{"id":60216,"date":"2022-01-26T18:51:06","date_gmt":"2022-01-26T17:51:06","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=7456"},"modified":"2022-01-26T18:51:06","modified_gmt":"2022-01-26T17:51:06","slug":"toxische-maennlichkeit-ein-kritischer-begriff-fuer-das-patriarchat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2022\/01\/toxische-maennlichkeit-ein-kritischer-begriff-fuer-das-patriarchat\/","title":{"rendered":"Toxische M\u00e4nnlichkeit: Ein kritischer Begriff f\u00fcr das Patriarchat?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit dem Begriff der toxischen M\u00e4nnlichkeit diskutiert inzwischen eine breite \u00d6ffentlichkeit \u00fcber destruktive m\u00e4nnliche Verhaltensweisen. Das Konzept bleibt jedoch individualistisch und es fehlt ihm an gesellschaftspolitischer Sch\u00e4rfe. Bieten sich dennoch Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die feministische Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Markus Textor<\/em><\/p>\n<p><em>zuerst erschienen in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.iz3w.org\/zeitschrift\/ausgaben\/387_maennlichkeit\/textor\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.iz3w.org\/zeitschrift\/ausgaben\/387_maennlichkeit\/textor\" >iz3w Ausgabe 387 Nov\/Dez 2021<\/a><\/em><\/p>\n<p><p>Manchmal sorgt bereits eine kleine Brosch\u00fcre f\u00fcr gro\u00dfen Wirbel. Als die American Psychological Association 2019 einen Ratgeber \u00fcber die \u00bbPsychologische Arbeit mit Jungen und M\u00e4nnern\u00ab ver\u00f6ffentlichte, in dem sie vor den negativen psychischen Folgen \u00bbtraditioneller M\u00e4nnlichkeit\u00ab warnte, ging ein Aufschrei durch die konservative Presselandschaft. Ohne m\u00e4nnliche Aggression und Mut, meinte etwa ein Kommentator des US-Fernsehsenders Fox News, w\u00fcrde die Menschheit noch in H\u00f6hlen leben. Allen Abwehrreaktionen zu trotz zeigt die Diskussion, dass es das Thema toxische M\u00e4nnlichkeit in die breite \u00d6ffentlichkeit geschafft hat. Es geht um gef\u00e4hrliche, gewaltt\u00e4tige oder eben traditionelle Verhaltensweisen, mit denen M\u00e4nner sich und anderen schaden. Wie sich das genau \u00e4u\u00dfert und wem es schadet, bleibt allerdings oft uneindeutig. Ebenso unklar ist, wie sich der unpr\u00e4zise Begriff f\u00fcr politische Ver\u00e4nderung heranziehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><span id=\"more-7456\"><\/span><\/p>\n<p><strong>Toxisch oder gesund?<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland arbeitet der P\u00e4dagoge Sebastian Tippe zu diesem Thema. In seinem Buch \u00bbToxische M\u00e4nnlichkeit\u00ab schreibt er, diese \u00bbbeschreibt problematische Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen, die [\u2026] an die traditionelle M\u00e4nnerrolle gekoppelt und eng mit patriarchalen Strukturen und hegemonialer M\u00e4nnlichkeit verkn\u00fcpft sind und mit denen Jungen und M\u00e4nner anderen und\/oder sich selbst [\u2026] schaden\u00ab. Mit dem Fokus auf destruktives Verhalten tritt dabei jedoch ein entscheidender Aspekt in den Hintergrund: M\u00e4nner profitieren von patriarchalen Verh\u00e4ltnissen. Auch der australische Geschlechterforscher Michael Flood betont die Schw\u00e4chen des Begriffs: \u00bbM\u00e4nnlichkeit mag f\u00fcr M\u00e4nner \u201atoxisch\u2018 sein, aber sie lohnt sich, indem sie M\u00e4nnern ungerechte und unverdiente Privilegien verschafft.\u00ab Die Kritik an toxischer M\u00e4nnlichkeit als destruktive Auspr\u00e4gung m\u00e4nnlichen Verhaltens beinhaltet zudem immer auch den impliziten Verweis auf eine vermeintlich gesunde M\u00e4nnlichkeit, die dieser gegen\u00fcbergestellt wird. Dass M\u00e4nnlichkeit an sich etwas Erstrebenswertes sei, bleibt also vorausgesetzt.