{"id":28267,"date":"2010-10-18T22:20:30","date_gmt":"2010-10-18T21:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/alextext.wordpress.com\/?p=105"},"modified":"2010-10-18T22:20:30","modified_gmt":"2010-10-18T21:20:30","slug":"fatzerbraz-ein-fleischexperiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2010\/10\/fatzerbraz-ein-fleischexperiment\/","title":{"rendered":"FatzerBraz: ein Fleischexperiment"},"content":{"rendered":"<p>FLEISCHEXPERIMENT<\/p>\n<p>Etwas \u00fcber Bertolt Brechts \u201a\u00c4sthetik des Hungers\u2019 und die Performance <em>FatzerBraz<\/em><\/p>\n<p>Links, 2, 3: \u201eUnd weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Fressen, bitte sehr!\u201c (Einheitsfrontlied) Dass der Mensch vordringt zu der Kenntnis, dass zu erst das Essen kommt verk\u00fcndet auch Johann Fatzer in einer gro\u00dfen Rede vor seinen Kameraden und verspricht ihnen, Fleisch zu besorgen. Auff\u00e4llig ist dabei, dass im ganzen St\u00fcck dauernd das Wort \u201aFleisch\u2019 statt \u201aEssen\u2019 benutzt wird. Dabei unterscheidet die deutsche Sprache ebenso wenig wie die portugiesische zwischen essbarem Fleisch (<em>meat<\/em>) und lebendigem Fleisch (<em>flesh<\/em>). Im Portugiesischen spielt auch die sexuelle Konnotation von \u201ajemanden essen\u2019 hinein \u2013 zu recht: wird doch von Brecht die Sexualit\u00e4t als \u201eFurchtzentrum des St\u00fcckes\u201c beschrieben. Durchg\u00e4ngig spielt Brecht mit der kannibalistisch klingenden Ununterscheidbarkeit von Lebewesen und Lebensmitteln: So haben auch zwei von Fatzers Kameraden sprechende Namen: Koch &amp; Kaumann. Am Ende des St\u00fcckes ist nicht klar, was mit Fatzer passiert, ob er von seinen Kameraden nur ermordet oder auch verspeist wird. In einer Notiz im Fatzer-Material im Archiv hei\u00dft es: \u201eein toter mann: \/ 170 pfund kaltes fleisch \/ 4 eimer wasser + 1 beutel \/ voll salz\u201c. Die anthropophagische Lesart des <em>Fatzer-<\/em>Fragment speist sich aus der Erfahrung des Ersten Weltkrieges, in dem die Barbarei der modernen Zivilisation deutlich wird in der Doppeldeutigkeit des Plurals gro\u00dfer Kriegshandlungen und der T\u00e4tigkeit des Metzgers: Schlachten. (Schon Montaigne hat in seinem Essay \u00fcber die Kannibalen die \u00fcberlegene Moral der Menschenfresser gegen\u00fcber den Vernichtungsfeldz\u00fcgen der Europ\u00e4er hervorgehoben.) Die Zizizizivilis- wurde auch vom jungen Brecht sp\u00f6ttisch besungen, der sich jedoch unmittelbaren Erfahrungen mit den Schl\u00e4chtereien erfolgreich entziehen konnte. An einen Freund an der Front schrieb er: \u201eIch denke zuviel. (\u2026) Ich w\u00fcrde eine Offensive vereiteln.\u201c Er, der Denkende, diente lediglich als Sanit\u00e4ter im Lazarett. Doch als Dichter konnte er wie kaum ein andrer dem Schock des Ersten Weltkrieges eine Sprache verleihen, dem sprachlosen Trauma der Menschen in den \u201aMaterialschlachten\u2019. Fatzer spricht vom \u201aMassemensch\u2019, vor dem er sich am meisten f\u00fcrchte: drehpunktlose Personen. Diese <em>dramatis personae<\/em> k\u00f6nnen keine Charaktere mehr sein. Der Dramatiker Brecht interessiert sich auch nicht mehr f\u00fcr sie \u2013 ihn interessieren nur noch Typen: Typen wie Fatzer. Oder Lenin. Wie Lenin bricht Fatzer den Krieg ab. Doch entspricht dem Typus Lenin viel eher dessen Antagonist Koch, bzw. Keuner, der Denkende, der sp\u00e4tere Held seiner <em>Keunergeschichten<\/em>. Koch, bzw. Keuner besch\u00e4ftigt Brecht mehr als der Egoist Fatzer, als er die Arbeit am <em>Fatzer <\/em>abbricht. Wie Fatzer den Krieg. Es ist vielleicht Brechts bester Text, ein \u201eJahrhunderttext\u201c laut Heiner M\u00fcller: In dem Essay <em>Fatzer +\/- Keuner <\/em>beschreibt er diese Verschiebung in Brechts St\u00fcck als \u201aMaterialschlacht Brecht vs. Brecht\u2019: zwischen dem jungen undisziplinierten Auss\u00e4tzigen und dem alten weisen Lehrer: Anarchist vs. Funktion\u00e4r.