{"id":52056,"date":"2020-05-24T16:08:08","date_gmt":"2020-05-24T15:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=6185"},"modified":"2020-05-24T16:08:08","modified_gmt":"2020-05-24T15:08:08","slug":"die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2020\/05\/die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht\/","title":{"rendered":"Die Wiederentdeckung des revolution\u00e4ren Subjekts Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentit\u00e4rer Sehnsucht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zur<br \/>\nKritik der \u00bbneuen Klassenpolitik\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>von<em> Ernst Lohoff <\/em>und <em>Lothar Galow-Bergemann<\/em><\/p>\n<p>zuerst erschienen im Online-Magazin Telepolis unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-Wiederentdeckung-der-Arbeiterklasse-als-Ausdruck-linksidentitaerer-Sehnsucht-4727556.html?seite=all\"  rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"&quot;Die Wiederentdeckung der Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentit\u00e4rer Sehnsucht&quot; (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">&#8222;Die Wiederentdeckung der Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentit\u00e4rer Sehnsucht&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Um m\u00f6glichen Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: Wir bestreiten nicht die Existenz von Klassen. Dies ist weder ein Beitrag gegen die Arbeiterklasse noch gegen Klassenk\u00e4mpfe, schon gar nicht gegen die Solidarit\u00e4t mit allen Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten und erst recht ist es keine Rede f\u00fcr den Kapitalismus. Wir sind davon \u00fcberzeugt, dass der Kapitalismus dringend \u00fcberwunden werden muss und beziehen uns auf Marx. Wir halten gro\u00dfe gesellschaftliche Gegenbewegungen und harte soziale K\u00e4mpfe f\u00fcr n\u00f6tig und machbar. Wir glauben aber, dass der Bezug auf Klasseninteresse und Klassenidentit\u00e4t die Entfaltung der dringend notwendigen antikapitalistischen K\u00e4mpfe alles in allem eher behindert als f\u00f6rdert. Er vermag weder deren Herausforderungen theoretisch gen\u00fcgend tief zu erfassen noch praktisches R\u00fcstzeug daf\u00fcr an die Hand zu liefern, die Systemfrage wirklich auf die Tagesordnung der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu stellen.  <\/p>\n<p>Linke,<br \/>\ndie jahrzehntelang vor allem auf Identit\u00e4tspolitik gesetzt und die<br \/>\nsoziale Frage vergessen haben, \u00fcben sich zu Recht in Selbstkritik;<br \/>\ndenn mit dieser Ausrichtung \u00fcberlie\u00dfen sie die Deutung wichtiger<br \/>\ngesellschaftlicher Konflikte den Liberalen und Konservativen. Viele<br \/>\nerhoffen sich von der R\u00fcckbesinnung auf die Klasse und ihre K\u00e4mpfe<br \/>\neinen Ausweg aus dieser Sackgasse. Wir nicht. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst<br \/>\nbefassen wir uns mit dem fundamentalen Unterschied zwischen einem<br \/>\n<em>analytischen<br \/>\n<\/em>und<br \/>\neinem<em><br \/>\nidentit\u00e4r<\/em><br \/>\naufgeladenen Klassenbegriff.<br \/>\nSodann wollen wir anhand dreier zentraler Konfliktfelder &#8211; Wohnen,<br \/>\nArbeitszeit und Klima &#8211; skizzieren, warum nur solche K\u00e4mpfe, deren<br \/>\nAkteure sich nicht in den theoretischen wie praktischen Fesseln von<br \/>\nIdentit\u00e4t und Interesse bewegen, wirklich antikapitalistischen<br \/>\nCharakter annehmen k\u00f6nnen.<br \/>\n<span id=\"more-6185\"><\/span>\n<\/p>\n<p>Der<br \/>\nKlassenbegriff geh\u00f6rt zwei unterschiedlichen Feldern an. Er hat<br \/>\nsowohl einen emanzipationstheoretischen als auch einen<br \/>\npolit-\u00f6konomischen Gehalt. Beide gehen auf Marx zur\u00fcck. Der<br \/>\nemanzipationstheoretische wird vor allem in den Fr\u00fchschriften<br \/>\nentwickelt und im <em>Kommunistischen<br \/>\nManifest<\/em><br \/>\npr\u00e4sentiert. Der polit\u00f6konomische Klassenbegriff findet sich in<br \/>\nerster Linie im Marx\u00b4schen Hauptwerk, dem <em>Kapital<\/em>.<\/p>\n<p>F\u00fcr<br \/>\ndas Emanzipationskonzept war die Klassenfrage zentral; denn die<br \/>\nArbeiterklasse als die gro\u00dfe Gegenspielerin der Bourgeoisie k\u00f6nne<br \/>\nsich, so Marx, aufgrund<br \/>\nihrer besonderen Stellung im System des kapitalistischen Reichtums<br \/>\nnicht befreien, ohne \u00bballe Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der<br \/>\nMensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes Wesen ist\u00ab. Das<br \/>\nKlasseninteresse des Proletariats beinhaltet demzufolge seine eigene<br \/>\nAbschaffung.<\/p>\n<p>Die<br \/>\nKritik der Politischen \u00d6konomie besch\u00e4ftigt sich bekanntlich nicht<br \/>\nmit der \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern<br \/>\nanalysiert deren innere Logik und Funktionsweise. Entsprechend ist<br \/>\nauch ihr Klassenbegriff ausgerichtet. Es geht darum, die Position der<br \/>\nHauptklassen innerhalb des kapitalistischen Gef\u00fcges zu kl\u00e4ren.<br \/>\nGegen\u00fcber der emanzipationstheoretischen Klassenvorstellung f\u00fchrt<br \/>\ndas zu entscheidenden Ver\u00e4nderungen. Die erste betrifft die Anzahl<br \/>\nder Klassen. Als Emanzipationstheoretiker kennt Marx nur zwei<br \/>\nHauptklassen, die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse. In der<br \/>\nKritik der Politischen \u00d6konomie zerf\u00e4llt die kapitalistische<br \/>\nGesellschaft dagegen in drei Grundklassen. Zur Kapitalisten- und<br \/>\nArbeiterkasse tritt noch die Klasse der Grundeigent\u00fcmer hinzu.<br \/>\nWichtiger ist aber, dass sich der Status des Klassenbegriffs selbst<br \/>\nver\u00e4ndert. Im Marx\u00b4schen Emanzipationskonzept sind die<br \/>\nArbeiterklasse und ihr antagonistisches Verh\u00e4ltnis zur<br \/>\nKapitalistenklasse A und O. In der Marx\u00b4schen Theorie der<br \/>\nkapitalistischen Produktionsweise wird der Klassenbegriff dagegen als<br \/>\neine logisch nachgeordnete Kategorie behandelt. Denn da die Klassen<br \/>\n\u00bbPersonifikationen \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse\u00ab (MEW 23. S. 100)<br \/>\nsind, lassen sie und ihre Beziehungen sich erst nach der Kl\u00e4rung der<br \/>\n\u00f6konomischen Kategorien und ihres Zusammenspiels richtig fassen.