{"id":46590,"date":"2019-06-02T17:20:46","date_gmt":"2019-06-02T16:20:46","guid":{"rendered":"https:\/\/evibes.org\/?p=76966"},"modified":"2019-06-02T17:20:46","modified_gmt":"2019-06-02T16:20:46","slug":"gastbeitrag-zum-internationalen-hurentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2019\/06\/gastbeitrag-zum-internationalen-hurentag\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag zum internationalen Hurentag"},"content":{"rendered":"<p>Heute ist der internationale Hurentag\u00a0 &#8211; am 2. Juni 1975 besetzten mehr als 100 Prostituierte eine Kirche in Lyon, um gegen Gewalt, unaufgekl\u00e4rte Morde und die Repression der Polizei zu protestieren.<\/p>\n<p>Wir senden Gr\u00fc\u00dfe an die Parade in Berlin und freuen uns, zu diesem Anlass einen Text der Initiative Sex Workers Solidarity hier vorab ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen. Es ist ein Beitrag zum Sammelband &#8220;Feministische Perspektivne auf Sexarbeit&#8221;, der dieses Jahr im Unrast Verlag erscheinen wird.<\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\"><span style=\"font-size: xx-large\"><b><a href=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2019\/06\/Organizing-Sex-Workers-the-feminist-way.pdf\">Organizing Sex Workers<\/a> <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\"><span style=\"font-size: x-large\"><b>ein feministischer Weg gegen Diskriminierung, schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span id=\"more-76966\"><\/span><\/p>\n<p align=\"center\">(<a href=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2019\/06\/Organizing-Sex-Workers-the-feminist-way.pdf\">hier als PDF<\/a>)<\/p>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Einleitung<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Die Dresdner Initiative Sex Workers Solidarity war von Sommer 2017 bis Sommer 2018 aktiv. Anlass f\u00fcr die Gr\u00fcndung war die anstehende Verabschiedung und Implementierung des <\/span><span style=\"font-size: medium\">sogenannten <\/span><span style=\"font-size: medium\">Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG), von der einige von uns pers\u00f6nlich betroffen waren. In Sachsen gab es zuvor weder Zusammenschl\u00fcsse von Sexarbeiter_innen noch Sprachrohre oder politische F\u00fcrsprecher_innen. Dementsprechend erhielten unsere Statements und Aktionen landes- und bundesweite Aufmerksamkeit. Dies lag sicherlich auch daran, dass unser inhaltlicher Standpunkt \u2013 eine Kombination gewerkschaftlicher und feministischer Perspektiven \u2013 sonst auf der \u00f6ffentlichen B\u00fchne kaum vorhanden war. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Wir m\u00f6chten daher die Arbeit der Initiative nachzeichnen und unsere \u00dcberlegungen teilen, um sie im Ged\u00e4chtnis emanzipatorischer Bewegungen zu verankern. Dazu beschreiben wir zun\u00e4chst, was uns politisch wichtig war, dann was wir umsetzen konnten, und schlie\u00dflich unsere Reflexionen und die daraus resultierenden <\/span><span style=\"font-size: medium\">Visionen<\/span><span style=\"font-size: medium\"> f\u00fcr die Zukunft und Vorschl\u00e4ge an andere Initiativen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Unsere Ausgangslage<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Sex Workers Solidarity entstand als produktives Konglomerat aus Bekanntschaften einiger vom ProstSchG betroffenen Menschen, die in der basisdemokratischen Gewerkschaft Freie Arbeiter_innen Union (FAU) organisiert waren, mit Menschen aus feministischen Gruppen in der Stadt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Die Sexarbeiter_innen in der Initiative nahmen eine gro\u00dfe Verunsicherung bez\u00fcglich des Gesetzes und seiner Folgen wahr. Wir