<\/p>\n<p>1978 fertigte Heiner M\u00fcller eine B\u00fchnenfassung von<em> Fatzer<\/em> an. Er las <em>Fatzer <\/em>unmittelbar als Kommentar auf den sog. \u201eDeutschen Herbst\u201c, die terroristische Ereignisse des Jahres 1977 (Schleyer-Kidnapping, Landshut-Flugzeugentf\u00fchrung, Todesnacht von Stammheim). Die Strategie der Entf\u00fchrung von Repr\u00e4sentanten der Macht zur Freipressung inhaftierter Genossen wurde zum ersten Mal von Carlos Marighella erfolgreich angewandt in S\u00e3o Paulo 1967. Nach dem Milit\u00e4rputsch hatte er mit der Kommunistischen Partei Brasiliens gebrochen, die nicht vorbereitet war auf die Illegalit\u00e4t und war in den bewaffneten Untergrund gegangen. Er wurde nicht nur theoretisch Che Guevara\u2019s Nachfolger, sondern auch praktisch: Nachdem er dessen revolution\u00e4re Focus-Theorie f\u00fcr die Landguerilla zur Theorie der Stadtguerilla weiter entwickelte hatte wurde er wie jener in einen Hinterhalt gelockt und am 4. November 1969 in der Alameda Casa Branca in S\u00e3o Paulo erschossen. Doch sollte in den folgenden Jahren sein <em>Mini-Handbuch des Stadtguerillero<\/em> noch folgenreich werden \u2013auch in den westlichen Metropolen, im \u201aHerzen der Bestie\u2019, wurde es als Handlungsanleitung gelesen. Dabei gleichen seine Ratschl\u00e4ge auf unheimliche Weise den Anweisungen, die Brecht den St\u00e4dtebewohnern in seinem Handbuch gibt: \u201eVerwisch die Spuren.\u201c Und: \u201eI\u00df das Fleisch, das da ist! Spare nicht!\u201c Hier ist, wie Benjamin geschrieben hat, nicht nur die Existenzweise des Emigranten beschrieben, sondern auch des illegalen K\u00e4mpfers, der im eigenen Land schon wie ein Fl\u00fcchtling zu leben gezwungen ist. <em>Fatzer <\/em>hat jenen \u201aKrieg ohne Schlacht\u2019 zum Thema, der sich im Untergrund der St\u00e4dte fortsetzt, nachdem man das Schlachtfeld verlassen hat. Brecht hat wie kein andrer vor oder nach ihm die Lebensweise der Gro\u00dfen St\u00e4dte als sozialen Krieg begriffen. Wie die Mitglieder des militanten Widerstands der 1960er Jahre wollen Fatzer&amp;Co. den Krieg in die St\u00e4dte tragen: Die Kaufhausbrandstiftung der RAF-Gr\u00fcnder Andreas Baader &amp; Gudrun Ensslin in Frankfurt\/M. waren getragen von dem Gedanken, das \u201eVietnam-Gef\u00fchl\u201c in den \u201eWohlstandsinseln\u201c zu verbreiten, als welche man auch St\u00e4dte wie S\u00e3o Paulo betrachtete: <em>Zerschlagt die Wohlstandsinseln der Dritten Welt<\/em> war der Titel jenes Buches, das Marighella\u2019s Text in Deutschland verbreitete (mit einem Foto von S\u00e3o Paulo). \u201eDer Kaufhausbrand war der verzweifelte Versuch\u201c, so M\u00fcller, \u201edie Zivilisation der Stellvertretung, der Delegierung des Leidens, zu provozieren, die Verlegung des Vietnamkriegs in den Supermarkt.\u201c Dabei ist das Beispiel Brasiliens nicht zu untersch\u00e4tzen: So betrachtete Ulrike Meinhof die Milit\u00e4rdiktaturen in Lateinamerika (nach dem Putsch 1967 in Griechenland auch in Europa) als \u201apr\u00e4ventive Konterrevolution\u2019, gegen die man sich auch in Westeuropa bewaffnen m\u00fcsse, da die Wiederkehr des Gespensts des Faschismus drohe. 