\n<\/p>\n<p>In<br \/>\nder Kapitalistenklasse personifiziert sich das Kapital, also die<br \/>\nSelbstzweckbewegung der Verwandlung von Geld in mehr Geld. Das<br \/>\ngemeinsame Klasseninteresse aller Kapitalisten ist darauf gerichtet,<br \/>\ndie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die<br \/>\nTauschwertakkumulation zu optimieren. Die Grundeigent\u00fcmerklasse<br \/>\npersonifiziert die in Privateigentum verwandelte Naturressource Grund<br \/>\nund Boden. Ihr Klasseninteresse besteht darin, einen m\u00f6glichst hohen<br \/>\nAnteil am gesellschaftlichen Reichtum f\u00fcr die Besitzer dieser<br \/>\nNaturressource zu reservieren.\n<\/p>\n<p>Und<br \/>\nauch in der Arbeiterklasse personifiziert sich eine \u00f6konomische<br \/>\nKategorie, n\u00e4mlich die besondere Ware Arbeitskraft. Der einzelne<br \/>\nArbeiter hat das profane Interesse, seine pers\u00f6nlichen<br \/>\nVerkaufsbedingungen zu verbessern, und das Klasseninteresse besteht<br \/>\nin einer m\u00f6glichst g\u00fcnstigen Ausgestaltung der kollektiven<br \/>\nVerkaufsbedingungen.\n<\/p>\n<p>Als<br \/>\nPersonifikationen \u00f6konomischer Kategorien vertreten alle drei<br \/>\nHauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft <em>rein<br \/>\nimmanente Interessen, die die Aufrechterhaltung der kapitalistischen<br \/>\nProduktionsweise voraussetzen<\/em>.<br \/>\nDas gilt auch f\u00fcr die Arbeiterklasse. Trotzdem weist die<br \/>\nArbeiterklasse gegen\u00fcber den beiden anderen Klassen eine<br \/>\nfundamentale Besonderheit auf. Die Angeh\u00f6rigen dieser Klasse sind<br \/>\nvon allen Reproduktionsmitteln abgeschnitten und deshalb gezwungen,<br \/>\ndie einzige Ware zu verkaufen, die sie ihre eigene nennen k\u00f6nnen,<br \/>\nihre Arbeitskraft.<\/p>\n<p>Die<br \/>\nArbeiterklasse war f\u00fcr Marx deshalb pr\u00e4destiniert, die<br \/>\nkapitalistische Gesellschaft umzuw\u00e4lzen, weil er in ihr gleichzeitig<br \/>\neinen Teil und das Gegenteil der bestehenden Ordnung sah: Teil, weil<br \/>\ndie lebendige Arbeit aufgrund ihrer F\u00e4higkeit Mehrwert abzuwerfen,<br \/>\ndie Schl\u00fcsselware des kapitalistischen Systems darstellt. Die Mensch<br \/>\ngewordene Negation der kapitalistischen Ordnung: weil die Angeh\u00f6rigen<br \/>\nder Arbeiterklasse als Arbeitsvieh von den Segnungen des Systems des<br \/>\nkapitalistischen Reichtums systematisch ausgeschlossen bleiben.\n<\/p>\n<p>Auch<br \/>\ndie Arbeiterbewegung schrieb der Arbeiterklasse die besondere<br \/>\nhistorische Mission der \u00dcberwindung der kapitalistischen<br \/>\nProduktionsweise zu &#8211; allerdings mit einer diametral<br \/>\nentgegengesetzten Begr\u00fcndung. Bei Marx firmierte das<br \/>\nLohnarbeiterdasein als der absolute Tiefpunkt der menschlichen<br \/>\nExistenz und als H\u00f6hepunkt aller \u00bbEntfremdung\u00ab. Die Arbeiterklasse<br \/>\nhatte dementsprechend in seiner Sicht letztlich nur ein Interesse:<br \/>\nihre eigene Abschaffung. Die Arbeiterbewegung bezog sich dagegen<br \/>\naffirmativ auf die Arbeit und das Arbeiterdasein. Sie betrachtete<br \/>\nsich als Inkarnation des heiligen Prinzips der Arbeit und trat an,<br \/>\n\u00bbdie M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger\u00ab beiseite zu schieben, wie es<br \/>\nbezeichnenderweise im Text der \u00bbInternationalen\u00ab hei\u00dft, um die<br \/>\nGesellschaft nach ihrem eigenen Bilde umzugestalten. Das<br \/>\ngeschichtsphilosophische Konstrukt eines negativ auf die<br \/>\nkapitalistische Ordnung bezogenen Klassenstandpunkts wurde durch eine<br \/>\npositive, arbeitsreligi\u00f6s begr\u00fcndete Klassenidentit\u00e4t ersetzt.<\/p>\n<p>Die<br \/>\nArbeiterklasse hat ihre Emanzipation im ausgehenden 19. und im Laufe<br \/>\ndes 20. Jahrhunderts erk\u00e4mpft. Anders als Marx angenommen hatte,<br \/>\nmusste sie dazu die kapitalistische Produktionsweise aber keineswegs<br \/>\nsprengen. Den Arbeitskraftverk\u00e4ufern gelang es vielmehr, auf dem<br \/>\nBoden der kapitalistischen Ordnung ihre Anerkennung als freie und<br \/>\ngleichberechtigte Interessensubjekte durchzusetzen und sich ein St\u00fcck<br \/>\nvom kapitalistischen Kuchen zu sichern. F\u00fcr diese Art von <em>immanenter<br \/>\nEmanzipation<\/em><br \/>\nwar die \u00dcberh\u00f6hung einer <em>positiven<br \/>\nArbeiterklassenidentit\u00e4t<\/em><br \/>\nviel besser geeignet als die <em>negative<br \/>\nKlassenemphase<\/em><br \/>\nder Marx\u00b4schen Fr\u00fchschriften. Aus diesem Grund wurde erstere<br \/>\ngeschichtsm\u00e4chtig. Gleichzeitig hat sich aber mit der Integration<br \/>\nder Arbeitskraftverk\u00e4ufer in die kapitalistische Gesellschaft das<br \/>\ngemeinsame Klasseninteresse auf das reduziert, was es der Logik der<br \/>\nKritik der Politischen \u00d6konomie nach eigentlich schon immer war: <em>Ein<br \/>\nblo\u00dfes Binneninteresse, <\/em>das<br \/>\nin keiner Weise \u00fcber die kapitalistische Gesellschaft hinausweist.\n<\/p>\n<p>Wenn<br \/>\nman sich heute positiv auf das Klassenkonzept bezieht, stellt sich<br \/>\ndie Frage: auf welches. Missversteht man den Klassengegensatz<br \/>\nzwischen Kapital und Arbeit als Antagonismus und sieht in der Klasse<br \/>\nein wachzuk\u00fcssendes emanzipatorisches Kollektivsubjekt, dann muss<br \/>\nman den klaren analytischen Klassenbegriff opfern. Oder man<br \/>\norientiert sich am Klassenbegriff der Marx\u00b4schen Kritik der<br \/>\nPolitischen \u00d6konomie. Dann l\u00e4sst sich die Negation der<br \/>\nkapitalistischen Zumutungen allerdings nicht mehr als Standpunkt<br \/>\neines gemeinsamen Klasseninteresses fassen. In diesem Fall kommt man<br \/>\nnicht umhin, die Frage der emanzipativen Perspektive neu zu denken.<\/p>\n<p>Wir<br \/>\npl\u00e4dieren f\u00fcr diesen zweiten Weg. In unseren Augen bleibt der<br \/>\nKlassenbegriff der Kritik der Politischen \u00d6konomie f\u00fcr das<br \/>\nVerst\u00e4ndnis der kapitalistischen Gesellschaft unerl\u00e4sslich. Genau<br \/>\naus diesem Grund haben wir aber mit dem neuen Hype um die Klasse<br \/>\nmassive Probleme.