hofften, dass die drohende Repression gegen alle Sexarbeiter_innen als Anlass f\u00fcr Organisierung und Solidarisierung unter Kolleg_innen dienen k\u00f6nnte. Allerdings zeigten sich bald unterschiedliche Positionen: zum Beispiel zwischen besser und schlechter Bezahlten, zwischen erotischen Masseur_innen und Anbieter_innen von \u201erichtigem Sex\u201c, zwischen Sexarbeiter_innen mit und ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft, zwischen den wenigen Menschen, die den Schritt in die \u00d6ffentlichkeit wagen und den vielen, die davor zur\u00fcckschrecken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Zudem existierte kaum Infrastruktur f\u00fcr Sexarbeiter_innen in Sachsen. Zwar gibt es gesundheitliche Beratung durch die Gesundheits\u00e4mter und Unterst\u00fctzung von kobra.net e.V. f\u00fcr Opfer von Menschenhandel, aber keine Fachberatungsstelle zu den allt\u00e4glichen Problemen, auf die Sexarbeiter_innen h\u00e4ufig sto\u00dfen. Ein j\u00e4hrlicher runder Tisch von Stadt und Polizei fokussierte lediglich ordnungspolitische Probleme \u201emit der Prostitution\u201c. Auch von einer organisierter Hurenbewegung war in Dresden nichts zu sp\u00fcren, so dass wir eigene Strukturen aufbauen mussten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Aus feministischer Sicht war die Ausgangslage allerdings auch ein Minenfeld: Die feministische Bewegung streitet sich seit Jahrzehnten immer wieder und zum Teil sehr erbittert darum, wie Sexarbeit insgesamt zu bewerten ist. Wie sollte sich die Initiative darin positionieren? Scheinbar gibt es nur zwei M\u00f6glichkeiten. Entweder: Sexarbeit bedeutet Befreiung und wer anderes behauptet, ist verklemmt; jede Reglementierung ist Ausgeburt des Patriarchats und reaktion\u00e4rer kirchlicher Sexualmoral. Oder: Prostitution ist immer Gewalt und schlimmste Ausgeburt des Patriarchats, und alle, die anderes behaupten, bel\u00fcgen sich selbst, leiden am Stockholm-Syndrom oder geh\u00f6ren gar zu den Profiteur_innen der frauenverachtenden Ausbeutung. Selbst Positionen, die keinem dieser Extreme entsprechen, werden schnell von au\u00dfen in eine dieser Schubladen eingeordnet. Wir versuchten daher, die Schlagworte beider \u201eLager\u201c zu vermeiden, um zum eigentlichen Thema vorzusto\u00dfen: der Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituationen von Sexarbeiter_innen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Dennoch brauchten wir f\u00fcr unsere \u00f6ffentliche Kampagne einen gemeinsamen politischen Standpunkt, um nicht in Oberfl\u00e4chlichkeit und Ziellosigkeit zu enden. Wir einigten uns auf Folgendes: Wir wollen weder Sexarbeit pauschal d\u00e4monisieren, noch aus Angst vor \u00dcberwachung und Kontrolle dem neoliberalen Dogma folgend alles als selbstbestimmt und frei aushandelbar darstellen. Denn Letzteres sichert das reibungslose Funktionieren des Marktes und damit die Gewinne jener, die von der Ausbeutung von (\u00fcberwiegend) Frauen und trans Menschen profitieren. Stattdessen betonen wir objektive Interessengegens\u00e4tze zwischen Chef_innen und (Schein\u2011)Selbstst\u00e4ndigen, beziehungsweise zwischen Vermieter_innen und Mieter_innen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Insgesamt schien uns in der Gemengelage von Stigmatisierung und staatlicher Diskriminierung ein breiter feministischer und gewerkschaftlicher Ansatz f\u00fcr selbstbestimmte K\u00e4mpfe einer tendenziell prekarisierten Gruppe am besten geeignet. Auch w\u00e4hrend unserer Aktivit\u00e4ten und sp\u00e4ter im R\u00fcckblick haben sich f\u00fcr uns daran keine Zweifel ergeben \u2013 vielmehr sahen wir uns immer wieder darin best\u00e4tigt.