{"id":62142,"date":"2023-02-13T11:11:50","date_gmt":"2023-02-13T10:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8167"},"modified":"2023-02-13T11:11:50","modified_gmt":"2023-02-13T10:11:50","slug":"hauptstadt-der-liebe-ein-beitrag-zum-valentinstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/02\/hauptstadt-der-liebe-ein-beitrag-zum-valentinstag\/","title":{"rendered":"Hauptstadt der Liebe. Ein Beitrag zum Valentinstag"},"content":{"rendered":"<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/619\/hauptstadt-der-liebe-8684.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/619\/hauptstadt-der-liebe-8684.html\" >Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 619 am 8. Februar 2023) <\/p>\n<p><strong>Rechtzeitig zum Valentinstag hat die Diamantenfabrik berechnet, welche deutschen St\u00e4dte besonders romantisch sind. Stuttgart belegt einen Spitzenplatz, m\u00fcsste aber eigentlich noch weiter vorne liegen.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt nicht nur Industrieromantik, sondern auch eine Romantikindustrie. &#8222;Den Heiratsantrag machen Sie Ihrer Partnerin nat\u00fcrlich mit einem Diamant-Verlobungsring. Das ist einfach so&#8220;, informiert der Juwelenh\u00e4ndler Baunat und zeichnet in einem Blogbeitrag die Erfolgsgeschichte einer Marketingkampagne nach. Demnach beutelte der B\u00f6rsencrash von 1929 auch die Schmuckproduzenten, weil sich angehende Br\u00e4ute in diesen schwierigen Zeiten lieber mit N\u00fctzlichem als mit Luxus beschenken lie\u00dfen. Das in London angesiedelte Unternehmen De Beers, heute f\u00fcr etwa ein Drittel der Weltproduktion von Rohdiamanten verantwortlich, konnte dabei nicht tatenlos zusehen und die beauftragte Agentur N.W. Ayer &amp; Son hatte schlie\u00dflich den rettenden Einfall: N\u00e4mlich sentimentale Gef\u00fchle geschickter f\u00fcr Werbezwecke zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>&#8222;Eine emotionale Bedeutung f\u00fcr Diamanten&#8220;, schreibt Baunat, &#8222;war ein Wettbewerbsvorteil, den kein anderes Produkt in Anspruch nehmen oder herausfordern konnte.&#8220; Bei den Ambitionen w\u00e4re daher Bescheidenheit deplatziert: Es galt, &#8222;eine Situation zu schaffen, in der sich fast jeder, der einen Antrag macht, gezwungen f\u00fchlt, diesen mit einem Diamant-Verlobungsring zu festigen.&#8220; <span id=\"more-8167\"><\/span><br \/>\nNach dieser aufschlussreichen Erl\u00e4uterung wie Konsumopfer entstehen, wird offenbar darauf vertraut, dass das Reflexionsverm\u00f6gen des Publikums nicht mit einem beschlagenen Spiegel konkurrieren kann. Direkt unter dem Artikel findet sich ein Link zum hauseigenen Sortiment an Verlobungsringen, &#8222;besetzt mit einem oder&#8220; \u2013 besser noch! \u2013 &#8222;mehreren fabelhaften Diamanten&#8220;.<\/p>\n<p>\u00c4therische Emotionen werden zur Grundlage eines stumpfsinnigen Materialismus: Einander etwas wert zu sein, predigt die Industrie, m\u00fcsse durch eine Zahlungsbereitschaft belegt werden, die gewisse Mindeststandards nicht unterbietet. Je kostspieliger die Investition desto gr\u00f6\u00dfer der Liebesbeweis. Wie gut es gelingt, f\u00fcr die Verwandlung romantischer Gef\u00fchle in Profite Erwartungsdruck aufzubauen, bis gesellschaftliche Konventionen entstehen, zeigt sich hervorragend an dem Datum, zu dem sich anst\u00e4ndige P\u00e4rchen pflichtschuldig beschenken: Wer w\u00e4re nicht entt\u00e4uscht, wenn zum Valentinstag nicht wenigstens ein Blumenstrau\u00df rumspringt?