{"id":61873,"date":"2022-12-16T16:52:13","date_gmt":"2022-12-16T15:52:13","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8090"},"modified":"2022-12-16T16:52:13","modified_gmt":"2022-12-16T15:52:13","slug":"auf-sand-gebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2022\/12\/auf-sand-gebaut\/","title":{"rendered":"Auf Sand gebaut"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die globale Arbeits\u00f6konomie und die WM in Katar<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Nikolaus Gietinger<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/emafrie.de\/construindo-sobre-areia\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/emafrie.de\/construindo-sobre-areia\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Vers\u00e3o em portugu\u00eas<\/a><\/p>\n<p>zuerst erscheinen in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2022\/46\/auf-sand-gebaut\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2022\/46\/auf-sand-gebaut\" >Jungle World<\/a> 46\/2022 vom 17.November 2022<\/p>\n<p><strong>In den Golfstaaten arbeiten Millionen von Wanderarbeiter:innen, allerdings nicht im Hauptgesch\u00e4ft mit \u00d6l oder Gas. Sie schuften f\u00fcr die sinnlosen Prestigebauten der futuristischen W\u00fcstenst\u00e4dte.<\/strong><\/p>\n<p>Die Liste der Skandale bei der Ausrichtung der Fifa-Fu\u00dfballweltmeisterschaft der M\u00e4nner im islamischen W\u00fcstenstaat Katar ist lang: Das Emirat ist bekannt f\u00fcr diverse Menschenrechtsverletzungen, der Bericht \u00bbFreedom in the World 2021\u00ab der US-amerikanischen NGO Freedom House bewertet das Land mit nur 25 von 100 Punkten als \u00bbnicht frei\u00ab. Homosexualit\u00e4t steht \u00adunter Strafe, das auf der Sharia beruhende Gesetzbuch in Katar sieht daf\u00fcr sieben Jahre Haft vor. Homosexuellen Muslimen droht sogar die Todesstrafe, auch wenn sie hierf\u00fcr noch nie vollstreckt wurde. G\u00fctigerweise hat \u00adKatar aber angek\u00fcndigt, dass Regenbogenflaggen w\u00e4hrend der WM erlaubt sein werden.<\/p>\n<p>Neben den Korruptionsvorw\u00fcrfen, die sich um die Vergabe der WM an Katar ranken, ist auch die Situation der Wanderarbeiter:innen, die dort am Bau der Infrastruktur f\u00fcr die WM beteiligt sind, ein vieldiskutiertes Thema. Eine Dokumentation \u00fcber die menschen\u00adunw\u00fcrdigen Arbeits- und Unterbringungsbedingungen folgt auf die n\u00e4chste und alle halbe Jahre muss bilanziert werden, dass sich daran trotz anderslautender Versprechungen nichts gebessert hat. Die UN und verschiedene NGOs fordern v\u00f6llig zu Recht, dass die sklaverei\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde abgeschafft werden m\u00fcssen. Was allerdings h\u00e4ufig auf der Strecke bleibt, ist eine Analyse der Gr\u00fcnde f\u00fcr das Gastarbeitersystem, welches nicht nur in Katar besteht, sondern in allen Staaten des Gulf Cooperation Council (GCC), dem Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p><span id=\"more-8090\"><\/span><\/p>\n<p>1971 wurde das gr\u00f6\u00dfte bekannte Gasfeld vor der K\u00fcste Katars entdeckt, den g\u00e4ngigen Sch\u00e4tzungen zufolge birgt es fast ebenso gro\u00dfe Reserven wie alle \u00adanderen Gasfelder der Welt zusammen. Im selben Jahr wurde das Land un\u00adabh\u00e4ngig von Gro\u00dfbritannien. Au\u00dfer dem Gas brachten auch die \u00d6lvorkommen immense Profite. Heute stammen 80&nbsp;Prozent der staatlichen Einnahmen und 90&nbsp;Prozent der Exporte Katars aus dem Gesch\u00e4ft mit \u00d6l und Gas. Aus diesen speist sich also die Investitionskraft des Landes.<\/p>\n<p>Katar rekrutierte in den achtziger Jahren und bis in die neunziger Jahre hinein vor allem arabische Arbei\u00adte\u00adr:innen aus den muslimischen \u00bbBruderv\u00f6lkern\u00ab aufgrund der gemeinsamen Sprache und Religion. Sp\u00e4ter versuchte man jedoch, Arbeiter:innen ohne Bezug zur Golfregion anzuwerben, da sie ohne Sprachkenntnisse und als fremd Wahrgenommene leichter ausbeutbar sind.