<\/p>\n<p>War man da nicht schon einmal weiter? Feministische Theorien zum Thema M\u00e4nnlichkeit haben stets versucht, das Systematische am Patriarchat zu beschreiben: Die wirtschaftlichen Vorteile, der bevorzugte Zugang zu gesellschaftlichen und beruflichen Positionen, die ungerechte Arbeitsverteilung im Haushalt oder bei der Sorge f\u00fcr Andere \u2013 und eben auch die systematische Abwertung alles nicht M\u00e4nnlichen (Seite 21). Die Debatten um toxische M\u00e4nnlichkeit scheinen oft hinter diese Erkenntnisse zur\u00fcckzufallen. Weiter f\u00fchrt da ein kritischer Forschungsansatz der Soziologin Raewyn Connell, die von \u00bbhegemonialer M\u00e4nnlichkeit\u00ab spricht. Im Vergleich zur toxischen M\u00e4nnlichkeit kann unter Bezug auf Connells Theorie eine klare Aussage gemacht werden, wann eine M\u00e4nnlichkeit als hegemonial, also vorherrschend, bezeichnet werden kann: Wenn sie sich in einer Gesellschaft erfolgreich durchgesetzt hat und breite Akzeptanz genie\u00dft. Ob das heute bei einer traditionellen oder gar gewaltt\u00e4tigen M\u00e4nnlichkeit der Fall ist, muss in Frage gestellt werden. Ist hier \u201adie\u2018 M\u00e4nnlichkeit gemeint? Letztlich sch\u00f6pft das Konzept der toxischen M\u00e4nnlichkeit aus einer Vielzahl verschiedener kritischer Ans\u00e4tze. Um eine ausgearbeitete Theorie handelt es sich jedoch nicht, diesbez\u00fcglich fehlt es dem Begriff an notwendiger Sch\u00e4rfe.<\/p>\n<p><strong>M\u00e4nnlichkeit verlernen<\/strong><\/p>\n<p>So wird das Gesellschaftliche bei der toxischen M\u00e4nnlichkeit nur am Rande behandelt. Die Debatten sind stark p\u00e4dagogisch gepr\u00e4gt: Toxische M\u00e4nnlichkeit werde erlernt und k\u00f6nne folglich auch wieder verlernt werden. Auch in Sebastian Tippes Buch geht es zentral um das Thema Sozialisation und um Strategien, mit denen die toxische M\u00e4nnlichkeit verlernt werden soll. Nun f\u00fchrt aber eine solche p\u00e4dagogische Herangehensweise nicht unmittelbar zur Ver\u00e4nderung der patriarchalen Verh\u00e4ltnisse. Tippe geht zwar davon aus, dass sich die Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern k\u00f6nnten, w\u00fcrden mehr M\u00e4nner f\u00fcr feministische Themen sensibilisiert werden und er bietet Workshops f\u00fcr M\u00e4nner an. F\u00fchrt der Weg zu einer nicht-patriarchalen Gesellschaft also allein \u00fcber Selbstreflektion und Therapien? Dass die \u00dcberwindung des Patriarchats auf diesem Weg lange dauern d\u00fcrfte, wei\u00df auch Tippe.<\/p>\n<p>Andererseits scheint mit der Debatte um toxische M\u00e4nnlichkeit gesellschaftlich etwas in Bewegung geraten zu sein. So sieht Michael Flood, trotz aller Kritik, auch die St\u00e4rken des Konzepts toxischer M\u00e4nnlichkeit: In einer breiten \u00d6ffentlichkeit wird M\u00e4nnlichkeit erstmals als etwas Soziales und Erlerntes verhandelt, das folglich auch ver\u00e4nderbar ist. Zudem sei das Konzept gerade wegen seiner Einfachheit anschlussf\u00e4hig, um feministische Kritiken und Politiken zu popularisieren. Oftmals sind damit verbundene Theorien komplex und schwer zug\u00e4nglich. Etwas zu popularisieren kann vor diesem Hintergrund hilfreich sein und politische Ver\u00e4nderungen f\u00f6rdern. Doch wie genau dies umgesetzt werden kann, beschreibt auch Flood nicht.