{"id":64558,"date":"2024-02-11T14:14:31","date_gmt":"2024-02-11T13:14:31","guid":{"rendered":"http:\/\/emafrie.de\/?p=9226"},"modified":"2024-02-11T14:14:31","modified_gmt":"2024-02-11T13:14:31","slug":"wenn-feindbilder-wanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/02\/wenn-feindbilder-wanken\/","title":{"rendered":"Wenn Feindbilder wanken"},"content":{"rendered":"<p><strong>10 Jahre &#8222;Die Anstalt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/medien\/671\/wenn-feindbilder-wanken-9361.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/medien\/671\/wenn-feindbilder-wanken-9361.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 671 am 7. Februar 2024)<\/p>\n<p><em>Mit ihrer N\u00e4he zum Theater ist &#8222;Die Anstalt&#8220; eine Ausnahme-Erscheinung im deutschen Fernseh-Kabarett. Zum zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um im ZDF schauen die Drehbuch-Autoren Max Uthoff, Claus von Wagner und Dietrich Krau\u00df zur\u00fcck auf das, was sie alles nicht erreicht haben.<\/em><\/p>\n<p>Sie sind ins Irrenhaus eingebrochen, um eine Revolution auszurufen: Am 4. Februar 2014 kaperten Max Uthoff und Klaus von Wagner die verlassene &#8222;Anstalt&#8220; in den M\u00fcnchner Arri-Studios, um die Nachfolge von Georg Schramm, Urban Priol und Erwin Pelzig anzutreten. Eine der wenigen Besetzungen in Deutschland, die nicht mit einer z\u00fcgigen Zwangsr\u00e4umung endete: Am 13. Februar steht die Jubil\u00e4umsfolge zum Zehnj\u00e4hrigen an.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick f\u00e4llt auf, wie stark sich das Format gewandelt hat. Angela Merkel war in der ersten Episode noch eine &#8222;Alleinherrscherin ohne Opposition&#8220;, Politik und Medien gab es nur, damit sie die W\u00fcnsche der Wirtschaftslobby verwirklichen, und um sicherzustellen, dass das Volk folgt.<\/p>\n<p><span id=\"more-9226\"><\/span><\/p>\n<p>&#8222;Es gibt nichts zu besch\u00f6nigen: Die Reall\u00f6hne sinken, vielen droht Altersarmut, der Trend geht zum Drittjob&#8220;, erkl\u00e4rt Uthoff, und nutzt kurz darauf das erste Solo im neuen Format zum Frontalangriff gegen Aufr\u00fcstung und Militarismus. Neulich bei der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz h\u00e4tten die deutschen Repr\u00e4sentanten &#8222;ein T\u00e4nzchen aufs internationale Parkett hingelegt, dass die Champagnerflaschen in den B\u00fcros der deutschen R\u00fcstungsindustrie ejakuliert haben&#8220;. Denn von deutschem Boden solle nie wieder Zur\u00fcckhaltung ausgehen.<\/p>\n<p>Der Auftakt war ein anarchischer Rundumschlag: Angerissen werden Homophobie in Sotschi und Baden-W\u00fcrttemberg, oder Roboter, die Menschen \u00fcberfl\u00fcssig machen, bis niemand mehr zum Ficken \u00fcbrig bleibt. In seinem Solo prangert von Wagner die Deutsche Bank an, weil sie die verbleibende Lebenszeit von Senioren zum Spekulationsgegenstand gemacht hat \u2013 und dabei als gr\u00f6\u00dftes Risiko f\u00fcr die Anleger:innen einen &#8222;Durchbruch in der Medizintechnologie&#8220; und &#8222;verbesserte Behandlungsmethoden&#8220; angab. Das szenische Spiel, die theatralen Sketche waren anfangs nur ein Randaspekt zwischen inhaltlich unzusammenh\u00e4ngenden Einzelbeitr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich schnell. L\u00e4ngst haben Episoden der &#8222;Anstalt&#8220; klare Leitmotive, die sich als roter Faden durch die Sendungen ziehen, von der Leiharbeit bis zum neoliberalen Netzwerk der Mont-P\u00e8lerin-Gesellschaft. Und als einziges Kabarett-Format im deutschen Fernsehen gibt es zu jeder Sendung einen umfangreichen Faktencheck, der die vorgetragenen Behauptungen mit Quellen untermauert. 