{"id":62496,"date":"2023-04-25T08:46:10","date_gmt":"2023-04-25T07:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8349"},"modified":"2023-04-25T08:46:10","modified_gmt":"2023-04-25T07:46:10","slug":"alles-wird-besser-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/04\/alles-wird-besser-wirklich\/","title":{"rendered":"\u201eAlles wird besser\u201c Wirklich?"},"content":{"rendered":"<h1>Eine Auseinandersetzung mit liberalen Fortschrittserz\u00e4hlungen anhand des einflu\u00dfreichen Buches &#8222;Factfullness&#8220; von Hans Rosling<\/h1>\n<p>Von <em>Julian Bierwirth<\/em> <\/p>\n<p>(zuerst erschienen bei <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/disposabletimes.org\/\" >Disposable Times<\/a> unter dem Titel <em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2021\/02\/faktencheck-hans-rosling\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2021\/02\/faktencheck-hans-rosling\/\" >Faktencheck: Hans Rosling<\/a><\/em>)<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u201eDon\u2019t worry about a thing,<br \/>Cause every little thing gonna be all right.<br \/>Singin\u2018: Don\u2019t worry about a thing,<br \/>Cause every little thing gonna be all right!\u201c<br \/>(Bob Marley)<\/em><\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Faktencheck mit Hans Rosling<\/strong><\/p>\n<p>Hans Roslings <em>Factfulness<\/em> ist ein Buch mit einer Botschaft: die Bedingungen in der kapitalistischen Sp\u00e4tmoderne werden besser und besser. Zwar haben viele Menschen noch abstruse Ideen \u00fcber schier un\u00fcberwindbare gesellschaftliche Hierarchien im Kopf und glauben, globalen Trends gegen\u00fcberzustehen, die zielsicher daf\u00fcr sorgen, dass die Dinge immer schlimmer werden. Tats\u00e4chlich spielen beide Vorstellungen ja durchaus eine gro\u00dfe Rolle, nicht zuletzt aus der Perspektive von kapitalismuskritischen Krisentheoretiker*innen. Gefragt, ob die Dinge in der Welt a) immer besser, b) immer schlechter oder c) gleichbleibend gut oder schlecht seien, antworten sie zielsicher mit b) \u2013 immer schlechter.<\/p>\n<p>Das, so versichert und Hans Rosling, sei aber ein Trugschluss. Sicher gebe es Dinge, die sich verschlechterten. Aber in the long run, im Gro\u00dfen und Ganzen, entwickele sich die Sache doch in die richtige Richtung. Mit einem Satz: dass Versprechen des Liberalismus wirkt! <span id=\"more-8349\"><\/span> Schritt f\u00fcr Schritt, wenn auch langsam und mit M\u00fchen, werden die Verh\u00e4ltnisse immer ein bisschen besser. F\u00fcr Sorge besteht also kein Grund und statt st\u00e4ndig zu meckern, sollten wir uns lieber hinten anstellen und <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2020\/11\/technik-als-religion\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">mithelfen, dass die Dinge sich ein bisschen schneller zum Besseren wenden<\/a>.<\/p>\n<p>Doch nicht nur Kapitalismuskritiker*innen, ganz allgemein h\u00e4nge ein Gro\u00dfteil der Menschheit dem falschen Glauben an, der Zustand der Welt w\u00fcrde sich best\u00e4ndig verschlechtern. Deshalb f\u00fchlten sich die Menschen dann immer gleich so gestresst. Demgegen\u00fcber empfiehlt er \u201eStatistik als Therapie\u201c. Auf diesem Wege k\u00f6nnten wir lernen, so verspricht der Gro\u00dfmeister, nicht immer nur das Schlechte zu sehen, sondern auch positive Entwicklungen zu bemerken und anzuerkennen. Es sei \u201edas heimliche und stille Wunder des menschlichen Fortschritts\u201c, dem die Welt eine stetige Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse zu verdanken habe.