{"id":40541,"date":"2015-09-25T20:20:42","date_gmt":"2015-09-25T19:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/alextext.wordpress.com\/?p=193"},"modified":"2018-12-07T17:21:19","modified_gmt":"2018-12-07T16:21:19","slug":"volxfuck-1994-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2015\/09\/volxfuck-1994-2014\/","title":{"rendered":"Volxfuck 1994-2014"},"content":{"rendered":"<p>Am zweiten Tag des Jahres 1994 gab es zwei bedeutsame Nachrichten, eine gute und eine schlechte: Die gute war, dass es in der mexikanischen Provinz Chiapas zu einem bewaffneten Aufstand von Indigenen gekommen war; die schlechte, dass sich der Dramatiker Werner Schwab tot gesoffen hatte. Von ihm stammt der kanonische Text: \u201eVolksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos\u201c. Ich habe das St\u00fcck im selben Jahr in den M\u00fcnchner Kammerspielen gesehen. Es ist mir eindringlich in Erinnerung geblieben, da ich auf dem Weg ins Theater unfreiwillig einem Zapfenstreich-Ritual beiwohnte. Auf dem Odeonsplatz war die Bundeswehr mit Fackeln aufmarschiert. Angewidert blieb ich stehen und folgte willenlos dem gespenstischen Geschehen. Als ich realisierte, dass ich mich immer noch im Jahr &#8217;94 befand und nicht etwa &#8217;23 oder &#8217;33, riss ich mich los und rannte, gefolgt von einer Truppe Stahlhelme im Stechschritt, Richtung Theater.<\/p>\n<p>Im Sommer desselben Jahres wurde Kohl zum dritten Mal wiedergew\u00e4hlt. Es war ein Schei\u00dfsommer, viele schlechte Pillen (und sogenanntes Jubil\u00e4ums-LSD) machten die Runde, der Neo-Hippie-Spirit der Techno-Community war endg\u00fcltig auf den Hund gekommen, w\u00e4hrend sich zugleich viele Ex-Hippies dank Pillen zur elektronischen Musik bekehrten. Es war zum Totsaufen. Allerdings wussten wir damals noch nicht, dass uns Kohls Wiederwahl vorerst das widerliche Spektakel der <i>next generation <\/i>erspart hatte, das uns vier Jahre sp\u00e4ter erwartete. Als h\u00e4tte ich geahnt, was auf uns zukommen w\u00fcrden, st\u00fcrzte ich mich im Sommer &#8217;98 mit Freuden in den Wahlkampf von Christoph Schlingensief und seiner Partei CHANCE 2000. Vielleicht war das die einzige Chance, das <i>Ende der<\/i> <i>Wende (<\/i>oder wie auch immer sich die Abwahl von 16 Jahren Kanzlerkohl damals nannte) doch noch zu verhindern. Der Jungpolitiker von den hessischen Gr\u00fcnen, der sich am meisten dar\u00fcber aufgeregte, dass unsere Aktivit\u00e4ten dazu f\u00fchren k\u00f6nnten, dass \u201ede&#8217; Digge aus Ogge&#8217;sheim\u201c an der Macht bliebe, ist heute \u00fcbrigens selbst an der Macht und regiert mit des \u201eDiggen\u201c Partei Hessen als Wirtschaftsminister. Aber ich greife voraus.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst w\u00e4re in Erinnerung zu rufen, dass Schlingensief damals verk\u00fcndete: \u201eWir sind ein Volk \u2013 und zwar jedeR von uns: 1 V.\u201c Das war genial! Wer erinnert sich nicht an den Spa\u00dfvogel &#8217;89, der montags neben den allgemeinen \u201eWir\u201c-Ch\u00f6ren herlief mit seinem Schild: \u201eUnd ich bin Volker!\u201c Dank Schlingensief waren wir nun also alle Volker! Endlich w\u00fcrde das deutsche WIR (sind das\/ein Volk!) aufgel\u00f6st in x-beliebige V&#8217;s: und pl\u00f6tzlich sieht man vor lauter Leuten das Volk nicht mehr&#8230;<\/p>\n<p>Das ist ja der Hauptunterschied zwischen Deutsch und Englisch: W\u00e4hrend<i> people<\/i> immer sowohl das Volk als auch die Leute meint, ist es in Deutschland immer nur das Volk. Eben nicht die Leut&#8217; <i>peoples<\/i>, wir man fr\u00f6hlich auf neudeutsch sagt, sondern ein homogenes, um nicht zu sagen homogenetisches Ganzes. Etwas \u00fcbergeordnetes, dem man sich volklich unterordnen muss: etwas, das mehr sein