2017 erfolgte der Umzug der Produktion ins Steuerparadies Gr\u00fcnwald am M\u00fcnchner Stadtrand, wo der Hebesatz um 250 Prozentpunkte niedriger liegt als in der bayerischen Landeshauptstadt. Die verschnarchte Gemeinde mit knapp 11.000 Bewohner:innen beheimatet die Bavaria Filmstadt, einen riesigen Produktionskomplex. Hier, zwischen den Studios f\u00fcr die ARD-Telenovela &#8222;Sturm der Liebe&#8220; und dem &#8222;Bullyversum&#8220; von Michael Herbig, wird die &#8222;Anstalt&#8220; aufgezeichnet. Bei den ersten Proben f\u00fcr die Jubil\u00e4umsfolge, noch ohne Kost\u00fcme, ist es seltsam irritierend, den gelernten Juristen Max Uthoff nicht im Anzug, sondern im Pullover zu sehen. Weil er seinen kritisch pr\u00fcfenden Blick aber auch auf den Fluren und G\u00e4ngen nie ablegt, hat Gem\u00fctlichkeit allerdings keine Chance, Eindruck zu machen.<\/p>\n<p><strong>Vorbild ist das Theater<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher wurde die &#8222;Anstalt&#8220; noch live ausgestrahlt. Das \u00e4nderte sich erst mit Corona, weil es keinen Sinn hatte, ohne Publikum aufzutreten. Heute ist Uthoff froh \u00fcber die Freiheiten, die eine Aufzeichnung bringt. &#8222;In einer Folge hatten wir neulich 60 Menschen, die auf Bobbycars durchs Studio gefahren sind&#8220;, erz\u00e4hlt er. Daf\u00fcr brauchte es einen Umbau im Studio, der live unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re. &#8222;Im fertigen Produkt ist trotzdem mal ein Verhaspler drin, damit es nicht filmisch wirkt, sondern eher wie Theater.&#8220; Das Prinzip hei\u00dft &#8222;live on tape&#8220;: Die Aufzeichnung einer Szene wird nur wiederholt, falls ein wirklich sinnentstellender Fehler vorkommt. Das passiert selten, denn die Protagonisten studieren ihre Rollen sorgf\u00e4ltig ein: Er und von Wagner lernen alle Dialoge auswendig, &#8222;weil man den Text k\u00f6nnen muss, um gut zu spielen&#8220;, sagt Uthoff.<\/p>\n<p>Die Orientierung am Theater ist ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Kabarett. In anderen Satire-Formaten sitzt f\u00fcr gew\u00f6hnlich ein Mann an einem Tisch, der zu Bekehrten predigt. &#8222;Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dass bei uns kein auktorialer Erz\u00e4hler vorne steht und den Leuten unsere Wahrheit erz\u00e4hlt&#8220;, sagt der Journalist Dietrich Krau\u00df, der zusammen mit den Protagonisten das Drehbuch schreibt. &#8222;Claus und Max machen schon ewig keine Solos mehr, das l\u00e4uft ja alles im Dialog. Da gibt es dann ein F\u00fcr und Wider der Argumente und klar, gewinnt dann gerne mal eine Seite und die andere beh\u00e4lt nicht die Oberhand, aber man sp\u00fcrt zumindest das Ringen um die Position.&#8220;<\/p>\n<p>Der Anspruch ist inzwischen, eine durchgehende Geschichte zu erz\u00e4hlen \u2013 und das gilt mittlerweile sogar f\u00fcr G\u00e4ste. Krau\u00df erl\u00e4utert: &#8222;Wir wollen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die extra etwas f\u00fcr die Sendung schreiben. Fr\u00fcher war das oft so, dass sie feststehende Nummern aus ihrem Programm vorgetragen haben.