<\/p>\n<p>Um zu demonstrieren, wie umfassend die M\u00e4ngel in Bezug auf faktenbasiertes Wissen in allen Teilen der Bev\u00f6lkerung ist, pr\u00e4sentiert er zun\u00e4chst 13 Fragen, versehen mit Multiple-Choice-Antwortm\u00f6glichkeiten. Und siehe da \u2013 bis auf die Frage nach der zu erwartenden Entwicklung des Weltklimas beantwortet eine \u00fcberwiegende Mehrzahl der Menschen die Fragen falsch. Der prozentuale Anteil der M\u00e4dchen, die weltweit eine Grundschule besuchen, steigt. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Rosling macht sich in seinem Buch daher auf, die Menschen mit den Hintergr\u00fcnden des ihnen fehlenden Faktenwissens vertraut zu machen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich w\u00e4hlt Rosling die von ihm pr\u00e4sentierten Fakten jedoch sehr selektiv aus und pr\u00e4sentiert sie stets auf eine Weise, die seine bereits vorher feststehende Auffassung, im Gang der Geschichte werde alles stetig besser, unterstreicht.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich anhand einiger Beispiele darstellen, wie Rosling die Fiktion eines sich stetig entwickelnden Fortschritts konstruiert. Dabei soll zugleich deutlich werden, welche Begrenzung die von ihm gew\u00e4hlte liberale Perspektive auf die Dynamik des globalen Kapitalismus mit sich bringt.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckgang der extremen Armut<\/strong><\/p>\n<p>Besonders gerne mag Rosling die Zahlen zur Armutsentwicklung. Hier kommt er zu dem Schluss, dass der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen im letzten Jahrhundert stetig abgenommen habe. In extremer Armut lebten Menschen mit einem Einkommen von weniger als zwei Dollar pro Tag.<\/p>\n<p>Ein beispielhafter Blick auf ein imagin\u00e4res Dorf mag hier helfen, das grunds\u00e4tzliche Problem hinter dieser Argumentation zu verstehen. In unserem imagin\u00e4ren Dorf leben 100 Menschen, die alle ein Dach \u00fcber dem Kopf und gen\u00fcgend zu essen haben. Allerdings betreiben die Menschen in dem Dorf Subsistenzproduktion, d. h. sie bauen die notwendigen Lebensmittel selbst an und stellen sie sich gegenseitig zur Verf\u00fcgung. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen betr\u00e4gt hier 100%, denn aufgrund mangelnder Geld\u00f6konomie liegt das Einkommen aller Menschen unter 2 Dollar pro Tag.<\/p>\n<p>Nehmen wir nun weiterhin an, in unserem imagin\u00e4ren Dorf wird nun Geld als Tauschmittel eingef\u00fchrt. Die tradierten Wege einer gemeinsamen Versorgung des Dorfes werden ausgeh\u00f6hlt und schlie\u00dflich k\u00f6nnen sich die ersten Menschen des Dorfes einen Fernseher leisten und vielleicht sogar in den Urlaub fahren. Daf\u00fcr haben allerdings ein Viertel der Einwohner*innen ihre Wohnung verloren und ein weiteres Drittel wird nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig satt. In der Armutsstatistik erscheint dieser Zusammenhang trotz allem als Wohlstandssteigerung. Denn immerhin gibt es nun beispielsweise 20 Menschen mit einem Einkommen von \u00fcber zwei Dollar pro Tag. (1)<\/p>\n<p>Das Beispiel macht deutlich, dass ein Versuch, die Entwicklung von Armut und Reichtum statistisch zu fassen, auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beachten muss. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der hier Geld als Austauschmedium unterstellt wird, ist erschreckend und insbesondere f\u00fcr viele Gesellschaften, die erst vor vergleichsweise kurzer Zeit von der kapitalistischen Modernisierung erfasst wurden, schlicht unzureichend. Sie sagt, vor dem Hintergrund einer m\u00f6glicherweise existenten Subsistenzproduktion, recht wenig \u00fcber den realen Lebensstandard der Menschen aus.