<\/span><\/p>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Wie wir aktiv geworden sind<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">In dieser komplexen Lage und mit diesen miteinander verwobenen Anspr\u00fcchen haben wir im Sommer 2017 \u00fcber einige Wochen \u00fcberlegt, mit welchen Strategien und M\u00f6glichkeiten wir darauf reagieren k\u00f6nnen. <span style=\"font-size: medium\">Dabei waren einige Fallstricke zu umgehen:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Durch die geplanten repressiven Gesetze, die auch die Hemmschwelle erh\u00f6hten, zu unseren Treffen zu kommen, wollten viele Betroffene erst recht anonym bleiben. Als Antwort darauf hielten wir einen Zusammenschluss von Sexarbeiter_innen und Unterst\u00fctzer_innen \/ Freund_innen f\u00fcr sinnvoll. Der Gruppenname \u201eSex Workers Solidarity\u201c erlaubte es, Anonymit\u00e4t und Sichtbarkeit zu vereinen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Zudem galt es, den Spagat zwischen kurzfristiger Reaktion auf die fortgeschrittenen Gesetzespl\u00e4ne und nachhaltiger Organisierung zu meistern. Wir wollten die Implementierung beeinflussen, aber auch l\u00e4ngerfristig einen Austausch \u00fcber Rechte, Arbeitsbedingungen und kollektive Wege der Verbesserung ansto\u00dfen, um Solidarit\u00e4t statt Abgrenzung gegeneinander voranzutreiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Anfangs gab es zudem die \u00dcberlegung, die Kampagne f\u00fcr Rechte von Sexarbeiter_innen mit emanzipatorischen Angeboten zu sexueller Bildung zu verkn\u00fcpfen (z.B. Workshops zum Sprechen \u00fcber K\u00f6rperteile oder \u00fcber Sex, zum Grenzen-Setzen oder zur Vulva-Massage, oder \u00fcber Hurendiskriminerung). Sexarbeiter_innen sollten nicht ausschlie\u00dflich als Opfer von Sexismus oder als Objekte von beh\u00f6rdlichen Ma\u00dfnahmen auftauchen, sondern selbst als Expert_innen sprechen. Diese \u00dcberlegung haben wir allerdings vorerst hintangestellt, um die positiven Aspekte der Sexarbeit nicht zu stark in den Vordergrund zu r\u00fccken und ihre gesellschaftlichen Verstrickungen zu verdecken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Insgesamt hat sich dann in der Praxis eine Art Drei-S\u00e4ulen-Konzept ergeben:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Druck auf Politik, Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess, z. B. durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit,<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Informationsbeschaffung und -weitergabe an Betroffene,<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">M\u00f6glichkeiten zu Austausch und langfristiger Selbstorganisation, gegen Repression und f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Praktische Erfahrungen und Reflexion<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Uns war bei all dem wichtig, die Stimmen der Sexarbeiter_innen in den Mittelpunkt unserer Kampagne zu stellen. Das bedeutete, dass wir uns viel Zeit daf\u00fcr genommen haben, \u00fcber die Grenzen des eigenen Blickfeldes zu reflektieren und uns mit den verschiedenen Positionen zu Sexarbeit bzw. Prostitution und Arbeit auseinanderzusetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Wichtiger Bestandteil unserer Arbeit war au\u00dferdem die Vernetzung: z.B. mit dem Gesundheitsamt Dresden, kobra.net e.V., Einzelpersonen des Berufsverbands sexuelle und erotische Dienstleistungen (BesD), FAU-Strukturen oder einzelnen s\u00e4chsischen Politiker_innen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">In Sachsen haben wir \u00f6ffentlich das Gesetz und die Folgen f\u00fcr Sexarbeiter_innen kritisiert. Gleichzeitig informierten wir auf einer Facebookseite \u00fcber den neuesten Stand des Gesetzes. Einige Kolleg_innen halfen beim \u00dcbersetzen