1976 beging sie in Stammheim Suizid. Die Todesumst\u00e4nde wurden als \u00e4hnlich zweifelhaft empfunden wie die des regimekritischen Journalisten Vladimir Herzogs ein Jahr zuvor in einem brasilianischen Gef\u00e4ngnis: \u201eWer ermordete Herzog?\u201c war ein Schlachtruf des Widerstands in Brasilien, ein K\u00fcnstler druckte den Satz hunderttausendfach auf Geldscheine. F\u00fcr M\u00fcller war Meinhof eine zweite Rosa Luxemburg, die Mitglieder der RAF dagegen hielt er f\u00fcr die Widerg\u00e4nger des Jungen Genossen aus der Kalkgrube aus Brechts Lehrst\u00fcck <em>Die Ma\u00dfnahme<\/em>. In ihren konspirativen Kassibern im Hochsicherheits-Knast zitierten jene selbst Brechts ber\u00fcchtigstes St\u00fcck: Es ist die Gewalt-Frage, die sie nicht losl\u00e4sst, jene \u201aGretchen-Frage\u2019 einer ganzen Generation: \u201eEs hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht\u201c hei\u00dft es im <em>Fatzer-<\/em>Material. Sie alle hatten das Beispiel von 1933 vor Augen: Damals war die KPD ebenso wenig auf die NS-Diktatur vorbereitet gewesen wie die Kommunistische Partei Brasiliens auf den Putsch. Statt einen Aufstand zu beginnen, lie\u00df sich die Partei liquidieren, ihre Mitglieder starben zu Hunderttausenden in deutschen KZs und Folterkellern. Brecht selbst machte sich keine Illusionen \u00fcber das kommende Unheil und verschwand am Tag des Reichstagsbrandes aus Deutschland. Noch im Exil sprach er sich gegen die KP-Strategie der Bildung einer breiten Volksfront aus f\u00fcr das Beispiel Fatzer: Diktatur einer kleinen revolution\u00e4re Zelle, um ein Beispiel zu schaffen. Statt auf die Revolution zu warten losschlagen. <em>Fatzer:<\/em> \u201eZu schwach uns zu verteidigen, gehen wir zum Angriff \u00fcber\u201c. Brechts Worte sind bis heute Wahlspruch jeder radikalen Bewegung, die auf Taten dr\u00e4ngt: \u201eWer k\u00e4mpft, kann verlieren. Wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren.\u201c F\u00fcr M\u00fcller dagegen war das Schicksal der Fatzer-Keuner-Gruppe und der \u201aBaader-Meinhof-Bande\u2019 strukturell gleich: \u201eEs geh\u00f6rt zur Tragik von militanten Gruppen, die nicht zum Zug kommen, dass die Gewalt sich nach innen kehrt.\u201c Die Gruppe \u201azerfleischt\u2019 sich gegenseitig \u2013 eine weitere kannibalistische Vokabel f\u00fcr einen allzu h\u00e4ufig sich wiederholenden Vorgang innerhalb der Linken: Spaltung und Selbstzerst\u00f6rung. Die Revolution frisst ihre Kinder, statt ihre Gegner. Fatzer-Chor: \u201eehe ihr Euer B\u00fcrgertum nicht vertilgt habt, werden Kriege nicht aufh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre ging nicht nur das eine Gespenst um in Europa, das Marx &amp; Engels im Kommunistische Manifest beschw\u00f6ren, sondern viele: Die Toten der gescheiterten revolution\u00e4ren Erhebungen am Ende des Ersten Weltkriegs, desertierende Soldaten, meuternde Matrosen und die aufst\u00e4ndische Arbeiterinnen und Arbeiter in den hungernden St\u00e4dten wurden mit den k\u00e4mpfenden Massen in der Dritten Welt identifiziert: Che Guevara gekreuzigt ans Kreuz des S\u00fcdens. Dort sah M\u00fcller den Geist der Partisanen auferstehen \u2013 der tote Hund am Rande der Autobahn kehrt als Wolf zur\u00fcck. Durch ihr tragisches Scheitern sind die deutschen Terroristen, die sich mit den nationalen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Afrika, Asien identifizierten, zu Gespenster unsrer Gegenwart geworden: in Filmen wie Bernd Eichingers <em>\u201aBaader-Meinhof-Komplex\u2019 <\/em>spuken