{"id":64516,"date":"2024-02-05T08:37:58","date_gmt":"2024-02-05T07:37:58","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=9222"},"modified":"2024-02-05T08:37:58","modified_gmt":"2024-02-05T07:37:58","slug":"bester-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/02\/bester-mann\/","title":{"rendered":"Bester Mann"},"content":{"rendered":"<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/wirtschaft\/670\/bester-mann-9349.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/wirtschaft\/670\/bester-mann-9349.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 670 am 31. Januar 2024)<\/p>\n<p><strong>Manche Medien halten den Gewerkschaftsboss f\u00fcr den Teufel in Menschengestalt \u2013 vielleicht weil er trotz \u00fcbelster Verleumdungen nie eingeknickt ist. In Stuttgart demonstrierte Claus Weselsky, warum er ein Vorbild f\u00fcr den Arbeitskampf ist.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die &#8222;Welt&#8220; ist Claus Weselsky neuerdings &#8222;eine Art Greta Thunberg mit Schnurrbart&#8220;: Weil er genau wie die Klimakleber den Verkehr lahmlegt. Gemessen am Niveau, das sonst so in der Springer-Presse vorherrscht, ist das wahrscheinlich nicht nur der cleverste Witz, den sie sich in den vergangenen Jahren einfallen lie\u00dfen. Es ist auch verbl\u00fcffend nett gegen\u00fcber dem Interessenvertreter der Arbeitnehmer:innen. Normalerweise wird er aus dieser publizistischen Ecke mit weitaus \u00fcbleren Schmutzkampagnen \u00fcberzogen.<\/p>\n<p>Als die Gewerkschaft der Lokomotivf\u00fchrer (GDL) im vergangenen Jahr schon einmal streikte, suggerierte die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung eine Mitschuld an einem Autounfall, bei dem sich mehrere Sch\u00fcler verletzten und ein 18-J\u00e4hriger starb: &#8222;Weil der Nahverkehr streikte, nahmen sie den Wagen \u2026&#8220;, hei\u00dft es \u00fcber die Betroffenen, und eine Anw\u00e4ltin darf erkl\u00e4ren: &#8222;Der Streik hatte in diesem Fall t\u00f6dliche Folgen.&#8220; Trauriger H\u00f6hepunkt in der Verleumdungsoffensive ist aber vermutlich ein Tweet, den G\u00fcnter Klein 2015 abgesetzt hat. Der Chefreporter Sport beim &#8222;M\u00fcnchner Merkur&#8220; w\u00fcrde &#8222;den Herrn Weselsky ja gerne mal einem Waterboarding unterziehen&#8220;. Um diese Zeit war der Ton besonders rau. In direkter Anlehnung an Hitler nannte die &#8222;B\u00f6rse am Sonntag&#8220; den Gewerkschaftsboss den Gr\u00f6LaZ, den gr\u00f6\u00dften Lokf\u00fchrer aller Zeiten, und meinte, dieser \u00e4hnle bei seinen Auftritten immer mehr jenem &#8222;gro\u00dfen Diktator&#8220; aus Charlie Chaplins gleichnamigem Schwarzwei\u00dffilm von 1940.<\/p>\n<p><span id=\"more-9222\"><\/span><\/p>\n<p>&#8222;Ein Kerl, den alle Menschen hassen, Der mu\u00df was sein!&#8220;, dichtete Goethe. Und in der Tat: Wer den Kerl einmal live erlebt, stellt schnell fest, dass ihm gar keine H\u00f6rner aus dem Kopf wachsen. Zu Gast in Stuttgart bejubeln streikende Lokf\u00fchrer:innen den Arbeitgeberschreck wie einen Helden. Vergangenen Donnerstag zieht der Demoblock mit Trillerpfeifen und Ratschen durch die Innenstadt, angef\u00fchrt von Weselsky: rosige Wangen, aufrechter Gang. Immer wieder grinst er verschmitzt und sagt Dinge wie: &#8222;Alle wissen doch genau: Wenn wir nicht streiken, f\u00e4hrt die Eisenbahn auch nicht p\u00fcnktlich.