{"id":60963,"date":"2022-06-27T13:55:37","date_gmt":"2022-06-27T12:55:37","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=7783"},"modified":"2022-06-27T13:55:37","modified_gmt":"2022-06-27T12:55:37","slug":"zahnraeder-und-schmetterlinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2022\/06\/zahnraeder-und-schmetterlinge\/","title":{"rendered":"Zahnr\u00e4der und Schmetterlinge"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum Natur unberechenbar und Technokratie absurd ist<\/strong><\/p>\n<p>Zu Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind.<\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p><em>zuerst erschienen in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/586\/zahnraeder-und-schmetterlinge-8260.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/586\/zahnraeder-und-schmetterlinge-8260.html\" >KONTEXT: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 586 am 22. Juni 2022<\/em><\/p>\n<p>Wo das Klima au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t, glaubt die technokratische Ideologie weiterhin an die Beherrschbarkeit der Natur. Der Philosoph und Dramaturg Fabian Scheidler h\u00e4lt organische Systeme f\u00fcr etwas komplexer und sprach im Stuttgarter Studiotheater \u00fcber die Krise des Lebens auf der Erde.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr es beim letzten Mal vor 66 Millionen Jahren einen kolossalen Asteroiden brauchte, gen\u00fcgt heute die vermeintliche Normalit\u00e4t eines Wirtschaftssystems, das seine Fans f\u00fcr sehr erfolgreich halten: In der Geschichte der Massensterben auf dem Planeten werden die gro\u00dfen f\u00fcnf, die es bislang gab, gerade um ein sechstes erweitert. Laut der Weltnaturschutzunion \u00fcbertrifft der gegenw\u00e4rtig registrierte Artenschwund die Rate des normalen Aussterbens (also ohne menschlichen Einfluss) um das 1.000- bis 10.000-Fache, jeder Tag bedeutet f\u00fcr 380 Tier- und Pflanzenarten ein Nimmerwiedersehen.<\/p>\n<p><span id=\"more-7783\"><\/span><\/p>\n<p>Der Impakt unserer Wirtschafts- und Lebensweise auf die planetare Vielfalt ist also am ehesten mit Katastrophen im kosmischen Ma\u00dfstab vergleichbar, und diese dramatische Entwicklung innerhalb weniger hundert Jahre ist eines der Beispiele, das Fabian Scheidler als Begr\u00fcndung anf\u00fchrt, warum er von einer &#8222;Krise des Lebens auf der Erde&#8220; spricht. Hinzu kommen sich abzeichnende S\u00fc\u00dfwasser-Engp\u00e4sse in vielen Erdregionen, der Verlust fruchtbarer Ackerb\u00f6den durch industrielle Landwirtschaft, der Klimawandel, der bei all diesen Problemen als Brandbeschleuniger wirkt. Und obwohl die Alarmglocken kaum noch schriller gellen k\u00f6nnten, gab es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nur wenige Anzeichen f\u00fcr einen grundlegenden Kurswechsel, sondern im Gegenteil: eine Verschlechterung der Zust\u00e4nde auf allen Krisenfeldern. Wobei sich die Dynamik, die den \u00f6kologischen Amoklauf herbeif\u00fchrt, tendenziell immer weiter beschleunigt.<\/p>\n<p>&#8222;Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich eng mit einem Wirtschaftssystem zusammen, das vor ungef\u00e4hr 500 Jahren entstanden ist und das nicht existieren kann, ohne permanent zu wachsen&#8220;, sagt Scheidler bei der Pr\u00e4sentation seines Buchs &#8222;Der Stoff, aus dem wir sind&#8220; im Stuttgarter Studiotheater. Und f\u00fcr dieses Wachstum m\u00fcsse Natur unabl\u00e4ssig in Waren verwandelt werden, wobei der Ressourcenhunger best\u00e4ndig zunimmt: Laut den Vereinten Nationen wurden der Erde 2017 mehr als drei Mal so viele Rohstoffe wie 1970 entnommen.