sie als bedauernswerte Opfer einer Verblendung herum, verf\u00fchrt durch die radikale \u00c4sthetik der Gewalt des antiimperialistischen Befreiungskampfes. Diese \u00c4sthetik k\u00f6nnen Europ\u00e4er gar nicht verstehen, so Glauber Rocha, der prominenteste Vertreter des brasilianischen <em>cinema novo<\/em>, denn es ist eine \u201a\u00c4sthetik des Hungers\u2019. Das zeigt das Beispiel Brecht: sein Diktum, dass das Essen vor der Moral kommt, hat sich unter umgekehrten Vorzeichen im westdeutschen \u201aWirtschaftswunder\u2019 erf\u00fcllt: \u201eWenn die USA, nach dem Wort von Che Guevara, das Herz der Bestie sind\u201c meinte daraufhin M\u00fcller, \u201eist die BRD der Magen.\u201c Im Magen der Bestie jedoch spricht man nicht vom Schlachten. Brechts \u201a\u00c4sthetik des Hungers\u2019, die schon bei der Urauff\u00fchrung der <em>Dreigroschenoper<\/em> possierlich gewirkt hatte, verliert ihren Charme f\u00fcr die Bourgeoisie in St\u00fccken wie <em>Fatzer<\/em> oder <em>Die Mutter <\/em>(nach Maxim Gorki): \u201e\u00dcber das Fleisch, das euch in der K\u00fcche fehlt \/ wird nicht in der K\u00fcche entschieden.\u201c So entwickelt sich die Mutter, da sie den Hunger ihres Sohnes nicht stillen kann, zur bewussten Klassenk\u00e4mpferin: \u201eDie Mutter ist die fleischgewordene Praxis\u201c schreibt Walter Benjamin. Wie Fatzer, der seinen Kameraden erkl\u00e4rt, dass sie als Soldaten denselben Feind haben wie ihre Gegner, die Soldaten der andren Seite, schafft es der Sohn, der Mutter klar zu machen, dass auch sie einen gemeinsamen Feind haben. Und dass zuerst das Essen kommt! In einem Land wie Brasilien, in dem das zentrale Reformprogramm der Regierung FOME ZERO (\u201aNull Hunger\u2019) hei\u00dft, ist unmittelbar verst\u00e4ndlich, was in Deutschland nur nach Moral klingt. Eben das ist der Grund, warum Brecht hier &amp; heute nur noch ein Gespenst seiner selbst ist, ohne Stoff seines eignen Geistes, w\u00e4hrend er in der \u201aDritten Welt\u2019 immer noch ein lebendig ist: \u201aFrischfleisch\u2019 f\u00fcr den Verzehr hungriger Gem\u00fcter. F\u00fcr ein anthropophagisches Fest. \u201eIm Zweifel ziehe ich den Kannibalismus der Lebenden dem Vampirismus der Toten vor.\u201c (Heiner M\u00fcller)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Brecht an <em>Fatzer <\/em>arbeitete, verfasste Oswald de Andrade das <em>Anthropophagen Manifest<\/em>: Der Weg zur brasilianischen Moderne k\u00f6nne nur durch den R\u00fcckgriff auf eine autochthone Kulturtechnik beschritten werden, n\u00e4mlich durch die Einverleibung des \u201aHeiligen Feindes\u2019, \u201eum ihn in ein Totem zu verwandeln\u201c. (Dem hessischen Landsknecht Hans Staden w\u00e4re diese Ehre beinahe zu teil geworden, seiner Flucht verdanken wir den ersten Bericht aus der neuen Welt in Deutschland.) Wenig sp\u00e4ter wandte er sich von den eignen kulturrevolution\u00e4ren Thesen ab und trat der Kommunistischen Partei bei. Zur selben Zeit bricht Brecht die Arbeit an <em>Fatzer<\/em> ab und n\u00e4hert sich angesichts des erstarkenden NS-Faschismus der KPD an. Wie Fatzer und seine Kameraden wartet Brecht in seiner Berliner Wohnung auf die Revolution, um die drohende Konterrevolution abzuwenden. Das Scheitern der Revolution verhindert die Vollendung von <em>Fatzer<\/em> und f\u00fchrt zu Brechts \u201eEmigration in die Klassizit\u00e4t\u201c (Heiner M\u00fcller). Mehr als zwanzig Jahre sp\u00e4ter, erst nach dem Aufstand der Arbeiter am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin kehrt Brecht