&#8220; Vereinzelt gibt es Applaus vom Stra\u00dfenrand. Ein \u00e4lterer Mann mit Sch\u00e4ferhund ist allerdings ver\u00e4rgert und murmelt immer wieder aufgebracht: &#8222;Staatsfeinde sind das. Ich t\u00e4t die alle einsperren.&#8220;<\/p>\n<p>Weselskys Auftritt in der Landeshauptstadt f\u00e4llt in die l\u00e4ngste Arbeitsniederlegung von Lokf\u00fchrer:innen, seit 1994 aus Reichs- und Bundesbahn die Deutsche Bahn AG wurde. Neben Lohnerh\u00f6hungen k\u00e4mpft die GDL vor allem um die Einf\u00fchrung der 35-Stunden-Woche. Aber aufgepasst! &#8222;Ab sechs Tagen Bahnstreik wird es heikel&#8220;, kommentierte k\u00fcrzlich ein pikierter Autor im &#8222;Tagesspiegel&#8220;. &#8222;Dann w\u00e4chst die Gefahr, dass Fabriken das Material ausgeht. Die volkswirtschaftlichen Sch\u00e4den nehmen zu.&#8220; Arbeitgebernahe Institute behaupten zwar wirklich, dass ein einzelner Tag Bahnstreik zwei- bis dreistellige Millionenbetr\u00e4ge an Sch\u00e4den verursacht, und sich mit gr\u00f6\u00dferer Dauer Kosten multiplizieren k\u00f6nnen. Dass aber der sechste Tag dabei besonders heikel w\u00e4re, ist nicht einmal pseudowissenschaftlich untermauert.<\/p>\n<p>Der &#8222;Tagesspiegel&#8220; f\u00e4hrt allerdings fort, Weselsky kenne diese Zusammenh\u00e4nge genau. &#8222;Vor einigen Wochen versprach er daher, es bei drei bis f\u00fcnf Tage langen Streiks zu belassen. Nun \u00fcberschreitet er diese Grenze.&#8220; Dieses destruktive Verhalten gef\u00e4hrde &#8222;nicht nur die kritische Infrastruktur Eisenbahn und Deutschlands Industrie. Der Schaden ist viel gr\u00f6\u00dfer: Der Gewerkschaftsboss r\u00fchrt am Grundverst\u00e4ndnis dieser Republik als Konsensmaschine&#8220;. Vermutlich ist sogar Europa in Gefahr? Die Forderung lautet jedenfalls: &#8222;Ulrich Silberbach, der Vorsitzende des Beamtenbunds, kann Weselsky nicht l\u00e4nger gew\u00e4hren lassen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Immerhin kann sich die DB ihr Management leisten<br \/><\/strong><\/p>\n<p>Der Beamtenbund (DBB) ist ein Dachverband unter anderem von Gewerkschaften des \u00f6ffentlichen Dienstes und auch der GDL. Bei Tarifverhandlungen sitzt der DBB daher mit am Tisch. Doch zumindest Silberbachs Kollege, Kai Rosenberger, denkt \u00fcberhaupt nicht daran, zu intervenieren. Der Vorsitzende des DBB Baden-W\u00fcrttemberg steht in Stuttgart zusammen mit Weselsky auf der B\u00fchne am Schlossplatz und ruft: &#8222;Wir freuen uns sehr \u00fcber diesen Vorsto\u00df zur Arbeitszeitverk\u00fcrzung und k\u00e4mpfen Seite an Seite mit den Kolleginnen und Kollegen!&#8220; Schuld am Streik sei n\u00e4mlich in erster Linie die Sturheit des Bahn-Managements, die gewerkschaftliche Forderungen grunds\u00e4tzlich als unbezahlbar abkanzelt, aber sich die &#8222;unvorstellbar hohen Geh\u00e4lter und Boni&#8220; der Chefetage leistet. &#8222;Die nehmen lieber Streiks in Kauf, die mehrere hundert Millionen Euro kosten, statt das Geld in ihre Besch\u00e4ftigten zu investieren&#8220;, sagt Rosenberger. &#8222;Das ist auch unversch\u00e4mt gegen\u00fcber Steuerzahlern.