\n<\/p>\n<p>Wer<br \/>\nder heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit mit einem <em>identit\u00e4ren<\/em><br \/>\nKlassenkonzept zu Leibe r\u00fccken will, handelt sich eine Reihe von<br \/>\nProblemen ein. Seit den Tagen der Arbeiterbewegung sind bekanntlich<br \/>\nneue gesellschaftliche Konfliktfelder und Emanzipationsbewegungen<br \/>\naufgetaucht. Dazu z\u00e4hlt u.a. die feministische Bewegung, der Kampf<br \/>\ngegen rassistische Diskriminierung und Homophobie und die<br \/>\n\u00d6kologiebewegung, um nur ein paar der wichtigsten zu nennen. Damit<br \/>\ngeraten die Vertreter eines identit\u00e4ren Klassenkonzepts in eine<br \/>\nZwickm\u00fchle. Entweder verhalten sie sich ignorant gegen\u00fcber den von<br \/>\ndiesen Bewegungen aufgeworfenen Fragen &#8211; der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte<br \/>\nNebenwiderspruch l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen &#8211; oder sie versuchen, das<br \/>\nKlassenkonzept anzupassen und diese Konfliktfelder als Teil der<br \/>\nKlassenauseinandersetzung zu deuten. So sprechen einige von einer<br \/>\n\u00bb\u00f6kologischen Klassenpolitik\u00ab und sogar von einer \u00bbqueeren<br \/>\nKlassenpolitik\u00ab. Diese Vorgehensweise ist nat\u00fcrlich wesentlich<br \/>\nsympathischer. Allerdings hat sie einen Pferdefu\u00df. Wer in die<br \/>\nBestimmung des Klasseninteresses Zusatzkriterien wie Antirassismus,<br \/>\nAntisexismus etc. einf\u00fchrt, verabschiedet sich zwangsl\u00e4ufig von der<br \/>\nklaren analytischen Bedeutung des Klassenbegriffs als Personifikation<br \/>\n\u00f6konomischer Kategorien. <em>Das<br \/>\nKlasseninteresse verkommt zu einem beliebigen Label f\u00fcr jede Form<br \/>\nvon Gegenwehr.<\/em><\/p>\n<p>Das<br \/>\nist aber beileibe nicht das einzige Problem an der Wendung hin zu<br \/>\neiner \u00bbneuen Klassenpolitik\u00ab. Das gemeinsame Klasseninteresse wird<br \/>\nbem\u00fcht, um eine Einheit der emanzipativen K\u00e4mpfe herzustellen. Doch<br \/>\ndiese Einheit wird eher beschworen denn begr\u00fcndet. Denn schon wenn<br \/>\nman lediglich das Verh\u00e4ltnis der verschiedenen Arten von<br \/>\nArbeitskraftverk\u00e4ufern in den Blick nimmt, wird klar: Die<br \/>\nzentri<em>fugalen<\/em><br \/>\nKr\u00e4fte, die die verschiedenen Teile der Arbeiterklasse<br \/>\nauseinandertreiben, sind heute viel st\u00e4rker als die zentri<em>petalen<\/em>.<br \/>\nDen Kernbelegschaften ist das Schicksal der Prek\u00e4ren gleichg\u00fcltig.<br \/>\nDie Interessen von Langzeitarbeitslosen und Besch\u00e4ftigten streben<br \/>\nauseinander. Sieht man \u00fcber den einzelstaatlichen Tellerrand hinaus,<br \/>\nf\u00e4llt die Bilanz noch verheerender aus. Internationalismus war schon<br \/>\nin den Hochzeiten der Arbeiterbewegung eine Angelegenheit f\u00fcr<br \/>\nsozialistische Sonntagsreden. Die praktische Klassensolidarit\u00e4t<br \/>\nbeschr\u00e4nkte sich immer schon bestenfalls auf den nationalstaatlichen<br \/>\nRahmen. Der Globalisierungsprozess hat diesen Rahmen gesprengt, und<br \/>\ndas Kapital agiert als vaterlandsloser Geselle. Das f\u00fchrt aber auch<br \/>\nnicht ansatzweise zu einer transnationalen Solidarit\u00e4t der<br \/>\nArbeitskraftverk\u00e4ufer: Der deutsche Facharbeiter betrachtet den<br \/>\nchinesischen Wanderarbeiter nicht als potentiellen Kampfgenossen,<br \/>\nsondern als Schmutzkonkurrenz.\n<\/p>\n<p>Diese<br \/>\nTatsachen kennen nat\u00fcrlich auch die Vertreter der \u00bbneuen<br \/>\nKlassenpolitik\u00ab. Doch wer Emanzipation auf Klasseninteresse reimt,<br \/>\nmuss diese Gegens\u00e4tze innerhalb der Klasse eigentlich f\u00fcr sekund\u00e4r<br \/>\nerkl\u00e4ren. Dementsprechend bleibt klassenidentit\u00e4ren Linken nichts<br \/>\nanderes \u00fcbrig, als die Tr\u00fcbung des Klassenbewusstseins als das<br \/>\nGrundproblem unserer Zeit zu behandeln. Durch eine geschickte<br \/>\nKapitalstrategie lasse sich die Arbeiterklasse \u00fcber ihre wahren<br \/>\nInteressen hinwegt\u00e4uschen und vergesse, sich gegen den seit<br \/>\nJahrzehnten tobenden Klassenkrieg des Kapitals zu wehren. F\u00fcr so<br \/>\ndumm halten wir die Arbeiterklasse nicht. Bereits die Vorstellung,<br \/>\ndass aus gleicher Interessenlage ein \u00bbgemeinsames Interesse\u00ab folgen<br \/>\nm\u00fcsse, ist wenig \u00fcberzeugend. Man denke nur an die Teilnehmer eines<br \/>\nAutorennens. Alle wollen als erster \u00fcber die Ziellinie. Genau aus<br \/>\ndiesem Grund wird der Misserfolg der anderen zur Voraussetzung des<br \/>\neigenen Erfolges.\n<\/p>\n<p>Geht<br \/>\nman hingegen vom <em>analytischen<br \/>\n<\/em>Klassenbegriff<br \/>\naus, muss man nicht mit Hilfskonstruktionen hantieren wie der des<br \/>\nangeblichen \u00bbVergessens der wahren gemeinsamen Interessen\u00ab. Denn<br \/>\ndas \u00dcberhandnehmen der zentri<em>fugalen<\/em><br \/>\nKr\u00e4fte in der Arbeiterklasse hat strukturelle Ursachen. Es l\u00e4sst<br \/>\nsich letztlich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass sich mit der<br \/>\nProduktivkraftentwicklung der letzten Jahrzehnte die Stellung der<br \/>\nWare Arbeitskraft im System des kapitalistischen Reichtums<br \/>\ngrundlegend ver\u00e4ndert hat.\n<\/p>\n<p>Bis<br \/>\nin die 1970er-Jahre hinein war die lebendige Arbeit die mit Abstand<br \/>\nwichtigste Produktivkraft. Im Zentrum der kapitalistischen<br \/>\nAkkumulation stand die industrielle Mehrwertabpressung in relativ<br \/>\ngeschlossenen National\u00f6konomien. Das Kapital war damit auf<br \/>\nvergleichsweise homogene Armeen der Arbeit angewiesen. Diese<br \/>\nSchl\u00fcsselstellung der Massenarbeit bildete die materielle Grundlage<br \/>\nf\u00fcr die Erfolge der Arbeiterbewegung.\n<\/p>\n<p>Die<br \/>\nVerwissenschaftlichung der Produktion im Gefolge der dritten<br \/>\nindustriellen Revolution hat diese Konstellation indes<br \/>\nunwiederbringlich zerst\u00f6rt und wachsende Teile der Arbeiterklasse in<br \/>\neine gegen\u00fcber dem Kapital prek\u00e4re Lage gebracht. Das Kapital<br \/>\nvermag die verschiedenen Glieder der Produktionsketten \u00fcber den<br \/>\nErdball zu verteilen und Lohnkostengef\u00e4lle gnadenlos zu nutzen. Noch<br \/>\nwichtiger ist der Aufstieg der Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft.<br \/>\nMit ihm geht ein Bedeutungsschwund der lebendigen Arbeit f\u00fcr das<br \/>\nKapital einher. Gerade im Bereich der Schl\u00fcsseltechnologien kommen<br \/>\nRiesenunternehmen mit hom\u00f6opathischen Dosen an lebendiger Arbeit<br \/>\naus. Die beiden mit weitem Abstand umsatzst\u00e4rksten Unternehmen<br \/>\ndieser Welt, Microsoft und Apple, bringen es zusammen gerade einmal<br \/>\nauf 250.000 Mitarbeiter weltweit. Vor allem aber ist die gesamte<br \/>\nsogenannte Realwirtschaft zu einem Anh\u00e4ngsel der Finanzwirtschaft<br \/>\nherabgesunken. Der Motor der Weltwirtschaft ist nicht mehr die<br \/>\nindustrielle Mehrwertabpressung, sondern die Vermehrung von fiktivem<br \/>\nKapital an den Finanzm\u00e4rkten. Nat\u00fcrlich gibt es immer noch<br \/>\nLohnarbeitersegmente, auf die das Kapital dringend angewiesen bleibt<br \/>\nund die deshalb eine starke Verhandlungsposition besitzen. Immer<br \/>\ngr\u00f6\u00dfere Teile der Arbeiterklasse leben aber unter dem<br \/>\nDamoklesschwert der Substituierbarkeit. Solange der<br \/>\nArbeitskraftverkauf als unhintergehbare und selbstverst\u00e4ndliche<br \/>\nGrundlage unserer gesellschaftlichen Existenz akzeptiert bleibt,<br \/>\n<em>treiben<br \/>\ndie Interessen innerhalb<\/em><em>der<br \/>\nArbeiterklasse immer weiter auseinander.