in andere Sprachen. Wir f\u00fchrten mehrere Infoveranstaltungen in Dresden durch und stellten uns f\u00fcr Interviews zur Verf\u00fcgung. Schnell wurden wir als Ansprechpartner_innen f\u00fcr das Thema wahrgenommen, sowohl in Dresden als auch von au\u00dferhalb. Von Seiten der Medien gab es gro\u00dfes Interesse an \u201eBetroffenen\u201c, das wir aus Anonymit\u00e4ts- oder \u00dcberlastungsgr\u00fcnden nicht immer befriedigen konnten oder wollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Mit dem S\u00e4chsischen Landtag verband uns eine vielseitige Auseinandersetzung: Wir leakten und kommentierten den Gesetzesentwurf, besuchten mit vielen Menschen eine \u00f6ffentliche Anh\u00f6rung und begleiteten diese mit einer Kundgebung und schrieben einen Offenen Brief an alle Landtagsabgeordneten. Mit unseren Beitr\u00e4gen haben wir \u00f6ffentlichen Druck erzeugt und zusammen mit anderen ziemlich starken Einfluss genommen. Z.B. wurden die Geb\u00fchren f\u00fcr die Registrierung und Zwangsberatung erheblich gesenkt. Schlussendlich bedachten wir die Landtagssitzung zum S\u00e4chsProstSchGAG mit einem Regen aus Hurenp\u00e4ssen<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"https:\/\/evibes.org\/2019\/06\/02\/gastbeitrag-zum-internationalen-hurentag\/#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a>, die wir personalisiert auf die Abgeordneten ausgestellt hatten. Diese Aktion setzte einen fulminanten Schlusspunkt unter unsere Kampagne zum Gesetz und bescherte uns lustige Zeitungs\u00fcberschriften und bundesweite Zustimmung aus der Hurenbewegung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Einige Zeit sp\u00e4ter setzten wir uns nochmal zusammen, um einen Auswertungstext zu schreiben. Selbst ein Jahr sp\u00e4ter erreichten uns weiterhin Anfragen f\u00fcr Podiumsgespr\u00e4che.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Solidarit\u00e4t und Abgrenzung <\/span><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Neben der Wirkung nach Au\u00dfen hat unsere Arbeit einzelne Mitglieder der Gruppe auch individuell weitergebracht: Die Initiative gab aktiven Sexarbeiter_innen Raum, um \u00fcber ihre Arbeit zu sprechen und Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t zu erfahren. So wurde es m\u00f6glich, eigene Probleme in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang zu begreifen, damit nicht allein zu sein und zu erleben, dass gemeinsames (politisches) Handeln tats\u00e4chlich etwas bewirken kann \u2013 dass es einen Unterschied macht, ob wir den Mund aufmachen oder nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Selbstkritisch bleibt anzumerken, dass auch wir nur in bestimmte Bereiche der Branche Einblick hatten, vor allem in deutschsprachige, nicht ganz so prek\u00e4re. Die Kontaktaufnahme zu anderen Bereichen mit h\u00e4rteren Arbeits- oder Lebensbedingungen h\u00e4tte viel mehr Zeit und Einsatz gebraucht, w\u00e4re aber auch grundlegend f\u00fcr eine \u00fcbergreifende, solidarische Organisierung gewesen. Zudem hatten wir mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch eines nachhaltigen Strukturaufbaus und Kampagnenaktivismus unter Zeitdruck zu k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Austausch und Selbstorganisation <\/span><\/h2>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Neben diesen nach au\u00dfen wirkenden Ergebnissen unserer Arbeit haben wir auch einiges erreicht, was die einzelnen Mitglieder der Gruppe in der ein oder anderen Form individuell weitergebracht hat: In der Initiative haben aktive Sexarbeiter_innen einen Raum gefunden, der ihnen die M\u00f6glichkeit gab, \u00fcber ihre eigene Arbeit zu sprechen und darin Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t zu