&#8220; Jetzt sei das jedes Mal eine kleine Premiere, ein Beitrag, der zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen ist. Eingebettet in ein B\u00fchnenst\u00fcck, in acht neuen Inszenierungen pro Jahr.<\/p>\n<p>2019 schrieb Oliver Hochkeppel in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220;, eigentlich m\u00fcsste &#8222;nach jeder Anstalt ein Aufschrei durch die Republik gehen, wenn wieder einmal detailliert die Abnutzungserscheinungen des Systems aufgezeigt wurden, von der Verfilzung der Entscheider bis zum Vorrang \u00f6konomischer Einzelinteressen vor dem Gemeinwohl&#8220;. Da gr\u00e4mt es Claus von Wagner schon ein wenig, dass jede Talkshow in den gro\u00dfen Zeitungen nacherz\u00e4hlt wird, doch Rezensionen zu ihrem Format eher Ausnahmef\u00e4lle sind.<\/p>\n<p><strong>Offen f\u00fcr Selbstkritik<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher gab es mehr Resonanz, wohlwollende Besprechungen zur unterhaltsamen Aufkl\u00e4rungsarbeit \u2013 und regelm\u00e4\u00dfig Verrisse. 2015 etwa, in einer Serie zu rechtem Terror, war die 2021 verstorbene Auschwitz-\u00dcberlebende Esther Bejarano zu Gast. Schon lange bevor der Verfassungsschutz anfing, seinen Ex-Pr\u00e4sidenten zu beobachten, sagte sie: &#8222;Wer gegen Nazis k\u00e4mpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen.&#8220; In der &#8222;Anstalt&#8220; hatte sie einen musikalischen Auftritt, der viele im Publikum zu Tr\u00e4nen r\u00fchrte. Die &#8222;Welt&#8220; sch\u00e4umte. Autor Reinhard Mohr sprach von einem &#8222;Akt schamloser Instrumentalisierung&#8220;, &#8222;vorhersehbar wie der Ablauf einer Politb\u00fcrositzung unter Erich Honecker&#8220; und zugleich &#8222;ein ma\u00dfgeschneidertes Convenience-Produkt f\u00fcr die Besserf\u00fchlenden, ein Wellness-Bad der moralischen Selbstgewissheit&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr Claus von Wagner ist der Vorwurf einer Instrumentalisierung nicht neu, \u00e4hnliches war zu lesen, als die &#8222;Anstalt&#8220; einen Fl\u00fcchtlingschor in die Sendung einlud, der \u00fcber das Sterben im Mittelmeer sang. Andere fanden das richtig gut: F\u00fcr &#8222;den kalkulierten Bruch mit den Konventionen des Kabaretts&#8220; erhielt das Autoren-Trio den renommierten Grimme-Preis. &#8222;F\u00fcr mich&#8220;, sagt von Wagner, &#8222;waren gerade die Begegnungen mit unseren G\u00e4sten, das Beste an den zehn Jahren Sendezeit. Menschen wie Norbert Bl\u00fcm oder Esther Bejarano kennenzulernen: Das war schon gro\u00dfartig und daf\u00fcr bin ich dankbar.&#8220; Diese Kritik kann der Kommunikationswissenschaftler also gelassen wegstecken.<\/p>\n<p>Anderes trifft h\u00e4rter, manchmal auch erst Jahre sp\u00e4ter. 2014, als der Regierungswechsel in der Ukraine Gegenstand einer Sendung war, schrieb Katja Thorwarth in der &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220; von einem &#8222;Ken-Jebsen-Stammtisch im ZDF&#8220; mit &#8222;reduziertem Gut-B\u00f6se-Schema \u00e0 la Querfront&#8220;. Eigentlich sollte es ein Versuch sein, mal ein anderes Bild zu zeichnen. &#8222;Die Amerikaner haben f\u00fcnf Milliarden Dollar in den Umsturz in der Ukraine investiert&#8220;, erkl\u00e4rte Uthoff damals und riet dazu, in Zeiten der Kriegspropaganda am besten den Feindsender zu h\u00f6ren, um zu erfahren, &#8222;wer wirklich auf dem Maidan geschossen hat&#8220;. W\u00e4hrend die deutschen Medien besch\u00e4ftigt w\u00e4ren, &#8222;Nachrichten zu suchen, die ihre Vorurteile \u00fcber den b\u00f6sen Putin best\u00e4tigen&#8220;, s\u00e4\u00dfen nun Nazis in der ukrainischen Regierung.