<\/em><\/p>\n<p>Die<br \/>\nBeschw\u00f6rung eines gemeinsamen Klasseninteresses aller Lohnabh\u00e4ngigen<br \/>\ntaugt nicht als Ausgangspunkt f\u00fcr einen Prozess der<br \/>\ngesellschaftlichen Resolidarisierung. Soll der in Gang kommen, muss<br \/>\ngerade die Abh\u00e4ngigkeit vom Zwang, Geld zu verdienen, ins Zentrum<br \/>\nder Kapitalismuskritik ger\u00fcckt werden. Die Lohnarbeit l\u00e4sst sich<br \/>\nfreilich nicht isoliert infrage stellen. Die Befreiung von ihr l\u00e4sst<br \/>\nsich ohne die Befreiung des gesellschaftlichen Reichtums von der<br \/>\nWarenform gar nicht denken. Eine auf universelle Emanzipation<br \/>\ngerichtete Kapitalismuskritik m\u00fcsste sich heute kein geringeres Ziel<br \/>\nsetzen als die Dekommodifizierung des gesellschaftlichen Reichtums.\n<\/p>\n<p>Ist<br \/>\nein Antikapitalismus, der die Herrschaft der Ware problematisiert und<br \/>\nattackiert, nicht v\u00f6llig weltfremd? Wer das vermeintlich<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndliche infrage stellt, stellt sich erst einmal<br \/>\ndiskursiv ins Abseits. Allerdings<br \/>\nbietet diese Neuausrichtung auch einen gro\u00dfen Vorteil. Die<br \/>\nsystematische Unterscheidung von abstraktem Warenreichtum und<br \/>\nsinnlich-stofflichem Reichtum er\u00f6ffnet einen Zugang zu einer ganzen<br \/>\nReihe gesellschaftlicher Konfliktfelder, die sonst als disparat<br \/>\nerscheinen und gegeneinander ausgespielt werden. Eine <em>Kritik<br \/>\nder kapitalistischen Reichtumsform der Ware<\/em><br \/>\nerlaubt es dagegen <em>in<br \/>\nder Sache<\/em><br \/>\nBr\u00fccken zu schlagen. Dies sei anhand dreier Themen ausgef\u00fchrt, die<br \/>\nderzeit breit diskutiert werden und die Gem\u00fcter erhitzen: Der<br \/>\nUnbezahlbarkeit des Wohnens, dem Problem der Arbeitszeit und dem des<br \/>\nKlimawandels.<\/p>\n<p><strong>Ware<br \/>\nWohnen<\/strong><\/p>\n<p>In<br \/>\nden letzten 40 Jahren sind in den kapitalistischen Kernstaaten die<br \/>\nPreise f\u00fcr die G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs insgesamt nur moderat<br \/>\ngestiegen. Es gibt allerdings eine Ware, bei der das  ganz anders ist<br \/>\n\u2013 Wohnraum. Im gleichen Zeitraum sind die Preise f\u00fcr<br \/>\nWohnimmobilien und die Mieten weltweit explodiert, inzwischen auch im<br \/>\ntraditionellen Mieterland Deutschland. Diese Preisexplosion teilt die<br \/>\nGesellschaft in Profiteure und Verlierer. Das reicht den Liebhabern<br \/>\ndes identit\u00e4ren Klassenkonzepts, um die Wohnungsfrage zur<br \/>\nKlassenfrage zu erkl\u00e4ren. Allerdings hat das seinen Preis. Denn<br \/>\ndamit erh\u00e4lt das Wort Klasse sogar auf seinem ureigensten Gebiet,<br \/>\nden \u00f6konomischen Beziehungen, pl\u00f6tzlich zwei unterschiedliche<br \/>\nBedeutungen. Das klassische Klassenkonzept bestimmt die<br \/>\nArbeiterklassen bekanntlich \u00fcber ihre Stellung im<br \/>\n<em>Produktions<\/em>prozess.<br \/>\nAuf dem Feld des Wohnens geht es jedoch nicht um die Produktion,<br \/>\nsondern um ein spezielles <em>Konsum<\/em>gut,<br \/>\ndas f\u00fcr breite Bev\u00f6lkerungsteile unerschwinglich wird. Um aus der<br \/>\nWohnungsfrage eine Klassenfrage zu machen, muss man schon auf der<br \/>\nEbene der rein \u00f6konomischen Klassenbestimmung inkonsistent<br \/>\nargumentieren. W\u00e4hrend die Klassenposition sonst immer \u00fcber die<br \/>\nStellung zu den Produktionsmitteln begr\u00fcndet wird, ist beim Wohnen<br \/>\npl\u00f6tzlich diejenige zu den Konsumtionsmitteln entscheidend.<\/p>\n<p>\u00dcber<br \/>\ndiese ins Auge springende Ungereimtheit hilft sich der identit\u00e4re<br \/>\nKlassenbegriff assoziativ hinweg. Die Arbeiterklasse verf\u00fcgt \u00fcber<br \/>\nkeine Produktionsmittel, der Mieter verf\u00fcgt \u00fcber kein Wohneigentum.<br \/>\nDa wie dort sind die Eigentumslosen die Verlierer. Au\u00dferdem<br \/>\n\u00fcberschneiden sich diese beiden Formen von Eigentumslosigkeit h\u00e4ufig<br \/>\nund so unterliegt die subalterne Klasse eben einer doppelten<br \/>\nAusbeutung. Einmal <em>in<\/em><br \/>\nder Arbeit und dann <em>nach<\/em><br \/>\nder Arbeit, als Konsument.\n<\/p>\n<p>Diese<br \/>\nArgumentation bleibt aber aus mehreren Gr\u00fcnden unbefriedigend. Schon<br \/>\ndie Deckungsgleichheit der beiden Ausbeutungsformen haut nicht so<br \/>\nrichtig hin. Am ehesten \u00fcbrigens noch in Deutschland, wo die<br \/>\nWohneigentumsquote in der Bev\u00f6lkerung lediglich 45 % betr\u00e4gt im<br \/>\nUnterschied zu 70% im EU-Schnitt. Dass aber selbst in Deutschland<br \/>\netliche Lohnabh\u00e4ngige auch eigene vier W\u00e4nde besitzen und der eine<br \/>\noder andere Manager auch zur Miete wohnt, ist noch das geringste<br \/>\nProblem. Wichtiger ist, dass die Preise und Mieten f\u00fcr<br \/>\nWohnimmobilien nicht f\u00fcr sich allein explodieren. Bei fast allen<br \/>\nImmobilienbooms der letzten 40 Jahre sind zusammen mit den Mieten f\u00fcr<br \/>\nWohnraum auch die f\u00fcr B\u00fcro- und Gewerber\u00e4ume steil angestiegen, in<br \/>\nder Regel sogar noch steiler. Auf all diesen M\u00e4rkten tummeln sich<br \/>\naber \u00fcberhaupt keine Lohnabh\u00e4ngigen. Stattdessen stehen sich dort<br \/>\nfungierendes Kapital und Immobilienbesitzer als K\u00e4ufer und<br \/>\nVerk\u00e4ufer, als Mieter und Vermieter gegen\u00fcber. Die Preisentwicklung<br \/>\nbeim Wohnraum trifft die breite Masse der Bev\u00f6lkerung direkt.<br \/>\nDeshalb steht sie in Deutschland zu Recht im Zentrum der \u00f6ffentlichen<br \/>\nAufmerksamkeit und nicht die Mietpreisexplosion bei B\u00fcros und<br \/>\nGewerber\u00e4umen. Trotzdem muss eine tragf\u00e4hige Analyse die<br \/>\nMietpreisexplosion in ihrem polit\u00f6konomischen Kontext fassen, und<br \/>\ndas ist nun einmal das s\u00e4mtliche Sektoren \u00fcbergreifende Abheben der<br \/>\nImmobilienpreise. Mit der Apostrophierung der in die H\u00f6he<br \/>\nschnellenden Wohnkosten als Klassenfrage ist aber der Blick auf<br \/>\ndiesen Zusammenhang verstellt.