soll als die Summe seiner Teile, etwas Quasi-Sakrales, eine Art Kirche oder nationale Gemeinde &#8211; das VOLK GOTTES, allerdings eines \u201esterblichen Gottes\u201c: eines Staates. Dieses Volk ist der Gral der (bio)politischen \u00d6konomie, denn auch hier geht es um Gemeinschaftsbildung durch vergossenes Blut, vor allem aber um einen perfiden Trick, der immer wieder erstaunlich gut funktioniert, n\u00e4mlich die Stellvertretung. So wie der Vater, der Sohn und der Heilige Geist im munteren Reigen immer derselbe, n\u00e4mlich der jeweils andre sein k\u00f6nnen, so kann der F\u00fcrst (Souver\u00e4n) zum Volk (Souver\u00e4n) werden und umgekehrt. Es ist das offene Geheimnis der modernen Demokratien, dass 1. das Volk der Souver\u00e4n ist und 2. niemals regiert. Etymologisch stammt das Wort Volk vom indogermanischen AGFOL, was sowohl Rudel als auch Leittier hei\u00dft und im Laufe der Jahrtausende durch Konsonantenverschiegunb zum Eigennamen ADOLF geworden ist&#8230; Das ist nat\u00fcrlich blanker Unsinn, aber derartiges ist heutzutage ja durchaus diskursf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Heiner M\u00fcller f\u00fchrte die Volksfixierung auf die Zeit zur\u00fcck, in der die Franken von den R\u00f6mern mit Schwert und Kreuz kolonisiert wurden, mit dem Versprechen, das \u201eneue auserw\u00e4hlte Volk\u201c zu sein. Das ist die Essenz des \u201earischen Mythos\u201c, der die Nationbildung in Europa schon \u00f6fters begleitet hat, wie der Antisemitismus-Forscher Leon Poliakovzeigen konnte. Zu kl\u00e4ren w\u00e4re nur, warum sich dieser Glaube in Deutschland besonders hartn\u00e4ckig gehalten hat. F\u00fcr einen urdeutschen Nationalisten wie Fichte war v\u00f6lkisch klar, die Deutschen sind <i>das<\/i> Urvolk. Das Ur an sich ist eine deutsche Eigenschaft und es scheint so, als ob das Wort Volk selbst zu jenen Urw\u00f6rtern geh\u00f6re, deren <i>Gegensinn<\/i> Freud beschrieben hat: So wie das Wort \u201eheilig\u201c sowohl verehrungsw\u00fcrdig als auch verfemt bedeutet (HOLY SHIT), meint das Wort Volk gleicherma\u00dfen Ein- und Ausgeschlossene. Es bedurfte eines politischen Theologen wie Giorgio <i>homo sacer<\/i> Agamben, um die Welt dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, dass es in jeder Sprache \u2013 zumindest jeder europ\u00e4ischen \u2013 eine Spannung gibt zwischen Volk und Volk, also dem gemeinen Volk auf der Stra\u00dfe (den Leuten) und dem Volke, f\u00fcr das, durch das und mit dem regiert wird (der Souver\u00e4n): ein \u201eewiger B\u00fcrgerkrieg\u201c. F\u00fcr Deutschland kann man jedoch getrost sagen, dass dieser B\u00fcrgerkrieg sp\u00e4testens 1933 entschieden wurde. Seitdem meint Volk immer Herrenvolk. Kurz darauf entdeckte auch die Partei (die, die immer recht hat) das Volk f\u00fcr sich: die Volksfront. Das Konzept der Klasse war damals von zwei Seiten bedroht: links von der \u201eMasse\u201c (Kinderkrankheit Anarcho-Kommunismus), rechts von der \u201eRasse\u201c (Geisteskrankheit v\u00f6lkischer Populismus). Aber das Volk, das angeblich beides sein kann, war dann doch immer nur die Volksgemeinschaft der Sch\u00fctzengr\u00e4ben, nicht das revolution\u00e4re Volxfest der Commune. Seit hundert Jahren steht das Volk f\u00fcr das Ja zur eignen Vernichtung, solange diese nur die Vernichtung m\u00f6glichst vieler andrer mit einschlie\u00dft: Dies ist das Blut&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Philosophen der Postmoderne, Jean-Fran<span style=\"font-family:Times New Roman, serif;\">\u00e7<\/span>ois Lyotard, er\u00f6ffnet ein Verbrechen die Postmoderne: Was w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges in den nazideutschen Vernichtungslagern geschah war kein V\u00f6lkermord, sondern ein \u201eVolksmord\u201c. Und damit das Ende der Moderne als Ende der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung vom Volk als K\u00f6nig der Geschichte. 