{"id":62031,"date":"2023-01-23T08:55:46","date_gmt":"2023-01-23T07:55:46","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8105"},"modified":"2023-01-23T08:55:46","modified_gmt":"2023-01-23T07:55:46","slug":"lenins-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/01\/lenins-sozialismus\/","title":{"rendered":"Lenins Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p>von <em>Nikolaus Gietinger<\/em><\/p>\n<p>zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2022\/10\/lenins-sozialismus\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2022\/10\/lenins-sozialismus\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Disposable Times<\/a><\/p>\n<p><em>Lenin ist wieder en vogue. Theoretiker wie Andreas Malm graben den Anf\u00fchrer der russischen Revolution von 1917 wieder aus. In ihren Augen kann uns Lenin helfen, den Kapitalismus abzuschaffen und den Klimawandel zu bek\u00e4mpfen. Es bleibt jedoch fraglich, ob Lenin uns heute noch etwas zu sagen hat. Im Gegenteil, mit seinem Arbeitsfetisch und seinem Lob der preu\u00dfischen Disziplin stand Lenin fest auf dem Boden der kapitalistischen Produktionsweise und der Naturzerst\u00f6rung.<\/em><\/p>\n<p><span id=\"more-8105\"><\/span><\/p>\n<p><strong>Ausbeutung als zentraler Widerspruch<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Lenin ist das Problem der kapitalistischen Produktionsweise nicht die Art der Reproduktion der Menschen oder die Produktionsweise an sich. Das Problem stellt sich f\u00fcr ihn als eins der Ausbeutung dar. Dass den Arbeiter*innen nicht der volle Lohn gezahlt wird, sie also von den Kapitalisten ausgebeutet werden, ist der gro\u00dfe Widerspruch des Kapitalismus. Von ihm gehen alle Gemeinheiten und Fehler der Gesellschaft aus. So schreibt Lenin in \u201eStaat und Revolution\u201c \u00fcber seine Vorstellung von Sozialismus:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Erst in der kommunistischen Gesellschaft, wenn der Widerstand der Kapitalisten schon endg\u00fcltig gebrochen ist, wenn die Kapitalisten verschwunden sind, wenn es keine Klassen (d.h. keinen Unterschied zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft in ihrem Verh\u00e4ltnis zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln) mehr gibt \u2013 <em>erst<\/em> dann \u201eh\u00f6rt der Staat auf zu bestehen, und <em>es kann von Freiheit die Rede sein<\/em>\u201c. Erst dann ist eine tats\u00e4chlich vollkommene Demokratie, tats\u00e4chlich ohne jede Ausnahme, m\u00f6glich und wird verwirklicht werden. Und erst dann beginnt die Demokratie <em>abzusterben<\/em>, infolge des einfachen Umstands, da\u00df die von der kapitalistischen Sklaverei, von den ungez\u00e4hlten Greueln, Brutalit\u00e4ten, Widersinnigkeiten und Gemeinheiten der kapitalistischen Ausbeutung befreiten Menschen sich nach und nach <em>gew\u00f6hnen werden<\/em>, die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Unterordnung, <em>ohne den besonderen<\/em> Zwangs<em>apparat<\/em>, der sich Staat nennt, einzuhalten.<\/p>\n<p><cite>Staat und Revolution, S. 103 (Kleine B\u00fccherei des Marxismus-Leninismus)<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Ausbeutung bedeutet hier Mehrwertabsch\u00f6pfung. Der Staat zwingt die Menschen zur Lohnarbeit, also zur Abgabe des Mehrwerts. Sobald jeder bekommt, was er gearbeitet hat, ist das Zwangsverh\u00e4ltnis zu Ende, und dann arbeiten alle \u201ewie von alleine\u201c weiter. Zwang durch Staat und Unterdr\u00fcckung wird nur ausge\u00fcbt, weil der Mehrwert abgezwackt wird.