{"id":63665,"date":"2023-10-06T19:01:00","date_gmt":"2023-10-06T18:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=8866"},"modified":"2023-10-06T19:01:00","modified_gmt":"2023-10-06T18:01:00","slug":"theater-warten-auf-traenengas-bis-einer-heult","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2023\/10\/theater-warten-auf-traenengas-bis-einer-heult\/","title":{"rendered":"Theater \u00bbWarten auf Tr\u00e4nengas\u00ab: Bis einer heult"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das St\u00fcck \u00bbWarten auf Tr\u00e4nengas\u00ab am Neuen Theater Halle ist Revolutionstheater f\u00fcr Mitteextremisten<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Lara Wenzel<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176726.neues-theater-halle-theater-warten-auf-traenengas-bis-einer-heult.html?sstr=Wenzel\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176726.neues-theater-halle-theater-warten-auf-traenengas-bis-einer-heult.html?sstr=Wenzel\"  rel=\"noreferrer noopener\">nd<\/a> am 4. Oktober 2023)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Demonstrierende in der Regel unter gemeinsamen Forderungen treffen, versammelt sich im Innenhof des Neuen Theaters in Halle die \u00bbschweigende Mehrheit\u00ab. Getrieben von vager Unzufriedenheit stehen sie stumm vorm Palast des Pr\u00e4sidenten, der von einer Feuertreppe auf sie herabblickt. Was will die anschwellende Masse? Auf den Protestplakaten sieht man nur das Bild einer aufgehenden Sonne. Sie sind einfach gegen den Ist-Zustand. \u00bbStillstand verschafft keine Stabilit\u00e4t, im Gegenteil\u00ab, philosophiert eine der Demonstrantinnen.<\/p>\n<p><span id=\"more-8866\"><\/span><\/p>\n<p>Anstatt an Umsturzfantasien von rechts oder <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176585.deutsche-wohnen-und-co-enteignen-enteignungsinitiative-wir-nehmen-heft-des-handelns-in-die-hand.html?sstr=deutsche%7Cwohnen%7Cund\"  rel=\"noreferrer noopener\">soziale Bewegungen<\/a> von links anzukn\u00fcpfen, imaginiert \u00bbWarten auf Tr\u00e4nengas\u00ab eine Querfront gegen die Regierung. \u00dcberraschend gelingt der Umsturz. Den friedlichen Widerstand zerrei\u00dfend habe ein geworfener Stein die Situation zum Kippen gebracht. Jetzt gibt es eine neue Pr\u00e4sidentin und die Zuschauer*innen werden zum Mitl\u00e4ufer dieser Bewegung gemacht.<\/p>\n<p>Durch das Theater wandernd f\u00fchrt die Inszenierung das Publikum auf die Stra\u00dfe, um eine Demonstration zu simulieren. W\u00e4hrend \u00bbGive Peace a Chance\u00ab verst\u00e4rkt um die Stimmen einzelner Zuschauer*innen aus der mitgef\u00fchrten Box dr\u00f6hnt, f\u00fchlt sich der Weg bis zur n\u00e4chsten Station sehr lang an. Dann baut sich die Bewegungs-Farce auf einem Platz hinter dem hallensischen Theaterhaus erneut auf und feiert den Triumph der Masse. Zwischen eingestaubter Globalisierungskritik \u00e0 la Attac, basisdemokratischen Instrumenten und einer neuen nationalen Erz\u00e4hlung solle man endlich wieder stolz sein aufs eigene Land, verk\u00fcndet die Schauspielerin Nicoline Schubert in fascho-futuristischer Uniform. Vereinzelt klebt das Bewegungslogo \u00bbWir\u00ab auf den Jacken des Publikums, die zum Teil dieser konformistischen Revolte gemacht werden.