{"id":62898,"date":"2023-07-02T11:56:20","date_gmt":"2023-07-02T10:56:20","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8632"},"modified":"2023-07-02T11:56:20","modified_gmt":"2023-07-02T10:56:20","slug":"wie-im-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/07\/wie-im-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Wie im Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Konzept der Arbeitszeitrechnung stellt keine Alternative zum Kapitalismus dar<\/strong><\/p>\n<p><em>In einer nach dem Konzept der Arbeitszeitrechnung organisierten Gesellschaft bliebe der Austausch von Arbeitsleistungen das zentrale Prinzip der gesellschaftlichen Vermittlung. Einen Ausweg aus den Zw\u00e4ngen der warenproduzierenden Gesellschaft b\u00f6te das nicht.<\/em><\/p>\n<p>von<em> Julian Bierwirth<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in<em> <\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/25\/wie-im-kapitalismus\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/25\/wie-im-kapitalismus\" >Jungle World<\/a> <em>vom 22.6.2023) <\/em><\/p>\n<p>Mit der verst\u00e4rkten Hinwendung zur \u00d6konomiekritik in linken Debatten r\u00fcckt auch die Frage, wie eine postkapitalistische Gesellschaft organisiert sein k\u00f6nnte, wieder in den Mittelpunkt. Felix Klopotek, Christian Hofmann und Philip Broistedt haben das Konzept einer Arbeitszeitrechnung (AZR) ins Gespr\u00e4ch gebracht, das die Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK) vorgelegt hatte. Das Modell, das 1930 in der Schrift \u00bbGrundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung\u00ab dargestellt wurde, erweist sich jedoch als kaum geeignet, um vor dem Hintergrund der derzeitigen gesellschaftlichen Situation und heutiger linker K\u00e4mpfe eine emanzipatorische Perspektive zu skizzieren.<\/p>\n<p><span id=\"more-8632\"><\/span><\/p>\n<p>Es ist ein zentrales Charakteristikum des Kapitalismus, dass er die Menschen voneinander trennt und sie als \u00bbvereinzelte Individuen\u00ab (Marx) ihr \u00dcberleben sichern m\u00fcssen. Daraus ergibt sich der merkw\u00fcrdige Widerspruch, dass die Menschen sich vergesellschaften, indem sie ihre privaten Interessen verfolgen. Sie tun das aber, indem sie ihre privaten Arbeitsprodukte als Waren miteinander in Beziehung setzen. Aus diesem Grund kommt der Arbeit eine so zentrale Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft zu: Sie ist das Prinzip der gesellschaftlichen Vermittlung.<\/p>\n<p>Auf diesen Umstand weisen auch Broistedt und Hofmann hin. F\u00fcr sie liegt das Problem jedoch lediglich darin, dass die Menschen die Erzeugnisse ihrer Privatarbeiten \u00bbauf dem Markt\u00ab austauschen m\u00fcssen. Die Vermittlung \u00fcber die Arbeit halten sie, ebenso wie Felix Klopotek, f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Sie m\u00f6chten \u00bbdie verschiedenen Arbeiten nicht vermittelt \u00fcber Markt und Geld in Beziehung\u00ab setzen, \u00bbsondern durch den unmittelbaren Ma\u00dfstab der geleisteten Arbeitszeit\u00ab. Die historisch-spezifische gesellschaftliche Beziehungsform, die f\u00fcr den Kapitalismus grundlegend ist, soll also gerade nicht abgeschafft, sondern noch einmal (praktisch wie ideologisch) best\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Dass die GIK auf diese Idee verfallen ist, ist wenig verwunderlich. Auch die Arbeiter:innenbewegung, der sie entstammte, hatte sich ganz \u00fcberwiegend nicht gegen das Prinzip der Arbeit gewandt, sondern dieses sogar zum Standpunkt der Emanzipation erkl\u00e4rt. Am Kapitalismus wurde gerade kritisiert, dass er die \u00bbReligion der Arbeit\u00ab (Paul Lafargue) nicht ernst genug nehme, weil die b\u00fcrgerliche Klasse auf Kosten des Proletariats lebe. \u00bbDie gesamte Gesellschaft wird ein B\u00fcro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein\u00ab, schreibt Lenin in \u00bbStaat und Revolution\u00ab \u00fcber den Sozialismus. In diesem Fahrwasser schwimmt auch die GIK.