{"id":54912,"date":"2020-10-07T10:49:27","date_gmt":"2020-10-07T09:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/evibes.org\/?p=77942"},"modified":"2020-10-07T10:49:27","modified_gmt":"2020-10-07T09:49:27","slug":"zum-recht-auf-abtreibung-in-polen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2020\/10\/zum-recht-auf-abtreibung-in-polen\/","title":{"rendered":"Zum Recht auf Abtreibung in Polen"},"content":{"rendered":"<p>Der International Safe Abortion Day findet jedes Jahr am 28. September statt und zielt auf das grunds\u00e4tzliche Recht auf Zugang zu einem sicheren und legalen Schwangerschaftsabbruch.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich dieses Tages hat uns <a href=\"https:\/\/weiterdenken.de\/\">weiterdenken<\/a> gebeten, einen Blick auf die Situation von ungewollt Schwangeren in Polen zu werfen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/weiterdenken.de\/de\/2020\/10\/02\/zum-recht-auf-abtreibung-in-polen?fbclid=IwAR2gH4pTd-DG5t30kZx0IPGraESjkH6H0PrpXImmfzlCxnes8M2XlY6oO0k\">Hier der Artikel.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2020\/10\/IMG_2756.cleaned-768x512-1.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-77943 size-full\" src=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2020\/10\/IMG_2756.cleaned-768x512-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2020\/10\/IMG_2756.cleaned-768x512-1.jpeg 768w, https:\/\/evibes.org\/wp-content\/uploads\/sites\/24\/2020\/10\/IMG_2756.cleaned-768x512-1-300x200.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><span id=\"more-77942\"><\/span><\/p>\n<p><strong>Wie bewertet ihr das Abtreibungsrecht in Polen? Was ist gerade geplant und wer treibt die gesetzlichen Versch\u00e4rfungen voran? Wie ist die historische Entwicklung &#8211; wie war die Regelung im sozialistischen Polen?<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem drakonischen Abtreibungsgesetz Polens &#8211; einem der strengsten in der Europ\u00e4ischen Union &#8211; sind Schwangerschaftsabbr\u00fcche nur dann zul\u00e4ssig, wenn das Leben der Mutter bedroht ist, wenn eine fetale Anomalie vorliegt oder wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung oder Inzest herbeigef\u00fchrt wurde. Doch selbst in diesen F\u00e4llen kann es schwierig sein, Abtreibungen zu erreichen, da sich Mediziner:innen oft auf eine umstrittene Klausel berufen, die eine Verweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden zul\u00e4sst. Diese gibt es dank \u00a7 12 Absatz 1 und 2 SchKG in Deutschland \u00fcbrigens auch. Dar\u00fcber hinaus wurde unter der von der rechtspopulistischen PiS-Partei (Prawo i Sprawiedliwo\u015b\u0107) gef\u00fchrten Regierung der Zugang zur Pille danach \u2013 oder wie sie umbenannt wurde in &#8220;Pille f\u00fcr den fr\u00fchen Schwangerschaftsabbruch&#8221; \u2013 mit der Einf\u00fchrung der Verschreibungspflicht f\u00fcr Notfallverh\u00fctung im Juli 2017 ebenfalls eingeschr\u00e4nkt. Diese natalistische Politik findet ihre Legitimation in Polen dabei u.a. durch eine starke Pro-Life- und Anti-Aufkl\u00e4rungsbewegung bzw. durch die r\u00f6misch-katholische Kirche.<\/p>\n<p>Seit dem Ende des realexistierenden Sozialismus sind Kirche und Regierung untrennbar miteinander verbunden. Einst unter dem alten Regime unterdr\u00fcckt war die Kirche allein schon durch ihre Existenz ein st\u00e4ndiger, m\u00e4chtiger Rebell gegen den Sozialismus, da die Bisch\u00f6fe die Politik der Regierung regelm\u00e4\u00dfig kritisierten. Ende der 1980er Jahre galt sie als das wichtigste Vehikel f\u00fcr antisozialistische Aktivit\u00e4ten im Rahmen der Solidarno\u015b\u0107-Bewegung. Die r\u00f6misch-katholische Kirche nutzte dann die politische und wirtschaftliche Transformation des Staates im Jahr 1989 zur F\u00f6rderung einer moralischen Transformation der Gesellschaft und kann so als Hauptantriebskraft f\u00fcr die Kriminalisierung von Abtreibungen bezeichnet werden. Vor dem Hintergrund, dass in keinem anderen postsozialistischen Land die Gesetzgebung zur Abtreibung nach 1989 eingeschr\u00e4nkt wurde, ist dies bemerkenswert.