{"id":54147,"date":"2020-09-04T19:48:50","date_gmt":"2020-09-04T18:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/evibes.org\/?p=77843"},"modified":"2020-09-04T19:48:50","modified_gmt":"2020-09-04T18:48:50","slug":"ein-umgang-mit-kritik-stellungnahme-zu-abtreibungsgeschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2020\/09\/ein-umgang-mit-kritik-stellungnahme-zu-abtreibungsgeschichten\/","title":{"rendered":"Ein Umgang mit Kritik \u2013 Stellungnahme zu \u201cAbtreibungsgeschichten\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Auch kritische Stimmen wurden den Initiatorinnen der <strong><a href=\"https:\/\/abtreibungsgeschichten.blackblogs.org\/\">Kampagne &#8220;Abtreibungsgeschichten&#8221;<\/a> <\/strong>in Bezug auf die Ver\u00f6ffentlichung von Abtreibungsgeschichten zugesandt. Folgend k\u00f6nnt ihr deren Antwort darauf lesen, sie verdeutlicht nochmal klare Motive, Hintergr\u00fcnde und Prozesse der Kampagne. Sie freuen sich \u00fcber weitere Geschichten, weitere Anregungen und Kritik und gehen gern mit euch dar\u00fcber in Austausch!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-2088\" src=\"https:\/\/www.schweigemarsch-stoppen.de\/wp-content\/uploads\/sites\/20\/2020\/09\/cropped-schrift-2-300x63.jpg\" alt=\"\" width=\"593\" height=\"173\" \/><\/p>\n<p><em>Im Zuge der Mobilisierung f\u00fcr den Schweigemarsch in Annaberg haben wir Abtreibungsgeschichten gesammelt, mit dem Ziel Abtreibungen zu entstigmatisieren und \u00fcber die verschiedenen Geschichten hinweg auf Gemeinsamkeiten und strukturelle Probleme aufmerksam zu werden. Einer der Hintergr\u00fcnde war auch, \u00fcber die Geschichten genauere Einblicke zur Versorgungslage von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen zu bekommen. Verschiedene Personen, die abgetrieben haben, haben uns dabei ihre Geschichten als Audio-Aufnahme, in Schriftform, oder als Postkarte zukommen lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Dabei kam es recht schnell zu verschiedenen Reaktionen.<\/em><br \/>\n<em>Positiv stimmen uns bspw. Beratungsstellen, die die Aktion sehr begr\u00fc\u00dften, Teile von ihr ausstellen werden und uns ihre Unterst\u00fctzung weiterhin zusicherten. Wir erkennen hierin die Chance, mit dieser Kampagne mehr Menschen zu erreichen, als wir das normalerweise tun.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber es kam auch zu kritischen R\u00fcckmeldungen, wie euren, daf\u00fcr m\u00f6chten wir euch vielen Dank sagen. Das kritische Feedback hat einen intensiven internen Diskussions- und Reflexionsprozess angesto\u00dfen, dessen bisherigen Stand wir euch gerne mitteilen m\u00f6chten. Aufgrund der Coronasituation, aber auch des etwas l\u00e4ngeren Prozesses wegen kommt die Antwort nun mit einer geh\u00f6rigen Zeitversetzung.<\/em><span id=\"more-237\"><\/span><span id=\"more-77843\"><\/span><\/p>\n<p><em>Einer der zentralen Kritikpunkte eurer Seite ist der der verwendeten Sprache innerhalb der Geschichten, eine Sprache, die gepr\u00e4gt ist durch den moralisierenden Diskurs \u00fcber Abtreibungen und die lautstarken Stimmen der Fundis. Wir haben dieses Problem auch erkannt, hatten bereits fr\u00fch dar\u00fcber gesprochen, dass wir dennoch nicht lektorierend in die Geschichten eingreifen werden. Gleichzeitig haben wir uns auch immer wieder die Frage dar\u00fcber gestellt, was wir machen, wenn wir problematische Geschichten bekommen, schlie\u00dflich gab es auch einen Fundi-Aufruf um uns auf unsere Geschichten zu antworten, der allerdings ohne Folgen blieb. Es f\u00e4llt uns schwer, darauf eine Antwort zu finden, die alle Aspekte, die wir als wichtig erachten komplett gleichberechtigt ber\u00fccksichtigt.