<\/p>\n<p>Dazu tritt das Problem, dass solche aus den offiziellen Statistiken entnommenen Zahlen sehr wenig \u00fcber die realen Folgen der dahinterstehenden Entwicklungen f\u00fcr die Menschen vor Ort haben. Wenn das Durchschnittseinkommen einer Bev\u00f6lkerungsgruppe etwa leicht von 1,9 auf 2,1 Dollar am Tag ansteigt, ist mit dem formalen \u00dcberschreiten der Armutsgrenze nicht viel \u00fcber die realen Lebensverh\u00e4ltnisse ausgesagt. Auch dar\u00fcber hinaus hat die Wahl der Grenze zur Kategorisierung von \u201eabsoluter Armut\u201c eine nicht zu untersch\u00e4tzende Wirkung. Oft bewirkt schon eine moderate Ver\u00e4nderung der Armutsgrenze eine signifikante Ver\u00e4nderung der Armutsbev\u00f6lkerung. (2)<\/p>\n<p>Von allen statistischen Haarspaltereien abgesehen bleibt aber am Ende des Tages die Frage, was denn mit dem Hinweis auf einen sinkenden Anteil von Menschen unterhalb der Armutsgrenze gewonnen ist in einer Welt, die trotz einer f\u00fcr alle Menschen ausreichenden Lebensmittelproduktion seit Jahrzehnten das Ph\u00e4nomen des Welthungers kennt. (3)<\/p>\n<p><strong>Aussterbende Arten<\/strong><\/p>\n<p>Das Spitzmaulnashorn, der Panda und der Tiger gelten Rosling als weiterer Beweis daf\u00fcr, dass es um die Welt bei Weitem nicht so schlecht bestellt ist wie uns der Naturschutzbund immer weismachen m\u00f6chte. Alle drei Arten galten 1996 als gef\u00e4hrdet und vom Aussterben bedroht. Doch seitdem hat sich ihr Bestand deutlich erholt. Das zeigt, dass es m\u00f6glich ist, negative Entwicklungen umzukehren. Nicht alle Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind, m\u00fcssen zwangsl\u00e4ufig aussterben. Menschen k\u00f6nnen daran etwas \u00e4ndern. Im Falle der Nash\u00f6rner, Tiger und Pandas waren das in erster Linie Schutzgebiete und deren Kontrolle. Es braucht also, mit anderen Worten, eine ausreichende Anzahl von Menschen, die \u00fcber die notwendigen gesellschaftlichen Ressourcen verf\u00fcgen, um die durch ver\u00e4ndertes Naturmanagement vom Aussterben bedrohte Art zu retten.<\/p>\n<p>Auch wenn die von Rosling vorgelegten Zahlen in diesem Fall korrekt sind, so verst\u00f6rt doch bei genauerem Hinsehen, dass die Zahl der insgesamt <a href=\"https:\/\/disposabletimes.org\/2020\/12\/wenn-corona-und-kapitalismus-auf-den-artenschutz-treffen\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">vom Aussterben bedrohten Arten<\/a> von Jahr zu Jahr ansteigt. Trotz dieser im Einzelfall m\u00f6glichen Stabilisierung von Populationen wirkt hier ganz offensichtlich ein gegenl\u00e4ufiger Trend. Das ist, angesichts der zunehmenden menschlichen Fl\u00e4chennutzung und der Ausdehnung kapitalistischer Produktionskapazit\u00e4ten in immer neue Regionen auch kein Wunder. Dar\u00fcber erfahren wir bei Rosling nichts. Er sagt auch nicht ausdr\u00fccklich, dass Artensterben kein Problem sei. Aber er w\u00e4hlt seine Beispiele so, dass bei den Leser*innen der Eindruck erweckt wird, dem sei so.<\/p>\n<p>Wenn er dann doch einmal auf das zunehmende Artensterben hinweist, dann in einem genau entgegengesetzten Sinne: Dass die Zahl der auf der Roten Liste stehenden Tiere und Pflanzen stetig zunimmt, gilt ihm dann als Indiz dazu, dass Tiere und Pflanzen immer besser gesch\u00fctzt werden, weil die Zahl der Eintr\u00e4ge auf diese Listen stetig zunimmt. Auf diese Weise ist es egal, wie es tats\u00e4chlich um die Realit\u00e4t bestellt ist: Am Ende sorgt die liberale Weltordnung daf\u00fcr, das alles zum Besten gestellt ist.