<\/p>\n<p>Lenin m\u00f6chte also eine moderne Gesellschaft mit allen ihren Problemen, nur eben befreit von der Mehrwertproduktion. Das ist der einzige Ansatz f\u00fcr Emanzipation f\u00fcr Lenin.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerliche Fetischisierung von Gesellschaft bei Lenin<\/strong><\/p>\n<p>Wie nah Lenin der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie ist, zeigt sich an seinen Pr\u00e4missen. Was ist mit den \u201eelementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens\u201c gemeint? Ganz in b\u00fcrgerlicher Manier wird hier eine fetischisierte Auffassung von Gesellschaft eingef\u00fchrt. Eigentlich gibt es \u201enat\u00fcrliche Regeln\u201c die jeder kennt, die aber vom Kapitalismus mit seiner Mehrwert-Absch\u00f6pfung korrumpiert werden. Wird der Mehrwert abgeschafft, kommt der Mensch demnach zum <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2021\/03\/pinker-wolf\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Naturzustand<\/a> zur\u00fcck. Es bleibt die Frage, warum die Menschen sich dann daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, wenn es doch sowieso ihr Naturzustand ist. M\u00fcsste es nicht einfach sein, zum Naturzustand zur\u00fcckzufinden?<\/p>\n<p>Scheinbar geht Lenin davon aus, dass eigentlich alle Menschen immer schon diszipliniert und freiwillig viel arbeiten wollen, der Kapitalismus nur den Staat und die Gewalt produziert, um den Mehrwert abzuzwacken, um ausbeuten zu k\u00f6nnen. Ist die Mehrwertproduktion einmal abgeschafft, werden dadurch auch die Gewalt und der Staat abgeschafft. Die Art der Arbeit und die Arbeitsmoral dahinter werden also nicht hinterfragt. So ist es nur folgerichtig, dass Lenin den Aufbau der preu\u00dfischen Post als besonders gutes Beispiel f\u00fcr seine Vorstellung von Sozialismus lobt.<\/p>\n<p>Hier wird wieder deutlich, welch b\u00fcrgerliches Kind Lenin eigentlich ist. Mit Gesellschaft wird sich hier nicht auseinandergesetzt, sie wird einfach, wie bei Adam Smith, vorausgesetzt. Denn es geht auch nicht darum, die Gesellschaft im Ganzen zu ver\u00e4ndern, sie soll im Gro\u00dfen und Ganzen so bleiben, nur befreit vom Mehrwert soll sie sein. Der Wert, die Arbeit und somit die Vermittlung zwischen den Menschen bleiben unangetastet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Marx den Produktionsprozess im Kapitalismus im Allgemeinen zutiefst verabscheute, wie im Kapital zu lesen ist, sah Lenin nicht den Produktionsprozess an sich, sondern nur die Absch\u00f6pfung des Mehrwerts als das eigentliche Problem. Das, was Marx und sp\u00e4ter auch Foucault an der Disziplinargesellschaft kritisieren, m\u00f6chte Lenin gar nicht abschaffen. Im Gegenteil: Die Befreiung von der Ausbeutung des Mehrwerts f\u00fchre dazu, dass alle nun freiwillig arbeiteten, und es somit keinen Staat mehr brauche, der sie zwingt.<\/p>\n<p>Das ist eine klassische Verdrehung der Realit\u00e4t, von Marx Fetisch genannt. Diese leninsche Freiwilligkeit viel arbeiten zu wollen ist eben genau das, was der Kapitalismus den Individuen erst einbl\u00e4ut und eben keine \u201eelementare, von alters her bekannte\u201c Vorschrift, wie Lenin meint.&nbsp;<\/p>\n<p>Disziplin, Militarismus, Arbeitsfetisch und weitere Ausgeburten der Moderne sind somit auch kein Widerspruch zum \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c, und auch nicht, weil die F\u00fchrungsriege korrumpiert war. Die Sowjetunion war so, wie sie war, weil es von vornherein so geplant war. Sie war kein Betriebsunfall aufgrund einer machtgeilen Clique (die gab es nat\u00fcrlich auch), sondern die logische Konsequenz daraus, was sich Lenin und seine Entourage unter Sozialismus vorstellten.