{"id":51967,"date":"2020-06-26T10:52:24","date_gmt":"2020-06-26T09:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/evibes.org\/?p=77792"},"modified":"2020-06-26T10:52:24","modified_gmt":"2020-06-26T09:52:24","slug":"artikel-von-espace-in-jungle-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2020\/06\/artikel-von-espace-in-jungle-world\/","title":{"rendered":"Artikel von e*space in Jungle World"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2020\/06\/Unterschiedliche-Beduerfnisse-anerkennen.pdf\">Unterschiedliche Beduerfnisse anerkennen<\/a><\/p>\n<p><em>K\u00fcrzlich hat unsere Interessiertengruppe e*space einen <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/26\/unterschiedliche-beduerfnisse-anerkennen\">Artikel<\/a> f\u00fcr die Jungle World geschrieben.<\/em><\/p>\n<h3>Forderung nach einer dauerhaften \u00adBesch\u00e4ftigung mit sexualisierter Gewalt<\/h3>\n<h2><strong>Unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse <\/strong><strong>anerkennen<\/strong><\/h2>\n<h4><em>Disko Von e*space, Dresden<\/em><\/h4>\n<p><strong>Viel zu oft setzen sich Linke erst mit Sexismus innerhalb ihrer Strukturen<\/strong><br \/>\n<strong>auseinander, wenn wieder einmal ein Vorfall \u00f6ffentlich wird. Es braucht<\/strong><br \/>\n<strong>langfristige Konzepte f\u00fcr den Umgang mit Gewalt und \u00dcber\u00adgriffen, um aus<\/strong><br \/>\n<strong>Fehlern zu lernen und Kurzschlusshandlungen zu vermeiden.<\/strong><\/p>\n<p>Der Umgang mit sexualisierter Gewalt in linken R\u00e4umen<br \/>\nist umstritten. Bettina Wilpert hinterfragte g\u00e4ngige Konzepte zur Bew\u00e4ltigung des<br \/>\nProblems kritisch (Sanktionen allein helfen nicht &#8211; Jungle World 23\/2020), Bilke Schnibbe pl\u00e4dierte daf\u00fcr, eigene \u00adWiderspr\u00fcchlichkeiten auszuhalten (Nutzlose<br \/>\nT\u00e4terarbeit in linken Gruppen &#8211; Jungle World 24\/2020), und die Gruppe ff forderte<br \/>\neine Reflexion linker M\u00e4nnlichkeit ein (Cis-Typen, macht euch verletzlich! &#8211; Jungle<br \/>\nWorld 25\/2020).<\/p>\n<p>Um die Frage zu beantworten, wie ein sinnvoller Umgang mit sexualisierter Gewalt<br \/>\ninnerhalb der Linken aussehen soll, m\u00fcssen wir uns erst einmal alle selbst eingestehen,<br \/>\ndass Sexismus genauso wie Rassismus und damit verbundene \u00dcbergriffe<br \/>\ngesamtgesellschaftliche Probleme und somit auch von uns internalisiert sind. Deshalb<br \/>\nbraucht es eine dauerhafte Besch\u00e4ftigung mit diesen Ph\u00e4nomenen. Diese sollte auf vier<br \/>\nEbenen stattfinden: eine generelle Sensibilisierung f\u00fcr verinnerlichte Ideologien der<br \/>\nUngleichheit und F\u00f6rderung von Selbstreflexion; Aufbau von Strukturen zur Unterst\u00fctzung<br \/>\nvon Betroffenen; Weiterentwicklung von Konzepten zur transformativen Arbeit mit<br \/>\nAus\u00fcbenden von Gewalt und Diskriminierung; und nicht zuletzt K\u00e4mpfe um<br \/>\ngesamtgesellschaftliche Ver\u00e4nderungen, damit Menschen in Zukunft hoffentlich weniger<br \/>\nzu gewaltt\u00e4tigen \u00bbmisogynen Arschl\u00f6chern\u00ab (Jungle World 24\/2020) werden.