<\/p>\n<p><strong>Alles nicht so schlimm<\/strong><\/p>\n<p>Die vielf\u00e4ltigen \u00f6kologischen Gef\u00e4hrdungen, vor denen kritische Geister immer wieder warnen, sind dann laut Rosling ebenfalls nicht unbedingt ein Problem. So berge beispielsweise Atomenergie zwar Gefahren, diese w\u00fcrden in ihren Folgen aber f\u00fcr gew\u00f6hnlich weit \u00fcbertrieben dargestellt. Als Beispiel daf\u00fcr f\u00fchrt er die Reaktorkatastrophe von Fukushima an, in deren Folge niemand an den Folgen radioaktiver Strahlung gestorben sei, sehr viele allerdings bei dem Versuch, sich vor vermeintlichen Gefahr in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p>Als weiteres Beispiel nimmt der die Nutzung des Insektizids DDT. Auch die von dieser Chemikalie ausgehende Bedrohung werde weit \u00fcbertrieben. Er res\u00fcmiert: \u201eTausende von Menschen starben, weil sie vor einem nuklearen Leck fl\u00fcchteten, das niemanden t\u00f6tete. DDT ist t\u00f6dlich, aber ich konnte auch keine Daten finden, die belegt h\u00e4tten, dass es direkt jemanden get\u00f6tet h\u00e4tte.\u201c Tats\u00e4chlich habe die Weltgesundheitsorganisation WHO \u201eDDT als leicht gesundheitssch\u00e4dlich f\u00fcr den Menschen eingestuft\u201c, dar\u00fcber hinaus jedoch auch erkl\u00e4rt, dass DDT \u201ein vielen Situationen mehr gesundheitliche Vorteile als Nachteile habe.\u201c<\/p>\n<p>Es m\u00fcsse bei einer Anwendung des Pestizids, so Rosling, das \u201eF\u00fcr- und Wider in Betracht gezogen werden\u201c, woraufhin er bezeichnendes Beispiel f\u00fcr die Nutzung von DDT anbringt: \u201eIn Fl\u00fcchtlingslagern zum Beispiel, in denen es vor M\u00fccken wimmelt, ist DDT h\u00e4ufig eine der schnellsten und billigsten Methoden um Leben zu retten.\u201c Lediglich \u201eangstgesteuerte Lobbyisten\u201c lehnten es ab, hier eine faktenbasierte L\u00f6sung zu verfolgen, obschon die doch Leben retten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In solchen F\u00e4llen ist der Einsatz der Chemikalie tats\u00e4chlich auch erlaubt (um einer m\u00f6glichen Verbreitung von Malaria vorzubeugen), doch das Beispiel ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil es die hinter Roslings faktenbasierter Argumentation stehende Logik offenbart. Er schl\u00e4gt die Nutzung einer giftigen Chemikalie als L\u00f6sung f\u00fcr eine Situation vor, ohne sich im geringsten \u00fcber die Entstehungsbedingungen und die L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten der Notsituation Rechenschaft abzulegen. Weder stellt er die Frage, warum Menschen sich \u00fcberhaupt in gro\u00dfer Zahl in Fl\u00fcchtlingslagern aufhalten, noch sucht er nach M\u00f6glichkeiten, sie m\u00f6glichst schnell sicher an eine anderen Ort (etwa in Europa) unterzubringen. Denn weder Fluchtursachen noch die Frage der Verteilung globaler Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me sind f\u00fcr ihn relevant.<\/p>\n<p>Seine Argumentation bleibt vielmehr stets technisch und versucht die Beseitigung der Folgen einer Situation, die er als unabwendbar akzeptiert, wissenschaftlich rational zu bewerten. Alles andere w\u00e4re eine Frage gesellschaftlicher Rahmenbedingungen \u2013 und die akzeptiert Rosling grunds\u00e4tzlich und immer uneingeschr\u00e4nkt. Dabei passt es sich ganz gut, dass die ethische Risiko-Bewertung es mit einem Sachverhalt zu tun hat, der weit weg in fernen Bereichen der Welt stattfindet. Vom Sessel in Schweden aus l\u00e4sst sich vortrefflich dar\u00fcber philosophieren, welche Menge chemischer Intoxikation f\u00fcr Menschen in Afrika als aushaltbar zu gelten haben.