{"id":56173,"date":"2021-02-17T18:57:00","date_gmt":"2021-02-17T17:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=6754"},"modified":"2021-02-17T18:57:00","modified_gmt":"2021-02-17T17:57:00","slug":"autoritaeten-empfehlen-staatlich-erlaubtes-nachdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2021\/02\/autoritaeten-empfehlen-staatlich-erlaubtes-nachdenken\/","title":{"rendered":"Autorit\u00e4ten empfehlen: Staatlich erlaubtes Nachdenken"},"content":{"rendered":"<p> Ein Kommentar der <em>Redaktion<\/em> <em>Sachzwang FM<\/em><\/p>\n<p>Zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/querfunk.de\/artikel\/autoritaeten-empfehlen-staatlich-erlaubtes-nachdenken\"  rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Querfunk - Freies Radio Karlsruhe (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Querfunk &#8211; Freies Radio Karlsruhe<\/a><\/p>\n<p>In seiner Selbstdarstellung hei\u00dft es, &#8222;der Deutsche Ethikrat  besch\u00e4ftigt sich mit den gro\u00dfen Fragen des Lebens. Mit seinen  Stellungnahmen und Empfehlungen gibt er Orientierung f\u00fcr die  Gesellschaft und die Politik. [&#8230;] Der Deutsche Ethikrat hat [&#8230;] die  Nachfolge des [&#8230;] von der Bundesregierung eingerichteten Nationalen  Ethikrates angetreten.&#8220; Nun hat die gesalbte Institution mal wieder,  gleich einem moralischen Donnerschlag, das Wort ergriffen &#8230; und als  w\u00e4re das der Rede wert.\u00b2<\/p>\n<p> I.<\/p>\n<p>Doch worum geht es \u00fcberhaupt? Den Ethikrat treibt, wie alle Menschen,  vor allem alle Deutschen, die ungemein originelle Frage um: &#8222;Ab wann  soll man die strengen Ma\u00dfnahmen in Deutschland wieder lockern?&#8220; Und der  Rat der Ethik-Weisen l\u00e4\u00dft h\u00f6chstverbindlich verlautbaren: &#8222;Es ist zu  fr\u00fch, \u00d6ffnungen <em>jetzt <\/em>vorzunehmen, aber es ist nie zu fr\u00fch,  \u00fcber Kriterien f\u00fcr \u00d6ffnungen nachzudenken. Alles andere w\u00e4re ein  obrigkeitsstaatliches Denken, das bei uns nicht verfangen sollte und mit  dem man das so notwendige Vertrauen der Bev\u00f6lkerung nicht st\u00e4rken  w\u00fcrde.&#8220; So der Vorsitzende des Ethikrates, passenderweise ein  Theologieprofessor namens Dabrock.<\/p>\n<p><span id=\"more-6754\"><\/span><\/p>\n<p>Der m\u00fcndige B\u00fcrger, die m\u00fcndige B\u00fcrgerin, so ungemein m\u00fcndig, da\u00df er  oder sie doch tats\u00e4chlich der offiziellen ethischen Befugnis bedarf, um  geistig t\u00e4tig zu werden. Und dann noch gegen &#8222;obrigkeitsstaatliches  Denken&#8220;, als wenn es nicht genau um dessen Ein\u00fcbung ginge.   Wozu sonst  br\u00e4uchte man in einer m\u00fcndigen Gesellschaft einen Ethikrat? Ein  Verfassungsgericht? \u00dcberhaupt einen Staat?<br \/>Doch sind ja bekanntlich die Deutschen, die gerne den Rest des  Kontinents (und m\u00f6glichst der ganzen Welt) niederkonkurrieren, nicht  besonders m\u00fcndig, sondern viel lieber flei\u00dfig, belastbar und  diszipliniert. Vermutlich wollen sie heute in ihrer \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit  doch nur schnell wieder ans Arbeiten. Das kann doch so nicht  weitergehen! In Scharen klagen sie \u00fcber &#8222;Lagerkoller&#8220;, als w\u00fc\u00dften sie,  wovon sie da reden, die doch seit jeher andere in Lager gesteckt haben.  Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn mal jemand gegen den selbstauferlegten <em>intellektuellen <\/em>Lagerkoller aufbegehrte.<\/p>\n<p>&#8222;Die Mitglieder des Ethikrats fordern eine offene Debatte&#8220;, hei\u00dft es. Doch wer ist hier Adressat? War es bisher <em>irgendwem <\/em>verboten,  \u00fcber Termine, Roadmaps oder auch nur Kriterien zur Aufhebung der  administrativen Ma\u00dfnahmen zu debattieren? zu r\u00e4sonieren? zu schreiben  oder zu reden? Offensichtlich nicht.\u00b3 Die vermeintliche Forderung des  Ethikrats ist doch nur ein Appell; der Kurf\u00fcrst w\u00fcnscht eine nationale  Aussprache im Volke \u00fcber die wichtige Frage, wann wieder flei\u00dfig zu  arbeiten sei!<\/p>\n<p>Wer erst einen beh\u00f6rdlichen Tip braucht, um geistig t\u00e4tig zu werden,  von dem ist ohnehin nichts gutes zu erwarten. Mitnichten ist es nur eine  Frage von Stil und Ansprache, da\u00df die Maxime &#8222;Denke selbst!&#8220; ein  Paradox darstellt, kommt sie doch selbst in jener imperativen Form  daher, die nur Leute erreicht, die nichts dabei finden, Befehle  auszuf\u00fchren. Wer selbst denkt, l\u00e4\u00dft sich dazu gerne <em>implizit<\/em> und <em>inhaltlich <\/em>anregen  oder provozieren, bedarf aber erstens keiner Anweisung und zweitens  keiner politischen oder moralischen Autorit\u00e4t \u2013 und sei es ein  &#8222;Ethikrat&#8220;, der das Outsourcing intellektuell-moralischen R\u00e4sonements  aus der b\u00fcrgerlichen Regierungspraxis nur besonders pikant verdeutlicht.  In der verblichenen DDR hatte man immerhin noch die Ehrlichkeit,  Chefideologen (auch die eigenen) als solche zu bezeichnen und auch die  eigene W\u00fchlarbeit als &#8222;Desinformation und Propaganda&#8220; zu benennen.<\/p>\n<p>\n\tII.<\/p>\n<p>Die appellative Geste der ethisch-moralischen Chefdenker atmet  denselben Geist wie das in der Verfassung verankerte Widerstandsrecht  gegen verbrecherische Befehle. Wer nur deshalb gegen m\u00f6glicherweise  menschenverachtende Staatspraxis opponiert, weil mal ein  &#8222;Widerstandsrecht&#8220; in der Verfassung gestanden haben sollte (ein solches  w\u00fcrde im Ernstfall gewi\u00df als erstes kassiert werden), ist in Sachen  Humanismus, M\u00fcndigkeit und selbst\u00e4ndigem Denken ganz schlecht beraten.<br \/>Als vorgebliche Lehre aus dem staatgewordenen Nazifaschismus hat man  die Farce des nominellen &#8222;Widerstandsrechts&#8220; in den Verfassungsrang  erhoben. So feierlich wie schwammig wird dort &#8222;geregelt&#8220;, da\u00df im Falle  einer (nat\u00fcrlich pl\u00f6tzlich auftretenden und diese Gesetzesregelung  unangetastet lassenden) &#8222;Diktatur&#8220; Befehle verweigert und anderweitiger  Widerstand geleistet werden &#8222;darf&#8220; und sogar soll. Nat\u00fcrlich gegen genau  die Staatsgewalt, die \u00fcber die Einhaltung des gesalbten  Verfassungswortlauts (in immer noch funktionierender Gewaltenteilung)  wacht \u2013 so ist die legislative Patientenverf\u00fcgung des Staates offenbar  gemeint. Die mit ihrem Staat identischen Deutschen scheinen solcherart  Regelungen wirklich zu bed\u00fcrfen: &#8222;Revolution in Deutschland? Wenn die  einen Bahnhof besetzen wollen, l\u00f6sen sie doch zuerst eine  Bahnsteigkarte!