<\/p>\n<p>Doch die Vorstellung der GIK war nicht nur aus ideologischen Gr\u00fcnden naheliegend. Sie entsprach auch den materiellen Grundlagen der seinerzeitigen kapitalistischen Produktionsweise. Diese beruhte tats\u00e4chlich gro\u00dfenteils noch auf der Verausgabung unmittelbarer Arbeit am einzelnen Produkt. Heutzutage hingegen hat man es mit einer v\u00f6llig anderen Situation zu tun. Mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Produktion kam es zu einer Neuzusammensetzung der gesellschaftlichen Arbeit. Die Anwendung des Wissens auf die Produktion und die allgemeinen Arbeiten stehen heutzutage im Vordergrund; die Vorstellung einer exakten Zurechenbarkeit von Arbeitsleistungen auf einzelne Produkte ist daher auch praktisch l\u00e4ngst vom Kapitalismus \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Mit der Arbeitszeitrechnung sollen die Menschen die Normen, denen sie sich unterwerfen sollen, zuvor miteinander aushandeln und das Ma\u00df der kollektiven Selbstunterwerfung demokratisch beschlie\u00dfen. Darauf verweisen auch Unternehmensstrategien, die seit den achtziger Jahren entwickelt wurden. Weil in den Betrieben die Arbeitsbereiche wuchsen, die nicht mehr direkt den je einzelnen produzierten Waren zugerechnet werden konnten (IT-Abteilungen, Marketing, interne Dienstleitungen, betriebliche Infrastruktur, Fort- und Weiterbildung etc.), wurde das bisher g\u00fcltige Prinzip der Leistungsmessung untergraben. Um dem entgegenzuwirken, wurden sogenannte Profitcenter gegr\u00fcndet, um den einzelnen Betriebsteilen \u00bbEigenverantwortung\u00ab im Sinne der betriebswirtschaftlichen Rationalit\u00e4t aufzuzwingen. Die daf\u00fcr erfundenen Kriterien orientieren sich aber nicht an zurechenbaren Arbeitszeiten f\u00fcr bestimmte Produkte, sondern an marktorientierten Ma\u00dfst\u00e4ben wie Umsatz, Gewinn und Kostenreduktion. Nun sollen ausgerechnet diese mit dem Neoliberalismus durchgesetzten und vom emanzipatorischen Teil der Arbeiter:innenbewegung stets bek\u00e4mpften betriebswirtschaftlichen Marktsteuerungsmechanismen zum Ausgangspunkt einer \u00bbPeople\u2019s Republic of Walmart\u00ab umdefiniert werden, wie der Titel eines vielbeachteten Buches von Leigh Phillips und Michal Rozworski lautet.<\/p>\n<p>Wenn dann in den bisherigen Beitr\u00e4gen darauf verwiesen wird, dass aufgrund der verallgemeinerten Arbeitszeiterfassung in kapitalistischen Betrieben die Umstellung auf dieses \u00bbneue\u00ab Prinzip (das sich dann als gar nicht so neu entpuppt) gar nicht so schwer zu machen sei, verweist das auf das Kernproblem des Ansatzes. Das hatte schon die GIK formuliert, als sie \u00fcber die AZR schrieb: \u00bbIm Grunde genommen geschieht also genau das Gleiche wie im Kapitalismus.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Aussage gilt aber umso mehr, als die AZR im Grunde all jene T\u00e4tigkeiten ausblendet, die auch in der kapitalistischen Gesellschaft Gesellschaft die Grundlage der Warenproduktion bilden, ohne sich selbst in Waren zu vergegenst\u00e4ndlichen. Heide Lutosch hat zu Recht in Anlehnung an die Gender- und Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker darauf hingewiesen, dass schon jetzt weit \u00fcber die H\u00e4lfte (64 Prozent) der gesamten gesellschaftlich Arbeit in Deutschland in den Care-Bereich fallen, der Gro\u00dfteil davon in Form nicht entlohnter Arbeit. Dass diese T\u00e4tigkeiten sich nur sehr schwer in den Kosmos der Warenproduktion integrieren lassen, l\u00e4sst sich aus den feministischen Debatten der achtziger und neunziger Jahre lernen. Die T\u00e4tigkeiten in diesem Bereich zeichnen sich durch die direkte Beziehung mit Menschen aus, vergegenst\u00e4ndlichen sich also nicht und sperren sich daher gegen die umstandslose Integration in die Wertverwertung. Denn diese ist um das Prinzip der abstrakten Zeitmessung organisiert, w\u00e4hrend Care-T\u00e4tigkeiten sich an den Bed\u00fcrfnissen der beteiligten Menschen orientieren oder das zumindest sollten.<\/p>\n<p>Deshalb w\u00e4re es auch gar nicht m\u00f6glich, diese T\u00e4tigkeiten umstandslos in die AZR zu integrieren. Weil sie nicht die Bearbeitung toter Gegenst\u00e4nde beinhalten, sondern die Interaktion mit lebenden Menschen, wird hier noch deutlicher als sonst, dass die Arbeitszeit nur einen \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkten Ma\u00dfstab zur Planung von gesellschaftlich notwendigen T\u00e4tigkeiten darstellt.