{"id":56093,"date":"2021-02-17T12:41:00","date_gmt":"2021-02-17T11:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=6758"},"modified":"2021-02-17T12:41:00","modified_gmt":"2021-02-17T11:41:00","slug":"antiziganismus-sprachpolitik-und-deutscher-geist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2021\/02\/antiziganismus-sprachpolitik-und-deutscher-geist\/","title":{"rendered":"Antiziganismus, Sprachpolitik und deutscher Geist"},"content":{"rendered":"<p>von <em>Benjamin Horvath<\/em><\/p>\n<p>Mit \u201eDie Beste Instanz\u201c rief Enissa<br \/>\nAmani in k\u00fcrzester Zeit ein Panel zusammen, um auf die unertr\u00e4gliche<br \/>\nWDR-Sendung \u201eDie letzte Instanz\u201c zu reagieren. Diese Reaktion war<br \/>\nabsolut notwendig, wies aber gewisse Schw\u00e4chen auf.<\/p>\n<p>Dass allzu viele Sendungen<br \/>\nim deutschen Fernsehen nicht anzuschauen sind, sollte kritische<br \/>\nGeister wenig verwundern. Die<br \/>\nWDR-Sendung \u201eDie letzte Instanz\u201c vom 29.01.2021 konnte daraus<br \/>\nsogar noch hervorstechen. Mit<br \/>\neiner Talkrunde aus Personen, die weder in ihren jeweiligen<br \/>\nFeldern noch zu gesellschaftlichen Fragen Qualit\u00e4t oder Expertise<br \/>\nzeigen.<\/p>\n<p><span id=\"more-6758\"><\/span><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Aufreger \u00fcber die Sendung lag gr\u00f6\u00dftenteils am Beharren auf der Verwendung rassistischer Begriffe durch vier wei\u00dfe Deutsche, die sich dar\u00fcber beschwerten, dass heutzutage nichts mehr gesagt werden d\u00fcrfe. Das Gros der Runde sprach Menschen ab, sich von diskriminierenden Begriffen verletzt zu f\u00fchlen. Kurz stach hier Micky Beisenherz als eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige \u2013 jedoch nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzende \u2013 Stimme der Vernunft mit der Aussage heraus, man solle Worte eben \u00e4ndern, wenn sich viele Leute durch diese verletzt f\u00fchlen. Er wandte jedoch passiv-aggressiv ein, ihm sei der Aufwand sich dagegen zu wehren zu gro\u00df \u2013 wohl weil er die Meinungsdiktatur schon im Nacken sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Bei \u201eDie Beste Instanz\u201c versammelte<br \/>\nsich eine diverse Runde aus dem Bereich des antirassistischen<br \/>\nAktivismus und der Rassismus\/Antisemitismus-Forschung, die dazu auch<br \/>\nalle Mitglied einer rassistisch bzw. antisemitisch<br \/>\nmarkierten Gruppe sind. Es<br \/>\nwurde also ein kaum zu<br \/>\nersch\u00f6pfendes Reservoir an Erfahrungen und Wissen<br \/>\nakkumuliert, das jedoch die erste halbe Stunde zun\u00e4chst die<br \/>\nAlbtr\u00e4ume des ach-so-unterdr\u00fcckten deutschen Volkstums wahr machte<br \/>\nund sich um Sprachhygiene sorgte.<\/p>\n<p>In einem irritierenden Eiertanz wurde<br \/>\nmit Ersatzworten wie \u201eZ-Wort\u201c, \u201eM-Wort\u201c und \u201eN-Wort\u201c um<br \/>\nrassistische Begriffe herum man\u00f6vriert, die aber nach M\u00f6glichkeit<br \/>\nselbst nicht mehr ausgesprochen werden sollen. \u201eZigeuner\u201c bspw.<br \/>\nsoll durch \u201erassistische Fremdbezeichnung gegen Sinti und Roma\u201c<br \/>\nersetzt werden, da dies weniger an Ersteres denken lasse. Amani<br \/>\nbest\u00e4rkte die Hoffnung, durch die Vermeidung diskriminierender Worte<br \/>\ndiese \u201eauszuradieren\u201c, womit \u2013 so wirkt es \u2013 die Hoffnung<br \/>\nverbunden zu sein scheint, rassistisches Denken \u00fcberhaupt abbauen zu<br \/>\nk\u00f6nnen. Dieses Vorhaben wurde im weiteren Verlauf aber ad absurdum<br \/>\ngef\u00fchrt, indem \u2013 aus unerfindlichen Gr\u00fcnden \u2013 auf eine<br \/>\ndiskriminierende Bezeichnung f\u00fcr J\u00fcd:innen in den USA hingewiesen<br \/>\nwurde, die in Deutschland \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 weitgehend weder bekannt<br \/>\nist noch ein hiesiges \u00c4quivalent hat. Doch dem nicht genug, wurden<br \/>\ndie Zuschauer:innen danach dazu aufgerufen sich im Internet eine<br \/>\n\u00dcbersicht anzuschauen in der weltweit existierende, vielf\u00e4ltige<br \/>\ndiskriminierende Begriffe aufgelistet sind.