<\/p>\n<p>Eine solche Herangehensweise ginge entscheidend \u00fcber den Emp\u00f6rungs- und Strafdiskurs<br \/>\nhinaus, den die unkonsensualen Filmaufnahmen auf den Klos des Festivals \u00bbMonis Rache\u00ab<br \/>\nausgel\u00f6st haben. Eine Aktivistin, die selbst auf den Videos zu sehen sein k\u00f6nnte, die auf<br \/>\neiner Pornoplattform verbreitet wurden, schildert ihre Erwartungen: \u00bbAn die breite und<br \/>\nvielf\u00e4ltige Betroffenenselbstorganisierung, die gerade stattfindet, sollten wir ankn\u00fcpfen.<br \/>\nEs gibt einen gro\u00dfen Moment politischer Schlagkraft, die sich zurzeit vor allem gegen den<br \/>\n\u203aT\u00e4ter\u2039 und sein Umfeld richtet und von der ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde, dass sie<br \/>\nsexualisierte Gewalt strukturell angreift und zum Aufbau von festen Strukturen beitr\u00e4gt.\u00ab<br \/>\nDenn solche Vorf\u00e4lle k\u00f6nnten schon durch Pr\u00e4vention unwahrscheinlicher gemacht<br \/>\nwerden. Die Festivalpause aufgrund der Covid-19-Pandemie sollte genutzt werden,<br \/>\nKonzepte zu entwickeln, die \u00fcber die derzeit verbreitete externalisierte Care- und<br \/>\nSensibilisierungsrolle der sogenannten Awarenessteams hinausgeht und die gesamte<br \/>\nOrganisation einbezieht. Dazu m\u00fcsste er\u00f6rtert werden, wie diskriminierende Strukturen<br \/>\nim Miteinander und durch die Verteilung von T\u00e4tigkeiten reproduziert werden: Wer hat<br \/>\nZugang zu Ressourcen? Auf wen wird geh\u00f6rt? Wer kann sich Raum nehmen und Geh\u00f6r<br \/>\nverschaffen? Wessen Arbeit ist sichtbar, welche wird abgewertet?<\/p>\n<p>Verschiedene Methoden k\u00f6nnen dazu beitragen, besser unterst\u00fctzen zu<br \/>\nk\u00f6nnen, beispielsweise die Reflexion eigener Erfahrungen, Haltungen und<br \/>\nSozialisierung in Kollektiven.<\/p>\n<p>Die Intention Bilke Schnibbes und der Gruppe ff, kritische M\u00e4nnlichkeit wieder zu einem<br \/>\ngr\u00f6\u00dferen Thema zu machen, f\u00fchrt in die richtige Richtung. Es fehlt jedoch an einer<br \/>\nBesch\u00e4ftigung mit der Frage, wie sich Konzepte wie community accountability und<br \/>\ntransformative justice aus Schwarzen queeren communities in den USA in eine nach wie<br \/>\nvor ziemlich wei\u00df positionierte deutsche linke Szene \u00fcbertragen lassen. Diese ist im<br \/>\nRegelfall nicht von Rassismus betroffen und macht somit andere (Repressions-<br \/>\n)Erfahrungen. Zudem lassen sich die hiesigen communities schwerer eingrenzen.<br \/>\nUnproblematisch \u00fcbernommen werden kann eines der zentralen Prinzipien der Ans\u00e4tze:<br \/>\ndie Selbstbestimmung der betroffenen Person zu priorisieren. Ziel ist, diese Personen je<br \/>\nnach Bedarf aufzufangen und dabei zu unterst\u00fctzen, wieder selbstbestimmt<br \/>\nhandlungsf\u00e4hig zu werden. Hierbei ist es wichtig, verschiedene Herangehensweisen und<br \/>\nStrategien des Umgangs anzuerkennen und Personen nicht unter Druck zu setzen, sich<br \/>\ng\u00e4ngigen Vorstellungen von Betroffenheit unterzuordnen. Es ist nicht hilfreich, davon<br \/>\nauszugehen, dass eine bestimmte Form von Betroffenheit mit bestimmten Gef\u00fchlen<br \/>\neinhergeht und bestimmte Konsequenzen fordert. Eine der