erfahren. Die Gruppe hat es mit ihrer Ausrichtung m\u00f6glich gemacht, eigene Unsicherheiten und Probleme in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang zu begreifen, damit nicht alleine zu sein und sich nicht einsch\u00fcchtern zu lassen. Sie hat erfahrbar gemacht, dass gemeinsames (politisches) Handeln tats\u00e4chlich etwas bewirken kann \u2013 dass es einen Unterschied macht, ob wir den Mund aufmachen oder nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Selbstkritisch bleibt anzumerken, dass auch wir nur in bestimmte Bereiche der Branche Einblick hatten, vor allem die deutschsprachigen, nicht ganz so prek\u00e4ren. Die Kontaktaufnahme zu anderen Bereichen, in denen h\u00e4rtere Arbeits- oder Lebensbedingungen es schwieriger machen, h\u00e4tte viel mehr Zeit gebraucht und viel Arbeit gekostet, w\u00e4re aber auch wichtig f\u00fcr eine \u00fcbergreifende, solidarische Organisierung gewesen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Au\u00dferdem ist die zus\u00e4tzliche Belastung durch repressive Gesetze und Beh\u00f6rden nicht zu untersch\u00e4tzen. Viele Sexarbeiter_innen sind dadurch erst recht eingesch\u00fcchtert und wollen erst recht anonym bleiben. Dadurch wurde sicher auch die Hemmschwelle noch erh\u00f6ht, zu einem Treffen zu kommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Nicht zuletzt hatten auch wir mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch eines nachhaltigen Strukturaufbaus und Kampagnenaktivismus unter Zeitdruck zu k\u00e4mpfen. <\/span><\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Differenzierte Diskussionen <\/span><\/h2>\n<p><a name=\"firstHeading\"><\/a> <span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Wir haben uns in der Diskussion um Sexarbeit vs. Prostitution um eine m\u00f6glichst differenzierte Betrachtung bem\u00fcht. Im Gro\u00dfen und Ganzen erhielten wir viele positive R\u00fcckmeldungen f\u00fcr unsere Position. Zugleich unterschied sich unsere Haltung von anderen, zum Beispiel von der des Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD), der mit seiner wirtschaftsliberalen Ausrichtung und als Lobbyverein von Bordellbetreiber_innen nur so lange die Belange der dort Besch\u00e4ftigten ber\u00fccksichtigt, wie diese nicht im Widerspruch zu den Interessen der Betreiber_innen und Kund_innen stehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Auch haben wir etwas andere Punkte betont als der BeSD in seiner \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Vernetzung von Sexarbeiter_innen. Er legte den Fokus vor allem auf Entstigmatisierung, Networking und professionellen Austausch, w\u00e4hrend wir st\u00e4rker das Ziel der (Selbst\u2011)Organisierung am Arbeitsort hochhielten. Mit seinen Positionen erreicht der BeSD strukturell vor allem sozial und \u00f6konomisch besser gestellte Sexarbeiter_innen. In der \u00f6ffentlichen Debatte wurde dieser Sachverhalt wiederholt von Politiker_innen und Kritiker_innen angef\u00fchrt, um die Forderungen des BeSD abzuwehren, weil diese von Privilegierten k\u00e4men. In dieser Form entlarvt sich vermeintliche Kritik als Hurendiskriminierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Es bleibt die Frage, wie die Themen von Sexarbeiter_innen, die weniger Geld und Zeit haben oder mehr Angst haben, ebenfalls Geh\u00f6r bekommen \u2013 doch diese Frage richtet sich nicht allein an die Interessenvertretung von Sexarbeiter_innen, sondern noch st\u00e4rker an Medien und Politik.