&#8220;<\/p>\n<p>Tom Adler, seit 40 Jahren IG-Metall-Mitglied, fr\u00fcher Betriebsrat bei Daimler in Untert\u00fcrkheim und zw\u00f6lf Jahre f\u00fcr die Linke im Stuttgarter Gemeinderat, h\u00e4lt ein Gru\u00dfwort f\u00fcr das Aktionsb\u00fcndnis gegen S21 \u2013 und erkl\u00e4rt, die Lokf\u00fchrerinnen und Lokf\u00fchrer seien diejenigen, die den schwer besch\u00e4digten Bahnbetrieb \u00fcberhaupt noch am Laufen hielten. In der Arbeitswelt werde den Besch\u00e4ftigten selten etwas geschenkt. So h\u00e4tte die IG Metall vor vielen Jahren beinahe sieben Wochen streiken m\u00fcssen, um den Einstieg in die 35-Stunden-Woche zu erk\u00e4mpfen, die in der westdeutschen Metallindustrie schon lange Normalit\u00e4t sei. Also weitermachen! &#8222;Eure Unbeugsamkeit wirkt auch motivierend an der Basis anderer Gewerkschaften&#8220;, ruft Adler den Demonstrierenden zu.<\/p>\n<p>Dann ist Weselsky dran und wird mit begeisterten &#8222;Clausi! Clausi! Clausi!&#8220;-Rufen empfangen. Er wettert gegen &#8222;Nieten in Nadelstreifen&#8220; und &#8222;Luschen in Limousinen&#8220;, die nix von Eisenbahn verstehen, aber sich f\u00fcr teuer Geld von Chauffeuren herumkutschieren lassen. &#8222;Wir sch\u00e4men uns f\u00fcr ein Management, das die Kundschaft mit 62 Prozent P\u00fcnktlichkeit begl\u00fcckt und sich die eigenen Taschen vollstopft.&#8220; Nachdem offenbar genug Geld da war, dass Bahn-Manager:innen im vergangenen Jahr ihr Grundgehalt um 14 Prozent aufstocken konnten, folgten zum Jahresende \u00fcppige Millionen-Boni, weil zwar manche Ziele verfehlt, andere daf\u00fcr aber \u00fcbererf\u00fcllt worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Er selbst, sagt Weselsky, lege pro Jahr 70.000 Kilometer auf der Schiene zur\u00fcck. &#8222;Ich wei\u00df also, was f\u00fcr Zumutungen das Bahnfahren mit sich bringt.&#8220; Die Schuld an den miserablen Zust\u00e4nden verortet er aber nicht bei dem Personal, das die Loks f\u00fchrt. Sondern beim inkompetenten Missmanagement, das den Laden heruntergewirtschaftet hat. &#8222;Viele Kunden \u00e4rgern sich: unp\u00fcnktlich, unzuverl\u00e4ssig und jetzt dieser Streik?&#8220;, sagt er. &#8222;Aber wir von der GDL m\u00fcssen uns nicht sch\u00e4men, nicht ein einziges Mitglied.&#8220; Diese Zust\u00e4nde h\u00e4tten andere zu verantworten.<\/p>\n<p><strong>Arbeitskampf ist keine Bettelei<\/strong><\/p>\n<p>Weselsky macht auch kein Geheimnis daraus, dass er von bestimmten Teilen der deutschen Medienlandschaft nicht besonders viel h\u00e4lt. &#8222;Versteht mich nicht falsch, es gibt auch positive Beispiele. Aber eben auch einen Schmuddel-Journalismus, der Arbeitgeberthesen ungepr\u00fcft verbreitet und Gewerkschafter verunglimpft. Das ist unanst\u00e4ndig.&#8220; Kritisiert wurde der 64-J\u00e4hrige schon, weil er Sachse ist, Dialekt redet und einen Bart hat. Vor allem aber, weil er vom Streikrecht Gebrauch macht wie wenig andere in der Republik und weil er frech genug ist, nicht einzuknicken, wenn ein neoliberaler Obrigkeits-Journalismus herumpl\u00e4rrt und Horrorszenarien an die Wand malt. &#8222;Ich habe da schon viel ausgehalten&#8220;, sagt Weselsky mit einigem Stolz. &#8222;Und glauben Sie mir, das werde ich auch bei diesem Streik.&#8220;<\/p>\n<p>Letztlich legte die GDL ihre Arbeit doch nur f\u00fcr f\u00fcnf Tage nieder, es ist also gerade so nicht heikel geworden. Ab dem 5. Februar soll wieder mit DB-Personalvorstand Martin Seiler verhandelt werden, mit der Absicht, bis Anfang M\u00e4rz eine Einigung zu erzielen. Bemerkenswert ist, dass zumindest in Teilen der Presse mehr Sympathien f\u00fcr den Streik durchscheinen als beim Tarifkampf 2014, als Weselsky in der Publizistik die wahrscheinlich zweitverhassteste Figur nach dem griechischen Finanzminister war. &#8222;Herr Weselsky ist Gewerkschaftsf\u00fchrer, kein Bittsteller!