Fes\u00adtivalteilnehmerinnen von<br \/>\n\u00bbMonis Rache\u00ab beschreibt ihre Eindr\u00fccke so: \u00bbDas Wissen um die potentiellen<br \/>\nFilmaufnahmen hat nicht viel in mir ausgel\u00f6st. Mich macht der ganze Schei\u00df vor allem<br \/>\nm\u00fcde und raubt mir Kraft. Ziemlich gruselig finde ich allerdings manche Forderungen, die<br \/>\nsich zentral um Ausschluss und Strafverfolgung drehen, nach dem Motto: Wie kann der<br \/>\nnoch frei umherlaufen? Teilweise hatte ich das Gef\u00fchl, dass diese Positionen die lautesten<br \/>\nwaren und andere Ans\u00e4tze und Betroffenheiten in den Hintergrund gedr\u00e4ngt, diese zum<br \/>\nTeil auch diskreditiert haben.\u00ab Solche \u00c4u\u00dferungen zeigen, wie wichtig es ist,<br \/>\nunterschiedliche Bed\u00fcrfnisse anzuerkennen.<\/p>\n<p>Linke Orte und Veranstaltende haben die M\u00f6glichkeit, eine klare Position zu beziehen, ihre<br \/>\nUnterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten offenzulegen und zu erweitern: Statt nur w\u00e4hrend einer<br \/>\nVeranstaltung ein Awarenessteam bereitzuhalten, k\u00f6nnte es dauerhafte Strukturen<br \/>\ngeben, an die sich Betroffene wenden k\u00f6nnen. Dann k\u00f6nnte auch kommuniziert werden,<br \/>\nwelche Hilfe zu erwarten ist, sollte es zu einem Vorfall kommen, zum Beispiel emotionale<br \/>\nUnterst\u00fctzung oder Beratung, aber keine Begleitung bei der Anzeigenstellung.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung von Betroffenen sollte kein Experimentierfeld sein. Allerdings birgt der<br \/>\nAnspruch, sich auch wissenschaftlich mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen, wie Bettina Wilpert<br \/>\n(Jungle World 23\/2020) gefordert hat, die Gefahr, dass eine weitere Hemmschwelle f\u00fcr<br \/>\nUnterst\u00fctzende entsteht. Verschiedene Methoden k\u00f6nnen dazu beitragen, besser<br \/>\nunterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen, beispielsweise die Reflexion eigener Erfahrungen, Haltungen und<br \/>\nSozialisierung in Kollektiven. Dies kann eine Basis daf\u00fcr bilden, gemeinsam mit<br \/>\nbetroffenen Personen zu schauen, was dabei helfen kann, mit dem Erlebten umgehen zu<br \/>\nk\u00f6nnen \u2013 auch abseits der Auseinandersetzung mit der gewaltaus\u00fcbenden Person.<\/p>\n<p>Das Beispiel von \u00bbMonis Rache\u00ab zeigt auch, dass es besonders dort zu Problemen kommt,<br \/>\nwo Gruppen erst nach einem konkreten Fall von Gewalt gegr\u00fcndet werden. Diesen<br \/>\nGruppen fehlt ein im Vorfeld erarbeitetes Handlungskonzept, das nicht von pers\u00f6nlichen<br \/>\nVerstrickungen in den Einzelfall \u00fcberlagert ist und bereits im Vorfeld f\u00fcr alle<br \/>\nTeilnehmenden Transparenz schafft. So entsteht beispielsweise oft eine starke<br \/>\nFokussierung auf die gewaltaus\u00fcbenden Personen. Nur wenn diese selbst bereit sind, sich<br \/>\nan umfassender transformativer Arbeit zu beteiligen, kann diese gelingen \u2013 daran<br \/>\nscheitern viele Prozesse. Dennoch sollten sogenannte T\u00e4ter nicht als \u00bbverloren\u00ab (Jungle<br \/>\nWorld 24\/2020) gelten, sondern das Verhalten sollte von der Person getrennt betrachtet<br \/>\nwerden, um einer Entmenschlichung entgegen zu wirken.