<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich stand die Romantik f\u00fcr spontane Subjektivit\u00e4t und impulsive Irrationalismen, sie setzte mechanistischen Weltbildern das Unberechenbare der Gef\u00fchlsregungen entgegen. Heute kontern Warenh\u00e4ndler, die in dem Begriff eine Vermarktungsgrundlage erkennen, mit Mathematik. Abgestimmt auf die termingebundene Gef\u00fchlsduselei am 14. Februar hat das &#8222;Schmuck Journal&#8220; der Diamond&#8217;s Factory die romantischsten St\u00e4dte Deutschlands in einer Tabelle sortiert. Wie aber gelang es, das romantische Potenzial objektiv zu vermessen? \u00dcber die Anzahl der sternenklaren N\u00e4chte? Die Stimmenvielfalt des Vogelgezwitschers, den Artenreichtum der Schmetterlingspopulationen oder die Wahrscheinlichkeit, einen ergreifenden Sonnenuntergang zu beobachten? Vielleicht anhand der Florist:innendichte oder mit Hilfe einer Blumenwiesenquote?<\/p>\n<p><strong>Dabei hat M\u00fcnchen nur ein Automuseum<\/strong><\/p>\n<p>Die Diamantenfabrik verfuhr schlichter. Ihre vier Metriken sind: Hochzeitsrate pro 1000 Einwohner:innen, Anzahl der Wahrzeichen, Anzahl der gut-bewerteten Restaurants und Anzahl der romantischen Attraktionen (zum Beispiel das explizit genannte BMW-Museum in M\u00fcnchen). Weil dabei darauf verzichtet wurde, die erhobenen Werte in ein Verh\u00e4ltnis zur Bev\u00f6lkerung zu setzen, hatten es gro\u00dfe Kommunen leichter als kleine. Und so landete auf Platz 1, gek\u00fcrt als deutsche Stadt der Liebe, ausgerechnet das verlotterte Berlin, mit 81,57 von 100 m\u00f6glichen Punkten. Stuttgart hingegen schaffte es gerade so noch in die Top 10, leider deutlich hinter M\u00fcnchen, obwohl es hier ein Daimler- UND ein Porschemuseum gibt. Die erniedrigende Punktzahl von gerade mal 31,50 l\u00e4sst zudem den R\u00fcckschluss zu, dass es in der Hauptstadt der Bundesrepublik 158,95 Prozent romantischer zugehen soll als in der von Baden-W\u00fcrttemberg. Das ist nat\u00fcrlich grotesk.<\/p>\n<p>Wer verstehen will, weswegen Stuttgart eigentlich an die Spitze des Rankings geh\u00f6rt, kommt mit Zahlenfuchserei nicht weit. Es gilt, sich auf die Wortherkunft der Romantik zu besinnen. Das Leitmotiv der Bewegung war das paradoxe Bestreben, der Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel Ausdruck zu verleihen, wobei sie das Fragmentarische dem Geschlossenen vorzogen und die meist verkl\u00e4rte Hoffnung auf vage Zukunftsversprechen f\u00fcr den ein oder anderen Irrweg sorgte. Was k\u00f6nnte besser dazu passen als eine unendliche Baustelle im Herzen der Stadt, die auf ein absurdes Projekt (Stuttgart 21) hinarbeitet? Statt der kalten und entzaubernden Vernunft der Aufkl\u00e4rung, als deren Gegenpol sich die Romantik formierte, wird hier der Unsinn als Selbstzweck zelebriert.<\/p>\n<p>Doch dabei h\u00f6rt es nicht auf. In seinem literarischen Gem\u00e4lde &#8222;Wirbelwind der Liebenden&#8220; hat sich William Blake 1824 dem tragischen Schicksal von Francesca da Rimini und Paolo Malatesta gewidmet, das erstmals in der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die Erw\u00e4hnung fand. Nach vollzogenem Ehebruch und dem anschlie\u00dfenden Doppelmord durch einen eifers\u00fcchtigen Gatten lie\u00df Dante die ihrer Leidenschaft Erlegenen im zweiten H\u00f6llenzirkel schmoren. Bei Blake aber verschmelzen die beiden vereinigten Seelen zu einer Sonne, die gen Himmel aufsteigt. Wahre Romantik trotzt also nicht nur ihrer Umgebung. Gerade dort, wo die Umst\u00e4nde besonders widrig sind, entstehen die belastbarsten Bindungen und die Liebe erstrahlt am leuchtendsten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Minh Schredle (zuerst erschienen in Kontext: Wochenzeitung Ausgabe 619 am 8. Februar 2023) Rechtzeitig zum Valentinstag hat die Diamantenfabrik berechnet, welche deutschen St\u00e4dte besonders romantisch sind. Stuttgart belegt einen Spitzenplatz, m\u00fcsste aber eigentlich noch weiter vorne liegen. 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