<\/p>\n<p>Zur Historie: Nach dem Strafgesetzbuch von 1932 war der Schwangerschaftsabbruch in Polen legal, wenn eine Schwangerschaft aus einem Verbrechen resultierte und die Gesundheit und das Leben der Frau gef\u00e4hrdet waren. 1956 wurde trotz Protesten der katholischen Kirche ein liberales Abtreibungsgesetz verabschiedet, das auch eine sozio\u00f6konomische Indikation zulie\u00df. Ungewollt Schwangere, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollten, mussten sich dabei an zwei \u00c4rzt:innen wenden, was ein erhebliches Hindernis darstellte. Daher erlie\u00df das Gesundheitsministerium 1959 eine Sonderverordnung, die in der Praxis den Schwangerschaftsabbruch auf Antrag einf\u00fchrte. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Schwangerschaftsabbruch in \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern und Privatkliniken weitgehend praktiziert. Die Hauptargumente, die f\u00fcr eine gesetzliche Liberalisierung sprachen, bezogen sich auf die hohen M\u00fcttersterblichkeitsraten aufgrund unsicherer Abtreibungen im Untergrund. Legale Abtreibungen im sozialistischen Polen basierten also auf einer instrumentellen Bedarfsorientierung, nicht aber auf dem Postulat von Frauen- bzw. Menschenrechten. Abtreibung war nie ein Recht, das die polnische Bev\u00f6lkerung bzw. eine wirkm\u00e4chtige Frauenbewegung selbst erk\u00e4mpft und als Ergebnis ihrer K\u00e4mpfe gewonnen hatte. (Keinesfalls soll das die Existenz von polnischen Aktivist:innen negieren). Es ist anzunehmen, dass dieses Ph\u00e4nomen die sp\u00e4ter folgende Illegalisierung erleichterte.<\/p>\n<p>Diese Abtreibungsgesetzgebung war seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Regimes und der Demokratisierung des Landes im Wandel begriffen. 1989 versuchte die neue Regierung ein v\u00f6lliges Abtreibungsverbot zu verh\u00e4ngen, ein Schritt, der weithin als eine Belohnung f\u00fcr die r\u00f6misch-katholische Kirche f\u00fcr ihre integrale Rolle bei der F\u00f6rderung des Aufstiegs der Opposition angesehen wird. Eine der ersten gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Debatten fand au\u00dferdem 1990 vor dem geplanten Besuch des Papstes statt. Ultra-konservative Abgeordnete waren bestrebt, die Abtreibung zu verbieten als ein Geschenk an den \u201eHeiligen Vater\u201c.<\/p>\n<p>Nicht nur die Einflussnahme der Kirche auf die Gesetzgebung, auch die schwache politische Position von nicht der heteronormativen Norm entsprechenden Menschen nach der Transformation bewirkte eine Verschlechterung der Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch, das im \u00bbGesetz \u00fcber Familienplanung, den Schutz des menschlichen F\u00f6tus und die Bedingungen f\u00fcr die Zul\u00e4ssigkeit eines Schwangerschaftsabbruchs\u00ab 1993 festgeschrieben wurde und Abtreibung bis heute in den oben beschriebenen drei F\u00e4llen erlaubt. Bis zum Jahr 2016 erwog keine Regierung eine rechtliche Ver\u00e4nderung des Zugangs zum Schwangerschaftsabbruch in Polen.<\/p>\n<p>2015 gewann die konservative PiS-Partei, die stark mit der Kirche verbunden ist, eine klare Mehrheit im Parlament, was zu einer zunehmend nationalistischen Atmosph\u00e4re f\u00fchrte, die hinzukommend eine Anti-Abtreibungsrhetorik vertrat: Es wurden neue Lehrb\u00fccher eingef\u00fchrt, die Embryonen als &#8220;ungeborene Kinder&#8221; und Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung als &#8220;gef\u00e4hrlich&#8221; f\u00fcr die Gesundheit einer Person darstellen. Diverse PiS-Politiker:innen behaupten au\u00dferdem, Sexualkunde w\u00fcrde zu &#8220;unn\u00f6tiger Sexualf\u00f6rderung&#8221; und &#8220;sexueller Degeneration&#8221; f\u00fchren. Stattdessen erhalten die Kinder &#8220;Vorbereitungskurse f\u00fcr das Familienleben&#8221;.