zu seinem alten Material zur\u00fcck. Nun besch\u00e4ftigt er sich erneut mit Fatzer und seinen Kameraden, besonders B\u00fcsching: Noch einmal trieb ihn die Frage nach der Verwertung der Produktivkraft der Asozialen um: \u201aHelden ohne Charakter\u2019 wie <em>Macunaima<\/em>, ein \u201esehr brasilianischer Brasilianer\u201c, laut Mario de Andrade, der den Roman zur selben Zeit schrieb wie sein Namensvetter Oswald das Manifest (basierend auf den ethnographischen Studien \u00fcber Mythen der brasilianischen Indios des deutschen Forschers Koch-Gr\u00fcnberg, die er aus dem Deutschen ins Portugiesische \u00fcbersetzte). Macunaima ist aus den tropischen W\u00e4ldern und macht nur das, wozu er Lust hat: \u201eAch, diese Faulheit!\u201c Trotzdem ist er als einziger f\u00e4hig, Essen zu organisieren. Wie Fatzer l\u00fcgt er und verf\u00fchrt die Frauen seiner Br\u00fcder, dennoch folgen sie ihm in die Stadt und wieder zur\u00fcck in den Dschungel, wo sie den Faulpelz schlie\u00dflich sich selbst \u00fcberlassen. In der Verfilmung von Joaquim de Andrade von 1969 nimmt ihn eine Guerillera auf, die tags\u00fcber in der Stadt Bomben legt, w\u00e4hrend er den ganzen Tag auf der faulen Haut liegt. Er ist ein fauler, versoffener Gott wie Baal und somit ein \u201evirtueller Revolution\u00e4r\u201c \u00e0 la Meckie Messer oder Johann Fatzer. Demgegen\u00fcber steht der Stratege Koch, der Moralist und Terrorist, der sp\u00e4ter zum antiheroischen Helden von Brechts <em>Keuner-<\/em>Geschichten wurde: Als schw\u00e4bischen Mr. Nobody hat ihn Lion Feuchtwanger beschrieben, ein Odysseus in den H\u00f6hlen der Gro\u00dfstadt, ein <em>Bloom<\/em> (Tiqqun). Laut Benjamin drohte dem Dichter Brecht gerade von dieser Figur die gr\u00f6\u00dfte Gefahr. Eine Gefahr, die nur die Gesellschaft der outlaws bannen k\u00f6nnte. Diese tauchen am 17. Juni 1953 kurz auf und werden von den sowjetischen Panzern zerstreut. Seitdem bleiben sie verbannt aus dem neuen Staat, obwohl Brecht seinerzeit den gro\u00dfen Nutzen hervorgehoben hatte, die gerade die Darstellung des Asozialen f\u00fcr den kollektivistischen Staat haben k\u00f6nnte. Brecht selbst galt nach seiner Remigration in die \u201asowjetisch besetzte Zone\u2019 (SBZ) einer ganzen Generation von Sch\u00fclern und S\u00f6hnen als Weiser, Vater, Lehrer. Dieser Ehrfurcht ist grunds\u00e4tzlich mit Misstrauen zu begegnen \u2013 wissen wir doch aus Freuds <em>Totem &amp; Tabu<\/em> um die Sohnes-Horde, die erst den Ur-Vater erschlagen hat, nur um ihn dann aus schlechtem Gewissen in ein Totem zu verwandeln! Dem <em>Anthropophagen Manifest <\/em>zufolge ist das gut &amp; richtig so. In Deutschland gilt daher die Devise: <em>\u201aEsst mehr Brecht!\u2019 <\/em>1998, zu Brechts 100. Geburtstag haben sich die Gr\u00fcnder von andcompany&amp;Co. diesem Motto verschrieben und ihn in Form eines gro\u00dfen Kuchens gegessen: <em>\u201aBrecht bis ihr kotzt!\u2019 <\/em>Das Kulinarische, das Brecht seinen sp\u00e4ten St\u00fccken wieder zuf\u00fchrte, kann nur durch eine anthropophagische Kur \u00fcberwunden werden: Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu verschlingen, ist Verrat!