<\/p>\n<p>Dieser Zusammenhang verweist auf das zentrale Problem der Arbeitszeitrechnung. Sie basiert auf einem \u00bbgesamtgesellschaftlich anerkannten, von allen handhabbarem System kommunizierender Kennzahlen\u00ab, das die vielf\u00e4ltigen stofflichen Notwendigkeiten, die bei der gesellschaftlichen Planung der Produktion zu beachten w\u00e4ren, auf eine gemeinsame, abstrakte Ma\u00dfzahl reduziert. So wird die Arbeit zu einem Universalprinzip aufgeblasen, etwas, das \u00fcberhaupt nur im Kapitalismus existiert und das dessen Beschr\u00e4nktheit begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Eine weiteres Problem kommt hinzu. Die Vertreter:innen der AZR begreifen den Kapitalismus als ein System, das sich \u00fcber Klassenherrschaft und Markt organisiert. Um dieses System zu \u00fcberwinden, sollen das Privateigentum an Produktionsmitteln und das Geld abgeschafft werden. Die zentrale Rolle, die in der kapitalistischen Gesellschaft die Vermittlung \u00fcber die geleistete Arbeitszeit einnimmt, soll hingegen erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Auf diese Weise konzipieren diese Ans\u00e4tze die kapitalistische \u00d6konomie als zweigeteilte. Auf der einen Seite steht die Arbeit, geleistet von flei\u00dfigen Proletarier:innen, die man ganz umstandslos und problemfrei direkt messen kann. Und auf der anderen Seite steht das Geld, das von dieser Zeitmessung strikt unterschieden werden muss und das am Ende gar verzinst wird und sich gegen\u00fcber der Gesellschaft verselbst\u00e4ndigt. Das \u2013 und nicht etwa die Utopie einer Gesellschaft ohne Ware und Tausch \u2013 ist Ausdruck einer romantischen Haltung, in der die schlechten Seiten des Kapitalismus im Geld vergegenst\u00e4ndlicht werden und die proletarische Arbeit als Verwirklichung der Menschenrechte erscheint.<\/p>\n<p>So entpuppt sich dann die vermeintliche Abschaffung des Geldes als ein Missverst\u00e4ndnis. Im real existierenden Kapitalismus soll das Geld die Widerspr\u00fcche zwischen den privaten Betriebseinheiten und der gesellschaftlichen Allgemeinheit ausgleichen. Im Modell der AZR hingegen wird das Geld aus der Gleichung herausgenommen und durch ein schwer verst\u00e4ndliches System aus Institutionen, Gremien und Aussch\u00fcssen bis hin zu einer \u00bb\u00f6ffentlichen Buchhaltung\u00ab (GIK) ersetzt. Hier soll nun ausgehandelt werden, \u00bbwas als gesamtgesellschaftliche Arbeit gewertet wird, wie die Intensit\u00e4t der Arbeitsstunde definiert wird oder wie die Formen der dazu notwendigen Selbstkontrolle aussehen sollen\u00ab (Broistedt\/Hofmann). Was bedeutet das? Die Menschen sollen die Normen, denen sie sich unterwerfen sollen, zuvor miteinander aushandeln und das Ma\u00df der kollektiven Selbstunterwerfung demokratisch beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcche der Warenproduktion, der Arbeits- und Leistungskonkurrenz werden auf diese Weise nur auf einer anderen Ebene reproduziert, aber in keiner Weise aufgehoben. Und nicht nur das: Die Vorstellung einer AZR passt zudem in keiner Weise zu den K\u00e4mpfen, mit denen sich Menschen heutzutage gegen die Folgen der kapitalistischen Zeit\u00f6konomie wehren. Egal ob die K\u00e4mpfe gegen die Erderw\u00e4rmung, f\u00fcr die Vergesellschaftung gro\u00dfer Wohnungskonzerne, des \u00f6ffentlichen Verkehrs und der Energieversorgung oder die feministischen K\u00e4mpfe gegen die Objektivierung von Frauen \u2013 immer geht es darum, sich aus der Logik der Verdinglichung und der Kostenrechnung zu befreien. Wer diese K\u00e4mpfe ernst nehmen will, wird mit der Arbeitszeitrechnung nicht viel weiterkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Konzept der Arbeitszeitrechnung stellt keine Alternative zum Kapitalismus dar In einer nach dem Konzept der Arbeitszeitrechnung organisierten Gesellschaft bliebe der Austausch von Arbeitsleistungen das zentrale Prinzip der gesellschaftlichen Vermittlung. 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