{"id":45440,"date":"2018-11-17T12:00:07","date_gmt":"2018-11-17T11:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/lizaswelt.net\/?p=25371"},"modified":"2018-11-17T12:00:07","modified_gmt":"2018-11-17T11:00:07","slug":"nicht-nur-eine-frage-der-kriminalstatistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2018\/11\/nicht-nur-eine-frage-der-kriminalstatistik\/","title":{"rendered":"Nicht nur eine Frage der Kriminalstatistik"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" data-attachment-id=\"25372\" data-permalink=\"https:\/\/lizaswelt.net\/2018\/11\/17\/nicht-nur-eine-frage-der-kriminalstatistik\/antisemitismus-report\/\" data-orig-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=610\" data-orig-size=\"560,360\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=610?w=300\" data-large-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=610?w=500\" class=\"alignnone wp-image-25372 size-full\" title=\"Antisemitische Demonstration von Neonazis in Dortmund (Screenshot aus dem Antisemitismus-Report)\" src=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=610\" alt=\"Antisemitische Demonstration von Neonazis in Dortmund (Screenshot aus dem Antisemitismus-Report)\" srcset=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg 560w, https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=150 150w, https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=300 300w, https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2018\/11\/antisemitismus-report.jpg?w=500 500w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\"   \/><\/p>\n<p><strong>Die ARD-Produktion\u00a0<em>Der Antisemitismus-Report<\/em>\u00a0ist um L\u00e4ngen besser als die \u00f6ffentlich-rechtlichen Dokumentationen, die unl\u00e4ngst zu dieser Thematik ausgestrahlt worden sind. Nicht zuletzt deshalb, weil er den israelbezogenen Antisemitismus deutlich als dominierende Spielart des Hasses gegen Juden benennt. Schwerer tut er sich dagegen beim Umgang mit dem Antisemitismus von Muslimen.<\/strong><\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Restaurant in Chemnitz, das von Neonazis \u00fcberfallen und dessen Eigent\u00fcmer verletzt wird. Die j\u00fcdische Familie, deren junger Sohn berichtet, dass er den Davidstern an seinem Halskettchen nur unter dem T-Shirt tr\u00e4gt. Der Mann mit Kippa, auf den ein muslimischer Fl\u00fcchtling mit einem G\u00fcrtel einschl\u00e4gt. Die jungen Sportler der Makkabi-Vereine, die ihre Wettk\u00e4mpfe teilweise unter Polizeischutz austragen m\u00fcssen. Die AfD-Politiker, die im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen provozieren. Die BDS-Aktivisten, die zum Boykott des gro\u00dfen Musikfestivals\u00a0<em>Pop-Kultur<\/em>\u00a0aufrufen, weil die israelische Botschaft die Reisekosten einer K\u00fcnstlerin \u00fcbernommen hat. Der\u00a0<em>Al-Quds-Marsch<\/em>, dessen Teilnehmer in Berlin hasserf\u00fcllte Parolen gegen den j\u00fcdischen Staat br\u00fcllen. Die 40 Prozent der Deutschen, die Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr \u00e4u\u00dfern, dass man Juden wegen der Politik Israels ablehnt.<\/p>\n<p>Der Hass gegen Juden in Deutschland hat unterschiedliche Erscheinungsformen und Gesichter, und die knapp 45-min\u00fctige Dokumentation von Adrian Oeser mit dem n\u00fcchternen Titel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/reportage-dokumentation\/dokus\/sendung\/der-antisemitismus-report-102.html\"  rel=\"noopener\">Der Antisemitismus-Report<\/a>, die der\u00a0<em>Hessische Rundfunk<\/em>\u00a0vor wenigen Tagen ausgestrahlt hat, zeigt viele davon. Oeser wirft einen Blick auf und in die verschiedenen Milieus, in denen der Antisemitismus ein Zuhause hat, er spricht mit denjenigen, die immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert werden; er l\u00e4sst Experten wie Samuel Salzborn, Monika Schwarz-Friesel und Andreas Zick zu Wort kommen und pr\u00e4sentiert bedr\u00fcckende Umfrageergebnisse. Mehr als die H\u00e4lfte der Deutschen ist nicht der Ansicht, dass sich der Antisemitismus ausbreitet, wohingegen 78 Prozent der in Deutschland lebenden Juden sagen, dass er st\u00e4rker wird. In jedem Fall werde er \u00f6ffentlich deutlich wahrnehmbarer und gewaltt\u00e4tiger, sagt der Antisemitismusforscher Salzborn.