{"id":62526,"date":"2023-05-02T11:57:38","date_gmt":"2023-05-02T10:57:38","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8366"},"modified":"2023-05-02T11:57:38","modified_gmt":"2023-05-02T10:57:38","slug":"mehr-bock-auf-weniger-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/05\/mehr-bock-auf-weniger-arbeit\/","title":{"rendered":"Mehr Bock auf weniger Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die IG Metall geht mit der Forderung nach der Viertagewoche in die Offensive<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Lothar Galow-Bergemann<\/em><\/p>\n<p>(leicht gek\u00fcrzt erschienen am 27. April 2023 in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/17\/mehr-bock-auf-weniger-arbeit\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/17\/mehr-bock-auf-weniger-arbeit\" >Jungle World #17\/2023<\/a>)<\/p>\n<p>Kurz vor Ostern \u00fcberraschte die Gewerkschaft IG Metall mit der Forderung nach Arbeitszeitverk\u00fcrzung. Eine Viertagewoche mit 32 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich \u2013 mit dieser Forderung will die Gewerkschaft in die Ende 2023 anstehende Tarifrunde in der nordwestdeutschen Stahlindustrie gehen. Ihr Vorsitzender J\u00f6rg Hofman erwartet gar eine gesamtgesellschaftliche Wirkung: Die Stahlindustrie sei schon oft Vorreiter f\u00fcr fortschrittliche Regelungen gewesen. Insofern habe diese Forderung eine \u201egrunds\u00e4tzliche Ausstrahlung \u00fcber die Stahlbranche hinaus\u201c.<\/p>\n<p>Mit Recht verweist die IG Metall auf die intensiver werdende Debatte \u00fcber Arbeitszeitverk\u00fcrzungen. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr w\u00fcnschen sich 70 Prozent der Besch\u00e4ftigten in Deutschland eine Viertagewoche.<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigung der Gewerkschaft kommt zur richtigen Zeit, sie setzt einen Kontrapunkt zu den belehrenden und anma\u00dfenden T\u00f6nen von Politikern und Arbeitgebern. Erst im Februar ermahnte Andrea Nahles, ehemalige SPD-Vorsitzende und heutige Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit, junge Menschen mit erhobenem Zeigefinger: \u201eArbeiten ist kein Ponyhof.\u201c Und Steffen Kampeter, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverb\u00e4nde, forderte l\u00e4ngere Arbeitszeiten und \u201emehr Bock auf Arbeit\u201c. Arrogante Anspr\u00fcche, die meilenweit entfernt sind von dem, was immer mehr Menschen bewegt, die aus guten Gr\u00fcnden eben keinen Bock haben.<\/p>\n<p><span id=\"more-8366\"><\/span><\/p>\n<p>Die Arbeitgeber reagierten alarmiert. Mit Blick auf die Tarifrunde im Herbst kommenden Jahres wiesen die Metall- und Elektrounternehmen im S\u00fcdwesten schon mal vorsorglich solche Forderungen zur\u00fcck. Die Viertagewoche mit einer Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit gehe in die falsche Richtung, teilte der Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer von S\u00fcdwestmetall, Oliver Barta, der <em>Stuttgarter Zeitung<\/em> mit. Infolge des Fachkr\u00e4ftemangels w\u00fcssten viele Unternehmen kaum noch, wie sie ihr Gesch\u00e4ft erledigen sollen. \u201eGenerell weniger zu arbeiten\u201c, w\u00e4re demnach \u201ekein Beitrag zu einer L\u00f6sung\u201c, so Barta.<\/p>\n<p>Die Angst vor der Beispielwirkung ist gro\u00df. \u201eAber euch ist schon klar, dass dann alle Besch\u00e4ftigten die 4-Tage-Woche wollen,\u201c hei\u00dft es vielsagend in einem <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Cquqgo_NVRx\/?igshid=MDJmNzVkMjY%3D\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/Cquqgo_NVRx\/?igshid=MDJmNzVkMjY%3D\"  rel=\"noreferrer noopener\">SharePic der IG Metall Jugend<\/a>. Richtig so. Die Stahlbranche kann nur der Anfang sein. Die Forderung nach der 4-Tage-Woche muss die ganze Gesellschaft ergreifen.