<em><\/em><\/p>\n<p>Auch Oswald de Andrade hat sich gegen Ende seines Lebens auf seine alten Ideen besonnen. Aber erst Jahre nach seinem Tod findet seine Theorie Widerhall bei einer neuen Generation, den K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern der <em>Tropicalia<\/em>-Bewegung (der bildende K\u00fcnstler Helio Oiticica, die S\u00e4nger Gaetano Veloso, Gilberto Gil, Tom Ze etc.), die sich 1968 anschickten, die Beatles, Rolling Stones, Jimmy Hendrix und andere Einfl\u00fcsse der westlichen Welt radikal einzuverleiben. In Brasilien hat andcompany&amp;Co. die Chance gewittert, ihren anthropophagischen Umgang mit <em>Fatzer<\/em> dadurch zu legitimieren, dass sie Brecht brasilianisiert haben durch eine dort kanonisierte Kulturtechnik, die ihre Appetite nicht etwa gestillt, sondern noch vergr\u00f6\u00dfert hat! F\u00fcr Brecht ist der Esser das Bild des radikalen Revolution\u00e4rs: \u201eFr\u00f6hlich machet das Haus den Esser: er leert es!\u201c hei\u00dft es <em>Vom armen BB<\/em>. Die Geschichte jedoch scheut die \u201atabula rasa\u2019, die leer gefressene Tafel. Das Versprechen der Tropen ist es, dass die Tafel nie leer bleibt, sondern dass das Essen immer wieder nachw\u00e4chst. Dass der Mangel \u00fcberwunden wird in einer nicht kontrollierbaren F\u00fclle. Ein Versprechen, das Heiner M\u00fcller, als Zeuge des \u201areal-existierenden Sozialismus\u2019, gefangen in der Verwaltung des Mangels, nur als Utopie erscheinen konnte. Die \u00dcberf\u00fclle ist das Versprechen der Neuen Welt, das jedoch seit der \u201aEntdeckung\u2019 vor einem halben Jahrtausend nie eingel\u00f6st, sondern immer nur ausgebeutet wurde. So konnte die Banane, f\u00fcr die Konquistadoren noch die \u201averbotene Frucht\u2019 des an der brasilianischen K\u00fcste wieder gefundene Paradieses, zum Symbol der Massen werden, welche die Berliner Mauer zu Fall brachten mitsamt des Systems des Mangelsozialismus. Im Westen ist die Banane ein Symbol f\u00fcr die moderne Kunst, besonders f\u00fcr die popul\u00e4rste Kunst der Warengesellschaft: die <em>pop-art<\/em>. Jene Kunst, welche die Gr\u00fcnder der <em>Tropicalia<\/em>-Bewegung so kongenial mit den popul\u00e4ren Volkskulturen des Landes verbunden haben. Damit haben sie etwas eingel\u00f6st, wovon Brecht in Europa nur tr\u00e4umen konnte: eine neuen Verbindung von Volkst\u00fcmlichkeit und Avantgardismus. Brecht heute kann nur ein Tropikalist sein. Ein trauriger Tropikalist. Denn trotz des Reichtums herrscht immer noch der Mangel, der Hunger und in den St\u00e4dten die Unordnung. Wann wird die Zeit kommen, in der man als Nachgeborene auch in den Megalopolen des globalen S\u00fcdens nicht mehr singen muss: \u201eIn die St\u00e4dte kamen wir in der Zeit der Unordnung, als dort Hunger herrschte.\u201c So vergeht auch unsre Zeit, die auf Erden uns gegeben ward.<\/p>\n<p>P.S. \u201eLasst Euch nicht verf\u00fchren\u201c, sang Brecht, der Verf\u00fchrer: \u201eIhr sterbt mit allen Tieren. Und es gibt nichts nachher.\u201c Vielleicht hat Kunst ja mit der Tierwerdung zu tun, wie sie in Deleuze &amp; Guattaris <em>Kafka<\/em>-Buch beschrieben ist, mutma\u00dfte M\u00fcller im Zusammenhang mit <em>Fatzer<\/em>. Brecht konnte, bzw. wollte Kafka nicht verstehen: Er wollte nicht verstehen, dass die K\u00e4fer-Werdung Georg Samsas keine Trag\u00f6die ist, sondern eine Kom\u00f6die. Es ist zum Lachen, nicht zu Weinen und nur lachend kann man die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern. Die Tier-Werdung ist die Suche nach einem Ausweg, einem Exit (Deleuze &amp; Guattari) oder Exodus (Negri &amp; Hardt). Eine Desertion. Ein Verrat an der eigenen Gattung, der noch grundlegender ist als der Verrat an der eigenen Klasse, den Brecht vollzogen hatte, als er den Angewohnheiten des Bedientwerdens und Befehlegebens \u00fcberdr\u00fcssig wurde. Ein Verrat, der nicht angek\u00fcndigt wird von einem Hahn, sondern