<\/p>\n<p>Sprechen und Denken<\/p>\n<p>Doch bereits die Pr\u00e4misse dieses<br \/>\nAbschnitts ist kritikw\u00fcrdig. Die postmoderne Fixierung auf Sprache<br \/>\n(Sprache ist Macht, durch sie wird Gewalt ausge\u00fcbt) l\u00e4sst eben<br \/>\njenen Irrglauben zu, durch die \u00c4nderung der Sprache auch das Denken<br \/>\nzu \u00e4ndern. Dass sich niemand \u2013 oder zumindest die Wenigsten \u2013<br \/>\nrassistisch betiteln lassen m\u00f6chten und sich in entsprechenden<br \/>\nSituationen davon verletzt f\u00fchlen, sollte jeder zur Empathie f\u00e4higen<br \/>\nund willigen Person einleuchten. Der simple Austausch von Worten<br \/>\nbirgt aber auch Gefahren, wie das Verh\u00e4ltnis zwischen \u201eZigeuner\u201c<br \/>\nund Rom:nja beispielhaft zeigt:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist es notwendig<br \/>\nklarzumachen, dass zwischen den Termini Rom:nja und \u201eZigeuner\u201c<br \/>\nein qualitativer Unterschied besteht. \u201eZigeuner\u201c steht f\u00fcr ein<br \/>\nStereotyp, das zwar haupts\u00e4chlich, aber nicht ausschlie\u00dflich, auf<br \/>\nRom:nja angewendet wurde. Die stereotype Zuschreibung als \u201eZigeuner\u201c<br \/>\nhat in den wenigsten F\u00e4llen etwas mit der wirklichen Lebensrealit\u00e4t<br \/>\njener Menschen zu tun, auf die dieses Stereotyp angewendet wird. Wenn<br \/>\nes \u00dcberschneidungen zwischen Stereotyp und Lebensrealit\u00e4t gibt,<br \/>\nbem\u00fcht sich die Mehrheitsgesellschaft nicht nach den Hintergr\u00fcnden<br \/>\nbestimmter Handlungen zu fragen, sondern verlagert die Gr\u00fcnde<br \/>\nreflexartig ins <em>Blut<\/em> der diskriminierten Personen. In jenem<br \/>\nWitz von Barbara Sch\u00f6neberger, der in einem Einspieler bei \u201eDie<br \/>\nletzte Instanz\u201c gezeigt wurde, zeigt sich die Diskrepanz zwischen<br \/>\nStereotyp und Wirklichkeit. Sie fragte, was der politisch korrekte<br \/>\nAusdruck f\u00fcr Zigeuner-So\u00dfe sei. Die Antwort: So\u00dfe ohne festen<br \/>\nWohnsitz. Weder m\u00f6chte die Mehrheitsgesellschaft<br \/>\nanerkennen, dass die Mehrheit der Rom:nja nicht nomadisch<br \/>\nlebt, noch hinterfragt sie, weshalb Menschen davon ausgeschlossen<br \/>\nwaren, sich an einem festen Ort niederzulassen.<\/p>\n<p>Rom:nja und Angeh\u00f6rige anderer Gruppen<br \/>\nwurden im NS als \u201eZigeuner\u201c und nicht als jene Menschen verfolgt,<br \/>\ndie sie individuell sind. Analog dazu wurden J\u00fcd:innen durch den<br \/>\nAntisemitismus zu Angeh\u00f6rigen einer nicht-existenten semitischen<br \/>\nRasse erkl\u00e4rt; selbst diejenigen, die nach den Regeln des Judentums<br \/>\nnicht j\u00fcdisch waren. Um an diesem Unterschied festzuhalten, kann die<br \/>\nForschung auf den Terminus Antiziganismus nicht verzichten und<br \/>\nstattdessen von \u201eRassismus gegen Sinti und Roma\u201c sprechen.<br \/>\nAntiziganismus ist mehr als nur Rassismus. Er hat \u00dcberschneidungen<br \/>\nmit anderen Rassismen, ist dabei aber auch eine ganz spezielle<br \/>\nAusformung, die sich eine lange Geschichte mit dem Antijudaismus und<br \/>\nAntisemitismus teilt.