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Mit all diesen Fragen wird wohl jeder Versuch der Organisierung in der Branche umzugehen haben, wenn es um gute Arbeits- und Lebensbedingungen und nicht nur um eine wirtschaftsliberale Abwehr staatlicher Regulierung gehen soll. Ein Schritt dabei sind die \u2013 auch im BeSD gef\u00fchrten \u2013 Diskussionen um die Verwobenheit mit verschiedenen Herrschaftsdimensionen und Bem\u00fchungen um gr\u00f6\u00dfere Diversit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Forderungen und Ideen f\u00fcr die Zukunft<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Zu weiteren politischen Ma\u00dfnahmen, die Sexarbeiter_innen im Gegensatz zum ProstSchG tats\u00e4chlich sch\u00fctzen, z\u00e4hlen eine St\u00e4rkung von Selbstbestimmung, Arbeitsrechten und Beratungsangeboten. Dies kann nicht allein ehrenamtlich geleistet werden. Daher haben wir die Einrichtung bzw. den Ausbau unabh\u00e4ngiger, anonymer, niedrigschwelliger und mehrsprachiger Fachberatungsangebote gefordert, unter anderem zu den Themen Arbeitsrecht und sexualisierte Gewalt.\u00a0Besonders wichtig ist aus unserer Sicht auch der Bereich\u00a0Streetwork, insbesondere um den Zugang zu Gesundheitsdiensten f\u00fcr Menschen\u00a0ohne Krankenversicherung oder geregelten Aufenthaltsstatus\u00a0zu erleichtern. Die materielle Absicherung, insbesondere von Migrant*innen, muss sichergestellt werden. Weiterhin m\u00fcssen Bildungsangebote wie Deutschkurse, berufliche Aus- und Weiterbildungen oder Selbstverteidigungskurse geschaffen werden. Der mindeste Schritt dahin w\u00e4re die grundlegende \u00dcberarbeitung des ProstSchG anhand der Perspektiven und W\u00fcnsche der unterschiedlichen Betroffenen, die bislang komplett ignoriert wurden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Ganz wichtig ist die Selbstorganisation und der Austausch unter Kolleg_innen. Dazu br\u00e4uchte es in jeder Stadt Treffpunkte, z. B. regelm\u00e4\u00dfige Hurenstammtische. Damit diese auch von verschiedenen Leuten besucht werden, m\u00fcssten Kontakte zu Arbeitsorten aufgebaut werden, ohne \u00fcber die Betreiber_innen zu gehen, und auch unabh\u00e4ngig von staatlichen Stellen. Irgendwann k\u00f6nnte die Vernetzung so stabil sein, dass man gemeinsam mit allen Kolleg_innen \u2013 ohne Arbeitgeber_innen \u2013 besprechen kann, wie man arbeiten will, wie viel sexuelle Dienstleistungen kosten sollen und unter welchen Bedingungen sie \u00fcberhaupt angeboten werden sollen. Damit das Gespr\u00e4ch \u00fcber solche Fragen nicht abbricht, k\u00f6nnen gemeinsame Strukturen, beispielsweise Betriebsgruppen gegr\u00fcndet werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Dies sollte inklusiv und solidarisch mit allen Kolleg_innen stattfinden, ohne rassistische Abgrenzungen oder solche zwischen verschiedenen Bereichen der Branche. Dazu k\u00f6nnen bereits existierende Strukturen genutzt werden, wie der BeSD oder die branchen\u00fcbergreifende basisdemokratische Gewerkschaft FAU. Auch ein Blick in andere L\u00e4nder wie Spanien ist inspirierend, wo Kolleg_innen in der Sexarbeiter_innen-Gewerkschaften OTRAS (Organizaci\u00f3n de Trabajadoras Sexuales) ihre Interessenvertretung seit 2018 selbst in die Hand nehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Ein weiteres Feld f\u00fcr einen positiven gesellschaftlichen Wandel sind Workshops zur sexuellen Bildung, z.B. zum Sprechen \u00fcber K\u00f6rperteile oder \u00fcber Sex, zum Grenzen-Setzen oder zur Vulva-Massage. Noch viel zu selten gibt es solche Bildungsangebote, die vielen Menschen in Beziehungen und Sexualit\u00e4t n\u00fctzen w\u00fcrden. Auch kritische Vortr\u00e4ge und Trainings gegen Hurendiskriminierung sind wichtig. Solche Veranstaltungen k\u00f6nnen von Sexarbeiter_innen angeleitet werden, wobei sie als Expert_innen und nicht als Objekt von Stigmatisierung agieren. <\/span><\/span><\/p>\n<h1 class=\"western\"><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Ein Schlusswort<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssen wir uns mit den gesellschaftlichen Ursachen der Probleme in der Sexarbeit auseinandersetzen, statt weitere, meist diskriminierende und stigmatisierende Regelungen einzuf\u00fchren. <strong>Nicht Sexarbeiter_innen m\u00fcssen bek\u00e4mpft werden, sondern Armut, Rassismus, hierarchische Geschlechterverh\u00e4ltnisse und ungleich verteilte Bildungs- und Arbeitsangebote.