{"id":28586,"date":"2012-04-20T13:20:12","date_gmt":"2012-04-20T12:20:12","guid":{"rendered":"http:\/\/initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com\/?p=320"},"modified":"2012-04-20T13:20:12","modified_gmt":"2012-04-20T12:20:12","slug":"veranstaltungsreihe-kunst-und-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2012\/04\/veranstaltungsreihe-kunst-und-kritik\/","title":{"rendered":"Veranstaltungsreihe \u201eKunst und Kritik\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eGodard glaubt an das Filmbild, ich an die historische Tatsache\u201c (Claude Lanzmann). \u00dcber eine Kontroverse um Bilder, die die Wirklichkeit nicht zeigen d\u00fcrfen.<br \/>\nEr\u00f6ffnungsvortrag von Christoph Hesse (Berlin)<br \/>\nDi., 24.04., 20 Uhr, I.G.Farben-Campus der Universit\u00e4t, Raum IG 251, Gr\u00fcneburgplatz 1.<\/strong><br \/>\n \u201eWas ist das Kino?\u201c lautet eine im Zwischentitel eingeblendete Frage in Jean-Luc Godards Histoire(s) du cin\u00e9ma; gestellt in Anspielung nicht nur auf die Frage des Abb\u00e9 Siey\u00e8s nach dem Dritten Stand am Beginn der Franz\u00f6sischen Revolution, sondern auch auf ein gleichnamiges Buch des Filmkritikers Andr\u00e9 Bazin, ohne den Godard wohl nie im Leben einen Film gemacht h\u00e4tte. Antwort: \u201eNichts. \u2013 Was will es? Alles. \u2013 Was kann es? Etwas.\u201c Was dieses Etwas sei, das der Film im Unterschied etwa zum Denken und Schreiben vermag, dar\u00fcber zerbrechen sich Theoretiker die K\u00f6pfe, w\u00e4hrend das Filmpublikum offenbar genau wei\u00df, warum es Bilder und T\u00f6ne den umst\u00e4ndlich vorgetragenen Worten und Gedanken vorzieht.<br \/>\nGodard selbst begann dar\u00fcber eine Auseinandersetzung mit Claude Lanzmann, der in Shoah gezeigt hatte, was ein Film \u2013 vor die scheinbar unl\u00f6sbare Aufgabe einer Darstellung von Auschwitz gestellt \u2013 k\u00f6nne und was nicht. Godard hielt dagegen, Lanzmann habe in diesem Film \u00fcberhaupt nichts gezeigt. Wie die seither fortgesetzte Kontroverse immerhin zeigt, geht es bei dem gegen Lanzmann erhobenen Vorwurf eines Bilderverbots um etwas anderes als filmtheoretische Spitzfindigkeiten. Der Partisan des Bildes und der des Wortes, wie Godard es nannte, haben sich in vertauschten Rollen schon in den fr\u00fchen 1970er Jahren zu erkennen gegeben, als Lanzmann ein Bild Israels entwarf und Godard das Wort ergriff, um die von ihm selbst aufgenommenen Bilder der gescheiterten pal\u00e4stinensischen Revolution lesbar zu machen.<\/p>\n<p><strong>\u201eQu\u00e4lbarer Leib \u2013 Adornos kategorischer Imperativ nach Auschwitz und die Kunst\u201c<br \/>\nBuchpr\u00e4sentation mit Gerhard Scheit (Wien)<br \/>\nDi., 15.05., 20 Uhr, I.G.Farben-Campus der Universit\u00e4t, Raum Casino 1.811, Gr\u00fcneburgplatz 1.<\/strong><br \/>\nEs h\u00e4tte der literarischen \u201eVernichtungsgewinnler\u201c (Carl Wiemer) nicht bedurft, um zu verstehen, warum Adorno Sartres Erkenntnis emphatisch zustimmen musste: \u201eNiemand aber sollte auch nur einen Moment glauben, man k\u00f6nnte einen guten Roman zum Lobe des Antisemitismus schreiben.\u201c Der Umkehrschluss allerdings w\u00e4re falsch: Ein Roman gegen den Antisemitismus ist darum noch kein guter Roman.<br \/>\nEs ist nicht die Frage, ob der kategorische Imperativ nach Auschwitz in der Kunst sozusagen ausgeknipst werden kann oder nicht \u2013 das ist der Modus der Kulturindustrie (aus: Jurassic Park; ein: Schindlers Liste) \u2013, sondern inwiefern er ihr als Bedingung der M\u00f6glichkeit, der M\u00f6glichkeit ihrer Autonomie, zugrunde liegt. \u201eNach Auschwitz ist kein Gedicht mehr m\u00f6glich, es sei denn auf Grund von Auschwitz.