<\/p>\n<p>Im Juli 2016 wurde die B\u00fcrgergesetzesinitiative \u00bbAbtreibungstopp\u00ab (Stop Aborcji) im Sejm, dem polnischen Unterhaus, eingereicht. Parallel wurden Unterschriften f\u00fcr eine weitere B\u00fcrger:innengesetzesinitiative gesammelt, die den Schwangerschaftsabbruch in Polen erlauben sollte. Ein Gesetzesentwurf, der die reproduktiven Rechte st\u00e4rken sollte, wurde daraufhin eingereicht vom Komitee der Gesetzesinitiative \u00bbRetten wir die Frauen!\u00ab (Ratujmy Kobiety). Die Unterschriftensammlung f\u00fcr beide Gesetzesinitiativen l\u00f6ste eine \u00f6ffentliche Debatte aus, wie sie seit langem in Polen nicht stattgefunden hatte. Der Entwurf \u00bbRetten wir die Frauen!\u00ab wurde in erster Lesung abgelehnt, \u00bbStop Aborcji\u00ab zur weiteren Bearbeitung an den Ausschuss f\u00fcr Gerechtigkeit und Menschenrechte weitergeleitet. Der \u00bbschwarze Montag\u00ab, ein Massenprotest polnischer B\u00fcrger:innen zur Verteidigung ihrer Rechte, f\u00fchrte letztlich zur Ablehnung des Gesetzesentwurfes.<\/p>\n<p>Im Schatten der Corona-Krise, die Massenproteste fast verunm\u00f6glicht, ist zunehmend ein vehementer Angriff auf das sexuelle und reproduktive Selbstbestimmungsrecht sowie auf die k\u00f6rperliche Unversehrtheit von polnischen B\u00fcrger:innen zu verzeichnen. Ordo Iuris, eine durch ultrakonservative Jurist:innen gesteuerte Organisation, die wohl dem Opus Dei nahesteht und wahrscheinlich durch radikale Abtreibungs- und LGBTQI-Gegner:innen aus den USA mitfinanziert wird, und PiS wollen die Istanbuler Konvention, die Konvention zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung von Gewalt gegen Frauen und h\u00e4uslicher Gewalt, aufk\u00fcndigen. Damit w\u00fcrde h\u00e4usliche Gewalt in Polen faktisch legalisiert.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Andrzej Duda spricht au\u00dferdem von Sexualerziehung und Homosexualit\u00e4t als Bedrohung f\u00fcr Kinder und Familien und unterst\u00fctzt damit ein LGBTQI-queerfeindliches Klima, das im harten Vorgehen gegen die Aktivistin \u201eMargot\u201c deutlich wurde. Au\u00dferdem wurde dem polnischen Unterhaus zum wiederholten Male der Gesetzesentwurf vorgelegt, in welchem die Indikation f\u00fcr einen Schwangerschaftsabbruch bei einer Fehlbildung oder einer schweren Krankheit des F\u00f6tus wegfallen soll. Der bereits 2017 abgewiesene Gesetzesentwurf wurde von der Abtreibungsgegnerin Kaja Godek verfasst, die Abtreibung als &#8220;Pandemie, die viel schlimmer ist als das Coronavirus&#8221;, bezeichnete. Er war ein Versuch fundamentalistischer Abtreibungsgegner:innen, Schwangerschaftsabbr\u00fcche noch st\u00e4rker zu kriminalisieren bzw. komplett zu illegalisieren, schlie\u00dflich erfolgen \u00fcber 95% der legalen Abbr\u00fcche in Polen aus diesem Grund. Der Gesetzesvorschlag wurde erneut &#8211; in weiser Voraussicht auf m\u00f6gliche Proteste &#8211; auf Eis gelegt.<\/p>\n<p><strong>Wie gehen Schwangere aus eurer Sicht mit diesem Abtreibungsrecht um? Welche Folgen haben die Gesetze f\u00fcr Schwangere? Wie hoch ist die Zahl illegalisierter Abtreibungen? Gibt es internationale Solidarit\u00e4t bzw. Organisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Abtreibungen geh\u00f6ren zu Biografien von Menschen, die schwanger werden k\u00f6nnen. Es ist deshalb klar, dass Verbote und Restriktionen keinesfalls zur Senkung der Abtreibungszahlen beitragen. Die wiederum lassen sich nur schwerlich festhalten. Offiziell wurden 2018 in Polen etwas mehr als 1.000 Abtreibungen durchgef\u00fchrt. Aber jedes Jahr finden laut Krystyna Kacpura, der Exekutivdirektorin der F\u00f6deration f\u00fcr Frauen- und Familienplanung, bekannt als Federa, bis zu 150.000 ungewollt Schwangere1 andere Wege, um abzutreiben.