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus ist f\u00fcr Lenin das Personal, das die Hebel in der Hand h\u00e4lt. Der Prozess an sich wird nicht hinterfragt. Dies w\u00fcrde den Arbeitsprozess sogar noch verbessern. Alles weil es keine Mehrwertabsch\u00f6pfung mehr gibt:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Unter solchen <em>\u00f6konomischen<\/em> Voraussetzungen ist es durchaus m\u00f6glich, unverz\u00fcglich, von heute auf morgen, dazu \u00fcberzugehen, die Kapitalisten und Beamten, nachdem sie gest\u00fcrzt sind, bei der <em>Kontrolle<\/em> \u00fcber Produktion und Verteilung, bei der <em>Registrierung<\/em> der Arbeit und der Produkte, durch bewaffnete Arbeiter, durch das gesamte bewaffnete Volk zu ersetzen. (Man verwechsle nicht die Frage der Kontrolle und Rechnungsf\u00fchrung mit der Frage des wissenschaftlich ausgebildeten Personals, der Ingenieure, Agronomen u.a.: Diese Herrschaften arbeiten heute und f\u00fcgen sich den Kapitalisten, sie werden morgen noch besser arbeiten und sich den bewaffneten Arbeitern f\u00fcgen.)<\/p>\n<p><cite>Staat und Revolution, S. 116<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<h3><\/h3>\n<\/p>\n<p><strong>Produktivismus<\/strong><\/p>\n<p>Was sich hier zeigt, ist ein ausgepr\u00e4gter Produktivismus. Die Ver\u00e4nderungen des Sozialismus f\u00fchrten laut Lenin zu einem Anstieg der Effizienz. Das hei\u00dft, der Sozialismus beschleunigt die Produktion und alle sollten noch besser arbeiten. Fraglich bleibt hier, inwieweit diese Auffassung f\u00fcr aktuelle Strategien hilfreich ist, da heutzutage genau dieser Produktivismus angesichts des Klimawandels zurecht gegei\u00dfelt wird.<\/p>\n<p>Hier wird deutlich, was Moishe Postone am \u201etraditionellen Marxismus\u201c kritisiert hatte: Dass er die kapitalistische Produktionsweise gar nicht abschaffen m\u00f6chte, sondern seine Produktionsweise, vom Mehrwert befreit, zu sich selbst kommen lassen m\u00f6chte. Kurz: Lenin kritisiert den Kapitalismus nicht daf\u00fcr, dass er zu viel produziert: Nein, er kritisiert ihn daf\u00fcr, dass er es nicht stark genug tut, dass er zu ineffizient ist. So merkw\u00fcrdig diese Auffassung heute anmutet, so grauselig ist auch Lenins Beschreibung des Sozialismus:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Wenn die <em>Mehrheit<\/em> des Volkes anfangen wird, selbst\u00e4ndig allerorts eine solche Rechnungsf\u00fchrung, eine solche Kontrolle \u00fcber die Kapitalisten (die nunmehr Angestellte geworden sind) und \u00fcber die Herren Intellektuellen, die kapitalistische All\u00fcren beibehalten haben, auszu\u00fcben, dann wird diese Kontrolle eine wirklich universelle, allgemeine, eine wirkliche Volkskontrolle werden, dann wird man sich ihr auf keine Weise entziehen k\u00f6nnen, wird man sich vor ihr \u201enirgends retten\u201c k\u00f6nnen. Die gesamte Gesellschaft wird ein B\u00fcro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein.<\/p>\n<p><cite>Staat und Revolution, S. 117<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Was nach einer totalit\u00e4ren Dystopie aus einem Sci-Fi-Film a la \u201eBrazil\u201c oder \u201e1984\u201c klingt, sieht Lenin hier als Ideal f\u00fcr seine Vorstellung von Sozialismus an. Doch diese \u201eFabrikdisziplin\u201c ist f\u00fcr Lenin nicht die letzte Stufe. Denn f\u00fcr ihn sollen sich der Staat und die ganzen Zwangsma\u00dfnahmen, die die Menschen zum Arbeiten zwingen, in sp\u00e4teren Phasen zur\u00fcckziehen. Aber nicht, weil dann auch weniger oder anders gearbeitet werden soll. Sondern weil sich die Menschen an diese Disziplin ohne einen \u00e4u\u00dferen Zwang gew\u00f6hnen. So, wie es angeblich \u201eseit Jahrtausenden\u201c schon der Fall war.