<\/p>\n<p>In der als immersiv angek\u00fcndigten Reflexion \u00fcber Demokratie zeigt sich, dass das bem\u00fchteste Mitmachtheater h\u00e4ufig bevormundend ist. Wie Jacques Ranci\u00e9re in \u00bbDer emanzipierte Zuschauer\u00ab beschreibt, l\u00e4sst der Versuch ein vermeintlich passives Publikum zu aktivieren, die Trennung zwischen Wissenden und Unwissenden meist unber\u00fchrt. Im Trott durch das Theater in Halle fungieren die Zuschauenden als Stand-In f\u00fcr eine Revolution des Volkes. Sie sollen sich von ihr erst angezogen, dann abgesto\u00dfen f\u00fchlen. Wie ein gemeinsames Leben aussehen k\u00f6nnte, wird in Stichworten \u2013 Mehr Kinderg\u00e4rten, weniger Panzer \u2013 abgehandelt, aber nicht als Frage, \u00fcber die es sich lohnt nachzudenken, formuliert.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck von den Autoren Andreas Sauter und Bernhard Studlar versucht, \u00fcber die Gefahren einer populistischen Bewegung zu reflektieren. Erstarrt zur inhaltsleeren Geste von Widerstand erscheint die Handlung unspezifisch, die gezeigten Typen kraftlos. Nachdem der Ex-Pr\u00e4sident guillotiniert und der Abend folgerichtig in Tyrannei gekippt ist, w\u00fcnscht man sich Vater Staat zur\u00fcck. Am nachvollziehbarsten gespielt und angelegt ist die Rolle des Hingerichteten. Der von Till Schmidt verk\u00f6rperte Pr\u00e4sident ist zwar ein bisschen korrupt, aber Mensch geblieben. Am Ende liegen die Sympathien beim guten alten System, w\u00e4hrend der Idealismus der Bewegungsf\u00fchrerin als Barbarei enttarnt wird.<\/p>\n<p>Die Inszenierung Mareike Mikats, die mit Mille Maria Dalsgaard ab dieser Spielzeit die k\u00fcnstlerische Leitung des Neuen Theaters \u00fcbernimmt, ist ein staatstragendes St\u00fcck f\u00fcr Mitteextremisten. Zwar spielt es mit linken Motiven, aber an der dargestellten Revolte zeigt sich, dass kein Interesse an sozialen Bewegungen der Gegenwart, wie \u00bbDeutsche Wohnen &amp; Co enteignen\u00ab oder der f\u00fcr Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei Lohnausgleich k\u00e4mpfenden \u00bb4-Stunden-Liga\u00ab, besteht.<\/p>\n<p>Auch werden keine antikapitalistischen Debatten \u00fcber das anzitierte \u00bbGute Leben f\u00fcr Alle\u00ab rezipiert. Die Hoffnung auf eine bessere Welt liegt brach. Zugleich bleibt eine Analyse der sonst von rechts angerufenen \u00bbschweigenden Mehrheit\u00ab aus. Nation und Volk geistern durch den Abend, aber gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die nach der neuesten Mitte-Studie in Deutschland immer mehr Zustimmung findet, spielt im neuen Staat keine Rolle.<\/p>\n<p>\u00bbDass es so weiter geht, ist die Katastrophe\u00ab, notierte Walter Benjamin in seinem Passagen-Werk, um die andauernde Katastrophe des Kapitalismus zu benennen. \u00bbWarten auf Tr\u00e4nengas\u00ab schm\u00fcckt sich mit \u00e4hnlichen Spr\u00fcchen, aber schl\u00e4gt ins Gegenteil um. Im St\u00fcck scheint jeder Versuch, etwas zu ver\u00e4ndern, eine gerechtere oder \u00f6kologischere Welt anzustreben, einen faschistischen Kern in sich zu tragen. Zur\u00fcck bleibt schale Resignation.<\/p>\n<p><em>N\u00e4chste Vorstellungen: 15.10., 21.10., 3.11.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das St\u00fcck \u00bbWarten auf Tr\u00e4nengas\u00ab am Neuen Theater Halle ist Revolutionstheater f\u00fcr Mitteextremisten von Lara Wenzel (zuerst erschienen in nd am 4. 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