2001 engagierte Schlingensief schlie\u00dflich eine Bande Neonazis, angeblich aussteigewillige RechtstextremistInnen, die in seiner Z\u00fcricher Hamlet-Inszenierung (<i>Nazis rein\/ Nazis raus<\/i>) als SchauspielerInnentruppe auftreten sollten<i>.<\/i> 2014 standen dieselben Leute wieder auf der B\u00fchne, allerdings nicht im Theater, sondern auf der Stra\u00dfe, zum Beispiel Melanie Dittmer (\u201eIch bin immer noch rechtsradikal, habt ihr mich trotzdem lieb?\u201c), Initiatorin der D\u00fcgida-Demos (D\u00fcsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes), und agitierte den Volxauflauf mit dem Hooligan-Schlachtruf: \u201eAhu! Ahu!\u201c Mit diesen Lauten h\u00e4tten schon die Spartaner in Griechenland gek\u00e4mpft, in der Reconquista, und den Islam zur\u00fcckgedr\u00e4ngt&#8230; Nun liegen zwar zwischen der Schlacht am Thermopylen-Pass und der R\u00fcckeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Truppen gut 2000 Jahre, aber patridiotische Abendl\u00e4nderinnen denken eben nicht nur an gestern, sondern auch an vorvorgestern. Die Inspiration zu dieser Interjektion entstammt der US-amerikanischen Comic-Verfilmung \u201e300\u201c der gleichnamigen Graphic Novel von Frank Miller &amp; Lynn Varley (2006) \u00fcber die legend\u00e4re spartanische Schlacht gegen eine persische \u00dcbermacht.<\/p>\n<p>Das \u201eAhu!\u201c der weniger comicaffinen deutschen Bev\u00f6lkerung ist inzwischen wieder der Schlachtruf \u201eWir sind das\u2014Volk!\u201c, der ebenfalls wie eine Sprechblase \u00fcber den Demos schwebt. \u201eZehn Deutsche sind d\u00fcmmer als f\u00fcnf\u201c, kommentierte Heiner M\u00fcller schon damals die Montagsmassen. Das Replay der Bilder vom Herbst 1989 funktioniert wie ein Feedback: \u201e<i>Klar zur Wende!\u201c, <\/i>hei\u00dft es in den Agit-Videos von \u201eWir sind das Volk Entertainment\u201c. In dieser Namensgebung des (gesamten) Unternehmens kommen Bezeichnendes und Bezeichnetes vollst\u00e4ndig zur Deckung, zur Identit\u00e4t. Um nichts anderes geht es den Hooligans, Nazis und Rassisten, sie sind \u201eIdentit\u00e4re\u201c: Leute also, f\u00fcr die \u201eFestung Europa\u201c ein positiver Kampfbegriff ist. Diesmal soll keine Mauer eingerissen, sondern eine errichtet werden. Die aktuelle Anti-Islam-Bewegung ist der Versuch, aus den europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerungen ein<i> <\/i>Volk zu machen, die Erf\u00fcllung des \u201earischen Mythos\u201c von der Einheit eines wei\u00dfen, christlichen Abendlandes (seit der Reconquista verbindet sich im europ\u00e4ischen Unbewussten das Wort f\u00fcr Muslims mit schwarzer Hautfarbe: Mauren = \u201eMohren\u201c).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Herbst 1989 der \u201eWir sind das Volk!\u201c-Chor zun\u00e4chst noch als populistische Antwort auf ein absolutistisches Der-Staat-bin-ich-Gebaren des realsozialistischen Herrschaftspersonals missverstanden werden konnte, ist die R\u00fcckkehr des Slogans auf die politische B\u00fchne im Herbst 2014 unmissverst\u00e4ndlich eine Wir-sind-die-Herren-im-Haus-Kampfansage, die sich nur insofern gegen die Herrschenden richtet, als diese dem Volk im ersten Sinne (den Marginalisierten, MigrantInnen, Gefl\u00fcchteten) zu sehr entgegenkommt aus der Sicht des wahren Souver\u00e4ns, sprich: des Volx. Keine deutsche Demo ohne den Verweis, Demokratie hie\u00dfe \u201eVolks-\u201c oder wenigstens \u201eVolxherrschaft\u201c und das seien doch schlie\u00dflich \u201ewir\u201c (nicht die ohne Papiere oder arische Urgro\u00dfeltern). So spricht der