<\/em><\/p>\n<p><em>Gleichzeitig und auch das schreibt ihr, ist es eben die Sprache der Personen, ihre Art die Geschichte zu erz\u00e4hlen und das halten wir f\u00fcr wertvoll. Es gibt nicht die eine Perspektive auf Abtreibungen, es gibt viele, das Erleben ist sehr unterschiedlich. Die Geschichten wollten so erz\u00e4hlt werden und diese Sprache dr\u00fcckt das Erleben aus. Und genau da liegt f\u00fcr uns die Kraft der Erz\u00e4hlungen: Wenn wir sie nicht nur als einzelne Erz\u00e4hlungen betrachten, sondern jede einzelne miteinander verbinden und gesellschaftlich kontextualisieren, dann sollte uns nicht wundern, wenn dieses Erleben innerhalb einer heteronormativen, kleinfamilienfixierten Gesellschaft mittels \u201ckritischem\u201d Sprachgebrauch beschrieben wird. Das wird noch deutlicher, wenn eine Abtreibungsgeschichte eben nicht von einer bekennenden ProChoiceaktivist:in erz\u00e4hlt wird, sondern von der ungewollt Schwangeren von nebenan. Die Geschichten bieten uns die M\u00f6glichkeit uns \u00fcber die gesellschaftlichen Bedingungen auszutauschen, \u00fcber die strukturellen Gegebenheiten zu diskutieren und gen\u00fcgend Anl\u00e4sse diese ver\u00e4ndern zu wollen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir stellten uns au\u00dferdem die Frage, warum die Emotionalisierung der Erfahrung \u00fcberhaupt problematisiert wurde. Ist nur das Rationale Gutes? Emanzipatorisches? Feministisches? Sind nur klare Abtreibungsgeschichten wahre Abtreibungsgeschichten? Warum k\u00f6nnen ungewollt Schwangere ihre Abtreibung nicht auch als m\u00f6glichen Verlust wahrnehmen und dennoch die Entscheidung f\u00fcr richtig halten? Wir apellieren nicht nur an die Sichtbarmachung der Vielfalt der Geschichten, auch in den einzelnen Geschichten selbst geht es darum Vielstimmigkeiten zu erleben und Widerspr\u00fcche auszuhalten \u2013 sowohl als erz\u00e4hlende, als auch als zuh\u00f6rende Person.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch ihr habt beschrieben, dass das Lesen der Geschichten heftige Emotionen ausl\u00f6st: Warum sind wir betroffen bei manchen Geschichten, bei anderen nicht? Warum l\u00f6sen manche Beklemmungen aus und manche nicht? Was hat das mit meiner eigenen Sicht zu tun? Warum bin ich irritiert, wenn jemand h\u00e4ufig auf seine Abtreibung zur\u00fcckblickt, warum vermute ich dort ein antifeministisches Moment? Wir m\u00f6chten mit diesen Geschichten die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema (nochmals) anregen, um u.A. Fragen der praktischen Solidarit\u00e4t neu aufzuwerfen.<\/em><\/p>\n<p><em>Entgegen euer Wahrnehmung, sind wir der \u00dcberzeugung, dass es gesamtgesellschaftlich immernoch ein Nicht-Dar\u00fcber-Sprechen \u00fcber Abtreibung gibt. Ein gehemmtes Schweigen unterf\u00fcttert mit ressentimentgeladenen Bef\u00fcrchtungen die eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen. Deswegen haben wir unsentschlossen, die Kampagne weiter zu f\u00fchren, vor allem weil wir sie als Medium der politischen Mobilisierung anerkennen.