<\/p>\n<p>Eine Erkl\u00e4rung, die sich der Film zu eigen macht: Die Antisemiten seien zahlenm\u00e4\u00dfig nicht mehr geworden, aber lauter. Dabei spielt sich der Antisemitismus vielfach unterhalb der Strafbarkeitsgrenze ab, weshalb Kriminalstatistiken seine Dimension l\u00e4ngst nicht zu erfassen verm\u00f6gen. Das st\u00e4ndige Raunen, die unz\u00e4hligen Andeutungen, die permanenten Bel\u00e4stigungen, die hasserf\u00fcllten Blicke, die dummen Witze \u2013 all dies beeintr\u00e4chtigt und belastet das Leben von Juden in Deutschland, ohne dass es sich in offiziellen Zahlen und Daten niederschl\u00e4gt. Ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen etwa berichtet im Film von einer Mitsch\u00fclerin, die glaubte, Juden m\u00fcssten in Deutschland keine Steuern zahlen. Auf Schulh\u00f6fen wird \u00bbJude\u00ab als Schimpfwort verwendet, Juden sehen sich in die Rolle von Repr\u00e4sentanten des Staates Israel gedr\u00e4ngt und werden f\u00fcr dessen Politik verantwortlich gemacht. Viele Juden verzichten auf das Zeigen j\u00fcdischer Symbole in der \u00d6ffentlichkeit, aus Angst vor Drohungen, Beleidigungen und Angriffen.<\/p>\n<p><strong>Der Film tut sich schwer mit dem muslimischen Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>Schwerpunkte legt der Film auf den muslimischen Antisemitismus, den Antisemitismus von Rechtsextremen und den israelbezogenen Antisemitismus. Eine Mehrheit der Juden, die in Deutschland leben, nimmt den Antisemitismus von Muslimen als besonders stark wahr. Er \u00e4u\u00dfere sich vor allem in Beleidigungen und Bel\u00e4stigungen, seltener in k\u00f6rperlichen Angriffen. Der Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz sagt, seit zwanzig Jahren h\u00e4tten antisemitische Taten ganz \u00fcberwiegend einen islamischen Hintergrund. Der Film tut sich schwer mit diesem Befund, man merkt ihm die Furcht davor an, in das falsche politische Fahrwasser zu geraten. Zwar h\u00e4lt er fest, dass der Antisemitismus unter Muslimen weit verbreitet ist, doch seien antisemitisch motivierte Taten in der Kriminalstatistik kaum sichtbar, es handle sich lediglich um Einzelf\u00e4lle. Nachdem zuvor deutlich gemacht worden ist, dass diese Statistik nur einen begrenzten Aussagewert hat, nimmt der Film diese Erkenntnis nun teilweise wieder zur\u00fcck. Das ist bedauerlich und falsch.<\/p>\n<p>Zur Sprache kommt auch nicht, dass es bei den offiziellen Zahlen\u00a0<a href=\"https:\/\/faktenfinder.tagesschau.de\/hintergrund\/antisemitismus-147.html\"  rel=\"noopener\">ein Kategorisierungsproblem gibt<\/a>: Vorf\u00e4lle mit einem NS-Bezug werden statistisch fast immer dem Bereich Rechtsextremismus zugeordnet, selbst Hitlergr\u00fc\u00dfe von Hisbollah-Anh\u00e4ngern auf der islamistischen Al-Quds-Demonstration in Berlin. Dadurch entsteht zwangsl\u00e4ufig ein schiefes Bild. Daf\u00fcr bem\u00fcht sich der Film, Ans\u00e4tze aufzuzeigen, wie dem islamischen Hass gegen Juden beizukommen ist: Adrian Oeser und sein Team lassen den arabisch-israelischen Psychologen Ahmad Mansour zu Wort kommen, der den Antisemitismus unter jungen Muslimen bek\u00e4mpft, und sie begleiten junge muslimische Migranten beim Besuch der Synagoge in Offenbach, denen anzumerken ist, wie sehr sie diese Erfahrung ins Nachdenken bringt.<\/p>\n<p><strong>Israelbezogener Antisemitismus als dominierende Spielart<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Kritik des rechten und rechtsextremistischen Antisemitismus tut sich der\u00a0<em>Antisemitismus-Report<\/em>\u00a0leichter. Josef Schuster, der Pr\u00e4sident des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatiert eine Verschiebung roter Linien, ein Mitarbeiter der KZ-Gedenkst\u00e4tte in Sachsenhausen berichtet vom provokativen Auftritt einer AfD-Delegation im Rahmen einer F\u00fchrung. Die Aussage von Alice Weidel, die AfD sei \u00bbdie einzige Schutzmacht f\u00fcr j\u00fcdisches Leben in Deutschland\u00ab, wird kontrastiert mit einem Umfrageergebnis, nach dem 55 Prozent der AfD-Anh\u00e4nger der Ansicht sind, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben, w\u00e4hrend der Wert bei anderen Parteien bei 16 bis 20 Prozent liegt. \u00bbUnter Rechtsextremisten ist der Antisemitismus besonders ausgepr\u00e4gt, durch die AfD wird er auch in b\u00fcrgerlichen Kreisen lauter\u00ab, res\u00fcmiert der Film. Undenkbares werde sagbar, Hemmungen fielen zunehmend.