<\/p>\n<p>&#8222;Dieses Wirtschaftssystem&#8220;, sagt Scheidler, &#8222;hat sich zusammen mit einem bestimmten Naturverst\u00e4ndnis entwickelt, einer technokratischen Ideologie&#8220;, f\u00fcr die zwei Merkmale kennzeichnend seien: der Glaube an die beliebige Zerlegbarkeit der Natur nach Art eines Lego-Baukaustens und der Glaube an die Beherrschbarkeit der Natur. Auf Basis dieser Annahmen w\u00fcrden allerlei Eingriffe vorgenommen, ohne die komplexen Systeme, die davon betroffen sind, wirklich verstanden zu haben. Etwa wenn Mischw\u00e4lder durch Monokulturen ersetzt werden, um Ertr\u00e4ge und Effizienz zu steigern, und die B\u00e4ume pl\u00f6tzlich absterben, weil die Einfalt der Bepflanzung zu einer h\u00f6heren Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Sch\u00e4dlinge f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Das Leben ist nicht berechenbar&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Es ist paradox: W\u00e4hrend das menschliche Realexperiment der Naturbeherrschung mit deutlich sichtbaren Folgen immer tragischer verungl\u00fcckt, erfreuen sich in der Sph\u00e4re der parlamentarischen Politik bislang vor allem L\u00f6sungsstrategien gro\u00dfer Beliebtheit, die auf technologische Innovationen, also noch mehr Naturbeherrschung setzen. Doch bleiben die betroffenen \u00d6kosysteme und die darin lebenden Wesen weitgehend unverstanden. &#8222;Das mechanistische Weltbild begreift Menschen und Tiere als komplexe Maschinen&#8220;, sagt Scheidler. &#8222;Aber keine Wissenschaft der Welt kann vorhersagen, wie sich meine Katze in zwei Minuten verhalten wird. Da kann ich so viele Supercomputer an sie anschlie\u00dfen wie ich will, ich werde es nicht herausfinden.&#8220; Und das Gleiche gelte ebenso f\u00fcr Eidechsen und Fadenw\u00fcrmer.<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/c\/csm_Klima_jr_210924_1434_5cd21bc8e6.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>Weil also die Innenwelten selbst einfachster Organismen ein Mysterium bleiben, ist nur folgerichtig, dass die Evolutionsbiologie keine seri\u00f6sen Vorhersagen treffen kann, welche neuen Arten zuk\u00fcnftig entstehen werden. &#8222;Leben ist nicht berechenbar, und ein empfindender Organismus ist etwas grunds\u00e4tzlich Anderes&nbsp;als ein Uhrwerk mit seinen Zahnr\u00e4dern.&#8220; Die Idee von Herrschaft und Kontrolle \u00fcber lebende Systeme sei deswegen eigentlich eine Absurdit\u00e4t.<\/p>\n<p>F\u00fcr ziemlich verr\u00fcckt h\u00e4lt Scheidler auch das, was er die falsche Hierarchie nennt: &#8222;In politischen Diskussionen hei\u00dft es immer wieder, ein \u00f6kologischer Umbau d\u00fcrfe die Wirtschaft nicht zu sehr belasten. Das ist vollkommener Nonsens. Denn jede \u00d6konomie und Gesellschaft kann nur ein Subsystem des gro\u00dfen Systems Biosph\u00e4re sein. Wenn die Biosph\u00e4re \u00fcber ein bestimmtes Ma\u00df gest\u00f6rt oder zerst\u00f6rt wird, dann wird es auch keine \u00d6konomie und keine Gesellschaft mehr geben.&nbsp;Ein untergeordnetes System kann das \u00fcbergeordnete System weder beherrschen noch kann es unendlich darin wachsen.&#8220; Diese zwei Erkenntnisse m\u00fcssten eigentlich schon ausreichen, damit der Erhalt der Biosph\u00e4ren oberste Priorit\u00e4t erh\u00e4lt. &#8222;Und wenn man die \u00d6konomie daf\u00fcr sehr tiefgreifend umbauen muss, dann ist das eben so, egal wie schwierig das sein mag. Das sagt ja&nbsp;auch der&nbsp;sch\u00f6ne Satz: Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs mehr.