<\/p>\n<p>Die hier gezogene Schlussfolgerung ist dabei keinesfalls willk\u00fcrlich, sondern entspricht dem grunds\u00e4tzlich vorgehen des politischen Liberalismus und des mit ihm verbundenen wissenschaftlichen Positivismus. Die viel ger\u00fchmte \u201eVernunft\u201c gilt in beiden F\u00e4llen als ein vortreffliches Argument zur L\u00f6sung von Problemen, die innerhalb des Kapitalismus auftauchen, die ohne ihn (und die mit ihm verbundene Form instrumenteller Vernunft) gar nicht gel\u00f6st werden m\u00fcssten. (4)<\/p>\n<p><strong>Weltmarkt und Welthunger<\/strong><\/p>\n<p>Dass im Jahr 2016 4,2 Millionen Kinder im Alter von unter einem Jahr gestorben sind, gilt Rosling als gute Nachricht. Nicht, weil er Kinder nicht m\u00f6gen w\u00fcrde, sondern weil es von Jahr zu Jahr immer weniger Kinder w\u00fcrden, die sterben. Obschon noch immer viel zu tun sei, im Grunde fahre der Zug immerhin schon mal in die richtige Richtung. Auch hier klammert der Autor die zentrale Frage aus: wenn die Krankheiten (wie er selbst anmerkt) schon seit langer Zeit heilbar sind und auch die weltweit verf\u00fcgbaren Nahrungsmittel zur Ern\u00e4hrung aller auf dem Planeten lebenden Menschen ausreichen w\u00fcrden (k\u00e4men sie nur bei ihnen an), dann stellt sich doch die Frage, auf welche raffinierte Weise es die kapitalistische Weltgesellschaft schafft, die notwendigen Ressourcenstr\u00f6me zielgerichtet so um die Menschen herumzulenken, dass im Globalen S\u00fcden kaum etwas davon ankommt.<\/p>\n<p>Sicherlich: Dass 1950 die Todesrate der Kleinkinder mehr als ein zehnfaches gr\u00f6\u00dfer war als heute, l\u00e4sst auf eine Verbesserung schlie\u00dfen. Aber ein Schuh wird doch umgedreht daraus: Seit so vielen Jahren schafft es der Kapitalismus noch immer, Kindern die notwendigen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten vorzuenthalten. Pfui!<\/p>\n<p><strong>Vergleichen und optimieren<\/strong><\/p>\n<p>Am Beispiel seiner Erfahrungen in einem afrikanischen Krankenhaus thematisiert Rosling einen Themenbereich, dessen Implikationen auch f\u00fcr die aktuellen Diskussionen im Corona-Zeitalter fruchtbar sein k\u00f6nnen. In dem Krankenhaus war ihm n\u00e4mlich aufgefallen, dass nur ein kleiner Teil der kranken Kinder der Region \u00fcberhaupt den Weg ins Krankenhaus findet und er deutlich mehr Menschenleben retten k\u00f6nnte, wenn er sich um die Menschen au\u00dferhalb des Krankenhauses k\u00fcmmerte. Nur h\u00e4tte das zur Folge, die bereits im Krankenhaus aufgenommenen Kinder nicht mehr optimal betreuen zu k\u00f6nnen und m\u00f6glicherweise ihrem Ableben Vorschub zu leisten.<\/p>\n<p>In solchen Momenten m\u00fcsse abgewogen werden, wie die knappen Ressourcen verwendet werden sollen. Auch wenn es weh t\u00e4te, m\u00fcsse hier gefragt werden: wie k\u00f6nnen wir den meisten Menschen helfen? Das sei zwar eine bittere Entscheidung, die allerdings alternativlos sei. Tats\u00e4chlich ist sie das zumindest vom Grundsatz her nicht. Denn Rosling klammert auch hier eine ganze Reihe von Fragen aus. Etwa die nach den Ursachen, wegen der die Kinder \u00fcberhaupt krank werden. Wie h\u00e4ngen die Krankheiten mit der lokalen Ern\u00e4hrungssituation zusammen, wie ist diese wiederum in globale Wertsch\u00f6pfungsketten eingebunden? Und warum existieren solche Zust\u00e4nde \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Aber auch die Frage, warum es nur so wenige \u00c4rzt*innen und nicht noch ein zweites oder ein drittes Krankenhaus gibt (obwohl die ja offensichtlich ben\u00f6tigt werden), spart er sorgsam aus. Gerade dadurch, dass die Situation als Notlage deklariert und auf das mit ihr verbundene menschliche Leid verwiesen wird, treten grunds\u00e4tzliche Fragen nach Ursachen und Zusammenh\u00e4ngen derart in den Hintergrund, dass die Entscheidung zwischen zwei schlechten Handlungsoptionen tats\u00e4chlich als alternativlos erscheint.