\u201c (Peter Szondi) Dieser Grund aber ist die potentielle Form des Gedichts oder er ist nirgendwo. Kunstwerke, soweit sie heute ihrem eigenen Begriff noch gerecht werden k\u00f6nnen \u2013  schon darin f\u00e4llt es schwer, Gedicht, Roman, Musik, Bild \u2026 in eins zu setzen, so sehr ist dieses \u201eauf Grund von Auschwitz\u201c mit dem je eigenen, un\u00fcbertragbaren Gef\u00fcge verschmolzen \u2013 sind gleichsam von sich aus \u201eeingerichtet\u201c, dass es nicht sich wiederhole, wenn sie nur endlich beim Wort genommen w\u00fcrden, was weder in der Hand des K\u00fcnstlers liegt noch an dessen Intentionen unmittelbar abzulesen ist. Die Konstellation gilt in bestimmtem, zu bestimmenden Sinn auch f\u00fcr den Imperativ Kants und den von Marx. Nur: im \u00c4sthetischen wird immer auch die blo\u00dfe Armatur des Imperativs \u00fcberschritten, die Abstraktheit seiner Formulierung, in Richtung auf eine Vers\u00f6hnung, die den Imperativ \u00fcberfl\u00fcssig machte. Daher der Eindruck, dass es ihn gerade hier nicht geben k\u00f6nne, er hier nicht zugrunde liegen w\u00fcrde.<br \/>\nSymptomatisch darum, wie man heute Adornos kategorischen Imperativ zumal in den Fragen des \u00c4sthetischen auseinanderbrechen m\u00f6chte: Wird auf der einen Seite das Moment des Hinzutretenden als \u201eLeibhaftes\u201c fallengelassen, findet sich auf der anderen auch der Freiheitsbegriff, den ein Imperativ immer schon voraussetzt, unterschlagen.<\/p>\n<p><strong>\u201eAutonomie als Programm. \u00dcber die Anf\u00e4nge der neuen Musik bei Beethoven und Berlioz\u201c<br \/>\nTagesseminar mit Clemens Nachtmann (Graz)<br \/>\nSa., 02.06., 13-18 Uhr, Raum 20\/21 im Geb\u00e4ude 2 der Fachhochschule, Nibelungenplatz 1. Um eine Anmeldung unter prozion@gmx.de wird gebeten. <\/strong><br \/>\nMusikwissenschaftler denken einen ihrer bevorzugten Gegenst\u00e4nde, die Musik in der Epoche der harmonischen Tonalit\u00e4t, ebenso wie die \u00d6konomen den ihren, die Wirtschaft: n\u00e4mlich als ein \u201ean sich\u201c harmonisches Ganzes, in dem alle Widerspr\u00fcche sich am Ende gegenseitig ausgleichen und der deswegen nur durch \u00e4u\u00dferliche, \u201ehinzutretende\u201c, Faktoren in die Krise geraten kann. Die harmonische Tonalit\u00e4t jedoch ist gerade kein mit sich identisches, in Selbstbest\u00e4tigung verharrendes, sondern ein nicht-identisches, seine eigene Aufl\u00f6sung vorantreibendes System musikalischer Beziehungen: eben ein fundamentaler Krisenzusammenhang. Wenn Ludwig van Beethoven in seiner Musik nach einer zentralen Beobachtung Adornos \u201eTonalit\u00e4t aus subjektiver Freiheit reproduziert\u201c, dann f\u00fchrt dieses reine musikalische Auskonstruieren elementarer tonaler Grundbestimmungen deshalb virtuell und doch bereits h\u00f6rbar bereits an die Grenzen jener Tonalit\u00e4t, die als solche dann am Ende des 19.Jahrhunderts tats\u00e4chlich au\u00dfer Kraft gesetzt wird.<br \/>\nAuf der Musik Beethovens liegt der erste Schwerpunkt des Vortrages, weil sie einen musikgeschichtlichen \u201epoint of no return\u201c und virtuell bereits den Umschlagspunkt zur musikalischen Moderne markiert.  