\n<\/p>\n<p><em>Wir<br \/>\nsehen in der Kollision von Warenreichtum und sinnlich-stofflichem<br \/>\nReichtum die grundlegende Konfliktlinie unserer Epoche. <\/em>Betrachtet<br \/>\nman aus dieser Perspektive die explodierenden Wohnraumpreise, ergibt<br \/>\nsich ein \u00fcberzeugenderer Zugang zu dem zu erkl\u00e4renden<br \/>\nGesamtph\u00e4nomen: Immobilien haben eine besondere Stellung im<br \/>\nWarenuniversum. Sie sind gleichzeitig G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs<br \/>\nund Anlagegegenstand. Das ist aber f\u00fcr deren Preisbildung<br \/>\nentscheidend. Die Wohnungsmieten explodieren, weil die<br \/>\nImmobilienpreise und damit die Preise f\u00fcr neuen Wohnraum<br \/>\nexplodieren. Die Immobilienpreise gehen aber wiederum in erster Linie<br \/>\naufgrund der allgemeinen Entwicklung auf den Anlagem\u00e4rkten durch die<br \/>\nDecke. In dem Ma\u00df wie die Renditen bei den konkurrierenden<br \/>\nAnlageformen sinken und vor allem die zinstragenden Papiere wenig bis<br \/>\nnichts abwerfen, str\u00f6mt massenhaft anlagesuchendes Kapital in den<br \/>\nImmobiliensektor. Insbesondere wenn &#8211; wie in den letzten zehn Jahren<br \/>\n&#8211; angesichts der Nullzinspolitik der Zentralbanken festverzinsliche<br \/>\nPapiere nichts mehr abwerfen. Im Immobiliensektor steht dem<br \/>\nwachsenden Kapitalzustrom eine unvermehrbare Naturressource<br \/>\ngegen\u00fcber, n\u00e4mlich Grund und Boden. Vermehrt sich der<br \/>\nGeldkapitalzustrom, weil die Renditen anderer Anlageformen sinken,<br \/>\ndann treibt das den Bodenpreis nach oben. Und sinken die Zinsen gegen<br \/>\nNull, erklimmen die Bodenpreise schwindelerregende H\u00f6hen. Die<br \/>\nsteigenden Preise f\u00fcr die Naturressource Boden sind letztlich f\u00fcr<br \/>\ndie Unbezahlbarkeit des Wohnens verantwortlich.<br \/>\nWer heute in M\u00fcnchen f\u00fcr eine Eigentumswohnung 10.000 Euro pro<br \/>\nQuadratmeter zahlt, zahlt 6000 Euro davon f\u00fcr den Boden.\n<\/p>\n<p>Von<br \/>\neiner Kritik der Ware aus betrachtet, entpuppt sich die heutige<br \/>\nWohnungsfrage im Kern als Bodenfrage. So verstanden, l\u00e4sst sich eine<br \/>\nBr\u00fccke von der hiesigen Mietpreisentwicklung zu anderen fatalen<br \/>\nEntwicklungen in der Welt schlagen. Unmittelbar ins Auge springt etwa<br \/>\ndie Verbindung zum Ph\u00e4nomen des Landgrabbing. Vor allem in den<br \/>\nL\u00e4ndern der Dritten Welt steigen die Preise f\u00fcr landwirtschaftliche<br \/>\nNutzfl\u00e4chen, weil das anlagesuchende Kapital auch diese attraktive<br \/>\nRessource f\u00fcr sich entdeckt hat. Dadurch wird  das Kleinbauerntum<br \/>\nvernichtet; Millionen Menschen wehren sich verzweifelt gegen diesen<br \/>\nVerlust ihrer Lebensgrundlage. Geht man vom <em>Gegensatz<br \/>\nvon stofflichem Reichtum und abstraktem kapitalistischem Reichtum als<br \/>\ndem Kernproblem unserer Epoche aus<\/em>,<br \/>\nliegt der enge innere Zusammenhang zwischen dem Schicksal eines<br \/>\nindigenen peruanischen Kleinbauern und einer Mieterin in Marzahn auf<br \/>\nder Hand. Es ist derselbe f\u00fcr die heutige Entwicklungsphase des<br \/>\nwarenproduzierenden Weltsystems charakteristische Mechanismus,<br \/>\ndessentwegen der eine sein Land verliert und der anderen, 11.000<br \/>\nKilometer entfernt, eine satte Mieterh\u00f6hung ins Haus flattert. Vom<br \/>\nStandpunkt eines <em>identit\u00e4ren<\/em><br \/>\nKlassenkonzepts l\u00e4sst sich demgegen\u00fcber nur <em>deklamatorisch<\/em><br \/>\nein Zusammenhang zwischen beiden stiften. Entweder wird dem indigenen<br \/>\nKleinbauern und der Marzahner Mieterin irgendeine wolkige gemeinsame<br \/>\npositive Klassensubjektivit\u00e4t zugeschrieben oder man zieht sich<br \/>\ndarauf zur\u00fcck, dass die Herrschaft der Kapitalistenklasse letztlich<br \/>\ndie Quelle aller gesellschaftlichen \u00dcbel sei. <em>Warum<br \/>\nausgerechnet heute unter den Bedingungen des finanzmarktdominierten<br \/>\nKapitalismus die Bodenfrage zu einer \u00dcberlebensfrage wird, k\u00f6nnen<br \/>\ndie Vertreter des <\/em><em>identit\u00e4re<\/em><em>n<br \/>\nKlassenkonzepts nicht erkl\u00e4ren.<\/em>Um<br \/>\ngesellschaftliche Ausstrahlung zu gewinnen, muss die Linke die<br \/>\nKonfliktlinie zwischen emanzipativen L\u00f6sungen und dem<br \/>\nkapitalistischen Irrsinn klar benennen k\u00f6nnen. Was das Wohnen<br \/>\nangeht, tr\u00e4gt das identit\u00e4re<br \/>\nKlassenkonzept dazu nichts bei. R\u00fcckt man dem Thema  hingegen vom<br \/>\nStandpunkt der <em>Kritik<br \/>\nder Ware <\/em>zu<br \/>\nLeibe, dann steckt die Konfliktlinienbestimmung implizit bereits in<br \/>\nder Analyse und l\u00e4sst sich leicht auf den Punkt bringen: Darf Grund<br \/>\nund Boden weiterhin Privateigentum und handelbare Ware sein &#8211; mit der<br \/>\nFolge, dass das elementare Bed\u00fcrfnis nach ad\u00e4quatem Wohnraum<br \/>\nunerf\u00fcllbar wird? Oder ist der Boden aus der Reihe der m\u00f6glichen<br \/>\nAnlagegegenst\u00e4nde herauszunehmen und in gesellschaftliches Eigentum<br \/>\nzu \u00fcberf\u00fchren?\n<\/p>\n<p><strong>Arbeitszeit<br \/>\n<\/strong>\n<\/p>\n<p>Zum<br \/>\nunmittelbaren Lohnarbeiterinteresse geh\u00f6rt neben der Lohnh\u00f6he auch<br \/>\ndie Frage der Arbeitszeit. Schon bei der Formierung der<br \/>\nArbeiterbewegung spielte die Forderung einer Arbeitszeitbegrenzung<br \/>\neine Schl\u00fcsselrolle. An ihrem Anfang stand in den 1830er-Jahren der<br \/>\nKampf gegen die Kinderarbeit und f\u00fcr den Zehnstundentag. Handelt es<br \/>\nsich also wenigstens beim Kampf um Arbeitszeitverk\u00fcrzung um<br \/>\nKlassenkampf pur? Im 19. und 20. Jahrhundert hatte der Kampf um<br \/>\nArbeitszeitverk\u00fcrzung in der Tat den Charakter eines<br \/>\nInteressenkampfes der Lohnabh\u00e4ngigen und auch heute noch k\u00f6nnen<br \/>\nGewerkschaften \u2013 eine g\u00fcnstige Verhandlungsposition vorausgesetzt<br \/>\n\u2013  die eine oder andere kleinere Arbeitszeitreduktion erk\u00e4mpfen.<br \/>\nWie viel Sprengkraft gerade heute in der Arbeitszeitfrage steckt,<br \/>\nwird aber erst sichtbar, wenn man \u00fcber den blo\u00dfen<br \/>\nInteressenstandpunkt hinausschaut und die Arbeitszeitfrage von<br \/>\nvornherein mit allgemeinen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Das<br \/>\nbetrifft nicht zuletzt das Problem der \u00f6kologischen Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Wie<br \/>\nschon erw\u00e4hnt, bedeutete die dritte industrielle Revolution einen<br \/>\nWechsel der Hauptproduktivkraft. Stand bis in die 1970er-Jahre hinein<br \/>\ndie Anwendung lebendiger Arbeit im Zentrum der Produktionsprozesse,<br \/>\nso wurde nun die Anwendung der Wissenschaft zum eigentlichen Agens.