<\/p>\n<p>Die Versorgungslage ist derweil prek\u00e4r: Es gibt es nur noch zwei \u00c4rzt:innen in ganz Polen, die in einer Klinik in Warschau Abtreibungen mit medizinischer Indikation durchf\u00fchren. Die Klinik ist \u00fcberf\u00fcllt und sehr selektiv. Die \u00c4rzt:innen in Polen lassen sich nicht mehr fortbilden und k\u00f6nnen deshalb auch zunehmend schlechter mit Fehlgeburten versorgen. Auch die D\u00e4monisierung von Sexualaufkl\u00e4rung und Verh\u00fctung besetzt Sexualit\u00e4t mit Schuld und Scham und schafft ein feindliches und gesundheitsgef\u00e4hrdendes Klima. Ungewollt Schwangere reisen deshalb immer h\u00e4ufiger ins benachbarte Ausland oder organisieren mithilfe der sogenannten \u201eAbtreibungspille\u201c den Abbruch selbst.<\/p>\n<p>Ungewollt Schwangere, die nicht mehr medikament\u00f6s abtreiben oder in Nachbarl\u00e4nder reisen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen sich, dem neoliberalen Marktgeschehen sei Dank, an polnische \u00c4rzt:innen wenden, die bereit sind, die Abtreibung illegal durchzuf\u00fchren. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie ca. 4.000 Z\u0142oty oder etwas mehr als 1.000 Dollar (knapp 900 Euro) zahlen, es kann aber auch deutlich mehr sein. Die Kosten sind hoch, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Monatslohn in Polen circa 1.250 Dollar (etwa 1.050 Euro) betr\u00e4gt. In dem Ma\u00dfe, wie sich die Netzwerke von Aktivist:innen verst\u00e4rkt und ausgeweitet haben, sind illegale chirurgische Abtreibungen in Polen allerdings eher zu einer Seltenheit geworden.<\/p>\n<p>Ein gravierendes wie bekanntes Problem bleibt &#8211; die restriktive Abtreibungsgesetzgebung trifft vor allem sozial benachteiligte ungewollt Schwangere. F\u00fcr jene, die \u00fcber das n\u00f6tige Geld verf\u00fcgen, ist es auch in Polen weiterhin m\u00f6glich, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch zu erhalten oder ins Ausland zu reisen. F\u00fcr \u00e4rmere Menschen allerdings, vor allem f\u00fcr jene, die in l\u00e4ndlichen Regionen leben, ist die Situation erheblich schwieriger. So kommt es zu dem Ph\u00e4nomen, dass vor allem Menschen, die in kleinen St\u00e4dten oder D\u00f6rfern leben, sehr viel mehr Interesse an einer Gesetzes\u00e4nderung haben als Gro\u00dfstadtbewohner:innen.<\/p>\n<p>Ungewollt schwangere Menschen in Polen werden gl\u00fccklicherweise von verschiedenen Institutionen und Vereinen unterst\u00fctzt. Das international arbeitende Netzwerk \u201eAbortion without Borders\u201c2 professionalisiert gerade seine \u201egrenz\u00fcberschreitenden\u201c Strukturen. Es gibt nun eine polnische Hotline f\u00fcr hilfesuchende ungewollt Schwangere. Nach einer ersten Beratung werden sie an jene Gruppen im Netzwerk vermittelt, die in ihrer individuellen Situation am besten helfen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem ist geplant, k\u00fcnftig Schwangerschaftsabbr\u00fcche zu finanzieren, wenn die betroffenen Personen selbst nicht genug Geld haben.