<\/p>\n<p><strong>Faktenbasiert die Welt retten<\/strong><\/p>\n<p>Der Autor und Humanist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philipp_M%C3%B6ller\"  rel=\"noreferrer noopener\">Philipp M\u00f6ller<\/a>, der lange Zeit auch f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.giordano-bruno-stiftung.de\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Giordano-Bruno-Stiftung<\/a> als Pressesprecher t\u00e4tig war, kommt in seinem neuen Buch \u201eIsch geh Bundestag: Wie ich meiner Tochter versprach, die Welt zu retten\u201c ebenfalls auf Rosling zu sprechen. Nachdem er seiner Tochter versprochen hatte, die Welt ob all der vielen \u00dcbel in ihr zu retten, ging er an den Ort, von dem er meinte, dort m\u00fcssten solche Dinge entschieden werden: den deutschen Bundestag. Doch w\u00e4hrend seines Praktikums bei der FDP-Fraktion fiel ihm pl\u00f6tzlich auf, dass es um die Welt gar nicht so schlecht bestellt ist, wie so viele immer behaupten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Als die Fraktion n\u00e4mlich \u00fcber einen Antrag zur Rettung der Artenvielfalt diskutiert, erf\u00e4hrt M\u00f6ller, dass es um die gar nicht so schlimm bestellt sei. Das oft zitierte Bienensterben gebe es n\u00e4mlich gar nicht, wie der zust\u00e4ndige Referent mit einem Hinweis auf den Imkerverband kundtut: heute gibt es in Deutschland n\u00e4mlich mehr Bienenst\u00f6cke als vor f\u00fcnf Jahren. Zumindest was die Honigbienen angeht. Dass das viel diskutierte Bienensterben hingegen die Wildbiene betrifft \u2013 davon lesen wir bei M\u00f6ller nichts. Beim Glyphosath l\u00e4sst er sich von der FDP-Fraktion erl\u00e4utern, dass es f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichkeit der Chemikalie gar keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe. Und auch Atomenergie sei doch eine gute Idee, denn die h\u00e4tten schlie\u00dflich eine deutlich bessere Klimabilanz als die Kohlekraftwerke. Das, so erfahren wir, sei \u201eevidenzbasiertes Argumentieren\u201c.<\/p>\n<p>Was dann bleibt, ist der Eindruck, dass die ganze Hysterie um die Umwelt und das Klima doch irgendwie \u00fcbertrieben sind. Dementsprechend <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EUwTkjNLy8E&amp;t=488\" >trat M\u00f6ller nach der Ver\u00f6ffentlichung seines Buches gerne in Talkshows auf um der Fridays for Future-Bewegung religi\u00f6se Z\u00fcge zu unterstellen<\/a>, weil dort so ein unseri\u00f6ses und d\u00fcsteres Szenario in Bezug auf die Klimaver\u00e4nderungen gezeichnet w\u00fcrde.<\/p>\n<\/p>\n<p><em>Hans Rosling, Anna Rosling R\u00f6nnlund und Ola Rosling, Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist (Ullstein Verlag)<\/em><\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>(1) Siehe hierzu auch den diesbez\u00fcglich erhellenden <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.krisis.org\/2005\/wertkritik-im-comic\/\" >Comic \u201eDer Finanzschlumpf\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>(2) Dr\u00e8ze und Sen zeigen f\u00fcr Indien, dass eine Erh\u00f6hung der Armutsgrenze einen unterdruchschnittlichen Anstieg der Armut zur Folge h\u00e4tte. Zur Armutsentwicklung in Indien vgl. umfassend Dr\u00e8ze, Jean\/ Sen, Amartya (2014): Indien. Ein Land und seine Widerspr\u00fcche., insbesondere die Kapitel 2 und 7<\/p>\n<p>(3) Zur Bedeutung von Hunger in zu vielen Teilen der Welt vgl. Caparr\u00f3s, Mart\u00edn (2015): Hunger<\/p>\n<p>(4) Zur Kritik der \u201einstrumentellen Vernunft\u201c vgl Horkheimer, Max (1967): Zur Kritik der instrumentellen Vernunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Auseinandersetzung mit liberalen Fortschrittserz\u00e4hlungen anhand des einflu\u00dfreichen Buches \u201eFactfullness\u201c von Hans Rosling Von Julian Bierwirth (zuerst erschienen bei Disposable Times unter dem Titel Faktencheck: Hans Rosling) \u201eDon\u2019t worry about a thing,Cause every little thing gonna be all right.Singin\u2018: Don\u2019t \u2026 <a href=\"http:\/\/emafrie.de\/alles-wird-besser-wirklich\/\">Weiterlesen <span 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