<\/p>\n<p>Dabei wandte man sich S\u00fcd- und S\u00fcdostasien zu, aufgrund der relativen N\u00e4he, aber vor allem wegen der dort kennzeichnenden Kombination aus fehlender Industrie, Arbeitslosigkeit und Bev\u00f6lkerungsdichte. Auch die Textilindustrie nutzt schon seit Jahrzehnten L\u00e4nder wie Indonesien, Bangladesh, Indien und Vietnam als Reservoirs f\u00fcr billige Arbeitskr\u00e4fte. Heutzutage sind in den GCC-Staaten durchschnittlich 70&nbsp;Prozent der Arbeiter:innen Mi\u00adgran\u00adt:innen. In Katar sind nur ungef\u00e4hr zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung einheimisch. Der Rest kommt \u00fcberwiegend aus Indien, Bangladesh, Nepal, \u00c4gypten, den Philippinen, Pakistan und Sri Lanka.<\/p>\n<p>Die katarischen B\u00fcrger:innen arbeiten vor allem im Staatsdienst und der Verwaltung. Wie in anderen Golfstaaten auch regelt das Kafala-System die Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter:innen. Meist ist es der Arbeitgeber, der als rechtlicher B\u00fcrge fungiert. Dadurch sind die Ar\u00adbei\u00ad\u00adter:innen besonders abh\u00e4ngig und es besteht ein gro\u00dfes Machtgef\u00e4lle zwischen ihnen und dem Arbeitgeber.<\/p>\n<p>Nicht selten wird Migrant:innen bei der Einreise der Pass abgenommen und vom Arbeitgeber bis Vertragsende einbehalten. Die Organisation Vital Signs, die das Ausma\u00df und die Ursachen von Todesf\u00e4llen unter migrantischen Arbeiter:innen in der Golfregion untersucht hat, sch\u00e4tzt in ihrer Studie, dass jedes Jahr an die 10 000 Menschen aus S\u00fcd- und S\u00fcdostasien in den GCC-Staaten sterben. Beobachter wie Nicholas McGeehan oder die Organisation Amnesty International bezeichnen das Kafala-System als moderne Sklaverei. Auch wenn es in manchen GCC-L\u00e4ndern formal abgeschafft wurde, hat sich in der Praxis meist wenig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Trotz dieser Verh\u00e4ltnisse machen sich Millionen von Menschen auf den Weg, um in den Golfstaaten zu arbeiten. Die Situation in ihren Herkunftsl\u00e4ndern ist meist hoffnungslos, und auch wenn der Lohn am Golf f\u00fcr westliche Verh\u00e4ltnisse sehr niedrig ist, k\u00f6nnen die Arbeiter:innen einen Teil zur\u00fccklegen, um ihren Familien Geld zu \u00fcberweisen. Diese Auslands\u00fcberweisungen haben inzwischen gewaltige Ausma\u00dfe angenommen: Im Jahr 2013 stammte aus den GCC-Staaten fast ein Viertel der Auslands\u00fcberweisungen weltweit \u2013 rund 90 Milliarden US-Dollar. 2018 kamen aus den GCC-Staaten bereits fast 80 Milliarden US-Dollar der Auslands\u00fcberweisungen allein in die s\u00fcdostasiatischen L\u00e4nder. Das entspricht ungef\u00e4hr 60 Prozent aller Auslands\u00fcberweisungen in diese Region insgesamt.<\/p>\n<p>Die Internationale Organisation f\u00fcr Arbeit (ILO) rechnet in einem Bericht von 2020 vor, dass im Jahr 2019 287&nbsp;Milliarden US-Dollar an Auslands\u00fcber\u00adweisungen von Migrant:innen in 17 asiatische L\u00e4nder flossen. Diese \u00dcberweisungen machen einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der betreffenden L\u00e4nder aus. Am h\u00f6chsten ist dieser Anteil in Nepal, das circa 30&nbsp;Prozent seines BIP aus diese \u00dcberweisungen sch\u00f6pft. In anderen L\u00e4ndern wie Pakistan, den Philippinen oder Sri Lanka schwankt ihr Anteil am BIP zwischen acht und zehn Prozent. In Vietnam, Kambodscha, \u00adMyanmar, Bangladesh und Afghanistan machen die \u00dcberweisungen etwa 4,5 bis 6,5&nbsp;Prozent des BIP aus.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeit haben die Ursprungsl\u00e4nder der Migrant:innen nur begrenzte M\u00f6glichkeiten, ihre Staatsangeh\u00f6rigen mit diplomatischen Mitteln zu unterst\u00fctzen, um Arbeitsbedingungen zu verbessern oder die L\u00f6hne zu erh\u00f6hen. Eher f\u00f6rdert man die Arbeitsmigration noch, da sie Geld ins Land bringt und die \u00adArbeitslosigkeit senkt.