<\/p>\n<p>Gerade weil wir in einem System von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen leben, ist niemand von uns<br \/>\nfrei davon, Grenzen anderer Menschen zu \u00fcberschreiten, Gewalt auszu\u00fcben oder anderes<br \/>\nSchei\u00dfverhalten zu zeigen. In der Arbeit mit gewaltaus\u00fcbenden Personen geht es nicht<br \/>\ndarum, Fehler nicht als Fehler zu benennen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Aber wir<br \/>\nkommen nicht weiter, wenn wir Verantwortung von uns weisen und auf Einzelpersonen<br \/>\noder Gruppen schieben, die mit gewaltaus\u00fcbenden Personen und ihrem Umfeld arbeiten.<br \/>\nEs geht immer auch darum zu reflektieren, wann uns selbst Fehler passieren (k\u00f6nnen).<br \/>\nViele derjenigen, die sich jetzt \u00f6ffentlich emp\u00f6ren, waren in F\u00e4llen im eigenen Umfeld<br \/>\nnicht solidarisch mit den Betroffenen. Genau diese Solidarit\u00e4t brauchen wir allerdings<br \/>\n\u00fcber die pers\u00f6nliche Betroffenheit hi\u00adnaus, wie es auch die Gruppe ff ausf\u00fchrt (Jungle<br \/>\nWorld 25\/2020).<\/p>\n<p>All die genannten Aspekte k\u00f6nnen aber nur \u2013 wenn auch notwendige \u2013 Elendsverwaltung<br \/>\nbleiben, solange die patriarchalen Verh\u00e4ltnisse entsprechendes Verhalten beg\u00fcnstigen<br \/>\nund reproduzieren. Deshalb d\u00fcrfen wir \u00fcber die wichtige Einzelfallarbeit und innerlinke<br \/>\nSensibilisierung hinaus nicht das gro\u00dfe Ganze vergessen. Das warenproduzierende<br \/>\nrassistische Patriarchat spiegelt sich in zahllosen \u00f6konomischen, rechtlichen, normativen<br \/>\nund sonstigen Strukturen wider, die es alle verdienen, angegriffen zu werden. Die<br \/>\nweltweiten feministischen Streikkampagnen zum 8. M\u00e4rz sind nur ein Beispiel daf\u00fcr,<br \/>\nwohin die Reise gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie die Geschichte der Erarbeitung von transformativen Konzepten in queeren<br \/>\ncommunities of colour zeigt, lassen sich besonders bei diesem Thema theoretische und<br \/>\npraktische Arbeit nicht trennen. Es geht darum, nach einem guten Umgang zu suchen, die<br \/>\nHerkunft von Ans\u00e4tzen aufzuzeigen und diese f\u00fcr unsere speziellen communities zu<br \/>\n\u00fcbersetzen, ohne in theoretischen Diskursen zu versinken und Menschen zu hemmen,<br \/>\nselbst aktiv zu werden. Organisationsgruppen von Veranstaltungen, Bewohnende von<br \/>\nHausprojekten und andere m\u00fcssen sich konsequent und durchgehend mit den Themen<br \/>\nauseinandersetzen und Konzepte f\u00fcr einen guten Umgang mit Diskriminierung,<br \/>\n\u00dcbergriffen und Gewalt entwickeln, statt weiter einer einzelfallbezogenen Handlungslogik<br \/>\nzu folgen, in der solche Ans\u00e4tze erst bedacht werden, wenn es eigentlich schon zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>\u00a9 Jungle World Verlags GmbH<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterschiedliche Beduerfnisse anerkennen K&uuml;rzlich hat unsere Interessiertengruppe e*space einen Artikel f&uuml;r die Jungle World geschrieben. 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