<\/p>\n<p><strong>Pl\u00f6tzlich wanken alte Glaubenss\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Eine Analyse, die schlecht gealtert ist, r\u00e4umt Drehbuch-Autor Dietrich Krau\u00df ein. Bei einem langen Gespr\u00e4ch in der Kontext-Redaktion erkl\u00e4rt er, dass Putins Angriffskrieg eine Z\u00e4sur f\u00fcr sie war. Mit Konsequenzen f\u00fcr die Sendung. &#8222;Jetzt wird es ein bisschen schmerzhaft, ich glaube, wir m\u00fcssen an dieser Stelle auch unsere eigene Rolle beleuchten&#8220;, erkl\u00e4rte von Wagner im M\u00e4rz 2022 in einer Sonderfolge. Eigentlich h\u00e4tten sie ja differenzieren wollen, meint Uthoff. &#8222;Himmel! Was h\u00e4tten wir differenziert \u00fcber Nato-Osterweiterung, gek\u00fcndigte Abr\u00fcstungsabkommen, h\u00e4tten vielleicht sogar versucht, Deine Sicherheitsinteressen zu verstehen&#8220;, sagen sie an Putin gerichtet, von dem die beiden in der Er\u00f6ffnungsszene regelrecht pers\u00f6nlich entt\u00e4uscht wirken. &#8222;So weit wir das verstanden haben, willst Du die Ukraine entnazifizieren, indem du einen j\u00fcdischen Pr\u00e4sidenten ermorden lassen willst, eine Holocaust-Gedenkst\u00e4tte bombardierst und \u00dcberlebende der Shoa in Luftschutzkeller zwingst. Wir sind ja hier leider so etwas wie Experten in Sachen Nationalsozialismus, aber da ist uns beim besten Willen kein Witz mehr eingefallen.&#8220;<\/p>\n<p>Aus Putin-Verst\u00e4ndnis wurde Nato-Verst\u00e4ndnis. Das transatlantische Milit\u00e4rb\u00fcndnis h\u00e4tte f\u00fcr Satiriker:innen immer hervorragend als Feindbild getaugt. Aber nun mutma\u00dfen sie in der Sendung, dass die Ukraine als Mitglied wahrscheinlich nicht angegriffen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>F\u00fcr manche ist diese Wendung zu viel. Nachdem ein Teil des Publikums schon bei den Corona-Folgen entt\u00e4uscht war, dass eine Fundamentalkritik an den Schutzma\u00dfnahmen unterblieb, lautet das Verdikt nun endg\u00fcltig: Die &#8222;Anstalt&#8220; ist jetzt angepasst, regierungsnah, linientreu. Krau\u00df h\u00e4lt gegen, dass eine &#8222;Opposition aus Reflex&#8220; weder kritisch noch mutig sei. Er findet es eher denkfaul, automatisch gegen die Regierung, gegen den Westen, gegen den Mainstream zu sein. &#8222;Aber auch das Satire-Gewerbe ist sehr stark von einem Lagerdenken durchzogen, da geht es manchmal zu wie im Fu\u00dfballstadion.&#8220; Wenn ein Feindbild nicht gef\u00fcttert oder andere Erwartungen unterlaufen werden, sei &#8222;die Empfindlichkeit riesig und es gibt Liebesentzug&#8220;. F\u00fcr Krau\u00df steht am Ende die bittere Erkenntnis: &#8222;Ein gro\u00dfer Teil des linken Spektrums ist regressiv und nicht bereit, sich von alten Glaubenss\u00e4tzen und scheinbaren Gewissheiten zu verabschieden.&#8220;<\/p>\n<p>Eine gewisse Entfremdung von der Gegen\u00f6ffentlichkeit, wie sie vor einem Jahrzehnt verstanden wurde, wird deutlich. Mit manch eine:r Weggef\u00e4hrt:in kam es zum Bruch. &#8222;Am Anfang sind wir ja auch unter der Flagge gesegelt, dass wir Dinge sagen wollen, die im Mainstream nicht vorkommen&#8220;, sagt Krau\u00df. &#8222;Aber das ist heute ja die reinste Mainstream-Position. Das sagt sogar die CDU. Etwa wenn jetzt Jens Spahn beklagt, beim Thema Migration ist der Meinungskorridor zu eng, man d\u00fcrfe ja gar nichts mehr sagen. Jeder reaktion\u00e4re Idiot behauptet heute beim kleinsten Widerspruch, dass er unterdr\u00fcckt wird.