<\/em><\/p>\n<p><em>Schlie\u00dflich m\u00f6chten wir weiterhin diese Plattform bieten, um \u00fcber die eigene Abtreibungerfahrung ohne Angst vor Ausgrenzung zu sprechen. Wir finden es wichtig, dass es einen solchen Ort gibt, an dem Personen \u00fcber Abtreibungen berichten k\u00f6nnen, denn diese Orte gibt es zu wenig. \u00dcber die eigenen Abtreibungserfahrungen zu sprechen ist bis heute mit Stigmatisierung verbunden, auch weil h\u00e4ufig vom (z.B. feministischen oder eben fundamentalistischen) Umfeld Normvorstellungen dar\u00fcber existieren, wie dar\u00fcber gesprochen werden kann und soll. Vielf\u00e4ltige Geschichten k\u00f6nnen dagegen den M\u00f6glichkeitsraum des Dar\u00fcber-Sprechens erweitern und stellen vor allem eine Gegen\u00f6ffentlichkeit zu den leicht auffindbaren Fundi-Geschichten dar. Gleichzeitig erfuhren wir das Mitteilen der eigenen Abtreibungserfahrung auch innerhalb der Gruppe als einen empowernden Akt und hoffen, es ging allen weiteren Autor:innen \u00e4hnlich.<\/em><br \/>\n<em>In einer Gesellschaft, in der die Informationsfreiheit f\u00fcr reproduktive Rechte derart eingeschr\u00e4nkt ist (#wegmit\u00a7219a), soll die Kampagne au\u00dferdem eine Plattform sein, auf der Personen sich die Geschichten durchlesen, die vielleicht gerade vor einer Entscheidung stehen, die vielleicht garnicht genau wissen, was auf sie zukommt, die vielleicht nicht die gro\u00dfe Schwester fragen k\u00f6nnen oder mehr als nur harte Zahlen und medizinische Fakten ergooglen wolen. Sie soll informieren, aufkl\u00e4ren und auffangen.<\/em><br \/>\n<em>Die Plattform soll verdeutlichen, dass die Entscheidung f\u00fcr eine Abtreibung voll in Ordnung ist, sich dagegen zu entscheiden aber auch. ProChoice.<\/em><\/p>\n<p><em>Dennoch glauben wir, dass wir unsere Ziele nicht einfach in dem jetzigen Format erreichen k\u00f6nnen. Das Sammeln einzelner Geschichten ist als solches noch kein politisch-emanzipatorischer Akt. Es muss auch darum gehen die Verbindungen der einzelnen Geschichten sichtbar zu machen und die gesellschaftliche Einbindung der Geschichten aufzuzeigen, zu thematisieren und zu analysieren. Daher werden wir beginnen, zus\u00e4tzliche Texte zu verfassen, um auf die Gemeinsamkeiten, aber auch auf Leerstellen hinzuweisen (so finden wir es beispielsweise spannend, dass Sp\u00e4tabtreibendungen nie thematisiert wurden). Diese Texte sollen so ein Ort der politischen Reflexion der individuellen Erlebnisse werden und gewisserma\u00dfen als Bindeglied fungieren zwischen individuellem Erleben und politischer Praxis.<\/em><\/p>\n<p><em>Gern m\u00f6chten wir euch deshalb zur Zusammenarbeit, weiteren kritischen Kommentaren und Beitr\u00e4gen animieren, teilt eure Geschichten, lasst uns mit Stigma und mit Schuld brechen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch kritische Stimmen wurden den Initiatorinnen der Kampagne &ldquo;Abtreibungsgeschichten&rdquo; in Bezug auf die Ver&ouml;ffentlichung von Abtreibungsgeschichten zugesandt. Folgend k&ouml;nnt ihr deren Antwort darauf lesen, sie verdeutlicht nochmal klare Motive, Hintergr&uuml;nde und Prozesse der Kampagne. Sie freuen sich &uuml;ber weitere Geschichten, weitere Anregungen und Kritik und gehen gern mit euch dar&uuml;ber in Austausch! 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