&#8220; (Uljanow)<br \/>Und so hat das omin\u00f6se gesetzliche &#8222;Widerstandsrecht&#8220; wohl auch den einzigen Sinn, den Deutschen einzureden, sie <em>h\u00e4tten <\/em>ja im Nationalsozialismus Widerstand geleistet, wenn sie denn nur gedurft h\u00e4tten.<\/p>\n<p>\n\tIII.<\/p>\n<p>Alles w\u00e4re aber nur halb so schlimm, wenn nicht auch die selbsternannte  Opposition den Intelligenzquotienten verbriefter Jasager h\u00e4tte. Da\u00df  auch vermeintliche Querdenker&nbsp;\u2013 und seien es solche, die vorgeben,  besonders das Nachdenken anzuregen&nbsp;\u2013 ihren Adressaten keinen Zentimeter  autonomer Gedankenf\u00fchrung zutrauen, zeigt exemplarisch die folgende  Instruktion: &#8222;Werben Sie bitte f\u00fcr die Lekt\u00fcre und Weitergabe dieses  Buches&#8220; oder Flugblatts. &#8222;Geben Sie Ihr eigenes Exemplar zur Lekt\u00fcre an  Freunde und Bekannte weiter, nutzen Sie es als Geschenk und empfehlen  Sie es weiter.&#8220; &#8222;Deshalb die Bitte: Weitersagen. [&#8230;] Oder: Drucken Sie  interessante Artikel aus [&#8230;] und geben Sie diese an Ihre Freunde und  Bekannten weiter. Oder nutzen Sie immer mal wieder Ihren  E-Mail-Verteiler zum Versenden von solchen besonders informativen und  aufkl\u00e4renden Beitr\u00e4gen.&#8220; So die hilfreichen Tips der sogenannten <em>NachDenkSeiten <\/em>(&#8222;Die  kritische Webseite&#8220;, originellerweise &#8222;f\u00fcr alle, die sich noch eigene  Gedanken machen&#8220;, nicht ohne dabei offenbar betreut werden zu m\u00fcssen).  Die Rede ist \u00fcbrigens von einem Buch mit dem bezeichnenden Titel &#8222;Glaube  wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst&#8220;. Ich wage die Behauptung, da\u00df  es mit dem Selberdenken&nbsp;\u2013 oder auch nur gerne Denken&nbsp;\u2013 bei Leuten nicht  so weit her ist, die sich von Zwei-Wort-S\u00e4tzen k\u00f6dern lassen. Und gerne  Imperativen folgen.<\/p>\n<p>\n\t\u00b2) Es h\u00e4tte auch die amtierende Bundesbeauftragte f\u00fcr Kultur und<br \/>\nMedien, Monika Gr\u00fctters, sein k\u00f6nnen; \u00fcbrigens nicht nur optisch eine<br \/>\nWiederg\u00e4ngerin von Birgit Breuel, sondern der ehemaligen Treuhand-Chefin<br \/>\n und Expo-2000-Generalkommissarin \u2013 wenn auch in anderem Ressort der<br \/>\nideologischen Staatsapparate \u2013 als Funktion\u00e4rin durchaus ebenb\u00fcrtig. Ein<br \/>\n Schuft, wer da an die Reichskulturkammer denkt.<\/p>\n<p>\n\t\u00b3) Hat doch schnell jeder eine Meinung zum Einwechseln von Spieler X<br \/>\nseitens des Trainers Y oder zum Abgasgrenzwert der Regierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar der Redaktion Sachzwang FM Zuerst erschienen bei Querfunk \u2013 Freies Radio Karlsruhe In seiner Selbstdarstellung hei\u00dft es, \u201eder Deutsche Ethikrat besch\u00e4ftigt sich mit den gro\u00dfen Fragen des Lebens. 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