&#8220; Pl\u00f6tzlich wird dann sogar ein Thomas Gottschalk zum Held der &#8222;Nachdenkseiten&#8220; und gilt auf einmal als kritischer Geist, nur weil er bei seinem Abgang vor einem Millionenpublikum sagt, er traue sich nicht mehr so zu reden, wie in seiner K\u00fcche.<\/p>\n<p><strong>Schmerzhafte Fragen, unklare Antworten<\/strong><\/p>\n<p>Die Konsequenz, die die &#8222;Anstalt&#8220;-Autoren aus ihren Reflexionen ziehen, ist noch weniger Eindeutigkeit: Das Format bewegt sich weiter weg vom Feststellenden, wird noch fragender, gewinnt Sch\u00e4rfe immer seltener durch Polemik. &#8222;Wenn ja eh alle rumschreien, ist Zuspitzung nichts mehr, was einen von anderen abhebt&#8220;, meint Krau\u00df nachdenklich. Nun, wo die Demokratie von au\u00dfen und innen angegriffen werde, seien pl\u00f6tzlich Fragen zwingend, die man lange umschiffen konnte. &#8222;Als einer, der in der geruhsamen Bundesrepublik aufgewachsen ist und sich der Selbstkritik des westlichen Systems hingeben konnte, muss man sich pl\u00f6tzlich \u00fcberlegen: Wie viel ist uns dieses System eigentlich wert? Wie stehen wir eigentlich zur Bundeswehr? Angenommen, Putin w\u00fcrde einmal die Nato angreifen, wie verhalte ich mich dann als ehemaliger Wehrdienst-Leistender?&#8220; \u00dcberzeugende Antworten hat er auch nicht. Aber ganz so einfach ist es jetzt nicht mehr, Menschen, die eine ernstzunehmende Verteidigungsf\u00e4higkeit f\u00fcr eine gute Idee halten, als Bellizisten zu verdammen.<\/p>\n<p>Die andere schmerzhafte Frage f\u00fcr Krau\u00df ist die, wie eine radikale Kritik an den Verh\u00e4ltnissen und der Regierung aussehen muss, wenn der Faschismus auf dem Vormarsch ist. &#8222;Gerade versuchen die Rechten, den Oppositionsbegriff zu monopolisieren und das macht vieles extrem kompliziert. Da steht man dann da und will nat\u00fcrlich nicht in deren Horn tuten. Aber deswegen will ich ja auch nicht die Regierung in Schutz nehmen, au\u00dfer vielleicht dort, wo sie mal Recht hat.&#8220;<\/p>\n<p>Der richtige Spagat wird erschwert durch eine Gro\u00dfkrise, die immer extremere Erscheinungsformen annimmt. Verglichen mit der Gegenwart waren die Bedingungen zum Sendestart der &#8222;Anstalt&#8220; paradiesisch: 2014 gab es keine AfD und noch nicht mal eine FDP im Bundestag, die Klimakatastrophe war noch nicht ganz so greifbar und die Gefahr eines nuklearen Omnizids noch nicht zur\u00fcck auf der Bildfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Passend dazu wird die 80. Folge der &#8222;Anstalt&#8220; am 13. Februar ein traditionelles Kammerspiel im therapeutischen Setting, eingerichtet mit einem gro\u00dfen Sofa und Sigmund-Freud-Portr\u00e4t \u00fcber dem Kamin. In dieser Atmosph\u00e4re soll gekl\u00e4rt werden, was die &#8222;Anstalt&#8220; im vergangenen Jahrzehnt alles nicht erreicht hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10 Jahre \u201eDie Anstalt\u201c von Minh Schredle (zuerst erschienen in Kontext: Wochenzeitung Ausgabe 671 am 7. Februar 2024) Mit ihrer N\u00e4he zum Theater ist \u201eDie Anstalt\u201c eine Ausnahme-Erscheinung im deutschen Fernseh-Kabarett. 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