In der 3.Symphonie, der sogenannten \u201eEroica\u201c, namentlich im ersten Satz, gelingt es der Kunstform Musik, am Beginn des b\u00fcrgerlichen Zeitalters zum ersten Mal in der Geschichte das ungeschm\u00e4lert einzul\u00f6sen, was doch seit jeher eine ihrer Grundbestimmungen ist, \u201eweiterzugehen, ein Neues zu werden, sich zu entwickeln\u2026 Seit Musik existiert, war sie der wie immer auch ohnm\u00e4chtige Einspruch gegen Mythos und immergleiches Schicksal, gegen den Tod selber.\u201c (T. W. Adorno) In Beethoven etabliert sich ein neues emanzipatorisches Zeitgef\u00fchl und Zeitbewu\u00dftsein, das nichts Gesetztes \u2013 kein Motiv, kein Thema, keinen Klang \u2013 unbefragt stehen und sich ausbreiten l\u00e4\u00dft, sondern es durch \u201eArbeit\u201c zur fortw\u00e4hrenden Ent\u00e4u\u00dferung, zum permanenten Gestaltwandel anstachelt; was der Musik qua Existenzform als Zeit-Kunst ohnehin zukommt, wird hier auskomponiert: ihr Proze\u00dfcharakter, der nur deswegen an ein Ende kommt, weil die Musik nun einmal auch aufh\u00f6ren mu\u00df, \u201ean sich\u201c jedoch auch weitergehen k\u00f6nnte. Musik wird hier aus ihrer materialen Beschaffenheit heraus, nicht durch Parolen, Programme oder ihr \u00e4u\u00dferliche weltanschauliche Behauptungen zu einer Spiegelung gesellschaftlicher Vorg\u00e4nge, indem sie diese \u00fcberschreitet: einer Spiegelung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die nach Marx nur existieren kann, indem sie ihre eigenen Produktionsbedingungen fortw\u00e4hrend umw\u00e4lzt.<br \/>\nRadikal proze\u00dfhafte Musik, wie sie in Beethovens \u201eEroica\u201c auf unwiderstehlichste Weise realisiert ist, befreit die Musik von dem ihr konstitutiv fremden Zwang zum Verharren und bringt das musikalische Material zum ersten Mal \u201ezu sich selbst\u201c \u2013 und doch gelingt ihr die Vers\u00f6hnung des Einzelnen und des Allgemeinen nicht bruchlos: gerade in den auftrumpfenden und beschw\u00f6renden  scheint etwas von der Gef\u00e4hrdung und der Angst des Subjekts auf, die es im scheinbar so ungebrochenen \u201eHochgef\u00fchl\u201c umtreibt.<br \/>\nF\u00fcr Franz Schubert und Hector Berlioz, deren Komponieren in Zeitgenossenschaft zu Beethoven bzw. sich unmittelbar nach seinem Tod entfaltet, ist diese fragile Vers\u00f6hnung bereits technisch unm\u00f6glich geworden. Beide bewahren den von Beethoven etablierten Stand der Musik gerade dadurch, da\u00df sie ihn nicht konservieren, sondern eingreifend ver\u00e4ndern. Namentlich in Berlioz\u00b4 Musik, deren Reflexion den zweiten Schwerpunkt des Vortrages bildet, explodiert die musikalische Moderne \u201eim Nu\u201c noch auf dem Boden der Tonalit\u00e4t. In seiner Musik wird die proze\u00dfhafte Ent\u00e4u\u00dferung des Transzendentalsubjekts in der Zeit, dessen Apologie Beethoven betreibt, durchsichtig aufs empirische Subjekt, wie die literarischen \u201eProgramme\u201c zur seiner Musik bezeugen \u2013 ein Subjekt, das die Zeit nicht mehr als linear fortschreitende und sinnerf\u00fcllte, sondern als eine Folge von Schocks und disparaten Ereignissen erlebt, die Berlioz etwa mit h\u00f6chst avancierten musikalischen Schnittechniken und k\u00fchnen \u00dcberblendungen verschiedener Zeitma\u00dfe auskomponiert. Insbesondere in seiner Stellung zur Zeit ist Berlioz seiner Zeit weit voraus und deshalb so gut wie Beethoven, den er beerbt, ein Zeitgenosse. Die Musik beider ist, wie darzustellen sein wird, eine \u201emit Jetztzeit erf\u00fcllte\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eLob der Kulturindustrie\u201c<br \/>\nAbschlussvortrag von Jan Gerber (Halle)<br \/>\nFr., 06.07., 20 Uhr, Caf\u00e9 Kurzschlusz im Geb\u00e4ude 5 der Fachhochschule, Nibelungenplatz 1.