<br \/>\nDas Herausdr\u00e4ngen der Arbeitskraft aus dem Produktionsprozess<br \/>\nver\u00e4ndert aber nachhaltig die Bedeutung von Arbeitszeitverk\u00fcrzungen.<br \/>\nIm <em>Zeitalter<br \/>\nder industriellen Arbeit<\/em>ging<br \/>\nes darum, den Arbeitskraftverk\u00e4ufern neben einem monet\u00e4ren auch<br \/>\neinen lebenszeitlichen Anteil an den \u00bbRationalisierungsgewinnen\u00ab<br \/>\ndes Kapitals zu sichern. Die gewerkschaftlich organisierte<br \/>\nArbeiterschaft setzte durch, dass Arbeiter in ihrem Leben noch etwas<br \/>\nanderes sein k\u00f6nnen als nur Arbeiter. Weil die Arbeit die Quelle<br \/>\nallen Klassenstolzes war, w\u00e4ren sie aber niemals auf die Idee<br \/>\ngekommen, deren Stellung als Zentrum ihres Daseins infrage zu<br \/>\nstellen.<sup><a href=\"http:\/\/emafrie.de\/die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><br \/>\nDie heutige Diskussion \u00fcber Arbeitszeitverk\u00fcrzung muss aber darauf<br \/>\ngerichtet sein, diese gesellschaftliche Norm anzugreifen und \u00fcber<br \/>\nden Haufen zu werfen.\n<\/p>\n<p>Was<br \/>\nden <em>stofflichen<\/em><br \/>\nReichtum angeht, ist mit dem Aufstieg der Wissenschaft zur<br \/>\nHauptproduktivkraft <em>die<br \/>\nProduktivit\u00e4t geradezu explodiert<\/em>.<br \/>\nAuf dem heute erreichten Niveau ist es v\u00f6llig irrwitzig, dass<br \/>\nMenschen weiterhin 40 Stunden und mehr in der Woche mit Herstellung<br \/>\nund Vertrieb irgendwelcher Dinge zubringen. Schon deswegen, weil in<br \/>\neiner an den Bed\u00fcrfnissen statt am Tauschwert orientierten<br \/>\nGesellschaft ein Bruchteil dieses Zeitaufwandes f\u00fcr diesen Zweck<br \/>\nreichen w\u00fcrde. Irrsinnig aber auch noch in einer zweiten Hinsicht.<br \/>\nWenn weiterhin die explodierende stoffliche Produktivit\u00e4t in eine<br \/>\npermanente entsprechende Vermehrung der G\u00fcterberge \u00fcbersetzt wird<br \/>\nanstatt in eine Vermehrung der \u00bbdisponiblen Zeit\u00ab, dann f\u00fchrt das<br \/>\nunweigerlich zur Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen.<br \/>\nAngesichts der Produktivkraftentwicklung ist es also nicht nur keine<br \/>\nUtopie mehr, die durchschnittliche w\u00f6chentliche Arbeitszeit auf f\u00fcnf<br \/>\nStunden zu reduzieren. Eine Arbeitszeitreduktion in so einer<br \/>\nDimension hat sich l\u00e4ngst in ein Gebot der \u00f6kologischen Vernunft<br \/>\nverwandelt. Wie schon Marx betonte, bemisst sich der eigentliche<br \/>\ngesellschaftliche Reichtum nicht in der H\u00f6he der G\u00fcterberge,<br \/>\nsondern in der den Individuen f\u00fcr ihre freie Entwicklung zur<br \/>\nVerf\u00fcgung stehenden Zeit. Diese Gesellschaft hat die Wahl. Entweder<br \/>\nsie bestimmt in diesem Sinne den Inhalt des gesellschaftlichen<br \/>\nReichtums neu. Das w\u00fcrde allerdings den Bruch mit der Herrschaft von<br \/>\nWare und Lohnarbeit voraussetzen. Oder sie h\u00e4lt an beidem fest und<br \/>\nsetzt ihren Kurs der Selbstzerst\u00f6rung durch Arbeit fort.\n<\/p>\n<p>Neben<br \/>\nh\u00f6heren L\u00f6hnen bleibt das Streben nach Arbeitszeitverk\u00fcrzungen<br \/>\nauch weiterhin Bestandteil des Klasseninteresses. Das Problem ist<br \/>\nallerdings, dass es in diesem Rahmen bestenfalls nur noch um<br \/>\nhom\u00f6opathische Dosen gehen kann, die dem, was heute m\u00f6glich und<br \/>\nnotwendig w\u00e4re, in keiner Weise angemessen sind. Dagegen sprengt<br \/>\neine radikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung, wie sie der \u00dcbergang zur<br \/>\n\u00bbWissensgesellschaft\u00ab auf die historische Tagesordnung setzt, den<br \/>\nKlassenstandpunkt &#8211; es sein denn, man l\u00f6st ihn vollst\u00e4ndig von<br \/>\nseiner polit\u00f6konomischen Bedeutung ab. Solange man am <em>analytischen<br \/>\n<\/em>Klassenbegriff<br \/>\nfesth\u00e4lt, statt ins Wolkenkuckucksheim der <em>identit\u00e4ren<br \/>\n<\/em>Klassenvorstellung<br \/>\nder \u00bbneuen Klassenpolitik\u00ab auszuweichen, liegt zweierlei auf der<br \/>\nHand: Zum einen bildet die Verk\u00e4uflichkeit der Ware Arbeitskraft die<br \/>\nGrundlage des Klasseninteresses. Zum anderen steht und f\u00e4llt die<br \/>\nVerhandlungsmacht der Arbeiterklasse mit dem Organisations- und<br \/>\nBesch\u00e4ftigungsgrad. Solange die Arbeiterklasse sich an ihr<br \/>\nbesonderes Interesse klammert, ihre besondere Ware an den Markt zu<br \/>\nbringen, stellt sie alles andere als die Vorhut der Emanzipation dar.<br \/>\nAuch die k\u00e4mpferischste Belegschaft und die \u00bbrevolution\u00e4rste\u00ab<br \/>\nGewerkschaft werden, solange sie bei Sinnen sind, nicht ihre<br \/>\n\u00bbeigenen\u00ab Betriebe kaputtstreiken. Schlie\u00dflich h\u00e4ngt die<br \/>\nVerk\u00e4uflichkeit ihrer Arbeitskraft von deren Fortbestehen auf dem<br \/>\nMarkt ab. Je mehr sich die Bedingungen der Kapitalverwertung<br \/>\nverschlechtern, umso enger wird der Spielraum f\u00fcr den Klassenkampf.<br \/>\nIn der Aufstiegsphase des Kapitalismus konnten K\u00e4mpfe um<br \/>\nArbeitszeitverk\u00fcrzung, die sich auf Klassenidentit\u00e4t und -interesse<br \/>\nberiefen, Erfolge erzielen. In dem Ma\u00dfe jedoch, wie das<br \/>\nPrivatinteresse der Arbeitskraftverk\u00e4ufer an die Grenzen des<br \/>\nmarktwirtschaftlich \u00fcberhaupt noch M\u00f6glichen st\u00f6\u00dft, m\u00fcssen<br \/>\nK\u00e4mpfe um Arbeitszeitverk\u00fcrzung, wollen sie erfolgreich sein, ihren<br \/>\nbornierten Klassencharakter sprengen und die grundlegenden Strukturen<br \/>\nder gesamten auf Kapitalverwertung beruhenden Wirtschafts- und<br \/>\nLebensweise in Theorie wie Praxis angreifen.