Volxmund, da hilft auch kein autonomes X. Selbst das kann uns kein U vormachen mit dem naiven Versuch, durch ein bisschen Punkigkeit dem alten Souver\u00e4n ein Schnippchen zu schlagen und eine Vok\u00fc-Community von Freax zu beschw\u00f6ren: Volxtanz Pogo, Volxsport Luxuskarren abfackeln usw. Insofern muss man auch den Linx-Populismus der Punx als Produkt von Kohls \u201egeistig-moralischer Wende\u201c betrachten, die dem alten Souver\u00e4n schlie\u00dflich doch noch zur Wiederauferstehung verholfen hat. Heute benutzen sogar Nazis das X &#8211; Spa\u00df muss sein! Es gibt eben keine Subversion der Codes, die nicht subvertiert werden k\u00f6nnte. Eine Hinterlist der Geschichte: Immer wieder hat die Linke den Mythos beschworen vom Volk, das vereint nicht besiegt werden k\u00f6nne. Dabei ist das Volk vereint immer schon besiegt \u2013 oder anders gesagt: das vereinte Volk ist das Volk, das ausschlie\u00dft, nicht das der Ausgeschlossenen. Es ist ein Verein: ein e.V. (zu dem kann auch nicht jedeR geh\u00f6ren).<\/p>\n<p>Zum vereinten Volk geh\u00f6rt immer einer, der es vereint hat \u2013 dieser EINE, das ist in der Regel der Leviathan, sprich: der Staat. Nietzsches Satz, wo es noch Volk g\u00e4be, hasse es den Staat, muss vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt werden: wo es noch Volk gibt, sehnt es sich nach dem Staat. Es gibt kein Volk vor dem Staat \u2013 das Volk entsteht mit dem Staat, durch den Staat und f\u00fcr den Staat. Die Guerilla bewegt sich nicht im Volk wie ein Fisch im Wasser, sondern zappelt schon im Netz der Macht. Die zapatistische Guerilla berief stattdessen 1996 ein intergalaktisches Treffen ein, eine extraterrestrische Kontaktaufnahme \u201egegen Neoliberalismus und f\u00fcr Menschlichkeit\u201c. So wird aus dem X schlie\u00dflich doch noch ein U: ein UFO aus dem Dschungel. Kein Ur- sondern ein Unvolk: ein undeutsches Unwort, das sich quer stellt gegen jede Querfront \u2013 die radikale <i>Antikratie<\/i> (ein Wort, das nicht mal Google kennt und es stattdessen mit Autokratie verwechselt). Es geht aber weder um Auto- noch um Demokratie \u2013 wer gegen Herrschaft ist, muss auch gegen das Volk sein. Nicht <i>Volx-<\/i> von <i>-herrschaft<\/i> trennen, sondern <i>-gemeinschaft<\/i> von <i>Volx-<\/i>, zum Beispiel indem man es nur noch im Plural auftauchen l\u00e4sst. Das Gute an Gemeinschaften ist, dass sie nicht einfach gegeben sind, sondern hergestellt werden m\u00fcssen. Sie stellen sich her, indem sie t\u00e4tig werden, indem sie vergemeinschaften. Sie werden der Gegenbegriff zum Eigentum \u2013 jeglichen Eigentums, eben auch des <i>Volx-<\/i>. Denn das Volk war immer eigen \u2013 und dabei extrem <i>-t\u00fcmlich<\/i>. Wer unbedingt t\u00fcmeln will, soll das tun. Alle andren sind Volker: 2, 3, viele V&#8217;s&#8230;<\/p>\n<p>  <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/gocomments\/alextext.wordpress.com\/193\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"http:\/\/feeds.wordpress.com\/1.0\/comments\/alextext.wordpress.com\/193\/\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" border=\"0\" src=\"https:\/\/pixel.wp.com\/b.gif?host=alextext.wordpress.com&#038;blog=14305490&#038;%23038;post=193&#038;%23038;subd=alextext&#038;%23038;ref=&#038;%23038;feed=1\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am zweiten Tag des Jahres 1994 gab es zwei bedeutsame Nachrichten, eine gute und eine schlechte: Die gute war, dass es in der mexikanischen Provinz Chiapas zu einem bewaffneten Aufstand von Indigenen gekommen war; die schlechte, dass sich der Dramatiker &hellip; <a href=\"https:\/\/alextext.wordpress.com\/2015\/09\/25\/volxfuck-1994-2014\/\">Weiterlesen 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