{"id":60896,"date":"2022-06-11T12:50:44","date_gmt":"2022-06-11T11:50:44","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=7760"},"modified":"2022-06-11T12:50:44","modified_gmt":"2022-06-11T11:50:44","slug":"wachstum-bis-zur-unendlichkeit-und-noch-viel-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2022\/06\/wachstum-bis-zur-unendlichkeit-und-noch-viel-weiter\/","title":{"rendered":"Wachstum: Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ern\u00fcchternde Erkenntnislage zur Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch<\/strong><\/p>\n<p>Von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>Zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2022\/06\/wachstum-unendlichkeit\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2022\/06\/wachstum-unendlichkeit\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Disposable Times<\/a><\/p>\n<p><strong>Mit gr\u00fcnem Wachstum soll der Kapitalismus doch noch das Klima retten. Allein: Was an empirischem Material zum Thema vorliegt, gibt keinerlei Anlass, dass diese Hoffnung belastbar ist. Wir geben einen \u00dcberblick \u00fcber die Studienlage.<\/strong><\/p>\n<p>Dass es auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein unendliches Wachstum geben kann, erscheint als Schlussfolgerung so naheliegend, dass es schon eine Menge Volkswirtschaftslehre braucht, um zur gegenteiligen \u00dcberzeugung zu gelangen. \u201eEs geht\u201c, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Schnabel, Direktorin bei der Europ\u00e4ischen Zentralbank, und in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ghlScsDl030\"  rel=\"noreferrer noopener\">Interview Ende M\u00e4rz<\/a> erl\u00e4uterte sie, wie sie sich das vorstellt: \u201eDer Punkt ist ja der, dass wir besser werden. Und wir entwickeln Technologien, mit denen wir \u2013 also ich meine, das ist ja im Begriff: \u00d6konomie hei\u00dft ja Haushalten. Das hei\u00dft: mit knappen Ressourcen umgehen. Das hei\u00dft, die \u00d6konomie ist eigentlich pr\u00e4destiniert daf\u00fcr, mit diesem Problem der knappen Ressourcen umzugehen. Und das hei\u00dft, man braucht Innovation und kluge K\u00f6pfe, die neue Technologien entwickeln, die einem helfen, mit weniger Ressourcenverbrauch Dinge zu produzieren oder was auch immer. (\u2026) Die gr\u00fcne Wende ist ein Wachstumsprogramm. Das ist unsere wichtigste M\u00f6glichkeit, aus der Wachstumsschw\u00e4che, die wir hatten, herauszukommen: neue Technologien zu entwickeln.\u201c<\/p>\n<p><span id=\"more-7760\"><\/span><\/p>\n<p>Auch der gr\u00fcne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will f\u00fcr den Schutz einer intakten Umwelt nicht auf Wachstum verzichten, denn: \u201eZu sagen: <em>Wir verzichten auf die Idee von Wachstum <\/em>hei\u00dft irgendwann: <em>Wir verzichten auf die Idee von Fortschritt.<\/em>\u201c Bei der \u201eEr\u00f6ffnungsbilanz Klimaschutz\u201c im Januar dieses Jahres machte Habeck seinen Standpunkt klar: \u201eEs geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern es geht darum, Wachstum und Entkopplung von Ressourcenverbrauch beziehungsweise CO2-Einsparungen zu kombinieren.\u201c Klappt es also, die Wohlstandsproduktion von ihrer stofflichen Grundlage zu loszul\u00f6sen? Dem anwesenden Publikum pr\u00e4sentierte der Minister eine Grafik mit zwei Kurven: Die eine geht nach oben und zeigt das Wachstum der Bundesrepublik, die andere geht nach unten und soll die CO2-Bilanz erfassen. Damit ist der Beweis laut Habeck bereits erbracht: \u201eDass es m\u00f6glich ist, das sehen sie ja.\u201c<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: Trotz Wachstum des Bruttoinlandsprodukts sind die j\u00e4hrlichen CO2-Emissionen in Deutschland im Vergleich zu 1990 um etwa ein Drittel gesunken, von 1.052 Millionen Tonnen auf aktuell 675 Millionen Tonnen. Kann der Kapitalismus also doch das Klima retten?