{"id":62479,"date":"2023-04-20T12:06:46","date_gmt":"2023-04-20T11:06:46","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8339"},"modified":"2023-04-20T12:06:46","modified_gmt":"2023-04-20T11:06:46","slug":"meister-roeckle-der-teufel-beim-namen-genannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/04\/meister-roeckle-der-teufel-beim-namen-genannt\/","title":{"rendered":"\u00bbMeister R\u00f6ckle\u00ab: Der Teufel, beim Namen genannt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Theater Magdeburg bringt ein M\u00e4rchen nach Karl Marx auf die B\u00fchne<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Lara Wenzel<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1172190.theater-magdeburg-meister-roeckle-der-teufel-beim-namen-genannt.html?sstr=Lara%7CWenzel\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1172190.theater-magdeburg-meister-roeckle-der-teufel-beim-namen-genannt.html?sstr=Lara|Wenzel\"  rel=\"noreferrer noopener\">Neues Deutschland)<\/a><\/p>\n<p>Geschichtenerz\u00e4hlen und -spielen stand in der Familie Marx hoch im Kurs. Die gesammelten Werke Shakespeares waren ihre Hausbibel, aus der sie lange Passagen rezitierten, und zwei T\u00f6chter tr\u00e4umten von einem Leben auf der B\u00fchne. Inspiration bot auch ihr Vater, ein fantastischer M\u00e4rchenerfinder. In den Stunden, die Karl nicht in der Bibliothek des britischen Museums verbrachte, erz\u00e4hlte er Jenny und Laura Marx von Hans R\u00f6ckle. Der Spielzeugmacher paktierte mit dem Teufel, um die wunderbarsten Dinge zu schaffen. Erst zaubert er Hula-Hoop-Reifen, dann Maschinen zur Arbeitserleichterung. In der Neuerz\u00e4hlung verwandelt sich die Kindergeschichte \u00bbMeister R\u00f6ckle\u00ab in ein Schauerm\u00e4rchen, das die Jahrhunderte von der industriellen Revolution zum Green New Deal durchschreitet. Von den Theatermacher*innen les dramaturx verfasst, wurde sie am vergangenen Samstag f\u00fcr ein Publikum ab 15 Jahren auf die B\u00fchne des Theaters Magdeburg gebracht.<\/p>\n<p><span id=\"more-8339\"><\/span><\/p>\n<p>Mit sonorer Stimme und kleinen Zankereien f\u00fchren die zwei M\u00e4rchenonkel Marx und Engels, gef\u00fchrt von Michael Ruchter und Christian Tschirner, durch den Abend. Dem Berliner Denkmal nachempfunden, ruhen die \u00fcberlebensgro\u00dfen Puppen am linken B\u00fchnenrand und gestikulieren gem\u00e4chlich mit den bronzenen Armen, w\u00e4hrend sich neben ihnen der H\u00f6llenschlund auftut. Herr Flammfu\u00df, der \u00fcber dieses Reich gebietet, sei keine Imperialisten-Karikatur, betont Lynn Takeo Musiol von les dramaturx. Der \u00e4hnele sie nur in der DDR-Interpretation, erkl\u00e4rt sie in einer informativen Intervention \u00fcber die Rezeptionsgeschichte der M\u00e4rchenfigur. Die Geschichte schrieb Marx nie auf, erst Ilse und Vilmos Korn sponnen 1968 daraus das Kinderbuch \u00bbMeister Hans R\u00f6ckle und Mister Flammfu\u00df\u00ab, dessen Titel sich leicht antiamerikanisch verstehen l\u00e4sst. 1974 folgte die Defa-Verfilmung, in der Ralf Hoppe mit weit ge\u00f6ffnetem Hemd und bedeutungsschwangeren Blicken den R\u00f6ckle als entwickelte sozialistische Pers\u00f6nlichkeit darbietet.