{"id":29287,"date":"2014-09-22T23:42:16","date_gmt":"2014-09-22T22:42:16","guid":{"rendered":"http:\/\/alextext.wordpress.com\/?p=191"},"modified":"2014-09-22T23:42:16","modified_gmt":"2014-09-22T22:42:16","slug":"mein-ideales-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2014\/09\/mein-ideales-theater\/","title":{"rendered":"Mein ideales Theater"},"content":{"rendered":"<p>Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das auch umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Tr\u00e4ume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt \u00e4hnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Fl\u00fcgel ist \u00fcberflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten herum, in allen Ritzen finden Performances statt. Im anderen Teil befindet sich die gr\u00f6\u00dfte, modernste B\u00fchne des ganzen Landes. Durch Geheimg\u00e4nge sind beide H\u00e4lften miteinander verbunden. Es ist gang und g\u00e4be, dass ein Spieler von der B\u00fchne abtritt, nur um wenig sp\u00e4ter auf der andren Seite wieder aufzutauchen (und umgekehrt). In den Niederlanden gibt es daf\u00fcr ein gutes Wort: <i>doorstromen <\/i>(durchstr\u00f6men). Anstelle unseres dualen Theatersystems (Stadttheater vs. Freie Szene) gibt es dort ein Kontinuum vom kleinen <i>Productiehuis<\/i> zur pr\u00e4chtigen <i>Stadsschouwburg<\/i>. Diese Diversifikation begann 1969 mit einer revolution\u00e4ren Kulturreform: Schauspielsch\u00fcler warfen im Theater mit Tomaten <i>(Actie Tomaat)<\/i> und haben so eine Neuausrichtung der staatlichen Vergabepolitik bewirkt. Gef\u00f6rdert wurden seitdem nicht nur Institutionen, sondern auch K\u00fcnstler, besonders Kollektive und Autoren. Heute sind die besten Spieler sowohl Teil einer Gruppe, als auch gern gesehene G\u00e4ste an gro\u00dfen H\u00e4usern, f\u00fchren selbst Regie und schreiben eigne Texte. Das ist die Freiheit, die ich meine, wenn ich vom Freien Theater spreche: Autonomie als Normalzustand. Warum sollen heute alle Menschen K\u00fcnstler sein \u2013 au\u00dfer im deutschen Theater? Ich tr\u00e4ume von einem \u201eK\u00fcnstlertheater\u201c, das seinem Namen gerecht w\u00fcrde. Doch dazu m\u00fcsste es seine hierarchische Funktionsfixierung \u00fcberwinden. Die gern geschm\u00e4hten projektbasierten Produktionsweisen der Freien Szene beweisen, dass Arbeitsteilung nicht nur Separation einzelner Bereichen, sondern ebenso Partizipation am Prozess bedeuten kann. Einf\u00fchrung flacher Hierarchien, Teambildung, Mitarbeiterbeteiligung (Gewerke, Verwaltung) \u2013 warum klingt man als Kritiker starrer Stadttheaterstrukturen immer wie ein Unternehmensberater? Weil die Kulturrevolution von &#8217;68, die zu diesem \u201eKapitalismus mit menschlichen Antlitz\u201c (dem sog. Postfordismus) gef\u00fchrt hat, im deutschen Theater gar nicht stattgefunden hat? Der lange Marsch f\u00fchrte nicht durch, sondern lediglich in die Institution hinein. Dort gab es nur \u201eErneuerungen\u201c, wo \u201eNeuerungen\u201c n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren, wie Bert Old Brecht es nannte. Dabei h\u00e4tten die Theater viel von den \u201eTheaterchen\u201c lernen k\u00f6nnen, jenen \u201ewendigen kleinen Formen\u201c aus der Kampfzeit, an die BB kurz vor seinem Tod erinnert hat. Listig stachelte er die Spieler auf, eine Gruppe gegen den Intendanten zu gr\u00fcnden und sich mit den Schreibern zu verb\u00fcnden. Er hat Vorschl\u00e4ge gemacht, wir k\u00f6nnten sie endlich annehmen: evolution\u00e4re Zellen, die von beiden Seiten an einer Gro\u00dfen Transformation arbeiten, die nicht nur das Theater grundlegend ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Statt sich nostalgischem Antikapitalismus zu \u00fcberlassen, dem Rausch der Entschleunigung, die objektive Entwicklung forcieren und \u00fcber sich selbst hinaustreiben: #Akzelerationismus gegen die Post-Schlingensief-Depression! Hatte sich doch Schlingensief selbst als Intendanten f\u00fcrs Deutsche Theater ins Spiel gebracht mit dem Aufruf: \u201eLasst uns diese neue Factory bauen!\u201c Im globalen Zeitalter von <i>creative cities <\/i>und<i> industries<\/i>, in denen immaterielle die materielle Produktion verdr\u00e4ngt wie einst Industrie die Landwirtschaft, Fabriken sich in Gas aufl\u00f6sen und ganze St\u00e4dte in &#8216;soziale Fabriken&#8217; verwandeln, k\u00f6nnte das Stadttheater genau darin seine Bestimmung finden: Ist es doch der ideale Ort, an dem sich diese &#8216;immaterielle Arbeit&#8217; materialisieren k\u00f6nnte. Statt der guten alten Zeit des Nachkriegsfordismus nachzutrauern, stellt sich die Frage nach einer &#8216;Perestroika des Postfordismus&#8216;: ein New Deal zwischen den freigesetzten kreativen Kr\u00e4ften und dem Staat, der alle zu \u201eK\u00fcnstlern\u201c erkl\u00e4rt, denen er die Rente gestrichen hat. Das Theater k\u00f6nnte diese Kr\u00e4fte (das kreative Prekariat) b\u00fcndeln. Statt den Betrieb zu verschlanken, m\u00fcsste man ihn massiv ausbauen \u2013 vom outsourcen zum insourcen: Performer ins Ensemble, Schauspieler in freie Gruppen und die Wissensarbeiter (das &#8216;Kognitariat&#8217;) in die Dramaturgie; das Repertoire erweitern um experimentelle St\u00fcckentwicklungen, die Gewerke vervielfachen durch Assoziierung freier Ateliers und Bildende K\u00fcnstler, die den Betriebsablauf produktiv st\u00f6ren, Architekten, die B\u00fchnenbilder in Stadtplanung verwandeln usw. Und so findet das Theater doch noch seinen Staat: Der Rat der Ex-Dramaturgen (\u201eWir sind die Avantgarde der immateriellen Arbeit!\u201c) legt mit dem Rat der Ex-Schauspieler (\u201eUnd wir geben ihr einen K\u00f6rper!\u201c) in der Berliner Schlossbaustelle den Grundstein f\u00fcr den prachtvollsten PALAST DER B\u00dcHNENREPUBLIK DEUTSCHLAND. Ein Theater, das jeden gebrauchen kann: ein Transnationaltheater, das uns hilft, alte H\u00fcllen abzustreifen, neue Formen anzunehmen und uns der Welt zu \u00f6ffnen: ALL THE WORLD&#8230;<\/p>\n<p><em>geschrieben f\u00fcr das Jahrbuch von Theater Heute 2014: &#8220;Reale Utopien&#8221;<\/em><\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/alextext.wordpress.com\/191\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/comments\/alextext.wordpress.com\/191\/\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&#038;blog=14305490&#038;%23038;post=191&#038;%23038;subd=alextext&#038;%23038;ref=&#038;%23038;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das auch umgekehrt? 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