{"id":62938,"date":"2023-07-06T07:06:13","date_gmt":"2023-07-06T06:06:13","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8668"},"modified":"2023-07-06T07:06:13","modified_gmt":"2023-07-06T06:06:13","slug":"mit-plan-oder-im-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/07\/mit-plan-oder-im-chaos\/","title":{"rendered":"Mit Plan oder im Chaos?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vielleicht braucht es ein Fukushima f\u00fcr den Verkehr<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/debatte\/640\/mit-plan-oder-im-chaos-8950.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/debatte\/640\/mit-plan-oder-im-chaos-8950.html\"  rel=\"noreferrer noopener\"> Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 640 am 5. Juli 2023)<\/p>\n<p><em>Stephan Krull w\u00fcnscht sich eine Halbierung der Menge an Autos in Deutschland. Denn eine Verkehrswende m\u00fcsse viel grundlegender ansetzen als beim Austausch von Verbrennungsmotoren durch elektrische Antriebe, sagt der Ex-VW-Betriebsrat.<\/em><\/p>\n<p>Er ist das erste Mal in Schw\u00e4bisch Hall, erz\u00e4hlt Stephan Krull, und eigentlich h\u00e4tte er sich die Stadt gerne genauer angeschaut. Daf\u00fcr blieb ihm keine Gelegenheit. Seinen Plan, schon gegen Mittag anzukommen, vereitelte die Deutsche Bahn. Mit vielen Stunden Versp\u00e4tung und nach hochkomplizierten Umleitungen hat es der Gewerkschafter aus Hamburg gerade noch rechtzeitig zu seinem Vortrag geschafft. Der startet um 20 Uhr im Club Alpha 60 und die Ereignisse rund um Krulls Ankunft passen gut zu den Inhalten, die er vortr\u00e4gt: &#8222;Solche Reisen zeigen, warum eine Verkehrswende n\u00f6tig ist.&#8220;<\/p>\n<p>Krull war 16 Jahre lang Betriebsrat bei VW und im Vorstand der IG-Metall-Gesch\u00e4ftsstelle Wolfsburg. Er ist also bestens vertraut mit den Mechanismen der Interessenvertretung f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, hat daran mitgewirkt, bei VW 6-Stunden-Schichten einzuf\u00fchren und sagt \u00fcber die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiterschaft, dass es im wesentlichen darum gehe, sich selbst und seinen Kindern ein gutes Leben zu erm\u00f6glichen. Was laut Krull auch eine gewisse Offenheit f\u00fcr Umweltschutz bedeute, teils Einsicht in die Notwendigkeit einer \u00f6kologischen Transformation \u2013 aber eben auch und vielleicht sogar vor allem: Sichere Besch\u00e4ftigung, die materiell keine Einbu\u00dfen zum Ist-Zustand bedeute.<\/p>\n<p><span id=\"more-8668\"><\/span><\/p>\n<p>Das Konfliktfeld, das Krull an diesem Abend beleuchtet: Eine gewaltige Industrie mit ungewisser Zukunft, von der etliche Existenzen abh\u00e4ngen. Allein die &#8222;Big Three&#8220;, also VW, Daimler und BMW kamen 2022 auf einen Jahresumsatz von 570 Milliarden Euro, in der Bundesrepublik h\u00e4ngen 460.000 Arbeitspl\u00e4tze direkt von den Autoproduzenten ab, hinzu kommen weitere 310.000 bei den Zulieferbetrieben. Diese Gr\u00f6\u00dfenordnungen hindern den Gewerkschafter aber nicht daran zu betonen, dass eine Verkehrswende nicht nur eine Antriebswende seien d\u00fcrfe: &#8222;Das Auto ist ein Anachronismus, zumindest so, wie wir es heute kennen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Harte Br\u00fcche, die ich mir kaum ausmalen will&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wegen der immensen Ineffizienz w\u00fcrde Krull zufolge &#8222;kein Unternehmer der Welt&#8220; seine Maschinen 23 Stunden am Tag still stehen lassen. Das Durchschnittsauto in Deutschland w\u00fcrde aber nur eine Stunde lang genutzt und sogar dann blieben die