<\/strong> Auch der Kampf gegen Zwangsarbeit und sexuelle Ausbeutung darf nicht vergessen werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Die Abwertung und Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen kann nicht allein auf staatlicher Ebene \u00fcberwunden werden, sondern muss in der gesamten Gesellschaft bek\u00e4mpft werden. Mit einer starken Hurenbewegung im R\u00fccken k\u00f6nnen Sexarbeiter_innen ihre Anliegen demonstrierend auf die Stra\u00dfe und in Rath\u00e4user und Parlamente tragen. Wir brauchen Kolleg_innen, die \u201aGesicht zeigen\u2018, die auch diejenigen vertreten, die dazu nicht in der Lage sind \u2013 und daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass bald alle diesen Schritt gehen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Noto Serif, serif\">Wir setzen auf den solidarischen Austausch mit feministischen, queeren und gewerkschaftlichen Bewegungen, damit Sex Workers nicht allein f\u00fcr ihre Forderungen einstehen m\u00fcssen. Auch mit auf den ersten Blick politisch entfernt erscheinenden Ans\u00e4tzen wie \u201eRecht auf Stadt\u201c-B\u00fcndnissen oder Mietprotesten gibt es wichtige Gemeinsamkeiten, die unter einem intersektionalen Blickwinkel zu vereinten sozialen K\u00e4mpfen zusammengef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Praktische und theoretische Ansatzpunkte ergeben sich sowohl in \u00e4lteren Debatten wie der um Sorge-, Haus- und Care-Arbeit, als auch in neueren Anl\u00e4ufen wie der internationalen feministischen Streikbewegung. Es m\u00fcssen Br\u00fccken geschlagen werden zwischen den Erfahrungen von Sexarbeiter*innen und Ehefrauen, Putz- und Pflegekr\u00e4ften. Die konkreten T\u00e4tigkeiten und die Formen der Abwertung \u00fcberschneiden sich stark \u2013 die Solidarisierung miteinander liegt auf der Hand.<\/span><\/strong><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"https:\/\/evibes.org\/2019\/06\/02\/gastbeitrag-zum-internationalen-hurentag\/#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Die im ProstSchGAG vorgesehene \u201eAnmeldebescheinigung\u201c, die von den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden ausgestellt wird, regelm\u00e4\u00dfig erneuert und bei der Arbeit immer mitgef\u00fchrt werden muss und von der Polizei kontrolliert werden kann.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist der internationale Hurentag&nbsp; &ndash; am 2. Juni 1975 besetzten mehr als 100 Prostituierte eine Kirche in Lyon, um gegen Gewalt, unaufgekl&auml;rte Morde und die Repression der Polizei zu protestieren. Wir senden Gr&uuml;&szlig;e an die Parade in Berlin und freuen uns, zu diesem Anlass einen Text der Initiative Sex Workers Solidarity hier vorab ver&ouml;ffentlichen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":912,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2376],"class_list":["post-46590","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/912"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46590"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46594,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46590\/revisions\/46594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=46590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=46590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}