von einem Papagei, der nichts mehr nachspricht, sondern etwas vorspricht: Er verr\u00e4t uns einen neuen Namen, der nicht mehr der Namen \u201aBrasilien\u2019 sein wird, sondern der Name jener \u201afremden Heimat\u2019, in der man noch nie war, die aber jeder kennt: Pindorama. Das ist, nach Ernst Bloch, die Utopie. Es ist die Utopie jener Deserteure, die sich nicht wieder auf die Sklavengaleere treiben lie\u00dfen, sondern lieber auf der karibischen Insel zur\u00fcckblieben, selbst auf die Gefahr hin, von den Einwohnern des Paradieses aufgefressen zu werden. Denn diejenigen, die dort an die K\u00fcste gesp\u00fclt wurden, \u201ewaren keine Kreuzfahrer\u201c, so de Andrade: \u201eEs Fl\u00fcchtlinge von einer Zivilisation, die wir im Begriff sind aufzufressen, denn wir sind rachs\u00fcchtig wie Jabuti.\u201c Diesen \u201eFl\u00fcchtlinge&lt;n&gt; aus den st\u00e4dtischen Sklerosen\u201c, St\u00e4dtebewohner wie Brechts Herr Keuner, rief er zu: \u201eDen Kommunismus hatten wir schon. Die surrealistische Sprache hatten wir schon. Das goldene Zeitalter.\u201c Die Geschichte hat gezeigt: Koch, bzw. Keuner hat verloren und mit ihm das Modell der europ\u00e4ischen Revolution. Zeit also f\u00fcr die karibische Revolution, die de Andrade 1928 verk\u00fcndet hat: \u201evon der Franz\u00f6sischen Revolution zur Romantik, zur bolschewistischen Revolution, zur surrealistischen Revolution, zum technisierten Barbaren von Keyserling.\u201c Lauschen wir den Sirenenges\u00e4nge der Anthropophaginnen Pindoramas wie Macunaima nach seiner R\u00fcckkehr in den Dschungel, bevor ihn die Wasserhexe frisst: Bindet Odysseus los, ihr Ruderer! K\u00fcmmert Euch nicht weiter um ihn, der als Keuner (Niemand) den kannibalistischen Riesen bezwungen hat, sondern \u00f6ffnet Eure Ohren und lauscht den Ges\u00e4ngen \u2013 folgt ihnen und lasst Euch fressen \u2013 vielleicht werdet ja auch ihr in ein Totem verwandelt: Im Zeitalter des globalen Kapitalismus ist Brasilianisierung vielleicht eine Chance, Eure letzte Chance \u2013 TROPICALYPSE NOW!<\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/alextext.wordpress.com\/105\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/comments\/alextext.wordpress.com\/105\/\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&#038;blog=14305490&#038;%23038;post=105&#038;%23038;subd=alextext&#038;%23038;ref=&#038;%23038;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FLEISCHEXPERIMENT Etwas &uuml;ber Bertolt Brechts &sbquo;&Auml;sthetik des Hungers&rsquo; und die Performance FatzerBraz Links, 2, 3: &bdquo;Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Fressen, bitte sehr!&ldquo; (Einheitsfrontlied) Dass der Mensch vordringt zu der Kenntnis, dass zu &hellip; <a href=\"http:\/\/alextext.wordpress.com\/2010\/10\/18\/fatzerbraz-ein-fleischexperiment\/\">Weiterlesen <span>&rarr;<\/span><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&amp;blog=14305490&amp;post=105&amp;subd=alextext&amp;ref=&amp;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"author":872,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2168,679,698],"class_list":["post-28267","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-antisemitismus","tag-frankfurt","tag-pops"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/872"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28267"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29286,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28267\/revisions\/29286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}