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird, wie in der Sonderausgabe des Fu\u00dfballmagazins 11 Freunde zur WM in Katar aus dem Mai 2021, davon ausgegangen, dass jedes Land, welches eine Industrialisierung durchl\u00e4uft, zwangsl\u00e4ufig irgendwann bei einem demokra\u00adtischen Rechtsstaat nach dem Vorbild der westlichen Industriestaaten der sech\u00adziger Jahre enden werde, inklusive garantierten Arbeitsrechten f\u00fcr alle. In Katar sei dies aufgrund des \u00adrasanten Aufstiegs zur reichen Nation nicht passiert. Dabei bilden L\u00e4nder wie Russland, China, Iran oder die T\u00fcrkei anschauliche Beispiele, die diese entwicklungstheoretische These widerlegen. Unter anderem die Fifa argumentiert mit der positiven Auswirkung der WM auf die Menschenrechtslage in Katar. Allerdings ist es fraglich, ob derzeit in Bezug auf Arbeits- und Menschenrechte tats\u00e4chlich ein relevanter Wandel in Katar stattfindet; \u00fcberdies k\u00f6nnen f\u00fcr die Zeit der WM zur Imageaufbesserung verf\u00fcgte Ma\u00dfnahmen danach wieder zur\u00fcckgenommen werden.<\/p>\n<p>Davon auszugehen, dass \u00bbder Westen\u00ab durch die internationale Kooperation im Rahmen einer globalen Sportveranstaltung einen positiven Einfluss auf eine vermeintlich zur\u00fcckgeblie\u00adbene Nation aus\u00fcben werde, ist absurd angesichts der Tatsache, dass viele westliche Unternehmen an Bauprojekten in Katar beteiligt sind. Ein Beispiel: In Doha, der Hauptstadt Katars, wurde f\u00fcr die WM eine U-Bahn gebaut. Ma\u00dfgeblich beteiligt waren die Deutsche Bahn, Hochtief und die Tunnelbohrmaschinenfirma Herrenknecht aus dem beschaulichen Schwanau-Allmannsweier in Baden-W\u00fcrttemberg. All diese \u00adFirmen profitierten von den Arbeitsbedingungen, unter denen die Wan\u00adder\u00adarbeiter:innen in Katar ausgebeutet werden. Einen zivi\u00adlisatorischen Vorsprung kann man also h\u00f6chstens sehr bedingt geltend machen.<\/p>\n<p>Auch postkoloniale Erkl\u00e4rungsan\u00ads\u00e4tze sto\u00dfen hier an ihre Grenzen: Hier beuten People of Color andere People of Color aus. Die globale \u00d6konomie ist viel zu komplex, als dass man sie auf aus der Kolonialzeit stammende Konflikte herunterbrechen k\u00f6nnte. Die GCC-Staaten k\u00f6nnen als \u00d6l- und Gasrentiers immense Gewinne erzielen, auch weil die F\u00f6rderung kaum menschliche Arbeitskraft beansprucht. So hatte der staatliche \u00d6lkonzern Qatar Energy im Jahr 2019 gerade mal 8 500 Mitarbeiter, die im Jahr 2020 f\u00fcr einen Umsatz von circa 30&nbsp;Milliarden US-Dollar sorgten. Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr die Migrant:innen gibt es also gr\u00f6\u00dftenteils in anderen Branchen.<\/p>\n<p>Die Planst\u00e4dte, die mitten in die W\u00fcste gebaut werden, stehen symbolisch f\u00fcr die Sinnlosigkeit des Kapita\u00adlismus. Sie verschlingen Unmengen an Beton und anderen Ressourcen und dienen nur dem Prestige der Monarchie. Hier wird nicht gebaut, um grundlegende Bed\u00fcrfnisse von Menschen zu erf\u00fcllen, sondern um den Narzissmus \u00adeiner stinkreichen Elite zu stillen. Doch selbst wenn es diese Bauwut in den Golfstaaten nicht g\u00e4be, w\u00e4re das Pro\u00adblem der Arbeitslosigkeit in Asien und Afrika eher noch dr\u00e4ngender. Der Kritik an der WM in Katar fehlt eine globale Perspektive, die aufzeigen kann, dass es hier nicht um einen Wertekonflikt geht, in dem \u00bbdas Gute\u00ab irgendwann siegen wird. Katar ist keine Anomalie in einer sonst heilen Welt, die dortigen Zust\u00e4nde sind Teil einer weltweiten Krise der Arbeit, die von den Golfstaaten ausgenutzt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die globale Arbeits\u00f6konomie und die WM in Katar von Nikolaus Gietinger Vers\u00e3o em portugu\u00eas zuerst erscheinen in Jungle World 46\/2022 vom 17.November 2022 In den Golfstaaten arbeiten Millionen von Wanderarbeiter:innen, allerdings nicht im Hauptgesch\u00e4ft mit \u00d6l oder Gas. 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