\n<\/p>\n<p>Ein reiner Austausch der Worte<br \/>\n\u201eZigeuner\u201c und Rom:nja w\u00fcrde dieser Diskrepanz nicht gerecht<br \/>\nwerden. Durch den plumpen sprachlichen Austausch werden die Begriffe<br \/>\ndeckungsgleich und es<\/p>\n<p>gibt keinen Grund mehr, die alten<br \/>\nStereotype nicht auch unter dem neuen Begriff zu denken. Damit landet<br \/>\nman in der Euphemismus-Tretm\u00fchle. Die deutsche Geschichte beweist,<br \/>\nwie wenig zielf\u00fchrend es ist, sich rein an Begriffen abzuarbeiten:<br \/>\nBereits vor wie auch nach 1945 gab es alternative, nichtsdestotrotz<br \/>\nantiziganistische Begriffe wie \u201eLandfahrer\u201c oder \u2013 sehr perfide<br \/>\n\u2013 \u201eMEM\u201c f\u00fcr \u201eMobile ethnische Minderheit\u201c. Der neue<br \/>\nBegriff hat die Polizeibeh\u00f6rden nach 1945 aber in keinster Weise<br \/>\ndavon abgehalten, \u201eZigeunerakten\u201c aus der Zeit des NS zu<br \/>\n\u00fcbernehmen. Und heutzutage  schafft es sogar die NPD auf ihren<br \/>\nAufklebern \u201eSinti und Roma\u201c zu benutzen. Die Bild-Zeitung und<br \/>\n\u00e4hnliche Formate gehen noch einen Schritt weiter und sprechen nur<br \/>\nnoch von \u201eRum\u00e4nen und Bulgaren\u201c als Chiffre f\u00fcr<br \/>\nantiziganistische Stereotype.\n<\/p>\n<p>Dass das \u201eZ-Wort\u201c f\u00fcr Markierte<br \/>\nschmerzhaft ist, ist nachvollziehbar, aber es ist erstens \u2013 wie in<br \/>\n\u201eDie Beste Instanz\u201c richtig angemerkt \u2013 nicht die Aufgabe der<br \/>\nBetroffenen, der deutschen Gesellschaft ihren Rassismus auszutreiben.<br \/>\nUnd zweitens ist \u2013 polemisch gesagt \u2013 niemandem damit geholfen,<br \/>\nwenn in den n\u00e4chsten deutschen Lagern Menschen ein \u201eR\u201c statt<br \/>\neinem \u201eZ\u201c eint\u00e4towiert wird.<\/p>\n<p>Der deutsche Geist<\/p>\n<p>Das Schlimme an der Sendung \u201eDie<br \/>\nletzten Instanz\u201c war nicht allein die Weigerung, auf<br \/>\ndiskriminierende Begriffe zu verzichten und das sich lustig machen<br \/>\n\u00fcber jene, die dies einfordern. Es war der <em>deutsche Geist<\/em>,<br \/>\nder die gesamte Sendung durchzog. Gleich zu Beginn werden<br \/>\nAktienunternehmen mit \u201eFC\u201c oder \u201eBorussia\u201c im Namen als<br \/>\n\u201eTraditionsfu\u00dfball\u201c verkauft, die der Moderator<br \/>\n\u201eWei\u00dfblechdosen\u201c-Vereinen entgegen stellt. Die Talkrunde<br \/>\nbem\u00e4ngelte fehlenden Humor: Jenen klassisch deutschen Humor, der<br \/>\nsich auf Minderheiten und Marginalisierte st\u00fcrzt, statt auf die<br \/>\nM\u00e4chtigen. Als Gesellschaft Stra\u00dfennamen in Frage zu stellen, wird<br \/>\nals Affront gegen die Traditionen gewertet und erntet gerade Mal<br \/>\nbescheidenen Applaus. Lieber wird sich auf einen alten<br \/>\n\u201eGrundwerte-Katalog\u201c berufen, durch den auf Sprachsensibilit\u00e4t<br \/>\nverzichtet werden m\u00fcsse, um sich \u201ewichtigeren Probleme\u201c zu<br \/>\nwidmen. Diese<br \/>\nsind ihrer Meinung nach die viel zu harten Regelungen f\u00fcr<br \/>\nPolizisten, wodurch diese sich alles gefallen lassen m\u00fcssten, v\u00f6llig<br \/>\n\u00fcberfordert seien und afrikanische und arabische Drogendealer<br \/>\nungestraft davon k\u00e4men. Der autorit\u00e4re deutsche Geist fordert<br \/>\nh\u00e4rtere Gesetze, um die Polizei bzw. ihre \u201eSchutzm\u00e4nner\u201c zu<br \/>\nsch\u00fctzen. Wegen ein paar schwarzen Schafen \u00fcberhaupt auf<br \/>\nPolizeigewalt, Rassismus und Rechtsextremismus in der Polizei (das<br \/>\neigentliche Thema des Abschnitts) einzugehen, ist die Sendezeit zu<br \/>\nschade. Vielmehr br\u00e4uchten die ach so vielen, vielen migrantischen<br \/>\nMenschen, die gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben, endlich<br \/>\nMal ein Stimme. Das <em>deutsche Volk<\/em> spricht nun Mal, wie das<br \/>\n<em>deutsche Volk<\/em> denkt. Es geht also, wie Max Czolleck in \u201eDie<br \/>\nBeste Instanz\u201c sagte, um mehr als mit einer korrekten Sprache zu<br \/>\nsprechen. Das kam in der Sendung jedoch leider deutlich zu kurz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Benjamin Horvath Mit \u201eDie Beste Instanz\u201c rief Enissa Amani in k\u00fcrzester Zeit ein Panel zusammen, um auf die unertr\u00e4gliche WDR-Sendung \u201eDie letzte Instanz\u201c zu reagieren. Diese Reaktion war absolut notwendig, wies aber gewisse Schw\u00e4chen auf. 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