<\/p>\n<p>Das<br \/>\nInteresse der Anbieter der Ware Arbeitskraft ist prim\u00e4r ein<br \/>\nInteresse an m\u00f6glichst hohen Einkommen. Dementsprechend tritt die<br \/>\nForderung im gewerkschaftlichen Kontext in der Regel kombiniert mit<br \/>\nder Forderung nach \u00bbvollem Personal- und Lohnausgleich\u00ab auf. <em>Aber<br \/>\nworauf es wirklich ankommt, ist weder die H\u00f6he des Einkommens noch<br \/>\ndie Anzahl der Arbeitspl\u00e4tze, sondern der Zugang aller Menschen zu<br \/>\nden Gebrauchsg\u00fctern, die sie f\u00fcr ein gutes Leben ben\u00f6tigen. <\/em>Eine<br \/>\nBewegung f\u00fcr Arbeitszeitverk\u00fcrzung auf der H\u00f6he der Zeit muss sich<br \/>\ndeswegen in zweierlei Hinsicht radikal von ihren Vorg\u00e4ngerinnen<br \/>\nunterscheiden: Sie muss sowohl die herrschende Art des Wirtschaftens<br \/>\nprinzipiell infrage stellen als auch eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung in<br \/>\nbisher ungekanntem Ausma\u00df fordern. Sie kann nur eine<br \/>\ngesamtgesellschaftliche Bewegung sein, die die Fesseln des immer<br \/>\naussichtsloser werdenden \u00bbEinkommens\u00ab sprengen und stattdessen ein<br \/>\ngutes \u00bbAuskommen\u00ab f\u00fcr alle etablieren will. Wenn etwa der Wohnraum<br \/>\nganz oder teilweise seines Warencharakters entkleidet wird, sinkt der<br \/>\nGeldbedarf der Individuen ganz erheblich. Anstelle der Illusion vom<br \/>\n\u00bbvollen Personal- und Lohnausgleich\u00ab muss eine radikale<br \/>\nArbeitszeitverk\u00fcrzung bei Ausstieg aus dem Lohnsystem und abstrakter<br \/>\nReichtumsproduktion und der Einstieg in die gesellschaftliche<br \/>\nAneignung und Selbstorganisation des stofflichen Reichtums treten.\n<\/p>\n<p><strong>Klima<br \/>\n<\/strong>\n<\/p>\n<p>Eine<br \/>\nradikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung ist schon aus Klimaschutzgr\u00fcnden<br \/>\nunerl\u00e4sslich.\n<\/p>\n<p>Das<br \/>\nKlasseninteresse der Arbeitskraftverk\u00e4ufer steht der Dringlichkeit<br \/>\ndes Kampfes gegen den Klimawandel aberganz<br \/>\noffensichtlich im Weg. Der legend\u00e4re Vorstandsvorsitzende von BMW,<br \/>\nEberhard<br \/>\nvon Kuenheim,<br \/>\nbrachte die Perspektivlosigkeit und das zerst\u00f6rerische Potential der<br \/>\nkapitalistischen Produktionsweise bereits in den 70er-Jahren,<br \/>\nnat\u00fcrlich unbeabsichtigt, auf den Punkt. Gefragt, ob ihm denn nicht<br \/>\nklar sei, dass man die ganze Welt nicht mit so vielen Autos wie in<br \/>\nWesteuropa und Nordamerika zusch\u00fctten k\u00f6nne, antwortete er: \u00bbEs<br \/>\nmag zwar zu viele Automobile auf der Welt geben, aber noch zu wenige<br \/>\nBMWs\u00ab<sup><a href=\"http:\/\/emafrie.de\/die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><br \/>\nNach<br \/>\ndieser Logik m\u00fcssen aber nicht nur die Manager s\u00e4mtlicher anderer<br \/>\nAutomobilkonzerne reden und handeln, sondern auch die Gewerkschaften,<br \/>\nBetriebsr\u00e4te und die Lohnabh\u00e4ngigen, deren Lebensunterhalt davon<br \/>\nabh\u00e4ngt, dass m\u00f6glichst viele \u00bbihrer\u00ab Produkte auf dem Markt<br \/>\nabgesetzt werden. Dass \u00bbder ganze Laden irgendwann an die Wand<br \/>\nf\u00e4hrt\u00ab, ist fast zu einer Art Allgemeinwissen geworden. Aber die<br \/>\nsystemimmanente Antwort darauf lautet: \u00bbWir m\u00fcssen weiter auf die<br \/>\nWand zurasen, weil unser Leben davon abh\u00e4ngt.\u00ab Die Zerst\u00f6rung der<br \/>\nErde ist in diesem System programmiert. Der Standpunkt des Interesses<br \/>\nder Arbeitskraftverk\u00e4ufer weicht keinen Millimeter von dieser Logik<br \/>\nab.\n<\/p>\n<p>Das<br \/>\nist auch der Grund daf\u00fcr, warum eine Bewegung wie <em>Fridays<br \/>\nFor Future<\/em><br \/>\nregelm\u00e4\u00dfig an eine Gummiwand st\u00f6\u00dft, sobald  es um Arbeitspl\u00e4tze<br \/>\ngeht: \u00bbWahrscheinlich habt ihr Recht und eigentlich sympathisiere<br \/>\nich ja mit euch, aber sagt mir doch mal, wovon meine Familie und ich<br \/>\nin Zukunft leben sollen.\u00ab <em>Der<br \/>\nKampf gegen den Klimawandel bedarf deswegen der Erg\u00e4nzung durch<br \/>\neinen breiten, weit \u00fcber den klassischen gewerkschaftlichen Rahmen<br \/>\nhinausgehenden gesamtgesellschaftlichen Kampf um radikale<br \/>\nArbeitszeitverk\u00fcrzung.<\/em><br \/>\nGerade <em>weil<\/em><br \/>\ndiese beiden K\u00e4mpfe ihre Ziele nicht im Rahmen der Logik der<br \/>\nKapitalverwertung und seiner immanenten Klasseninteressen<br \/>\nverwirklichen k\u00f6nnen, k\u00f6nnten sie sich gegenseitig befeuern und<br \/>\neine enorme Sprengkraft entwickeln. Noch ist das den wenigsten der<br \/>\njeweiligen Akteure bewusst. So<br \/>\nbleiben z.B. die zaghaften Ann\u00e4herungsversuche von Gewerkschaften<br \/>\nund Umweltverb\u00e4nden der allerj\u00fcngsten Zeit in der Illusion<br \/>\nbefangen, Klimaschutz und \u00bbVollbesch\u00e4ftigung\u00ab gingen zusammen.<br \/>\nBedauerlicherweise wird in allen entsprechenden Initiativen die Frage<br \/>\nder Arbeitszeitverk\u00fcrzung und schon gar nicht diejenige der<br \/>\n<em>radikalen<br \/>\nArbeitszeitverk\u00fcrzung<\/em>,<br \/>\ndie heute m\u00f6glich und n\u00f6tig w\u00e4re, mitgedacht.\n<\/p>\n<p><strong>Nostalgie<br \/>\nverliert<\/strong><\/p>\n<p>Vierzig<br \/>\nJahre neoliberaler Zurichtung haben tiefe Spuren hinterlassen. Vor<br \/>\nallem der Individualisierungsprozess hat eine ganz neue Qualit\u00e4t<br \/>\nangenommen. W\u00e4hrend sich fr\u00fcher der keynesianische<br \/>\nInterventionsstaat und kollektive Interessenvertretungen wie die<br \/>\nGewerkschaften zwischen den Weltmarkt und den Einzelnen schoben,<br \/>\nhaben wir es heute mit einer extrem atomisierten Konkurrenz zu tun,<br \/>\nwas nat\u00fcrlich auch das Denken und F\u00fchlen pr\u00e4gt. Das stellt das<br \/>\nemanzipative Lager vor eine extreme Herausforderung. <em>Wie<br \/>\nl\u00e4sst sich in einer von Vereinzelung und Konkurrenz gepr\u00e4gten<br \/>\nGesellschaft, die in der Krise und einem galoppierenden<br \/>\nVerwilderungsprozess steckt, ein Prozess gesellschaftlicher<br \/>\nResolidarisierung in Gang setzen?<\/em><br \/>\nDiese Frage ist nicht zu beantworten ohne eine inhaltliche<br \/>\nNeubestimmung des emanzipativen Ziels, die sowohl eine Antwort auf<br \/>\ndie fundamentale Krise des kapitalistischen Systems als auch des<br \/>\nBankrotts des Realsozialismus liefert.<\/p>\n<p>Die<br \/>\nWiederentdeckung der identit\u00e4ren Klassenvorstellung ist eine Art<br \/>\nErsatzhandlung angesichts dieser historischen Aufgabe. Wer Klasse und<br \/>\nKlassenkampf bem\u00fcht, kann den Anspruch erheben, sich zu den<br \/>\nKonflikten unserer Zeit klar zu positionieren und dabei auf sicherem,<br \/>\nweil irgendwie vertraut anmutendem Terrain verbleiben. Allein schon<br \/>\ndeshalb, weil derlei Begriffe ihrer Geschichte wegen einen linken<br \/>\nStandpunkt signalisieren, verbreiten sie eine gewisse Heimeligkeit.