<\/p>\n<p>Die niederl\u00e4ndische Nichtregierungsorganisation &#8220;women on waves&#8221;3 gibt auf ihrer Internetplattform Ratschl\u00e4ge und Hinweise f\u00fcr den Zugang zur Abtreibung in L\u00e4ndern, in denen diese verboten ist. \u00dcber das Bestellen von Abtreibungspillen erh\u00e4lt man ebenfalls Informationen. Die Organisation &#8220;Ciocia Basia&#8221;4, eine in Berlin ans\u00e4ssige polnischsprachige Freiwilligengruppe, hat sich au\u00dferdem vor vier Jahren als Reaktion auf die wachsende Zahl von Personen gegr\u00fcndet, die f\u00fcr sichere Abtreibungen nach Deutschland reisen. Die Gruppe \u00fcbersetzt Dokumente, organisiert Reise und Unterkunft und bezuschusst die Kosten, wenn Menschen sich das Verfahren, das in Berlin etwa 400 Euro (circa 450 Dollar) kostet, nicht leisten k\u00f6nnen. Sie arbeiten unter anderem mit der polnischen Organisation \u201eKobiety w Sieci\u201c5 oder &#8220;Women help Women&#8221;6 zusammen.<\/p>\n<p>Politisch hat &#8220;Dziewuchy Berlin&#8221;7, ein feministisches Pro-Choice-Kollektiv, das 2016 gegr\u00fcndet wurde, seinen Schwerpunkt auf den Kampf gegen das Abtreibungsverbot in Polen gelegt. Sie organisieren die internationale Solidarit\u00e4t f\u00fcr den Pro-Choice-Kampf in Polen. Dem Aufruf ihrer Kampagne \u201eNO TO ABORTION BAN IN POLAND!\u201c folgte neben anderen das B\u00fcndnis &#8220;Pro Choice Sachsen&#8221;8 und ver\u00f6ffentlichte ein Foto mit den geforderten schwarzen Regenschirmen vor der Dresdner Frauenkirche samt Hashtags #CzarnyKwiecie\u0144 #Aprilinblack #ParasolkaMoj\u0105Tarcz\u0105 #MyUmbrellaIsMyShield. Auch in Zeiten von Corona konnte somit mobilisiert werden.<\/p>\n<p>Dass der Umgang mit dem Coronavirus, das Schlie\u00dfen von Grenzen und die Forderung von Quarant\u00e4nebestimmungen die Zug\u00e4nge zu sicheren Abtreibungen erschwert, liegt derweil auf der Hand. Dass Einreise- und Flugverbote, Hotelschlie\u00dfungen und Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen als Reaktion auf die Corona-Pandemie den Zugang zu sicheren Abtreibungen blockieren, muss Besorgnis erregen.<\/p>\n<p><strong>In Polen gab und gibt es starken verschiedenster Menschen gegen Anti-Abtreibungsgesetze bzw. -gesetzesvorhaben. Wie sieht der Protest aus und welche Wirkung konnte er bisher erzielen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Oktober 2016 fand der #CzarnyProtest statt: Zehntausende demonstrierten mit schwarzen Regenschirmen in der Hand. Der \u00bbschwarze Montag\u00ab im Oktober 2016 war die erste Massenmobilisierung von Pol:innen, um zur Frage des Schwangerschaftsabbruches zu protestieren. Weitere folgten. Dessen Erfolg \u00fcbertraf die Erwartungen der Organisator:innen nicht nur hinsichtlich der Anzahl der teilnehmenden Menschen. Es waren laut Polizeiangabe n\u00e4mlich 98.000.9 Die Initiative \u00bbLandesweiter Streik der Frauen\u00ab spricht von Protesten in 118 St\u00e4dten Polens, zus\u00e4tzlich kam es im Ausland zu \u00fcber 50 Solidarit\u00e4tskundgebungen. Die Heterogenit\u00e4t hinsichtlich Alter, Ausbildung, sozio\u00f6konomischem Status und Weltanschauungen der Protestierenden war au\u00dferdem bestechend.<\/p>\n<p>Der &#8220;schwarze Protest&#8221; war ein Wendepunkt im Hinblick auf den Diskurs \u00fcber Abtreibung. Bislang wurde \u00fcber Abtreibung vor allem aus der Perspektive der individuellen Entscheidung der Schwangeren \u00fcber ihren K\u00f6rper gesprochen. \u00bbMein K\u00f6rper\u2013 meine Entscheidung\u00ab wandelte sich zu einer Forderung nach dem Schutz des Lebens. Schutz des Lebens, weil die Illegalisierung von Abtreibung tats\u00e4chlich eine Ursache von Todesf\u00e4llen von FLINT-Personen10 und Kindern in Polen darstellte. Der Protest brachte au\u00dferdem nicht nur den Gesetzentwurf, der ein Totalverbot des Schwangerschaftsabbruchs vorsah, erfolgreich zum Kippen. Auch hatte er ma\u00dfgeblichen Einfluss auf die Einstellungsver\u00e4nderung der Pol:innen zur Abtreibung, so dass der Anteil derer, die Abtreibung im Falle einer schwierigen materiellen oder pers\u00f6nlichen Situation der Frau bef\u00fcrworten, ebenfalls anstieg. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Kantar Millward Brown vom M\u00e4rz 2018 lehnten 75 Prozent der Pol:innen weitere Einschr\u00e4nkungen des bestehenden Gesetzes ab. Eine andere Umfrage ergab, dass 69 Prozent der Pol:innen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch vor der 12. Woche unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Dass die Regierung die Zeit der Pandemie und das Versammlungsverbot zum Anlass nehmen w\u00fcrde, die polnischen Aktivist:innen aktiv von der Mitsprache beim Verhandeln des nochmals von Godek eingebrachten Gesetzesentwurf zum Totalverbot von Abtreibungen auszuschlie\u00dfen, verdeutlicht nur mehr die Pr\u00e4gnanz und Wirkm\u00e4chtigkeit der polnischen Massenproteste. Schlussendlich protestierten trotz Corona Tausende: online und durch das Aufh\u00e4ngen von Plakaten in den Fenstern ihrer H\u00e4user und Autos. Andere umgingen das Versammlungsverbot, indem sie vor Lebensmittelgesch\u00e4ften mit dem Fahrrad umher fuhren oder in der Schlange vor den Gesch\u00e4ften standen, einen Abstand von sechs Fu\u00df zueinander einhielten, Plakate hielten und die symbolisch aufgeladenen schwarzen Regenschirme trugen. Vor allem die (internationale) Vernetzung \u00fcber soziale Medien konnte die Sichtbarkeit des Themas erh\u00f6hen und Solidarit\u00e4tsbekundungen aus aller Welt vereinen. Auch dieses Mal war der Protest wirksam, dennoch betonen bekannte Aktivistinnen, die sich seit Langem im Kampf f\u00fcr Frauenrechte in Polen engagieren, dass hier nicht der Krieg gewonnen ist, sondern nur eine (weitere) Schlacht.<\/p>\n<p>Links und Anmerkungen<\/p>\n<p>1 Vgl. Sieradzka, Monika: \u201eAbtreibungsdebatte spaltet Polen\u201c (2018). Online unter: https:\/\/www.dw.com\/de\/abtreibungsdebatte-spaltet-polen\/a-43139113<\/p>\n<p>2 https:\/\/abortion.eu\/<\/p>\n<p>3 https:\/\/www.womenonwaves.org\/<\/p>\n<p>4 https:\/\/www.facebook.com\/ciociabasiaberlin\/<\/p>\n<p>5 https:\/\/www.maszwybor.net\/<\/p>\n<p>6 https:\/\/womenhelp.org\/<\/p>\n<p>7 https:\/\/dziewuchyberlin.wordpress.com\/<\/p>\n<p>8 https:\/\/www.schweigemarsch-stoppen.de\/<\/p>\n<p>9 Druciarek, Malgorzata (2016): \u201eAnalyse: &#8220;Schwarzer Protest&#8221;\u2013 in Richtung eines neuen \u00bbKompromisses\u00ab beim Abtreibungsrecht?\u201c online unter: https:\/\/www.bpb.de\/237456\/analyse-schwarzer-protest-in-richtung-eines-n\u2026<\/p>\n<p>10 FLINT steht f\u00fcr Frauen*, Lesben, inter, non-binary und trans*Personen und ist eine Abk\u00fcrzung, die alle Personen einbezieht, die im Patriarchat diskriminiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der International Safe Abortion Day findet jedes Jahr am 28. September statt und zielt auf das grunds\u00e4tzliche Recht auf Zugang zu einem sicheren und legalen Schwangerschaftsabbruch. Anl\u00e4sslich dieses Tages hat uns weiterdenken gebeten, einen Blick auf die Situation von ungewollt Schwangeren in Polen zu werfen. Hier der Artikel. Wie bewertet ihr das Abtreibungsrecht in Polen? [\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":912,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2495,1976,1981,2483,2504,1986,2506,1988,2446],"class_list":["post-54912","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-2495","tag-abtreibung","tag-christlicher-fundamentalismus","tag-international","tag-interview","tag-pro-choice","tag-reproduktive-rechte","tag-schwangerschaftsabbruch","tag-sexuelle-selbstbestimmung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/912"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54912"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54913,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54912\/revisions\/54913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}