meisten Sitzpl\u00e4tze leer (nach Angaben des Umweltbundesamtes fahren statistisch 1,42 Personen je Pkw mit). Er sieht also eigentlich gar keinen Bedarf f\u00fcr die 55 Millionen Autos, die gegenw\u00e4rtig auf den Stra\u00dfen der Bundesrepublik verkehren. Teilen w\u00fcrde vieles leichter machen. Und: &#8222;Es m\u00fcssen einfach weniger Autos werden&#8220;, sagt Krull \u2013 und da helfe auch kein Umstieg auf elektrische Antriebe. Er rechnet vor: Gemessen am aktuellen Durchschnittsverbrauch w\u00fcrden nur zehn Millionen E-Autos in Deutschland etwa zehn Prozent des gesamten Energiebedarfs verschlingen. W\u00e4hrend erst im vergangenen Winter \u00fcber Energieknappheit bis hin zum angeblich drohenden Blackout diskutiert wurde, und der Ausbau der Erneuerbaren noch immer viel zu schleppend vorangeht.<\/p>\n<p>Daher w\u00fcrde sich Krull freuen, wenn sich mehr Machthaber:innen f\u00fcr eine z\u00fcgige Halbierung der Automenge aussprechen w\u00fcrden. Sein Eindruck aber ist: Die Politik meint es nicht ernst mit der Verkehrswende. Die Unternehmen wollen eine Verkehrswende nur dort, wo sie ihre Profite nicht bedroht. Und die Rolle der Gewerkschaften ist ambivalent. Allerdings habe sich bei der Besch\u00e4ftigtensicht in den vergangenen Jahren viel getan, meint Krull. So w\u00e4ren viele Menschen fr\u00fcher mordsm\u00e4\u00dfig stolz gewesen, beim Daimler zu schaffen. Heute sei dieser Produzentenstolz nicht mehr so verbreitet, seit dem Abgasskandal w\u00fcrden einige in den Werken sogar Scham empfinden, in aller Regel ohne ihr Wissen an diesem Betrug mitgewirkt zu haben.<\/p>\n<p>&#8222;Insofern&#8220;, sagt Krull, &#8222;k\u00f6nnten sich viele gut vorstellen, woanders zu arbeiten. Der Lohn muss dann halt auch stimmen, das ist ein Knackpunkt.&#8220; Dennoch pl\u00e4diert er entschieden daf\u00fcr, die Konversion der Autoproduktion jetzt anzugehen. Denn mit Blick auf die Zukunft &#8222;drohen harte Br\u00fcche, die ich mir heute kaum ausmalen will&#8220;. Ihm zufolge gebe es nur zwei Optionen: Entweder einen strukturierten nachhaltigen Umbau der Industrie hin zu einer weniger individuellen Mobilit\u00e4t und mehr \u00f6ffentlichem Verkehr \u2013 oder eine Transformation vorangetrieben durch Chaos und Desaster, wenn der Klimawandel noch st\u00e4rker eskaliert, geopolitische Spannungen weiter zunehmen und das China-Gesch\u00e4ft deutscher Hersteller vielleicht nicht mehr ganz so golden l\u00e4uft wie in den vergangenen Jahren.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht braucht es ein Fukushima f\u00fcr den Verkehr<\/strong><\/p>\n<p>Aktuell spricht viel f\u00fcr die Desaster-Variante. &#8222;Die Regierung h\u00e4lt ihre Klimaschutzgesetze nicht ein, das Bundesverfassungsgericht fordert auf, nachzubessern, aber die Regierung h\u00e4lt sich nicht daran.&#8220; So befreite das Kanzleramt etwa Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) in diesem April von der Pflicht, ein Sofortprogramm mit Ma\u00dfnahmen vorzulegen, wie die Ziele zur Treibhausgas-Reduktion im Verkehrssektor erreicht werden sollen. Nachdem diese im vergangenen Jahr wieder einmal verfehlt wurden.<\/p>\n<p>Trotz d\u00fcsterer Rahmenbedingungen bleibt Krull einigerma\u00dfen zuversichtlich. &#8222;F\u00fcr den Atomausstieg hat es erst Fukushima gebraucht&#8220;, vielleicht brauche es f\u00fcr die Verkehrswende erst noch eine vergleichbare Katastrophe. Aber er verweist darauf, dass der Kohleausstieg vorangetrieben werde, obwohl auch von dieser Branche etliche Arbeitspl\u00e4tze abhingen. Und er betont, dass mit einer Wende von der Pkw-Produktion hin zu mehr Bussen und Bahnen auch im l\u00e4ndlichen Raum so viele neue Jobs entstehen k\u00f6nnten, dass sie den Verlust an anderer Stelle vielleicht sogar \u00fcberkompensieren. Im Sammelband &#8222;Spurwechsel. Konzepte f\u00fcr eine neue Mobilit\u00e4t&#8220;, an dem Krull mitgewirkt hat, h\u00e4tten sie das durchgerechnet.