<br \/>\nGleichzeitig umweht sie der Hauch des Revolution\u00e4ren. Auf dieser<br \/>\nSelbstvergewisserung beruht die Attraktivit\u00e4t des \u00bbneuen\u00ab<br \/>\nKlassendiskurses wesentlich mit. Nat\u00fcrlich spielen bei der<br \/>\nWiederentdeckung der Klasse neben ihrer ererbten identit\u00e4ren<br \/>\nAufladung auch ehrenwerte Motive eine Rolle, insbesondere die<br \/>\nHinwendung zur sozialen Frage. Allerdings hat die Art der Hinwendung<br \/>\nmehr mit Nostalgie zu tun als mit einer ad\u00e4quaten Erfassung der<br \/>\nheutigen Situation.\n<\/p>\n<p>Mit<br \/>\ndem Rekurs auf die Klasse wird die Erinnerung an eine bessere<br \/>\nVergangenheit abgerufen. Um die Linke und ihren Einfluss war es im<br \/>\nZeichen des Klassenkampfs in ferner Vergangenheit weit besser<br \/>\nbestellt als heute. Ergo, so die implizite Hoffnung, verbessert sich<br \/>\nmit dem R\u00fcckgriff auf die Klasse der Einfluss der Linken auch<br \/>\nwieder. Diese Rechnung kann nicht aufgehen.\n<\/p>\n<p>In<br \/>\nder ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts hatte sich das identit\u00e4re<br \/>\nKlassenkonzept noch auf so etwas wie eine \u00bbmaterielle\u00ab Grundlage<br \/>\nst\u00fctzen k\u00f6nnen. Im Zeitalter der gro\u00dfen Industrie und der<br \/>\nMassenarbeit war das Hohelied auf das klassenstolze Proletariat<br \/>\nideologische Begleitmusik zu einer tats\u00e4chlichen<br \/>\nInteressenkonvergenz breiter Schichten in den Verteilungsk\u00e4mpfen<br \/>\nzwischen Kapital und Arbeit. Hinzu kam, dass die Arbeiterschaft bis<br \/>\ntief ins 20. Jahrhundert hinein noch ein relativ homogenes<br \/>\nSozialmilieu bildete und dieser lebensweltliche Hintergrund die<br \/>\nEntfaltung kollektiver Gegenmacht zum Kapital erleichterte. Diese<br \/>\nKonstellation hat sich aber l\u00e4ngst aufgel\u00f6st und das macht die<br \/>\n\u00bbneue Klassenpolitik\u00ab zu einer reinen Luftnummer. Heute schlie\u00dft<br \/>\ndie Beschw\u00f6rung eines \u00bbgemeinsamen Klassenstandpunkts\u00ab Gruppen<br \/>\nund Schichten, die in der kapitalistischen Wirklichkeit<br \/>\nauseinanderstreben, nur noch phantasmagorisch zusammen. Das mag die<br \/>\nidentit\u00e4tspolitischen Bed\u00fcrfnisse von linken Gruppen befriedigen,<br \/>\ntr\u00e4gt aber zur \u00fcberf\u00e4lligen Neuformierung des emanzipativen Lagers<br \/>\nwenig bei.\n<\/p>\n<p>Nicht<br \/>\ndass sich mit der Beschw\u00f6rung phantasmagorischer Gro\u00dfsubjekte heute<br \/>\nnicht erfolgreich Politik machen lie\u00dfe. Gerade angesichts der<br \/>\nfundamentalen Krise des Kapitalismus und der liberalen Demokratie hat<br \/>\ndiese Art von Identit\u00e4tspolitik sogar Konjunktur. Mit ihrem Feldzug<br \/>\nf\u00fcr die Wahnvorstellung eines ethnisch homogenen Volkes hat die<br \/>\nRechte einen erschreckenden gesellschaftlichen Einfluss gewonnen. Die<br \/>\nLinke sollte sich aber davor h\u00fcten, die Rechte mit ihrer eigenen<br \/>\nWaffe schlagen zu wollen und dem rechten Volkskonzept ein nur<br \/>\nscheinbar<br \/>\nneues, in Wirklichkeit l\u00e4ngst von der Geschichte \u00fcberholtes<br \/>\nKlassenkampfkonzept entgegenzusetzen. Identit\u00e4tspolitik ist zwar das<br \/>\nAs im Blatt der neuen Rechten, in der Hand<br \/>\nder Linken verwandelt sich die identit\u00e4tspolitische Karte aber in<br \/>\neine Lusche. Das hat einen einfachen Grund. Angesichts der<br \/>\nfundamentalen Krise des Kapitalismus und der liberalen Demokratie<br \/>\nstehen das rechte und das linke Lager mehr denn je f\u00fcr v\u00f6llig<br \/>\nunterschiedliche Versprechen. Die Rechte liefert der Unzufriedenheit<br \/>\nvon eingefleischten Konkurrenzsubjekten mit den Ergebnissen der<br \/>\nglobalen Konkurrenz ein Ventil, indem sie f\u00fcr die Resultate die<br \/>\n\u00bbvolksvergessenen\u00ab Eliten verantwortlich macht und zum Halali auf<br \/>\n\u00bbvolksfremde\u00ab Elemente bl\u00e4st. F\u00fcr diesen verheerenden<br \/>\nhistorischen Bullshit-Job ist die Anrufung eines kulturalistisch<br \/>\ngedachten Volkes wie gemacht. Diese erlaubt es der Rechten, als<br \/>\nAnwalt des gesunden Volksempfindens gleichzeitig den Geist der<br \/>\nentfesselten Konkurrenz und R\u00fccksichtslosigkeit zu bedienen und den<br \/>\nTraum von der \u00dcberwindung der Vereinzelung.\n<\/p>\n<p>Die Linke repr\u00e4sentiert dagegen den Traum von einem guten Leben f\u00fcr alle. Ihr Einfluss steht und f\u00e4llt damit, ob es ihr gelingt, dieses Versprechen plausibel zu machen oder nicht. Was das angeht hat der neue Rekurs auf die Klassenpolitik aber den N\u00e4hrwert von Styropor. Wenn die Rechte im Zeichen von Nation und Volk mobilisiert und die Linke im Zeichen der Klasse, kann man absehen, wer als Sieger vom Platz gehen wird. <\/p>\n<p>&#8212; <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/emafrie.de\/die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>Ein<br \/>\n\tin den 1960er-Jahren<br \/>\n\tw\u00e4hrend der Kampagne f\u00fcr die F\u00fcnftagewoche<br \/>\n\tweit verbreitetes Gewerkschaftsplakat bringt diese Ausrichtung sch\u00f6n<br \/>\n\tauf den Punkt. Dort war ein kleiner Junge abgebildet, dem der Satz<br \/>\n\tin den Mund gelegt wurde: \u00bbSamstag<br \/>\n\tgeh\u00f6rt Vati mir\u00ab. Wenn Vati am Samstag Sohnemann geh\u00f6ren soll,<br \/>\n\tdann ist damit implizit mit gesagt, wem er unter der Woche<br \/>\n\tlegitimerweise geh\u00f6rt, n\u00e4mlich der Firma.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/emafrie.de\/die-wiederentdeckung-des-revolutionaeren-subjekts-arbeiterklasse-als-ausdruck-linksidentitaerer-sehnsucht\/#sdfootnote2anc\">2<\/a> Bayernkurier 07.03.2016, online: <a href=\"https:\/\/www.bayernkurier.de\/wirtschaft\/11379-eine-weltmarke-wird-100\/\">https:\/\/www.bayernkurier.de\/wirtschaft\/11379-eine-weltmarke-wird-100<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Ernst Lohoff<\/em> ist freier Autor und Redakteur der Zeitschrift <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.krisis.org\/\" >krisis<\/a>. <em>Lothar Galow-Bergemann<\/em> ist langj\u00e4hriger Gewerkschafter. Er schreibt auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/emafrie.de\/\" >Emanzipation und Frieden<\/a>. <\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kritik der &raquo;neuen Klassenpolitik&laquo; von Ernst Lohoff und Lothar Galow-Bergemann zuerst erschienen im Online-Magazin Telepolis unter dem Titel &bdquo;Die Wiederentdeckung der Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentit&auml;rer Sehnsucht&ldquo; Um m&ouml;glichen Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen: Wir bestreiten nicht die Existenz von Klassen. 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