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chsten Jahrzehnte werden hart<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine \u00d6konomie im Dienst von Gesellschaft und Biosph\u00e4re \u2013 statt Gesellschaft und Biosph\u00e4re im Dienst der \u00d6konomie \u2013 br\u00e4uchte es allerdings epochemachende Umw\u00e4lzungen. Scheidler setzt dabei eher auf soziale Bewegungen als auf die parlamentarische Politik, pl\u00e4diert f\u00fcr Schulterschl\u00fcsse etwa zwischen Klimaaktivismus, dem Kampf f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, ein besseres Gesundheitssystem und die Anerkennung von Care-Arbeit. Denn: &#8222;Alle gro\u00dfen sozialen Errungenschaften sind durch kollektive Organisation entstanden&#8220;, beispielsweise die Erfolge der Arbeiterbewegung. Im Kern steht dabei laut Scheidler immer die Frage: &#8222;Worum geht es eigentlich in \u00d6konomie und Gesellschaft? Um die Anh\u00e4ufung m\u00f6glichst vieler G\u00fcter und Waren? Oder um die Entfaltung unserer Innenwelten, also um das, was man mit einem anderen Wort auch Kultur nennt?&#8220; Statt zwei Prozent des Bruttonlandproduktes f\u00fcr das Milit\u00e4r auszugeben, wie aktuell von der Bundesregierung geplant, h\u00e4tte er lieber zwei Prozent f\u00fcr die Kultur, die aktuell nur&nbsp;mit 0,35 Prozent&nbsp;gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Scheidler ist stark gepr\u00e4gt von den Werken Immanuel Wallersteins. Der Soziologe hat 2002 in seiner Utopistik eine Phase des \u00dcbergangs prognostiziert, weil das Weltsystem mit seinem Wachstumszwang unausweichlich auf eine existenzielle Krise zusteuere. &#8222;Wir wissen nicht, ob dies zum Besseren oder zum Schlechteren sein wird&#8220;, hei\u00dft es bei Wallerstein. &#8222;Wir werden dies erst wissen, wenn wir dorthin gelangt sind, was m\u00f6glicherweise noch weitere 50 Jahre dauern kann. Wir wissen allerdings, dass die Periode des \u00dcbergangs f\u00fcr alle, die in ihr leben, sehr schwierig sein wird.&#8220; Doch werde es ebenso &#8222;eine Zeit sein, in der der Faktor des freien Willens zum Maximum gesteigert wird, was bedeutet, dass jede individuelle und kollektive Handlung eine gr\u00f6\u00dfere Wirkung beim Neuaufbau der Zukunft haben wird als in normalen Zeiten, also w\u00e4hrend der Fortdauer eines historischen Systems&#8220;.<\/p>\n<p>Angesichts der vielen globalen Krisen, die sich derzeit zuspitzen, geht Scheidler davon aus, dass uns die kommenden Jahrzehnte in eine chaotische und gef\u00e4hrliche \u00dcbergangsphase f\u00fchren. &#8222;Aber&nbsp;die Geschichte ist offen&#8220;, sagt er und verweist auf den Schmetterlingseffekt, wonach ein Fl\u00fcgelschlag in Brasilien einen Tornado in Texas ausl\u00f6sen kann. &#8222;Wer h\u00e4tte gedacht, dass eine 16-J\u00e4hrige mit einem Pappschild die gr\u00f6\u00dfte Jugendbewegung der Gegenwart initiiert? Das Leben ist immer f\u00fcr \u00dcberraschungen gut.&#8220;<\/p>\n<p><em>Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/fabian-scheidler.de\/der-stoff-aus-dem-wir-sind\/\" >Erschienen im Piper-Verlag<\/a>, 304 Seiten, zu haben f\u00fcr 20 Euro.<\/em><br \/><em>Fabian Scheidler, Jahrgang 1968, studierte Geschichte, Philosophie und Theaterregie. Er ist Autor mehrerer Sachb\u00fccher und der Oper &#8222;Tod eines Bankers&#8220;. 2009&nbsp;bekam er den Otto-Brenner-Medienpreis f\u00fcr kritischen Journalismus verliehen. Scheidler ist Mitbegr\u00fcnder des Formats <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/KontextTV\" >Kontext-TV<\/a>, das sich Fragen der globalen Gerechtigkeit widmet&nbsp;(und mit dem die Kontext:Wochenzeitung nichts zu tun hat).<\/em><\/p>\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Natur unberechenbar und Technokratie absurd ist Zu Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind. von Minh Schredle zuerst erschienen in KONTEXT: Wochenzeitung Ausgabe 586 am 22. 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