<\/p>\n<p>Eine Idee, die er ausf\u00fchrt: Mit den vielen Subventionen f\u00fcr die gro\u00dfen Autobauer lie\u00dfe sich seiner Meinung nach Sinnvolleres anstellen. Etwa indem mit massiver staatlicher Unterst\u00fctzung nachhaltige Produktionsanlagen f\u00fcr Busse und Bahnen aufgebaut werden, zum Beispiel in strukturschwachen R\u00e4umen wie Stendal oder Dessau.<\/p>\n<p>Wichtigste Voraussetzung f\u00fcr eine nachhaltigere Verkehrspolitik sei allerdings ein gesellschaftlicher Konsens, dass weniger Autos besser sind als mehr. Und da wird es happig: Nicht nur lieben viele Deutsche ihre Blechkisten. Es wird auch nicht ganz klar, wie die Gesellschaft von diesem Konsens \u00fcberzeugt werden soll. Bei der Veranstaltung in Schw\u00e4bisch Hall wurde gut diskutiert. Der Andrang aber war sehr \u00fcberschaubar. Kooperiert haben die Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-W\u00fcrttemberg, der AK Debatte des Club Alpha 60, die IG Metall Schw\u00e4bisch Hall, der DGB Schw\u00e4bisch Hall, die Naturfreunde Schw\u00e4bisch Hall und das Netzwerk \u00d6kosozialismus. Pro Mitveranstalter sind rechnerisch etwa drei Personen erschienen, ein junger Mensch wurde im fast ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Publikum nicht gesichtet.<\/p>\n<p><strong>Epilog: Die Bahn schl\u00e4gt wieder zu<\/strong><\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt nach Stuttgart f\u00fchrt \u00fcber Heilbronn, und die knapp bemessene Umstiegszeit von nur f\u00fcnf Minuten trieb mir, dem Autor, bereits im Vorfeld die Schwei\u00dfperlen auf die Stirn. Zumal es sich um die letzte Verbindung des Tages handelte, der n\u00e4chste Zug nach Stuttgart w\u00fcrde erst in den fr\u00fchen Morgenstunden fahren. Eine etwas zu gutherzige Kollegin hatte mich im Vorfeld zu beschwichtigen versucht: Bei der letzten Verbindung w\u00fcrde der Zug im Fall einer Versp\u00e4tung ganz bestimmt warten.<\/p>\n<p>Hat er nicht. Der Zug, in dem ich sitze, kommt um 23:58 Uhr in Heilbronn an. Der Zug, in dem ich gerne sitzen w\u00fcrde, ist um 23:57 Uhr abgefahren. Die eine Minute Wartezeit war der Bahn zu viel, wom\u00f6glich aus Stolz, dass endlich mal eine Verbindung p\u00fcnktlich ist. Und so muss der hochverschuldete Konzern, wie es in solchen F\u00e4llen geregelt ist, die Kosten f\u00fcr die einzige Alternative, um zu dieser Zeit noch heim nach Stuttgart zu kommen, \u00fcbernehmen. N\u00e4mlich 120 Euro f\u00fcr ein Taxi.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Taxifahrer weit nach Mitternacht mit halsbrecherischer Geschwindigkeit \u00fcber die Stra\u00dfen rast, lerne ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zu sch\u00e4tzen, dass es auf deutschen Autobahnen kein Tempolimit gibt \u2013 und denke nun, im Alter von 28 Jahren, dar\u00fcber nach, vielleicht doch noch einen F\u00fchrerschein zu machen. F\u00fcr die Verkehrswende ist es nicht gut, dass die Bahn immer schlechter wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht braucht es ein Fukushima f\u00fcr den Verkehr von Minh Schredle (zuerst erschienen in Kontext: Wochenzeitung Ausgabe 640 am 5. Juli 2023) Stephan Krull w\u00fcnscht sich eine Halbierung der Menge an Autos in Deutschland. 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