<\/p>\n<p>Es gibt durchaus Beispiele, wie eine <em>relative<\/em> Entkopplung von Produktion und Emissionen gelingen kann, etwa dank verbesserter Effizienz in der Automobilindustrie: So verursachen Kraftfahrzeuge heute in der Fertigung wie bei der Fahrt durchschnittlich weniger Schadstoffe als vor 20 Jahren \u2013 allerdings h\u00f6rt das Problem hier noch nicht auf. Denn die Zahl der Autos ist in der Zwischenzeit so stark gestiegen, dass die \u201eabsoluten Kohlendioxid-Emissionen im Stra\u00dfeng\u00fcterverkehr heute um 21 Prozent h\u00f6her als 1995\u201c, wie das Umweltbundesamt bilanziert, verbunden mit der Feststellung: \u201eDas Mehr an Pkw-Verkehr hebt den Fortschritt auf.\u201c<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich im globalen Ma\u00dfstab: In einzelnen Segmenten der Industrie sind durchaus beachtliche Effizienzsteigerungen zu beobachten, die einen sparsameren Einsatz von Ressourcen und Rohstoffen erm\u00f6glichen. Allerdings kommt es beim weltumspannenden Problem der rasanten Erderhitzung auf die Gesamtbilanz an \u2013 und die ist desastr\u00f6s: Seitdem der Klimaschutz in den 1990er Jahren in den Fokus der internationalen Politik r\u00fcckte, haben sich die globalen Emissionen nahezu verdoppelt. Ausnahmen vom Trend sich permanent \u00fcberbietender Allzeit-Rekorde bei der Treibhausgas-Freisetzung gab es nur, wenn Weltwirtschaftskrisen dazwischenfunkten.<\/p>\n<p><strong>Ern\u00fcchternde Erkenntnislage zur Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch<\/strong><\/p>\n<p>Die Hoffnung namens gr\u00fcnes Wachstum, die sich auch in der B\u00f6rsenwelt immer gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit erfreut, steht dabei auf \u00e4u\u00dferst wackligen F\u00fc\u00dfen. So hat ein 16-k\u00f6pfiges Team um Dominik Wiedenhofer vom <em>Wiener Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie<\/em> hat untersucht, was bisher an belastbaren Erkenntnissen zum Thema Entkoppelung vorliegt. Die Forscher:innen haben mehr als 11.500 wissenschaftliche Publikationen durchleuchtet, schlie\u00dflich 835 Volltexte empirischer Studien analysiert und ihre Ergebnisse 2020 zusammengefasst. Dabei kommen sie zu dem Resultat, dass f\u00fcr gew\u00f6hnlich \u201ekeine \u00fcberzeugenden Beweise f\u00fcr eine absolute Entkopplung im erforderlichen Umgang\u201c zu finden waren oder aber die Aussagen uneindeutig bleiben (<a href=\"https:\/\/iopscience.iop.org\/article\/10.1088\/1748-9326\/ab8429\/pdf\"  rel=\"noreferrer noopener\">Link zur Studie<\/a>).<\/p>\n<p>Ob das Scheitern einer empirischen Beweisf\u00fchrung nur an einer mangelhaften Datenbasis liegt? Laut dem Forschungsteam sei bei der Menge von Fachliteratur zu Entkopplung und Wirtschaftswachstum eine drastische Zunahme zu beobachten, mit einer j\u00e4hrlichen Wachstumsrate von etwa 20 Prozent seit 2005. Dabei kritisieren Wiedenhofer und Co. allerdings, dass ein \u00fcberw\u00e4ltigender Gro\u00dfteil der Untersuchungen sich dem Thema von einem \u201evereinfachten und rein statistischen \u00f6konomischen Standpunkt ann\u00e4hert\u201c, dass sich nur ein kleiner Teil mit Langzeitperspektiven befasst und schlie\u00dflich, dass \u201edie M\u00f6glichkeit einer grundlegenden Inkompatibilit\u00e4t zwischen Wirtschaftswachstum und systemischer gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen, um die Klimakrise anzugehen, nur selten in Erw\u00e4gung gezogen wird\u201c.<\/p>\n<p>Auch das Europ\u00e4ische Umweltb\u00fcro (EUB) hat sich auf Spurensuche begeben, ob gr\u00fcnes Wachstum im Sinne einer permanenten und globalen Entkoppelung vom Ressourcenverbrauch m\u00f6glich ist \u2013 und spricht von einem \u201eHeuhaufen ohne Nadel\u201c. Das Fazit sei gleicherma\u00dfen \u201e\u00fcberw\u00e4ltigend klar wie ern\u00fcchternd\u201c: Nicht nur gebe es \u201ekeine empirische Evidenz\u201c, dass eine absolute Entkopplung gegenw\u00e4rtig stattfinde. Es erscheine auch, \u201eunwahrscheinlich, dass eine solche Entkopplung in Zukunft geschehen wird\u201c. Die Strategie sei daher vergleichbar damit, einen Baum mit einem L\u00f6ffel f\u00e4llen zu wollen: Wenn \u00fcberhaupt m\u00f6glich, handele es sich um ein sehr langwieriges Vorhaben, das aller Voraussicht nach zum Scheitern verurteilt sei. Wachstumsorientierte Konzepte gegen die Klimakrise seien daher eine \u201eextrem riskante und unverantwortliche Wette\u201c, und auf Entkopplung zu setzen, erscheine \u201eweniger als Gelegenheit denn als Drohung\u201c. (<a href=\"https:\/\/eeb.