&#8220;, ist hingegen k\u00fcrzlich im &#8222;Stern&#8220; zu lesen gewesen, wo dankenswerterweise darauf hingewiesen wird, dass Geh\u00e4lter und Arbeitsbedingungen nicht erbettelt werden m\u00fcssen. Und in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; schrieb Kathrin Werner sogar einen Kommentar mit dem Titel &#8222;Es lebe Claus Weselsky!&#8220;<\/p>\n<p>Die Springer-Bl\u00e4tter bleiben freilich ihrer Linie treu. Wahrscheinlich um hart arbeitende Menschen gegen hart arbeitende Menschen aufzuhetzen, titelte die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung: &#8222;Das passiert, wenn WIR sechs Tage streiken.&#8220; Eine Kinder\u00e4rztin k\u00f6nnte dann keine Patienten mehr behandeln, die Tiere eines Landwirts m\u00fcssten hungern, ein Kanalreiniger warnt vor einer Rattenplage. Unbestritten ist, dass all diese Berufe einen wichtigen Beitrag f\u00fcr eine funktionierende Gesellschaft leisten \u2013 und eine angemessene Entlohnung verdient h\u00e4tten. Allen Unterbezahlten und zu wenig Wertgesch\u00e4tzten w\u00e4re ein Interessenvertreter wie Claus Weselsky zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>&#8212; <\/p>\n<p><em>Ein Betrieb, zwei Gewerkschaften<\/em><\/p>\n<p><em>Bis zur Reform ab 1993 waren die Tarifverhandlung bei der Bahn an den \u00f6ffentlichen Dienst angedockt. Lokf\u00fchrer:innen, Fahrdienstleiter:innen und Service-Personal wurden bis dahin verbeamtet und hatten kein Streikrecht. Dann erfolgte die politisch motivierte Umstellung auf eine privatrechtlich organisierte Eisenbahngesellschaft, die Deutsche Bahn AG. Dort f\u00fchren nun zwei Gewerkschaften Tarifverhandlungen: die gr\u00f6\u00dfere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die aus Transnet und der Verkehrsgewerkschaft GDBA hervorgegangen ist und Besch\u00e4ftigte aller Berufe vertreten will, und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivf\u00fchrer (GDL).<\/em><\/p>\n<p><em>Ab 2001 \u00f6ffnete sich die GDL f\u00fcr das gesamte Fahrpersonal der Bahn, was der EVG keine Freudenschreie entlockte. Die GDL, seit 2008 unter dem Vorsitz von Claus Weselsky, gilt als die konfliktfreudigere der beiden Gewerkschaften. Und so hat sie mit dem Bahnkonkurrenten Abellio Anfang dieses Jahres den Einstieg in die 35-Stunden-Woche bereits ausgehandelt \u2013 ohne Streik.<\/em><\/p>\n<p><em>Die DB AG dagegen muss per Streik zu besseren Angeboten gezwungen werden. Danny Grosshans, stellvertretender Vorsitzender der GDL S\u00fcdwest, war j\u00fcngst Redner auf der 693. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 und wies darauf hin, dass die Gewerkschaft in den laufenden Tarifverhandlungen bereits Zugest\u00e4ndnisse gemacht habe. Als Minimalkompromiss (&#8222;weniger ist nicht drin&#8220;) f\u00fcr Eisenbahner:innen im Schichtdienst nennt er: Erh\u00f6hung des Entgelts um zwei Mal 210 Euro f\u00fcr alle, zwei Mal f\u00fcnf Prozent Erh\u00f6hung der Zulagen, stufenweise Absenkung der Arbeitszeit bis 2028 von 38 auf 35 Stunden pro Woche, 5-Tage-Woche mit zwei freien Tagen. Seine Rede ist hier nachzulesen. Vom 5. Februar bis 3. M\u00e4rz wollen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite nun wieder verhandeln. (min)<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Minh Schredle (zuerst erschienen in Kontext: Wochenzeitung Ausgabe 670 am 31. 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