<\/p>\n<p><strong>Der Kampf um die Hegemonie<\/strong><\/p>\n<p>Diesbez\u00fcglich lohnt es sich, die Politik- und Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe heranzuziehen, da mit ihr gezeigt werden kann, unter welchen Bedingungen gesellschaftliche Diskurse zu politischer Ver\u00e4nderung f\u00fchren k\u00f6nnen. In ihrem einflussreichen Werk \u00bbHegemonie und radikale Demokratie\u00ab analysieren Laclau und Mouffe, wie die feministische Bewegung die patriarchale Hegemonie herausgefordert hat. Sie schreiben, dass dies erst gelingen konnte, nachdem es im demokratischen Diskurs m\u00f6glich war zu artikulieren, dass es eine Frauenunterdr\u00fcckung gibt. Nachdem die feministischen Positionen artikuliert werden konnten, war es der Bewegung auch m\u00f6glich, konkrete widerst\u00e4ndige Forderungen zu stellen. Diese bekamen ihre Durchschlagskraft vor allem durch die zunehmende Popularit\u00e4t. Aber auch, weil sie sich inhaltlich derart verdichtet haben, dass f\u00fcr die gesellschaftlichen Subjekte nachvollziehbar war, warum es sinnvoll ist, gegen das Patriarchat aufzubegehren. Landl\u00e4ufig ist dieser Kampf um die Hegemonie auch als Diskursverschiebung bekannt.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich mit dem Konzept toxische M\u00e4nnlichkeit also auch die patriarchale Hegemonie herausfordern? Um den patriarchalen Diskurs nachhaltig zu verschieben, m\u00fcsste sich die Diskussion ebenfalls verdichten, so dass erkennbar w\u00fcrde, warum, wann, f\u00fcr wen und inwiefern manche m\u00e4nnlichen Handlungsweisen sch\u00e4dlich sind, aber auch, welche Rolle sie im Patriarchat einnehmen. Das gelingt in den Debatten um toxische M\u00e4nnlichkeit bisher unzureichend. Es fehlt die gesellschaftliche Dimension und eine klare Benennung der Profiteure patriarchaler Verh\u00e4ltnisse. Weiter f\u00fchrt uns hier der oben genannte Begriff der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit von Connell, in dem verschiedene Erkenntnisse der M\u00e4nnlichkeitsforschung zusammenlaufen. Mit ihm lassen sich Aussagen dar\u00fcber treffen, wann eine M\u00e4nnlichkeit als hegemonial erachtet werden kann und warum dies so ist. Aufgrund dessen wird das Konzept auch international herangezogen, um M\u00e4nnlichkeiten zu analysieren, was es prinzipiell anschlussf\u00e4hig macht, um damit antipatriarchale Politik zu betreiben. Andererseits ist dem akademischen Thema der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit bisher nicht dieselbe mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden wie dem popularisierten Konzept der toxischen M\u00e4nnlichkeit. Popularisierungen und Modebegriffe k\u00f6nnen durchaus f\u00fcr politische Zwecke eingesetzt werden. Dies ist aber nur erfolgreich, wenn die Ziele und Forderungen politisch pr\u00e4zise sind. Die feministische Bewegung etwa konnte auf klare Forderungen wie Frauenwahlrecht, \u00f6konomische Gleichstellung oder k\u00f6rperliche Selbstbestimmung verweisen. Lie\u00dfen sich ausgehend von dem Konzept der toxischen M\u00e4nnlichkeit vergleichbare politische Forderungen formulieren, w\u00e4re das ein wichtiger Schritt f\u00fcr eine antipatriarchale Bewegung. Ansonsten aber wird toxische M\u00e4nnlichkeit ein unpr\u00e4zises Konzept bleiben, das im schlimmsten Fall dem Patriarchat ein politisch korrekteres Facelift verpasst, statt es nachhaltig zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p><em>Markus Textor <\/em>ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Erziehungswissenschaft der P\u00e4dagogischen Hochschule Freiburg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Begriff der toxischen M\u00e4nnlichkeit diskutiert inzwischen eine breite \u00d6ffentlichkeit \u00fcber destruktive m\u00e4nnliche Verhaltensweisen. Das Konzept bleibt jedoch individualistisch und es fehlt ihm an gesellschaftspolitischer Sch\u00e4rfe. 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