<\/p>\n<p>Zum Gewerkschaftstag der IG Metall im Oktober sollte es jetzt entsprechende Antr\u00e4ge der Basis \u201ehageln\u201c. Je mehr die 4-Tage-Woche bei den Kundgebungen des DGB am 1. Mai gefordert wird, um so besser. Auch, weil die Gewerkschaften angesichts der Inflation derzeit vor allem um Lohnsteigerungen k\u00e4mpfen und das Thema Arbeitszeitverk\u00fcrzung nach schlechter alter Tradition wieder einmal hinten runter fallen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Prinzipiell ist es zu begr\u00fc\u00dfen, dass Gewerkschaften sich die Arbeitszeitverk\u00fcrzung zum Thema machen. Doch so offensiv, wie es n\u00f6tig w\u00e4re, ist die IG Metall dann doch nicht. Zwar verweist sie auch auf \u201eLebensqualit\u00e4t und Gesundheit\u201c, begr\u00fcndet ihre Forderung aber vor allem mit der Sicherung von Arbeitspl\u00e4tzen und einer erh\u00f6hten Produktivit\u00e4t, mit der sie glaubt, Arbeitgeber k\u00f6dern zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Das unterscheidet sie nicht von vielen anderen Bef\u00fcrwortern der Viertagewoche. Selbst der Co-Vorsitzende der Linkspartei, Martin Schirdewan, st\u00f6\u00dft ins selbe Horn. Erfahrungen aus Schweden, Island oder Belgien w\u00fcrden bereits zeigen, dass die Viertagewoche die Arbeitsbelastung senke und die Produktivit\u00e4t erh\u00f6he, so seine Argumentation. Doch das unreflektierte Beschw\u00f6ren erh\u00f6hter Produktivit\u00e4t vers\u00e4umt es nicht nur, die zerst\u00f6rerische Megamaschine aus maximalem Profit und ewigem Wachstum zu kritisieren, die die Besch\u00e4ftigten jeden Tag mit ihrer Arbeit am Laufen halten. Es tut sogar so, als k\u00f6nne deren rasendes Tempo ohne negative Folgen noch weiter gesteigert werden. Mit permanent erh\u00f6hter Produktivit\u00e4t immer noch mehr sch\u00e4dliche und \u00fcberfl\u00fcssige Betonbauten, Containerschiffe, Flugzeuge und Autos zu bauen, f\u00fchrt in die Klimakatastrophe. <\/p>\n<p>Produktivit\u00e4t w\u00e4re vern\u00fcnftigerweise kein unhinterfragbares Prinzip, dem sich zu unterwerfen ist, sondern von Fall zu Fall gesellschaftlich auszuhandeln: Was soll produziert werden und was nicht? Das aber setzte die Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaftsweise voraus. Dass deren Kritik in den Gewerkschaften bis dato kaum formuliert wird, hat allerdings einen handfesten Grund. Zwar wei\u00df mittlerweile jedes zw\u00f6lfj\u00e4hrige Kind, dass es nicht so weitergehen kann und wir z.B. wesentlich weniger, aber langlebigere Autos bauen m\u00fcssten. Aber das Problem ist, dass die ganze Gesellschaft von der Megamaschine abh\u00e4ngt: die Profite, die Arbeitspl\u00e4tze, die Steuereinnahmen. Anders gesagt: Wir produzieren sehr viel Unn\u00fctzes und Sch\u00e4dliches, aber solange unser Lebensunterhalt vom Verkauf unserer Arbeitskraft abh\u00e4ngt, sitzen wir in der Falle: Machen wir nicht so weiter, ist unser Einkommen gef\u00e4hrdet, von dem wir leben. Machen wir aber so weiter, zerst\u00f6ren wir den Planeten und damit unsere Lebensgrundlage.<\/p>\n<p>Die Gleichsetzung von \u201esicherem Leben\u201c mit \u201esicheren Arbeitspl\u00e4tzen\u201c ist das entscheidende Hindernis auf dem Weg in eine bessere Zukunft. K\u00e4mpfe um radikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung m\u00fcssen sich mit K\u00e4mpfen um Klimaschutz und um Vergesellschaftung zentraler Ressourcen verbinden und zeigen, dass es auch \u201eanders gehen kann\u201c. Gewerkschaften k\u00f6nnten eine wichtige Rolle spielen. Millionen Mitglieder wissen, wie man sinnvoll, natur- und menschenvertr\u00e4glich produzieren und t\u00e4tig sein kann. \u201eWir sind die Fachleute f\u00fcr den Umbau\u201c w\u00e4re das angemessene Motto f\u00fcr Massenorganisationen der Experten*innen f\u00fcr stofflichen Reichtum, die auf die wirkliche Macht der arbeitenden Menschen setzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die IG Metall geht mit der Forderung nach der Viertagewoche in die Offensive von Lothar Galow-Bergemann (leicht gek\u00fcrzt erschienen am 27. 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