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Denn wenn <strong><em>alle<\/em><\/strong> gelernt haben werden, selbst\u00e4ndig die gesellschaftliche Produktion zu leiten, und sie in der Tat leiten werden, wenn sie selbst\u00e4ndig die Rechnungsf\u00fchrung und die Kontrolle \u00fcber M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger, Herrens\u00f6hnchen, Gauner und \u00e4hnliche \u201eH\u00fcter der Traditionen des Kapitalismus\u201c verwirklichen, dann wird das Umgehen dieser vom ganzen Volk durchgef\u00fchrten Rechnungsf\u00fchrung und Kontrolle unvermeidlich so ungeheuer schwierig werden, eine so h\u00f6chst seltene Ausnahme bilden und wahrscheinlich eine so rasche wie ernsthafte Bestrafung nach sich ziehen (denn die bewaffneten Arbeiter sind Menschen des praktischen Lebens, keine sentimentalen Intelligenzler und werden kaum mit sich spa\u00dfen lassen), da\u00df die <strong><em>Notwendigkeit<\/em><\/strong> zur Einhaltung der unkomplizierten Grundregeln f\u00fcr jedes Zusammenleben von Menschen sehr bald zur <strong><em>Gewohnheit<\/em><\/strong> werden wird.\u201c<\/p>\n<p><cite>Staat und Revolution, S. 118<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Zitat ist eigentlich alles gesagt, was man \u00fcber Lenin und seinen <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2021\/10\/arbeit-fur-alle-2-antikritik\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Arbeitsfetisch<\/a> wissen muss. Nicht nur werden die \u201eM\u00fc\u00dfigg\u00e4nger\u201c gegei\u00dfelt, nein, sie werden sogar darin sogar noch als \u201eH\u00fcter der Traditionen des Kapitalismus\u201c bezeichnet. Der Kapitalismus will also eigentlich, dass alle faul rumh\u00e4ngen und nicht arbeiten gehen? Vermutlich meint er damit auch die Kapitalisten, welche \u201eohne Arbeit\u201c den Mehrwert einstreichen. Das \u00e4hnelt wiederum sehr an antisemitische Denkmuster, nach denen die arbeitsscheuen Juden den ehrlich arbeitenden Massen ihren Lohn klauen.<\/p>\n<p>Des Weiteren irritieren die autorit\u00e4ren Aussagen zur Kontrolle der Massen, welche jeden, der aus der Reihe tanzt, wenn nicht umbringen, so doch bitte zusammenschlagen sollen. Alles basierend auf angeblichen \u201eunkomplizierten Grundregeln\u201c, die der menschlichen Natur angeblich eingeschrieben sind.<\/p>\n<p>Egal auf welchem Gebiet: Fetischisierung des Kapitalismus, Arbeitswahn, Produktivismus, Struktureller Antisemitismus, Konformismus. Lenin ist in keinem Aspekt ein Autor, der uns heute noch irgendetwas zu sagen h\u00e4tte. Wie oben gezeigt ist der Begriff des \u201e<a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/klimabewegung-klimawandel-malm-okoleninismus-corona-krise\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">\u00d6koleninismus<\/a>\u201c ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich selbst. Lenin wollte keineswegs die Produktion zur\u00fcckschrauben, sondern er wollte Russland massiv industrialisieren. Wer sich heute also noch auf Lenin bezieht, kann ihn nicht f\u00fcr den Kampf gegen den Klimawandel ins Feld f\u00fchren. Wer sich auf Lenin bezieht, steht f\u00fcr eine dystopische Zukunft, welche die ganze Welt in ein Arbeitslager verwandeln will und dem Konformismus huldigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Nikolaus Gietinger zuerst erschienen bei Disposable Times Lenin ist wieder en vogue. Theoretiker wie Andreas Malm graben den Anf\u00fchrer der russischen Revolution von 1917 wieder aus. 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