"},"content":{"rendered":"<p>CHANCE 2012 \u2013 oder der Fluch von Fluxus <\/p>\n<p>50 Jahre alt zu werden ist gef\u00e4hrlich: Vor zwei Jahren ist Christoph Schlingensief zwei Monate vor seinem f\u00fcnfzigsten Geburtstag gestorben. Vielleicht der letzte gro\u00dfe Fluxus-K\u00fcnstler unsrer Zeit. Oder der erste. Wie eine katholische Messe hat er Fluxus in seiner Kirche der Angst vor dem Fremden in mir gefeiert und gerufen: \u201eAlles ist Fluxus!\u201c Nun wird also Fluxus f\u00fcnfzig. Geboren in einem Jahr, in dem Welt am Abgrund stand: 13 Tage hielt die Menschheit den Atem an, als sich w\u00e4hrend der Kuba-Krise die USA und die SU gegenseitig mit atomarer Vernichtung drohten. In Deutschland  besch\u00e4ftigte die SPIEGEL-Aff\u00e4re die \u00d6ffentlichkeit. Zugleich wird Pop geboren: Am 11. September nehmen die Beatles Love Me Do auf, nachdem man ihnen zu Jahresanfang einen Plattenvertrag verweigert hatte. Die Rolling Stones haben ihren ersten Auftritt in einem Londoner Club. In Schwabingen kommt es zu Krawallen von sog. \u201eHalbstarken\u201c, unter ihnen Andreas Baader. In Oberhausen wird ein Manifest verlesen, in Wiesbaden Konzerte f\u00fcr neueste Musik gegeben: \u201eAlles ist Fluxus!\u201c Das ist vielleicht wahrer als uns lieb sein kann. Jahrelang galt \u201eVerfl\u00fcssigung\u201c als Zauberwort. Gegen \u201eVerkrustungen\u201c. Starres Denken. Stures Beharren. In die Sprache von Unternehmensberatern \u00fcbersetzt hie\u00df das \u201eFlexibilisierung\u201c und meinte die Aufl\u00f6sung fester Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen. Was flie\u00dft, gleitet, ist die Zeit: die Arbeitszeit wird fl\u00fcssig, die Grenze zur sog. Freizeit verschwimmt, alles wird Arbeit, sogar soziale Beziehungen. Keiner hat das besser verstanden als Schlingensief, der 1998 mit der Partei CHANCE 2000 \u2013 Partei der letzten Chance zur Bundestagswahl antrat mit dem Slogan \u201eW\u00e4hle Dich selbst!\u201c Die Parole vom Herbst 1989 wurde individualisiert: \u201eDu bist 1 V (ein Volk)\u201c. Dahinter verbarg sich ein postneoliberales Selbstaktivierungsprogramm f\u00fcr Millionen Arbeitslosen. Kein Jahr sp\u00e4ter folgte das Schr\u00f6der-Blair-Papier, die sog. Ich-AGs, kurz darauf die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen. Seitdem ist offensichtlich geworden: Arbeitslosigkeit ist unbezahlte Arbeit, Arbeit bezahlte Arbeitslosigkeit. Die Forderung, Arbeitslosigkeit als Beruf anzuerkennen war also ebenso radikal reformistisch wie der Aufruf an den Arbeitgeberverband: \u201eVerschenkt Euer Geld und rettet so die Marktwirtschaft!\u201c Was damals naiv utopisch klang, ist heute die einzig vern\u00fcnftige Realpolitik in der Schuldenkrise. Vom Paradigmenwechsel im postfordistischen Produktionsregime handeln auch die St\u00fccke von Ren\u00e9 Pollesch: \u201eIch kann Euch nicht ficken, ihr seid kein Kollektiv, ihr seid ein Netzwerk.\u201c (Kill your darlings!) Ist doch networking das Gegenteil von not working: unbezahlte Arbeit, immaterielle Produktion, freiwillige Selbstkontrolle. Klingt nach Kunst: Performance des Selbstwiderspruchs. Aber vielleicht ist das Netzwerk heute das, was vor f\u00fcnfzig Jahren Kunstwerk genannt wurde \u2013 und durch Kunst \u00fcberwunden werden sollte. Und der Flu\u00df, in den alles ger\u00e4t, nicht der Flu\u00df von Daten, sondern von Affekten, die \u00fcberall zu kleinen Wirbeln f\u00fchren, die einen Sturm ausl\u00f6sen, wenn sie aufeinanderprallen. Solche Wirbel entfachte CHANCE 2000. Schlingensief nannte sie \u201eRhizome\u201c (im Untergrund wuchernde Pilzgeflechte), sie bildeten \u201eInseln der Unordnung im Netz\u201c (nach Heiner M\u00fcller oder Hakim Bey) \u2013 und damit eine Vorform dessen, was sich heute als Piratenpartei anschickt, die GR\u00dcNEN zu beerben. Viel ist dabei von CHANCE 2000 zu lernen, v.a. das eigne Verschwinden zu organisieren: Wir waren die 0,007%. \u201eScheitern als Chance\u201c lautete die Parole.  \u201eFail again. Fail better.\u201c, sagte Samuel Beckett. \u201eDu hast keine Chance, also nutze sie!\u201c Herbert Achternbusch. \u201eDer Held ist der, der immer eine letzte Chance sieht\u201c Emmanuel Levinas: \u201eEr ist der Mensch, der sich darauf versteift, Chancen zu finden.\u201c Auch im Angesicht des Todes. \u201eAlles ist Fluxus!\u201c ist ein Schlachtruf des Lebens gegen den Tod, ein Schrei. CHANCE 2012 hei\u00dft: F\u00fcrchtet Euch nicht. The beginning is near!<\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/alextext.wordpress.com\/136\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/comments\/alextext.wordpress.com\/136\/\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&#038;blog=14305490&#038;%23038;post=136&#038;%23038;subd=alextext&#038;%23038;ref=&#038;%23038;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CHANCE 2012 &ndash; oder der Fluch von Fluxus 50 Jahre alt zu werden ist gef&auml;hrlich: Vor zwei Jahren ist Christoph Schlingensief zwei Monate vor seinem f&uuml;nfzigsten Geburtstag gestorben. Vielleicht der letzte gro&szlig;e Fluxus-K&uuml;nstler unsrer Zeit. Oder der erste. 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