<\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p>Eine St\u00e4rke des Films ist, dass er sich auch dem israelbezogenen Antisemitismus widmet. W\u00e4hrend fast drei Viertel der Deutschen meinen, Kritik an Israel sei nicht oder allenfalls gelegentlich antisemitisch, h\u00e4lt die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel fest, dass der israelbezogene Antisemitismus mittlerweile die dominierende Erscheinungsform des Hasses gegen Juden ist. Samuel Salzborn bezeichnet ihn als \u00bbBindeglied und Bindeideologie\u00ab zwischen verschiedenen politischen Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p>Der Film thematisiert die \u00fcblen Boykottaktivit\u00e4ten der BDS-Bewegung und problematisiert die Forderung von linken \u00bbIsraelkritikern\u00ab nach einem Recht f\u00fcr s\u00e4mtliche Nachkommen der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge von 1948\/49, nach Israel \u00bbzur\u00fcckzukehren\u00ab und auf diese Weise das Ende Israels als j\u00fcdischer Staat herbeizuf\u00fchren. In Deutschland lebende Juden w\u00fcrden f\u00fcr Israel haftbar gemacht, und der Antisemitismus komme vor allem im Gewand der Kritik an Israel daher, konstatiert der Film, dem es allerdings gut getan h\u00e4tte, wenn er den projektiven Gehalt der \u00bbIsraelkritik\u00ab deutlicher herausgearbeitet h\u00e4tte. Sie hat genauso wenig etwas mit konkreten Handlungen des j\u00fcdischen Staates zu tun wie der klassische und der sekund\u00e4re Antisemitismus etwas mit dem realen Verhalten von Juden.<\/p>\n<p>Dennoch hebt sich der\u00a0<em>Antisemitismus-Report<\/em>\u00a0positiv von anderen \u00f6ffentlich-rechtlichen Dokumentationen zu dieser Thematik ab,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.mena-watch.com\/mena-analysen-beitraege\/neue-oeffentlich-rechtliche-antisemitismus-dokus-irrefuehrend-substanzarm-und-langweilig\/\"  rel=\"noopener\">wie sie unl\u00e4ngst gezeigt wurden<\/a>. Er macht deutlich, wie virulent der Hass gegen Juden in Deutschland weiterhin ist, dass er l\u00e4ngst nicht nur ganz rechts vorkommt, wie seine Spielarten aussehen, wie er sich \u00e4u\u00dfert und welche ungeheuerlichen Auswirkungen auf das j\u00fcdische Leben hat. Noch d\u00e4chten die meisten Juden nicht \u00fcber eine Auswanderung nach, aber sicher lebten sie in Deutschland auch nicht, bilanziert der Film am Schluss. Das ist ein so berechtigter wie alarmierender Befund \u2013 zumal sich immer wieder zeigt, welche lager\u00fcbergreifende gesellschaftliche Bindungskraft der Antisemitismus zu entfalten vermag.<\/p>\n<p><span style=\"font-size:85%;\">Zuerst ver\u00f6ffentlicht auf <em><a href=\"https:\/\/www.mena-watch.com\/mena-analysen-beitraege\/antisemitismus-in-deutschland-nicht-nur-eine-frage-der-kriminalstatistik\/\"  rel=\"noopener noreferrer\">MENA-Watch<\/a><\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size:85%;\"><em>Zum Foto:<\/em>\u00a0Antisemitische Demonstration von Neonazis in Dortmund (Screenshot aus dem <em>Antisemitismus-Report<\/em>).<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.addtoany.com\/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Flizaswelt.net%2F2018%2F11%2F17%2Fnicht-nur-eine-frage-der-kriminalstatistik%2F&amp;linkname=Nicht%20nur%20eine%20Frage%20der%20Kriminalstatistik\"  rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Diesen Beitrag mit anderen teilen\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/static.addtoany.com\/buttons\/share_save_256_24.png\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"24\" \/><\/a> <a href=\"mailto:lizaswelt@gmail.com?subject=Feedback%20zu:%20Nicht%20nur%20eine%20Frage%20der%20Kriminalstatistik\"  rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1197\" data-permalink=\"https:\/\/lizaswelt.net\/2010\/07\/16\/projektionsflaeche-palaestinenser\/feedback\/\" data-orig-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2010\/07\/feedback.jpg\" data-orig-size=\"151,24\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;}\" data-image-title=\"Feedback\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2010\/07\/feedback.jpg?w=151\" data-large-file=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2010\/07\/feedback.jpg?w=151\" class=\"size-full wp-image-1197 alignright\" title=\"Feedback zu diesem Beitrag an Lizas Welt senden\" src=\"https:\/\/lizaswelt2010.files.wordpress.com\/2010\/07\/feedback1.jpg?w=610\" alt=\"\"   \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ARD-Produktion&nbsp;Der Antisemitismus-Report&nbsp;ist um L&auml;ngen besser als die &ouml;ffentlich-rechtlichen Dokumentationen, die unl&auml;ngst zu dieser Thematik ausgestrahlt worden sind. 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