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Decoupling-Debunked.pdf\"  rel=\"noreferrer noopener\">Link zur Studie<\/a>)<\/p>\n<p>Obwohl es einzelnen Staaten mitunter gelingt, ihre CO2-Bilanzen zu verbessern und weiter zu wachsen, gebe es nach Einsch\u00e4tzung des EUB mehrere Gr\u00fcnde, skeptisch zu bleiben. Besonders gravierend fallen dabei Externalisierungseffekte in Gewicht: Demnach w\u00fcrden zum Beispiel Probleme wie eine besonders schadstoffreiche und umweltbelastende Produktion bisweilen einfach von Staaten mit nominell niedriger CO2-Bilanz in Staaten mit h\u00f6herer CO2-Bilanz verlagert. Zusammenfassend hei\u00dft es, es erscheine dringend geboten, nach Alternativen zu gr\u00fcnem Wachstum zu suchen.<\/p>\n<p>Auch eine Gruppe finnischer Forscher:innen um Tere Vad\u00e9n hat in einer Meta-Studie 179 Fachartikel zum Thema untersucht \u2013 und kritisiert, dass dort, wo Evidenz f\u00fcr eine Entkopplung von Kohlendioxid-Emissionen und Wirtschaftsleistung vorzuliegen scheint, die m\u00f6gliche Verlagerung in andere L\u00e4nder nicht ber\u00fccksichtigt werde. Abgesehen von Treibhausgasen sei auch keine Entkopplung vom Rohstoffverbrauch feststellbar \u2013 laut den Vereinten Nationen wurden der Natur 2017 mehr als drei Mal so viele Rohstoffe wie 1970 entnommen \u2013, und f\u00fcr eine aus \u00f6kologischer Sicht ausreichend schnelle Entkopplung fehle laut Vad\u00e9n und Kolleg:innen jede Evidenz. \u201eIn Abwesenheit belastbarer Beweise basiert das Ziel der Entkopplung teils auf Glaube.\u201c (<a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S1462901120304342?via%3Dihub\"  rel=\"noreferrer noopener\">Link zur Studie<\/a>)<\/p>\n<p>Allerdings haben sich die Befunde der Empirie noch nicht \u00fcberall herumgesprochen. \u201eJa, doch es geht\u201c, bekr\u00e4ftigt EZB-Direktorin Schnabel im eingangs erw\u00e4hnten Interview. \u201eEs geht schon. Ich glaube, es geht. Sonst h\u00e4tten wir ein Problem.\u201c<\/p>\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ern\u00fcchternde Erkenntnislage zur Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch Von Minh Schredle Zuerst erschienen bei Disposable Times Mit gr\u00fcnem Wachstum soll der Kapitalismus doch noch das Klima retten. Allein: Was an empirischem Material zum Thema vorliegt, gibt keinerlei Anlass, dass diese \u2026 <a href=\"http:\/\/emafrie.de\/wachstum-bis-zur-unendlichkeit-und-noch-viel-weiter\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">\u2192<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":928,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2525,1615,2521,1099,2527,2659,2528,1819,2529,2524],"class_list":["post-60896","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-alternativen","tag-arbeit","tag-kapital-und-krise","tag-kapitalismus","tag-krise","tag-minh-schredle","tag-oekologie","tag-politik","tag-reflektierter-antikapitalismus","tag-soziale-bewegungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60896","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/928"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60896"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60896\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60959,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60896\/revisions\/60959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60896"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60896"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}