<\/p>\n<p>Kammerschauspielerin Iris Albrecht, die als Statistenkind bereits im DDR-Streifen zu sehen war, st\u00f6\u00dft den schrulligen Erfinder vom moralischen Podest, um seine Naivit\u00e4t und protestantische Strebsamkeit hervorzukehren. Wie Musiol unterbricht sie das Spiel, um ihre Rolleninterpretation zu erl\u00e4utern. Erkl\u00e4rende, darstellende und erz\u00e4hlende Ebenen vermischen sich, st\u00f6ren die Handlung und kommentieren den Produktionsprozess der Auff\u00fchrung. Auf- und Abbauten finden offen statt, jegliches Fiktions-Chichi ist gestrichen. Dilettantisch gemalte Flammen auf einem Holzaufsteller m\u00fcssen reichen, um das Fegefeuer zu markieren. So l\u00e4sst die von Annika Lu entworfene B\u00fchne, die sich an barocker Zentralperspektive orientiert, Raum f\u00fcr die Schauspieler. Mit Zaubershows und Liedern erz\u00e4hlen sie nicht nur vom Teufelspakt, auch das M\u00e4rchen \u00bbVom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r\u00ab und der \u00bbTrickle-down-\u00d6konomie\u00ab bekommt einen Platz in der Fortschrittsgeschichte.<\/p>\n<p>Mit den Erfindungen von R\u00f6ckle scheint pl\u00f6tzlich alles m\u00f6glich zu sein: Erst hilft die Dampfmaschine bei der Tuchproduktion, dann pfl\u00fcgt sich die Erde mit dem Motor schneller. \u00bbYou\u2019re the devil in disguise\u00ab, singen die Arbeiter*innen zum Banjo ahnungsvoll. Weil sie mehr Waren produzieren, sinkt deren Wert und sie m\u00fcssen f\u00fcrs Kapitalwachstum mehr arbeiten. Da hat doch der Teufel seine Finger im Spiel. Der wandelt sich im Laufe des Abends vom devoten Buckler vor seiner Gro\u00dfmutter zum Marktliberalen. Nachdem er die Phase der urspr\u00fcnglichen Akkumulation hinter sich gebracht hat, steigt Schauspieler Anton Andreew aus seinem schwarzen Ganzk\u00f6rperdress und tauscht seine H\u00f6rner gegen einen Anzug ein. Auch die H\u00f6lle erfasst der Fortschrittssturm: In einem modernen, schnelllebigen Arbeitsumfeld bleibt kein Platz f\u00fcr antiquierte Folterwerkzeuge. Zw\u00f6lf-Stunden-Schichten f\u00fcr Kinder ab acht Jahren bietet die Textilfabrik. Das neue Fegefeuer hei\u00dft Lohnarbeitszwang.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Teufel als \u00bbpersonifiziertes Kapital\u00ab dem Zwangsgesetz der fortw\u00e4hrenden Steigerung unterliegt, hadert seine Gro\u00dfmutter noch mit der sch\u00f6nen, neuen Welt. Mit Groll denkt die Erzhexe an die Hexenverfolgung zur\u00fcck und beklagt den Untergang weiblichen Wissens, wie es auch Silvia Federici in \u00bbCaliban und die Hexe\u00ab beschreibt. Die Degradierung von Sorget\u00e4tigkeiten ging einher mit der Abwertung von Frauen, die von nun an in die Reproduktionssph\u00e4re verbannt waren. Dominant spielt Julia Buchmann die Feministin mit Hang zum Esoterischen, die den Bronze-Marx mit Bestimmtheit auf seine L\u00fccken hinweist. Nebenwiderspruch bleibt das Problem mit dem Patriarchat trotzdem. Wer die ganze Hausarbeit von R\u00f6ckle macht, w\u00e4hrend der erfindet, wissen wir nicht.<\/p>\n<p>Dennoch zeigt sich an diesen Einw\u00fcrfen, wie genau sich die Auff\u00fchrung in marxistischen Debatten zu verorten wei\u00df, ohne zum spr\u00f6den Theoriereferat zu verkommen. Die diskursiven Teile bleiben spielerisch, die Spielszenen zeichnet gro\u00dfe analytische Tiefe aus. Nur mit dem Happy End des M\u00e4rchens z\u00f6gern sie. Angekommen im 21. Jahrhundert schafft es R\u00f6ckle zwar, den Teufel auf den Mars zu locken und so auszutricksen, aber der Wert prozessiert weiter. An rettenden Erfindungen R\u00f6ckles mangelt es nicht, aber in der Anwendung im Kapitalismus setzen sich die gesellschaftlichen Antagonismen fort. Statt den Green New Deal braucht es kollektiven Erfindungsgeist, um den \u00f6konomischen Horizont zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Vorstellungen: 7., 22.4. und 21.5.<br \/><a href=\"http:\/\/www.theater-magdeburg.de\/\">www.theater-magdeburg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Theater Magdeburg bringt ein M\u00e4rchen nach Karl Marx auf die B\u00fchne von Lara Wenzel (zuerst erschienen in Neues Deutschland) Geschichtenerz\u00e4hlen und -spielen stand in der Familie Marx hoch im Kurs. 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