<\/strong><br \/>\nWer eine zeitgen\u00f6ssische Ausstellung, Theaterauff\u00fchrung oder ein Konzert besucht, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Die Ausstellungen warten mit den immergleichen Installationen aus Metallschrott, Plastik-Holz-Kombinationen oder flimmernden Bildschirmen auf. Das Theater kommt nicht ohne die permanente Kritik des Dreiklangs aus Medien, Konsum und Globalisierung aus: Es pr\u00e4sentiert sich als kunstgewerbliche Variante der Occupy-Bewegung. Und zeitgen\u00f6ssischen Konzerten gelingt es sogar, den Anspruch der Neuen Musik zu verhunzen \u2013 wenn etwa der Starschlagzeuger Martin Grubinger bei seinen Massenevents ein Potpourri aus Schlager, Neuer Musik, Swing, Jazz, Klassik, Welt- und Volksmusik zum Besten gibt. Die zeitgen\u00f6ssischen Kunstwerke sind weder eine Allegorie \u201escheinlos gegenw\u00e4rtigen Gl\u00fccks\u201c, die ihre Sprengkraft, wie Adorno schreibt, gerade daraus zieht, dass sie mit der \u201et\u00f6dlichen Klausel des Schim\u00e4rischen\u201c behaftet ist: \u201edass es nicht ist\u201c. Noch findet ein Abarbeiten an der Erfahrung von Leid statt. Stattdessen werden die Verh\u00e4ltnisse bestenfalls verdoppelt. Vom Wahrheitsanspruch des Kunstwerks, der im besten Sinn autorit\u00e4r war, bleibt nur der Gr\u00f6\u00dfenwahn des K\u00fcnstlers \u2013 des Malers, Regisseurs, Autors usw. \u2013, der sich in der Regel entweder als Ratgeber des Staates oder gleich ganz als prospektiver Philosophenk\u00f6nig geriert. Die einschl\u00e4gigen Produkte ziehen ihren politischen Gehalt weniger aus der Materialgestaltung als aus den aufdringlichen Bekenntnissen ihrer Macher. Selbst die wenigen Werke, die sich dieser Entwicklung entziehen, verdeutlichen aufgrund ihrer schreienden Marginalit\u00e4t, wie sehr die Kunst auf den Hund gekommen ist. So hat sich die Mehrzahl der zeitgen\u00f6ssischen Kunstwerke l\u00e4ngst ununterscheidbar von den Produkten der Kulturindustrie gemacht. Es gibt allerdings einen Unterschied: Fernsehen, Kino und Popmusik liefern die Verdopplung der Realit\u00e4t, mit der auch die einschl\u00e4gigen Theaterauff\u00fchrungen oder Ausstellungen aufwarten, bei aller dringend erforderlichen Kritik in einer anspruchsvolleren Weise. Sie erheben im Unterschied zum zeitgen\u00f6ssischen Kunstbetrieb zumindest noch den Anspruch, das Publikum zu unterhalten. Dieses Am\u00fcsement scheitert zwar notwendigerweise. Dennoch ist selbst jede Folge des Marienhofes, der Verbotenen Liebe oder des Gro\u00dfstadtreviers \u2013 ganz zu schweigen von den Produkten der viel geschm\u00e4hten amerikanischen Kulturindustrie \u2013 zumindest unterhaltsamer als die neuesten Werke Daniel Kehlmanns, G\u00fcnther Grass\u2019, Claus Peymanns oder Neo Rauchs.<\/p>\n<p><em>Veranstalter: Autonome Liste Caf\u00e9 Kurzschlusz, Initiative Studierender am I.G.Farben-Campus &amp; Prozionistische Linke Frankfurt.<br \/>\nUnterst\u00fctzer: AStA der Universit\u00e4t Frankfurt, Bund Deutscher PfadfinderInnen &amp; J\u00fcdischer Jugend- und Studentenverband Hessen.<\/em><br \/>\nWeitere Informationen unter: <a href=\"http:\/\/www.prozion.de\/\">www.prozion.de<\/a><\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com\/320\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" 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